Home Allgemein Spießigkeit und Prüderie – Signum einer visionslosen Gesellschaft (Teil 1/2)

Spießigkeit und Prüderie – Signum einer visionslosen Gesellschaft (Teil 1/2)

Ein Essay von Friedrich Reusch

Franz-Josef Strauß hat einmal gesagt, der Kampf um die Sprache sei eine der wesentlichsten Voraussetzungen für die geistige Selbstbehauptung. Man dürfe sich nicht im Kampf um Begriffe und Sprache von den Sozialisten verdrängen lassen. Diese hätten sich seit Ende der 1960er-Jahre der Sprache bemächtigt und diese als Waffe benutzt, indem sie Begriffe herausgestellt, mit anderem Inhalt gefüllt und dann als Wurfgeschosse – nicht ohne Erfolg – gegen ihre Gegner verwendet hätten.i Exemplarisch für die dringend notwendige Aufarbeitung falsch verwendeter Schlagworte, die gegen überzeugte Christen verwendet werden, wollen wir uns in den folgenden Zeilen einmal mit den Begriffen der „Spießigkeit“ und der „Prüderie“ beschäftigen. Manch ein Leser mag sich wundern, warum in einer Publikation junger Katholiken „die anderen“, im frommen Sprachgebrauch also die Kinder der Welt als „prüde“ und „spießbürgerlich“ gebrandmarkt werden sollen. Denn auch, wenn man seinen Mitmenschen nicht das Beispiel eines religiösen Eiferers bietet, so wird man als junger Christ in einigen Gesprächen und Diskussionen dennoch gerade mit diesen beiden Prädikaten markiert. Genauso wie es heute keinen Patriotismus, sondern nur noch „Nationalismus“ gibt, so existiert anscheinend auch keine Sittsamkeit mehr, sondern nur noch „Prüderieii, ebenso darf es keine Ablehnung von modernem Mainstream von einem höheren Blickwinkel aus mehr geben, sondern nur noch „Spießigkeit“, die deshalb in einer ziemlich inflationären Weise als Erklärung für sämtliche moralischen wie auch kulturpolitischen Haltungen herhalten muss.

 

Lachgeschichten - Ein Herz und eine SeeleSo viel Spießigkeit war nie

Spießigkeit, das ist nach dem uns eingebrannten enzyklopädischen „Wissen“ durch Funk und Fernsehen doch scheinbar selbstredend in persona das unsympathisch anmutende „Ekel Alfred“ aus der Fernsehserie Ein Herz und eine Seele der 1970er-Jahre, der in seiner Ruhrpott-Reihenhaussiedlung mit Bildzeitung in der Hand und Hosenträgern über dem Unterhemd gegen die „Sozis“ hetzt und seine Ehefrau schikaniert. Freilich, so gefasst gäbe es heute kaum noch Spießer in Deutschland, da diese Type der Marke Blockwart heute kaum noch vertreten ist. Nein, Spießbürgertum als soziologisch-abstrakter Begriff heißt etwas anderes als Bildzeitung, Bier und Bohnerwachs, sondern tritt je nach Gesellschaft anders auf: Spießigkeit ist eine innere Haltung, die sich dadurch kennzeichnet, sich in der Anonymität und im Gleichheitsdrill einer Gesellschaft wohlzufühlen, ja sogar das Bestreben zu haben, um keinen Preis aufzufallen – Mittelmaß also als Maxime. Immer wird es vorherrschende Leitgedanken und Leitverhaltensweisen geben, welche sich nicht nur im politischen Tagesgespräch, sondern auch im Privatleben der Einzelnen niederschlagen. Und immer wird es bequemer sein, als Spießer mit der Masse zu schwimmen. Somit hat auch unsere gegenwärtige Gesellschaft ihre Spießer, und sogar sehr viele infolge des Wegfalls von Sinnstiftungsinstanzen jenseits des medial gesteuerten Durchschnittsbürgertums, wie sie einst Religionen und politische Überzeugungen darstellten. Soviel Mainstream war nie, und somit war auch noch nie so viel Spießertum. Jürgen Elsässer hat erkannt, dass die bei uns vorherrschende (Meinungs-)Kultur mit ihrem Zentrum in den angestaubten Idealen der 68er längst zu einem selbstreferenziellen und totalitären 68er-Spießertum geworden ist – und diese spießige linke Leitkultur wirkt auf den typischen braven Deutschen, der ja auf keinen Fall etwas Falsches sagen will, höchst repressiv, indem sie jeden politischen und gesellschaftlichen Diskurs in ein Stahlnetz einzwängt, für das drei Eckpunkte maßgeblich sind:

