The Cathwalk

Das Onlinemagazin für katholische Lebensart

Kategorie: Theologie (Seite 1 von 23)

Der Revolutionär

von Dr. Michael Kunze

Wer Reform will, erneuert das Bestehende mehr oder weniger behutsam. Martin Luther aber stürzte Kirche, Politik und Gesellschaft seiner Zeit um – mit langanhaltenden Folgen, die auch im Jahr des Reformationsgedenkens nachwirken.

Die einen widmeten ihm Denkmäler, die andern sahen dunkle Wolken mit dem Wittenberger aufkommen: Martin Luther wurde und wird für vieles instrumentalisiert, legte dafür aber selbst die Grundlagen. Foto: Michael Kunze

DRESDEN. Martin Luther wollte keine Spaltung der Kirche, sondern sie reformieren. So lautet der Tenor bei Kirchenvertretern oder Politikern im Jahr des Reformationsgedenkens. Auch katholische Theologen wie Dirk Ansorge von der Hochschule Sankt Georgen sind von der Reformabsicht des Wittenbergers überzeugt. Die Wirklichkeit vor 500 Jahren legt aber einen anderen Schluss nahe: Luthers Wunsch nach Kirchenreform war bald nach Veröffentlichung seiner 95 Thesen wider den Ablasshandel erschöpft. Dann betrieb er so aus- wie tiefgreifend Spaltung und Revolution statt Wandel und Erneuerung des Bestehenden. Bei Luthers Tod 1546 war das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ geteilt in ein evangelisches, sich konfessionell weiter zerfaserndes und in ein katholisches Lager. Unzählige hatten den Streit mit ihrem Leben bezahlt – lange vor dem Gemetzel des Dreißigjährigen Krieges.

Der antirömische Affekt lebt weiter

Die religiösen und gesellschaftlichen Konsequenzen bis in Familien hinein währten Jahrhunderte. Ältere kennen noch die mitunter dramatischen Umstände, wenn vor 60, 70 Jahren zum Beispiel eine gemischtkonfessionelle Eheschließung zur Debatte stand. Da haben Eltern Kinder enterbt, sich Familien zerstritten, wurde einander verstoßen. Die Spaltung, die Luther mit Fürstenhilfe einleitete, stellte sich als derart gravierend und nachhaltig heraus, dass es bald 500 Jahre brauchte, um sich Luthers und der Ereignisse des Herbstes 1517 ohne Siegesfeier wider die Altgläubigen in Rom zu erinnern, bei der das katholische Deutschland stets als unsicherer Geselle in nationaler Sache abqualifiziert worden war. Auch Bismarck hielt das noch so; er ließ wenig unversucht, Katholiken zu unterdrücken – im Kampf gegen Zentrumspartei, Konfessionsschulen, kirchliche Ehe. Der antirömische Affekt hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert. Für eine Vielzahl von Katholiken wirkt er abgeschwächt noch immer, wenn sie sich den Umgang deutscher Medien oder Politiker wie der evangelischen Bundeskanzlerin mit Papst Benedikt XVI. im Zusammenhang mit Holocaustleugner und Ex-Piusbruder Richard Williamson in Erinnerung rufen.

Die politischen Auswirkungen von Deutschlands weltweit einmaliger Spaltung sind das eine, das andere die religiösen. Luther hat die Kirche nicht reformiert; er zwang andere, dies zu tun, nachdem er ihr den Rücken gekehrt hatte und schuf parallel dazu eine neue, die das Gegenteil der katholischen sein sollte. Das wird im Verhältnis zum Papstamt offenbar, das Luther anfangs als Ausdruck menschlichen, nicht aber göttlichen Rechts noch akzeptierte. Es zeigt sich auch darin, welche Rolle Kirche als Institution für Lutheraner spielt. Diese unterscheidet sich grundsätzlich von dem, was sie für Katholiken darstellt. Während sie letzteren als Gottes Werkzeug gilt, mit dem er jetzt, direkt, sichtbar in der Welt handelt, ist sie für Lutheraner organisatorisches Mittel zum Zweck.

