Eine Buchrezension von Hannes Kirmse

siebentodsünden

Im gesellschaftlichen Diskurs ist es nicht gerade en vogue über die Sünde zu sprechen. Abgesehen davon, daß man gern von Park- oder Umweltsündern spricht, scheint die Sünde an sich keine besonders nennenswerte Relevanz mehr zu besitzen. So würden selbst einige Theologen diesen sperrigen und mißliebigen Begriff am liebsten gänzlich aus der Terminologie der katholischen Kirche verbannen. Wer von Sünde predigt, gerät sehr rasch in den Verruf, einem obskuren Anachronismus, ja einer reaktionären Denkrichtung anzugehören. Die Sünde ist zu einem Tabu-Thema geworden. – Doch ist sie dadurch abgeschafft, ihrem Wesen nach gänzlich aus unserem alltäglichen Leben getilgt worden?

Der im Berliner Wolff-Verlag neu erschienene Gesprächsband „Die Sieben Todsünden“ mit Art Déco-Illustrationen von George Barbier und Porträtgemälden von Fürstin Gloria von Thurn und Taxis zeigt uns auf, erbringt den Nachweis, daß es so schwierig gar nicht ist, über die Sünde unbefangen zu sprechen. Es ist von Sünden die Rede, die potentiell jeder begehen kann. Sünden, die einen verleiten. Sünden, die einem den Kopf verdrehen. Sünden, die einen aufscheuchen. Der Band versammelt dafür sieben gestandene Persönlichkeiten, die ihr ganz persönliches Verhältnis zu jeweils einer der Todsünden beschreiben. Da ist etwa der Medienunternehmer und Mäzen Christian Boros, der sich in dem ehemaligen Reichsbahnbunker Friedrichstraße seine private Kunstsammlung eingerichtet hat: Er beginnt mit der Habgier. Recht anschaulich schildert er dabei, wie man sich im Drang, sich etwas geistig einzuverleiben, auch schnell in der materiellen Habgier, in der Abhängigkeit von Sachen und Gegenständen wiederfinden kann. Ausreichend Anlaß zur Kontroverse wird geboten, wenn etwa Rolf Eden, seines Zeichens Geschäftsmann, Bonvivant und Playboy, zur Wollust ausführt, daß man die Menschen regelrecht zur Lust und sexuellen Betätigung animieren müsse. Aus innerer Überzeugung heraus stellt er die Sünden als solche in Frage: „Für eine Lust, die kommt und geht, braucht man kein Verbot.“ Eine der fundiertesten Betrachtungen lieferte vielleicht der im letzten Jahr verstorbene bekannte Gastronomiekritiker und Autor Wolfram Siebeck zur Völlerei. Gegen Mitte des Buches prangert er die Bagatellisierung der Sünde an, der sich in gesellschaftlichen Breitenschichten entfaltenden Gefräßigkeit erteilt er eine klare Absage. Der Hang zur Sünde würde heute, so Siebeck, als ein regelrecht anstrebenswertes Ideal verkauft. Das Entsetzliche ist für ihn nicht nur die Relativierung wie „Es ist alles nicht so schlimm“, sondern auch und vor allem die Identifikation über die Sünde, sodaß diese dann den gesamten Lebensstil zu erfassen imstande ist.

Die Kunst dieses Bandes besteht darin, die vorgetragenen Positionen allesamt in der Schwebe zu halten. Weder wird einer offensichtlichen Pikanterie, noch einer rigiden Prüderie ein übermäßiges Gewicht zugestanden. Eine theologische Abrundung bildet ein Gespräch der Mitgestalterin, Fürstin Gloria von Thurn und Taxis mit Prälat Wilhelm Imkamp, der von dem Männermagazin GQ unter die 100 bestangezogenen Deutschen gewählt wurde. Beide reflektieren, fast schon kantianisch, die „Bedingungen der Möglichkeit“ von Sünde, deren Mannigfaltigkeit und den pastoralen Umgang mit ihr. Der Leser erkennt, daß er im Begriff der Sünde einen Schlüssel vorfinden kann, sich der Vielschichtigkeit des menschlichen Seins und dessen Verhältnis zu den Dingen gewahr zu werden. Im Ganzen fesselt der Gesprächsband durch seine Leichtigkeit. Man liest ihn mit Genuß, ohne sich dabei durch eine Schaulust an den Sünden der jeweiligen Gesprächsteilnehmer zu ergötzen. „Die Sieben Todsünden“ überzeugt gerade durch die Ehrlichkeit, Offenheit und Unverkrampftheit, mit denen man sich den großen und kleinen Verfehlungen im Leben nähern kann.

Felix von Boehm/Hans-Gerd Koch (Hg.): Die Sieben Todsünden. Gespräche mit Christian Boros, Herlinde Koelbl, Rolf Eden, Wolfram Siebeck, Ulrike Ottinger, Gunter Gebauer, Hanna Schygulla. Mit Porträtgemälden von Gloria von Thurn und Taxis. 122 Seiten, gebunden. 978-3-941461-19-2, Wolff Verlag, 18 Euro.