hypertrophe[r] Antifaschismus, der keinen Unterschied zwischen Hitler und Bismarck, zwischen Eva Braun und Eva Hermann macht; rabiate[r] Feminismus, der im Sinne des Gender Mainstreams die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern auslöschen will; und eine Klimatheorie, die den privaten Energieverbrauch für die Apokalypse verantwortlich macht und uns am liebsten das Duschen verbieten würde.“iii

Da das Gepräge dieser chauvinistischen Leitkultur ihre Idole also in der studentischen 68er-Bewegung des vergangenen Jahrhunderts hat, einer Bewegung mithin, die sich als dezidiert „antispießig“ ausgab, scheint es heilsam, die spezifische Spießigkeit unserer Tage konkret zu illuminieren.

Ein-Kind-Familie mit Greenpeace-Mitgliedschaft: Spießigkeit in der Gesellschaft

Nach Siegmund Freud ist der Verlust der Scham das erste Anzeichen des Schwachsinns. Isabelle Azoulay attestiert aber unserer Gegenwartskultur genau dieses Abhandenkommen der Scham und richtet deshalb den flehentlichen Appell an uns, die Scham zu retten:

Ein fatales Missverständnis ist entstanden – zwei Bedeutungen, die in Scham enthalten sind, wurden vermischt. In der französischen Sprache existieren zwei verschiedene Worte für Scham: la pudeur, was Scham als konstituierende Schutzhülle und la honte, was Pein meint, das, wofür es sich zu schämen gilt. Die deutsche Sprache, die nur das eine Wort Scham für so unterschiedliche Inhalte kennt, hat damit einen Erdrutsch ermöglicht. In der Kritik normativer Zuschreibungen ist die Kostbarkeit der ‚pudeur‘ weggerutscht, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Bei der Vorstellung einer Lust ohne Zensur als Forderung gegen repressive Vorstellungen wird übersehen, dass wir nicht nur aus Lust bestehen und wir uns vor dem Ansturm von Lust-Erwartungen und -Möglichkeiten abwenden. Dieser Moment des Sichabwendens wird fälschlicherweise als Scham (honte) gedeutet. Rettet die Scham! Sie ist nicht als eine Geste von ‚Nein, danke‘ zu verstehen. Sie bildet den elementaren Boden, auf dem unsere physische wie psychische Unversehrtheit garantiert wird.“i

Was aber sind die Folgen dieser fatalen Entwicklung, die sich (nicht nur) in den deutschsprachigen Ländern breitgemacht hat? Sie sind vielschichtig; in jedem Fall aber kann gesagt werden, dass der Sexualismus, das Ergebnis der verloren gegangenen Scham, breit verankert ist im heutigen Spießbürgertum – unanständige Witze und Lieder ornamentieren auch jedes noch so schäbige Dorffest. Schon in den 1950er-Jahren sprach der berühmte Pater Johannes Leppich SJ von einer spezifischen Spießermoral, die sich nicht aus der sie umgebenden Vergnügungssucht befreien könne und wolle – demgegenüber stellte er eine saubere Jugend, die noch nicht „im Gullyloch des Sexualismus“ abgesoffen seiii. Es wird dadurch auch deutlich, dass es Spiegelfechtereien waren, wenn 68er im Verein mit pfiffigen Schlagertextern in den 1970er-Jahren ein Heer von verklemmten Spießern ausmachen wollte, die in ihrer Engstirnigkeit angeblich die freie Liebe drangsalierten. Die Generation der damaligen Familienväter war als Kriegsgeneration traumatisiert genug und stand den damaligen umstürzlerischen Phänomenen paralysiert gegenüber. In Wirklichkeit hatten die damaligen Gesellschaftsveränderer keine ernst zu nehmende Gegnerschaft, was deren feige Vollmundigkeit erklärt.