Die Katholische Kirche beruft sich für die herausgehobene Stellung des Papstes als Nachfolger des Apostels Petrus auf das Matthäus-Evangelium. Dort stehen Jesu Worte: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.

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„Christlicher Glaube und Naturwissenschaften gehören zusammen“ – Interview mit Prof. Dr. Peter Kurzweil

„Credo ut intelligam“ – „Ich glaube, damit ich verstehen kann“ – so lautet der berühmte Ausspruch des hl. Anselm von Canterbury (1033–1109), dessen die Kirche am 21. April gedenkt. Der „Vater der Scholastik“ steht wie kaum ein anderer christlicher Denker für eine wissenschaftliche Betrachtung des christlichen Glaubens – und begründete mit seinem Plädoyer einer Verbindung von Glaube und Vernunft eine Denkbewegung, die Persönlichkeiten von Albertus Magnus über Thomas von Aquin bis Benedikt XVI. beinhaltet.

„Vater der Scholastik“ und Begündeter einer wissenschaftlich verantworteten Theologie: der hl. Anselm von Canterbury (1033-1109).

Doch das bei Anselm so harmonisch gepriesene Verhältnis von Religion und (Natur-) Wissenschaft scheint bei nicht wenigen Menschen heutzutage mit einem großen Fragezeichen versehen zu sein – und dass, obwohl es nicht zuletzt auch katholische Geistliche waren wie der Augustiner-Eremit und „Vater der Genetik“, Gregor Mendel (1822-1884) oder der Priester, Astrophysiker und Begründer der „Urknalltheorie“  Georges Lemaître (1894-1966), die unser zeitgenössisches Weltbild geformt haben.

Wir haben dieses zum Anlass genommen, Professor Dr. Peter Kurzweil von der OTH Amberg in der Oberpfalz über das Verhältnis von christlichem Glauben und Naturwissenschaften zu befragen. Lesen Sie, warum für den Maschinenbaudozent christliche Religion und naturwissenschaftliches Engagement selbstverständlich vereinbar sind – und warum Richard Dawkings Unrecht hat.

Die Fragen stellte Stefan Ahrens

„Auch Wissenschaft kann fundamentalistisch sein“ – Maschienenbaudozent Prof. Dr. Peter Kurzweil über das Verhältnis von Religion und Naturwissenschaften

Professor Kurzweil, das Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaften ist nicht immer einfach, sondern teilweise sogar äußerst konfrontativ. Sie jedoch vertreten die Ansicht, dass Glaube und Naturwissenschaft einander nicht ausschließen müssen. Warum eigentlich?

Chemiker und bekennender Katholik: Professor Dr. Peter Kurzweil (OTH Amberg)

Glauben und Wissen, Religion und Naturwissenschaften existieren nebeneinander. Zweifel am richtigen Weg zum Menschsein konfrontieren Forscher und Theologen gleichermaßen. Doch die absolute Wahrheit bleibt dem menschlichen Geist verborgen. Also glauben wir, ehe wir zu wissen meinen. Wissen wächst inkrementell und birgt Vermutungen; umgekehrt übernimmt jeder Glaube Gegebenheiten der überprüfbaren Welt. Unsere Wahrnehmung beruht auf statistischen Modellen und Erfahrungen über das Wesen und die Eigenschaften der Dinge. Wir vermuten Zusammenhänge aus Beobachtungen und folgern Wissen aus Erfahrungswerten. Jede Theorie hat Ihre Befürworter und Gegner, bis sie durch unzweifelhafte Experimente bewiesen und allgemein akzeptiert wird. Entscheidend ist der friedliche Erkenntnisprozess über die vorläufigen Hypothesen. Die Geschichte beklagt auf beiden Seiten militante Ideologen und Fundamentalisten, die „Wahrheit“ mit Gewalt durchsetzen wollen. Allein der Gedanke an die mittelalterliche Inquisition lässt freigeistige Forscher noch heute erschaudern und sich einem laizistischen Staat zuwenden. Gleichwohl haben unschuldige Seelsorger in Diktaturen mit dem Leben bezahlt. Gleichsam wie ein Überlebens- und Konsenskonzept bündeln die christlichen Werte Maßnahmen zum Ausgleich von Wissen und Glauben und zum Verhältnis von Macht und Individuum. Es gibt Naturwissenschaftler, die spätberufen Priester geworden sind; der überzeugende Beweis einer personalen Synthese von Glauben und Wissen.

