Gebete grosser Persönlichkeiten

Von guten Mächten treu und still umgeben
behütet und getröstet wunderbar, –
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr;

noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das Du uns geschaffen hast.

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den
bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst Du uns noch einmal Freude
schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll’n wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.

Laß warm und hell die Kerzen heute flammen,
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Dietrich Bonhoeffer

***

Ich glaube, Vater im Himmel,
daß Du nahe bei mir bist.
Du kennst mich und sprichst zu mir.
Ich glaube, daß Du mir zugewandt bist
mit Deinem Angesicht.

Dir muß ich mich zuwenden,
wenn ich mich selbst finden will.
Denn ich bin nur,
was ich in Deinen Augen bin.
Ich kenne das Geheimnis nicht,
das in Dir ist,
bis Du es offenbarst
im Schein deines Angesichts.

Alles spiegelt sich in dir.
Was in dieser Welt wahr ist,
ist es, weil Du die Wahrheit bist.
Was in dieser Welt Leben hat,
lebt, weil Du das Leben bist.
Was in dieser Welt schön ist,
ist es durch Dich, ewige Schönheit.
Wenn ich glücklich bin,
dann, weil Du ja sagst zu mir.

Ricarda Huch

***

Zu wem soll ich rufen, Herr,
zu wem meine Zuflucht nehmen,
wenn nicht zu Dir?
Alles, was nicht Gott ist,
kann meine Hoffnung nicht erfüllen.
Gott selbst verlange und suche ich;
an Dich allein, mein Gott,
wende ich mich, um Dich zu erlangen.
Du allein hast meine Seele erschaffen können,
Du allein kannst sie aufs neue erschaffen;
Du allein hast ihr Dein Bildnis einprägen können,

Du allein kannst sie umprägen
und ihr dein ausgelöschtes Antlitz
wieder eindrücken, welches ist Christus,
mein Heiland, der Dein Bild ist
und das Zeichen Deines Wesens.

Blaise Pascal

***

Spät hab ich Dich geliebt, o Schönheit, immer alt
und immer neu, spät hab ich Dich geliebt! Und
sieh, Du warst in mir; ich aber suchte Dich
draußen und warf mich an die schönen Dinge
weg, die doch nur Deine Schöpfung sind. Du
warst bei mir; doch ich war nicht bei Dir; die
Schöpfung hielt mich fern von Dir und hätte
doch außer Dir keinen Bestand. Du hast gerufen
und geschrien, meine Taubheit zu sprengen. Du
hast geblitzt und geleuchtet, meine Blindheit zu
verscheuchen. Du hast Deinen Duft verströmt;
ich habe ihn eingeatmet, und nun sehne ich mich
nach Dir. Ich habe Dich verkostet; nun hungere
und dürste ich nach Dir. Du hast mich berührt,
und ich brenne vor Verlangen
nach Deinem Frieden.

Augustinus

***

O Herr, mache mich zum Werkzeug Deines Friedens,
daß ich Liebe übe da, wo man haßt;
daß ich verzeihe da, wo man sich beleidigt;
daß ich verbinde da, wo Streit ist;
daß ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
daß ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert;
daß ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Ach Herr, laß Du mich trachten,
nicht, daß ich getröstet werde,
sondern daß ich tröste;
nicht, daß ich verstanden werde,
sondern daß ich verstehe;
nicht, daß ich geliebt werde,
sondern daß ich liebe.
Denn wer da hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergißt, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer da stirbt,
der erwacht zum ewigen Leben. Amen.

Franz von Assisi

***

Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und
auch etwas zum Verdauen. Schenke mir
Gesundheit des Leibes, mit dem nötigen Sinn
dafür, ihn möglichst gut zu erhalten.
Schenke mir eine heilige Seele, Herr, die das im
Auge behält, was gut ist und rein, damit sie im
Anblick der Sünde nicht erschrecke, sondern das
Mittel finde, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
Schenke mir eine Seele, der die Langeweile
fremd ist, die kein Murren kennt und kein
Seufzen und Klagen, und laß nicht zu, daß ich
mir allzuviel Sorgen mache um dieses sich breit
machende Etwas, das sich „Ich“ nennt.
Herr, schenke mir Sinn für Humor, gib mir die
Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein
wenig Glück kenne im Leben
und anderen davon mitteile.