Wie aber passt diese Feststellung mit der vorher aufgestellten Behauptung zusammen, Signum unserer heutigen, verspießerten Gesellschaft sei auch die Prüderie? Wir sagen das, weil wir auch inmitten der Umwertung aller Werte einen klaren Kopf behalten zu haben glauben. Oder sind wir jungen Katholiken schon so eingeschüchtert, dass wir in falscher Unterwürfigkeit erzitternd einwilligen und uns „verklemmt“ nennen lassen? Nein! Es gibt nämlich zum einen das wahre Wesen der Sexualität und zum anderen die Fratze von Sexualität. Nicht zu Unrecht nennt Prälat Dr. h.c. Mäder deshalb auch Unzucht „die Sünde des Affen“.iii Wehe uns, wenn wir uns den Bären aufbinden lassen, es bedeute „prüde“ zu sein, wenn man sich nicht freiwillig auf Affenniveau begibt. Prüderie, das ist eine Haltung, die mit dem wirklichen Wesen der menschlichen Liebe nichts anfangen kann und ihr deshalb kindisch-ablehnend gegenübersteht. Und hier sehen wir doch schnell, dass in unserer Gesellschaft zwar viel nackte Haut, viel Hurerei – also die Fratze von Sexualität – präsent ist, aber eine Prüderie erster Klasse festzustellen ist, wenn es um den ersten Zweck der Sexualität geht: die Weitergabe des Lebens als höchstem Adel des ehelichen Aktes. Die sogenannten „Mutterwitze“iv sind nur in einer Gesellschaft möglich, die sich gegenüber Müttern verachtend, gegenüber Kindern gleichgültig und gegenüber Ungeborenen mörderisch verhält. Anstelle lebensfreudiger, vitaler Menschen, die auf die Weitergabe des Lebens drängen, sehen wir Menschen, die diesen höchsten Gütern der Familie verständnislos gegenüberstehen – solange es nur genügend Wale in japanischen Hoheitsgewässern gibt: die Ein-Kind-Familie mit Greenpeace-Mitgliedschaft eben. Es hat sich eine biedermeierliche Spießbürgermoral als Katalysator der Kultur des Todes ausgebreitet.

i Azoulay, Isabelle: Rettet die Scham! – Über Abgrenzung und Bedrängnis. In: Zeitschrift für Sexualforschung, 24. Jg., Nr. 3/2011, S. 272 f.

ii Vgl. „Pater Leppich spricht auf der Reeperbahn“, eine Schallplatte aus der Nachkriegszeit.

iii Vgl. das Kapitel „Die Sünde des Affen“, in: Reinheit (Kleinschriftenreihe: Herold Christi, Nr. 8 – Aus den Schriften von Prälat Robert Mäder), Müstair/CH, S. 19 ff.

iv In den vergangenen Jahren ist es unter Jugendlichen Mode geworden, ehrfurchtslose Witze über die Mutter des jeweils anderen zu machen.

ii Interessanterweise differenziert Pierer’s Universal-Lexikon, das den Begriff 1861 aufführte, noch die beiden Begriffe, indem es das Adjektiv „prude (fr., spr. prühd)“ mit „auf eine übertriebene u. affektirte Weise sittsam“ umschreibt (Band 13, Altenburg 1861, S. 656). Somit muss es auch eine nicht übertriebene und damit anzustrebende Sittsamkeit geben.

iii Vgl. Editorial der Zeitschrift Compact, Nr. 3/2013: „Heino, Brüderle und die 68er-Spießer“, S. 2

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