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Der Cathwalk – einmal Emmaus und zurück

Impuls zum Ostermontag

„Am ersten Tag der Woche waren zwei von den Jüngern Jesu auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so dass sie ihn nicht erkannten. Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen, und der eine von ihnen – er hieß Kleopas – antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk. Doch unsere Hohenpriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. Aber nicht nur das: Auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht. Da sagte er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss? Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück, und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.“ (Lk 24, 13-35)

 

Von Prof. Dr. Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Als Glaubende sind wir unterwegs hier auf Erden; das irdische Leben ist ein Pilgerweg zu Gott, vielleicht ist es auch manchmal ein „Cathwalk“ – ein katholischer Gang („walk“) nach Emmaus und zurück?

Im Evangelium der Emmaus-Jünger können wir anschaulich nachvollziehen, wie sich bei uns Menschen ein innerer Wandel vollziehen kann.

Hier geht es konkret um eine Veränderung des Herzens in Bezug auf den Osterglauben!

Denn die Jünger Jesu waren nach seinem Tod am Kreuz insgesamt sehr erschüttert über all das, was geschehen war. Manche hatten ihre Hoffnung ganz verloren. Diese Enttäuschung kommt in den Worten der Emmaus-Jünger zum Ausdruck: „Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde.“ (Lk 24,21)

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Vom „popule meus“ hin zur „felix culpa“

Von Markus Lederer

Es dürfte keine intensivere und heiligere Woche für einen Christen geben, als die Karwoche, die im Triduum Sacrum (oder auch Triduum Paschale genannt) gipfelt. Der Verrat des Judas am Gründonnerstag, das Abendmahl und die Einsetzung des Priestertums, führt uns über die dunkelste Stunde überhaupt – dem Karfreitag – zum Wendepunkt der gesamten Heilsgeschichte: der Auferstehung Christi an Ostern.

Sowohl das „Dunkel“ als auch das „Licht“ präsentieren sich in dieser Woche in ihrer Absolutheit und werden konkret in Jesus Christus. Er, der das Schicksal der gesamten Menschheit in sich getragen und vollendet hat.

Die Tragweite dieses Trdiuum Sacrum erschließt sich nur, wenn man sich die Zeit nimmt, die Bedeutung für sich persönlich zu erschließen. Der Gründonnerstag, der Karfreitag und Ostern sind keine abstrakten Gedenktage, sondern sind auf das innigste mit dem eigenen Leben verbunden: Wegen uns setzte Christus die Hl. Messe am Gründonnerstag ein, wegen uns wurde Christus gekreuzigt und für uns ist er auferstanden. Kardinal Ratzinger setzte diese Haltung der persönlichen Anteilnahme mit dem Schicksal des Herrn in seiner Kreuzwegandacht im Jahre 2005 voraus:

Hilf uns, nicht nur mit hohen Gedanken mit dir mitzugehen, sondern uns mit dem Herzen, ja mit den ganz praktischen Schritten unseres Alltags deinen Weg zu gehen.

Heute am Karfreitag können insbesondere die Improperien uns zu einem tieferen Verständnis helfen. Im „popule meus“ klagt der Herr die Treuelosigkeit seines Volks an:

Mein Volk, was habe ich dir getan, womit nur habe ich dich betrübt? Antworte mir!

Diese Perspektive des anklagenden Gottes, welcher durch die Abwendung des Menschen betrübt ist, muss uns bestürzen.

Ich habe dir ein Königszepter in die Hand gegeben, du aber hast mich gekrönt mit einer Krone von Dornen. Mein Volk, was habe ich Dir getan.