Thomas Morus

***

Mein Gott, ich glaube fest, daß Du über alle jene
wachst, die auf dich hoffen, und bin so fest
überzeugt, daß dem gar nichts fehlen kann, der
alles von Dir erwartet, daß ich mich entschlossen
habe, künftig ohne jede Unruhe zu leben und alle
meine Sorgen auf Dich zu werfen.

Die Menschen können mich meiner Ehre und
meiner Güter berauben; Krankheiten können mir
meine Kräfte nehmen und die Mittel, Dir zu
dienen; ich kann selbst durch die Sünde Deine
Gnade verlieren; aber niemals werde ich meine
Hoffnung verlieren; ich will sie bewahren bis
zum letzten Augenblick meines Lebens, und alle
bösen Geister der Hölle werden alsdann
vergebens versuchen, sie mir zu entreißen.

Für mich, o Herr, ist der Grund meines
Vertrauens mein Vertrauen selbst. Ich habe also
die Gewißheit, ewig glücklich zu sein, weil ich
fest hoffe, es zu werden, und weil ich das von
Dir hoffe, o mein Gott! Und um meine Hoffnung
bis auf das äußerste Maß auszudehnen, so hoffe
ich Dich selbst von Dir selbst, o mein Schöpfer,
für Zeit und Ewigkeit.

Claude de la Colombière

***

Ich glaube, ewiger, unbegreiflicher Gott, und ich
bete Dich an. Du bist ja unendlich wurdervoller,
mächtiger und gewaltiger als dieses Weltall, das ich schaue.
Ich bete Dich an, unendlicher göttlicher Geist.
Ich bete Dich an, weil Du so geheimnisvoll und
so unbegreiflich bist. Wärest Du nicht so
unbegreiflich, so wärest Du nicht Gott. Denn,
wie kann der Unendliche anders sein als mir
unbegreiflich?

Allmächtiger Gott, Du bist die unendliche
Vollkommenheit. Daß ich deine liebreiche
Erbarmung an mir erfahre, ist mir Erweis genug
für Deine erhabene Wirklichkeit und Deine
Vollkommenheit. Ich halte an dieser Wahrheit
fest, weil sie von langher mir innig vertraut und
sozusagen ein Teil meiner Natur geworden ist.
Sie verleugnen hieße meine geistige Existenz
zerreißen. Ich halte an ihr fest, weil mein
Bewußtsein mir im Innersten davon Zeugnis gibt.

John Henry Newman

***

Herr, ich lege mich ganz in Deine Hände.
Mach mit mir, was Du willst!
Du hast mich erschaffen für Dich.
Ich opfere Dir diese Wünsche,
diese Vergnügen, diese Schwächen,
diese Pläne, diese Neigungen,
die mich fern halten von Dir
und mich zurückwerfen auf mich selbst.
Ich will das sein, wozu Du mich haben willst,
und all das, wozu Du mich machen willst.
Ich sage nicht: „Ich will Dir folgen,
wohin Du willst“,
denn ich bin schwach.
Aber ich gebe mich Dir,
daß Du mich wohin immer führst.
Ich will Dir folgen
und bitte Dich nur um Kraft für meinen Tag.

John Henry Newman

***

Laß blind mich,
Herr,
die Wege gehn, die Dein sind!
Will Deine Führung nicht verstehn,
bin ja Dein Kind.
Bist Vater der Weisheit, auch Vater mir,
führst durch Nacht Du auch,
führst doch zu Dir.
Herr, laß geschehn
was Du willst, ich bin bereit!
Auch wenn Du nie mein Leben stillst
in dieser Zeit.
Bist ja Herr der Zeit:
Das Wann ist Dein –
Du ewiges Jetzt, einst wird es mein.

Edith Stein