Spießigkeit und Prüderie – Signum einer visionslosen Gesellschaft (Teil 2/2)

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Ein Essay von Friedrich Reusch

katholischUmweltfürbitten in Sitzkreismessen: Spießigkeit in der Kirche

Wenn man die überlieferte Liturgie betrachtet, dann sieht man darin ein Spiegelbild der anbetenden Grundhaltung der Kirche. Alles ist hier auf Gott ausgerichtet, und gerade dies macht die heilige Messe für uns Menschen, die in hac lacrimarum valle [„in diesem Tränental“]befangen sind, zum großen Trost. Je tiefer wir uns unseres wahren Zustandes bewusst sind, umso mehr werden wir diese Theozentrik des heiligen Opfers bewundern und bejahen. Jedes „Taghell“ in der Kirche, jede Reminiszenz an die Welt und ihren grauen Alltag, muss hier wie ein Störfaktor für einen Migränepatienten wirken. Die Kirche in ihrer doktrinären und liturgischen Unversehrtheit ist dennoch und gerade deshalb in der Welt präsent und befruchtet diese, schöpft sie doch ihre Kraft nicht aus dem Kult des Menschen, sondern aus dem Kult des Gottmenschen, Christus. Die Missionen und ihre Wirkung sind ein beredtes Zeugnis dafür.

Die evangelischen Räte der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams sind ja kein Selbstzweck. Und wie Erzbischof Lefebvre zu Recht von einer Pervertierung des Gehorsamsbegriffs innerhalb der Kirche gesprochen hat, so gibt es einen seit der Liturgiereform überall greifbaren Geist der Pervertierung des Armutsbegriffs. Letzteres ist eine Spießerhaltung, wie sie schon Judas an den Tag legte. Dies deckte der unvergessliche Pfarrer Milch in seiner Koblenzer Rede 1978 auf, als er die Szene der Salbung Christi in Bethanien als exemplarisch für die momentane liturgische Misere herausgriff:

Sie alle kennen die Szene in Bethanien: Die Jünger sitzen zusammen mit dem Herrn, Maria von Bethanien tritt ein und gießt ein Alabastergefäß voll kostbarsten Nardenöls über das Haupt Christi aus; sie verschwendet ihren wertvollsten Besitz, ihr Vermögen. Der ganze Raum wird erfüllt von starkem, berauschendem Duft. Die noch vom Spießergeist nicht freien Jünger, allen voran Judas, der Urspießer, mucken auf: ‚Wozu diese Verschwendung? Man hätte das Öl teuer verkaufen und den Erlös den Armen geben sollen!‘ Eine bekannte Melodie, scheinbar so christlich: ‚Die Kirche entfaltet einen riesigen Prunk mit goldenen Gefäßen und brokatenen Gewändern und nennt gewaltige Schätze ihr eigen. Sie sollte mit alledem den Armen helfen, den hungernden Menschen in Indien und anderswo!‘ Aber siehe da, Christus nimmt Maria von Bethanien in Schutz: ‚Was kränkt ihr dieses Weib? Sie tut es mit Hinblick auf meinen Opfertod. Arme habt ihr allezeit bei euch, nicht aber mich!‘ Maria repräsentiert hier die Kirche, die in überströmender Verehrung mit dem Allerkostbarsten, das es gibt, Sein Opfer vollzieht und anbetet.“i

Es kann einem somit heutzutage leicht passieren, in einem Kloster, in dem noch vor wenigen Jahrzehnten eine strenge Observanz herrschte und prächtige Messen zelebriert wurden, auf höchst mondän lebende Ordensmänner zu treffen, die während des Abhaltens ihres rudimentären Gotteskultes sehr beflissen sind, ständig auf die ungerechte Verteilung der materiellen Güter in der Welt hinzuweisen.

Die liturgische Spießigkeit der Modernisten ist nicht nur unangebracht, sondern auch heuchlerisch. Denn die rhetorische Gerechtigkeitsbeflissenheit in der Liturgie, für die das in der Zwischenüberschrift angedeutete Phänomen der „Umweltfürbitten in Sitzkreismessen“ prototypisch steht, geht meist über unqualifizierte Äußerungen zu wirtschaftspolitischen Zuständen und blinden Aktionismus wie den berühmt-berüchtigten „fair gehandelten“ Kaffee nicht hinaus, anstatt die greifbarsten Ungerechtigkeiten der heutigen Zeit, den Mord an den Ungeborenen und die Aushöhlung des Naturrechts in der Politik klar beim Namen zu nennen.

Der fünftägige Antispießerkurs

Mittelmäßigkeit und Beliebigkeit können nur dadurch überwunden werden, dass wir für etwas einstehen, was eine Strahlkraft besitzt, für das es sich zu leben und zu sterben lohnt: Die Kirche in ihrer doktrinären und liturgischen Unversehrtheit kann und soll uns Leitstern und Ziel zu Gott sein. Und auch wenn es sehr vernünftig ist – wie in diesem Artikel geschehen –, den Blick nach außen zu richten, um gegenwärtige gesellschaftliche Prozesse und Zustände zu verstehen, so muss doch klar bleiben, dass der Kampf gegen das integrale Spießertum, gegen jene mittelmäßige Daseinskultur der Vermassung, der gleichgeschalteten Sprache, Mode, Musik und Meinung, ein persönlicher Kampf ist, den jeder Einzelne von uns gegen den Spießer in sich zu kämpfen hat. Jeder wird andere Bereiche seines Lebens finden, in denen er noch aus Bequemlichkeit dem Gewöhnlichen huldigt. Was ist also der Antispießer, ein katholischer Eigenbrötler? Nein, ein Antispießer wird bei aller persönlichen Überzeugung kein Mensch sein, der schwer im Umgang ist oder die Öffentlichkeit scheut. Die Ausrichtung des eigenen Lebens in all seinen Facetten nach Gott schafft frohe Gesichter – ein Strahlen in den Augen, wie es immer wieder besonders bei jungen Seminaristen zu beobachten ist. Und dieses Strahlen ist ansteckend, dieses Strahlen vermag eine ganze Gesellschaft zu rechristianisieren, da es nichts übertüncht, sondern das wahre Innere nach außen kehrt. Das wohl gediegenste Mittel, dieser Strahlkraft teilhaftig zu werden, ist ein fünftägiger Antispießerkurs, ohne dessen Belegung das Lesen dieses Artikels umsonst gewesen sein dürfte: Ignatianische Exerzitien!

i Vgl. die Niederschrift auf http://www.spes-unica.de/milch/texte/text.php?datei=1978_koenigtum (Zugriff am 07.07.2013), die aber nicht immer den tatsächlichen Wortlaut der Rede wiedergibt. Die Rede selbst kann bei der Actiospes unica ebenfalls angefordert werden.

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