In Glaubenszeiten, in welchen oftmals nur noch im Mittelpunkt die Frage nach dem: „Wie sehe ich Gott“ steht, kann diese Perspektive befreien. Es steht die Reflexion der Frage an: Wie sieht Gott mich? Was sagt Gott zu meinem Leben? Wo habe ich gefehlt?

Die Sünde, die freiwillige Abwendung des Menschen vom Willen Gottes, ist keine Bagatelle. Da Jesus unserer Sünden willen gekreuzigt worden ist (Röm 5,6), ist klar, dass er die Folge unserer menschlichen Verfehlungen auch ganz konkret auf seinem Kreuzweg spürte und durchlitt. Der hohe Preis unserer Erlösung, den der Herr aus Liebe zu uns gezahlt hat, darf nie vergessen werden. Dieses Bild sollte man sich am Karfreitag vor Augen führen: Auf Golgatha wurde zwar die Menschheit erlöst, aber Christus hat auch die Sünden jedes Einzelnen mit seinem Kreuzesopfer gesühnt.

Trotz dieser Erlösung ist die Nacht menschlichen Daseins, die Sünde, bis zum heutigen Tag nicht das Ende. Allerdings hat die Kirche aus dieser Not, quasi eine Tugend gemacht und spricht in der Osternacht in Bezug zur Erbschuld sogar von einer felix culpa:

O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!

Die Nacht ist besiegt durch das Licht aller Völker, Jesus Christus. Der Sieg Christi über die Sünde hat uns bessere Güter gegeben als die, welche die Sünde uns weggenommen hatte. „Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden.“ (Röm 5,20). Den vielfältigen Versuchen die Auferstehung symbolisch umzudeuten, muss der immense Glaubenseifer der ersten Christen entgegengestellt werden.

Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage nach der Schrift.“(1 Kor 15, 3-4)

Durch sein Kreuz und seine Auferstehung sind wir von Satans Joch befreit. Darum sollte die gesamte Christenheit vor Freude jauchzen. (Vgl. Freu dich, du werte Christenheit) Der beste Beweis der Auferstehung Christi ist die jahrtausendealte tiefe Freude der Christen weltweit, die bis heute andauert und nie vergehen wird.

Verleiht etwa nicht die Gewissheit, dass Christus auferstanden ist, den Märtyrern jeder Epoche Mut, prophetische Unerschrockenheit und Ausdauer? Vermag etwa nicht die Begegnung mit dem lebendigen Jesus so viele Männer und Frauen zu bekehren und zu faszinieren, die seit den Anfängen des Christentums alles verlassen, um ihm zu folgen und ihr Leben in den Dienst des Evangeliums zu stellen? „Ist aber Christus nicht auferweckt worden“ – sagte der Apostel Paulus -, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos“ (1 Kor 15,14). Aber er ist auferweckt worden! – Papst, Benedikt XVI. Generalaudienz, 26. März 2008

Nicht das Leiden und das Kreuz stehen am Ende dieser Woche, sondern die beglückende Freude, dass das Leben durch Christi Sieg gewonnen ist. Die tiefe Dimension dieser Tage wird man nur verstehen, wenn man die Herzen wirklich zu Gott erhebt und sich in diese österlichen Geheimnisse nicht nur ein- sondern komplett fallen lässt: Die eingehende Betrachtung des Leidens (Johannespassion), die Kreuzesverehrung mit seinen wunderbaren Gesängen (popule meus und crux fidelis) sowie später dann das Nachempfinden der Osterfreude (Exsultet).

kreuzigung photoDabei kann uns unsere himmlische Mutter das beste Beispiel sein: Sie stand vor dem Kreuze und sah dort ihren eigenen Sohn nackt und entstellt, Blut überströmt hängen; sie ging nicht weg. Doch Jesus stellt uns abermals die Frage, ebenso wie der klagende Gott im popule meus, „Und ihr, wollt ihr mich etwa auch verlassen?“ (Joh 6,67) Versuchen wir Christus nicht zu verlassen und besonders diese Tage aufrichtig seinen Leidensweg zu betrachten, um mit ihm zusammen am Ostermorgen zu jubeln:

Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?

Der historische Kreuzweg

Von Georg Dietlein

Gemälde von Matthias Grünewald, 16. Jahrhundert

Am Karfreitag werden wir in unseren Kirchen wieder die Liturgie vom Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus begehen. Das, was wir da lesen, hören und betrachten, ist keine Erfindung, sondern hat sich tatsächlich so, vermutlich im Jahr 30 nach Christus, historisch ereignet. Einen guten Einblick in die letzten Stunden des „historischen“ Jesus von Nazareth geben uns die Zeugnisse seiner Grablegung. Werfen wir einen Blick auf die großen Ikonen des Christentums: das Grabtuch von Turin, das Schweißtuch von Oviedo und den „Schleier“ von Manoppello. Die gut erhaltenen und seit langer Zeit verehrten Textilien zeigen den Leichnam und das Gesicht eines gekreuzigten und mit Wunden übersäten Mannes. Über die Authentizität der Zeugnisse ist in den letzten Jahrzehnten viel gestritten worden. Abschließend ist die Frage der Echtheit nicht geklärt. Vieles deutet aber doch darauf hin, dass die drei Ikonen mit den historischen Grabtüchern Jesu übereinstimmen, die das Johannesevangelium nennt:

„Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle“ (Joh 20, 6f.).

Auf dem hellen Grabtuch von Turin, das den gesamten Körper Jesu bedeckt haben soll, lässt sich mit dem bloßen Auge kaum etwas erkennen. Die Abdrücke eines Körpers wurden hier erst in der Neuzeit mittels Fotografie und Negativabdrucks erkennbar. Eines ist klar: Die Spuren auf dem Tuch sind nicht aufgemalt. Es sind Lichtspuren ohne Farbe, keine Blutspuren. Sie schweben gleichsam auf dem Stoff und müssen durch die wundersame Einwirkung eines Menschen auf das Tuch entstanden sein. Wenn man das Tuch noch weiter untersucht, fallen geheimnisvolle Schriftzeichen auf, die aus dem ersten Jahrhundert stammen. Die Abdrücke des heiligen Antlitzes stimmen zwischen Turin, Oviedo und Manoppello überein. Die Wunden auf den Tüchern sind genau dieselben, als hätten die Tücher aufeinandergelegen oder nacheinander das Antlitz Jesu bedeckt. Selbst im Abbild der durch die Dornen verursachten Kopfwunden sind die Tücher identisch, die jeweils Pollen aus der Gegend von Jerusalem aufweisen, die im März und April blühen, also genau zu jener Jahreszeit, als Jesus gekreuzigt wurde. An den Fußsohlen und den Knien des Gekreuzigten fand man Straßenstaub, der mit dem in Jerusalem zu findenden Aragonit identisch ist. Und an einem Augenlied entdeckte man eine Münze, die einer Fehlprägung des Pilatus aus dem Jahr 29 / 30 entspricht. Eine Blutprobe des Umhüllten ergab die im vorderen Orient weit verbreitete, in Europa nur sehr seltene Blutgruppe AB. Und auch der Weg des Bluttuches von Oviedo lässt sich gut anhand von Pollenproben aus dem Heiligen Land über Nordafrika nach Spanien verfolgen. Dieser Weg des Tuches von Jerusalem nach Spanien lässt sich aufgrund von Schriftzeugnissen bis ins siebte Jahrhundert zurückverfolgen. Eine ganz genaue Erklärung, wie die Spuren des Gekreuzigten auf die Tücher gekommen sein können, ist zwar bisher noch nicht gefunden worden. Vieles spricht aber dafür, dass die drei Tücher mit dem Körper Jesu von Nazareth in direkter Berührung standen. Allein das Grabtuch von Turin ist ein so komplexes und kaum durchschaubares historisches Zeugnis, dass es sich kaum durch Fälschung oder Reproduktion von Menschenhand erklären lässt.

Das Turiner Grabtuch, Fotografie des Gesichts, Positiv links, rechts Negativ (Kontrast etwas verstärkt)

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