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Christliche Reinheit in der Bewährung – 5. und letzter Teil

Markus Hoffmann im Interview mit Friedrich Reusch (DGW)

Markus Hoffmann im Interview mit Friedrich Reusch (DGW)

Selbstbefriedigung und Pornografie sind wohl die zwei „prominentesten“ Themen, wenn es um den jugendlichen Kampf um die Reinheit geht. Beides sind Themenkomplexe, die wohl nicht mit dem bloßen Wissen um den Katechismus ausreichend behandelt werden können. Kannst du etwas zur psychologischen Dimension dieser Erscheinungen sagen? Kann man dieser Herausforderung gleichzeitig entschlossen, bedacht und effektiv begegnen?

Eine Antwort auf diese Frage wäre eigentlich ein ganz eigener Beitrag. Ich kann hier nur kurz skizzieren, wie das Thema Selbstbefriedigung und Pornografie zu strukturieren ist. Dazu möchte ich das theologisch geprägte Wort „Reinheit“ so definieren, wie ich es für meine Ratsuchenden in der Beratung tue. „Reinheit“ bedeutet ja, dass wir ein Leben ohne Sünde leben. Sünde aber geht zurück auf die Einheit von „Person“ und „Tat“. „Person“ ist in diesem Zusammenhang zu verstehen, als das von Gott in einen Menschen hineingelegte „Gut“, das er erfüllen und nicht vergraben soll. Für die Sexualität heißt dies, dass Gott dem Menschen ein Ziel für die Sexualität als Gut mitgegeben hat. Entweder ist dies das Gut von Vater- und Mutterschaft oder es ist das Gut der Ehelosigkeit um den Himmelreiches willen (vgl. Mt. 19). In Verbindung mit dem Wort „Tat“ bedeutet nun Reinheit, dass all mein Handeln zur Erhaltung, zur Entfaltung und zur Wertschöpfung dieses „Gutes“ beiträgt, das Gott in mich hineingelegt hat. Jede Handlung aber, die dieses „Gut“ meiner Geschlechtlichkeit und Sexualität verfehlt, ist Sünde. Unreinheit ist von ihrem innersten Kern her damit als „Zielverfehlung“ zu verstehen; d.h. handle ich unrein, dann verfehle ich meine ganze Person in ihrem „Gut“ und in ihrer von Gott geschenkten Daseinsmöglichkeit.

Diese geistliche Sicht muss jeder Reflexion über Selbstbefriedigung und Pornografie vorangestellt werden. Denn Selbstbefriedigung und Pornografie erhalten damit eine geistliche Rahmung, die nicht durch irgendeine psychologische Bewertung eingeholt werden kann. Pornografie ist daher immer eine doppelte Zielverfehlung: Denn ich verfehle in der Pornografie nicht nur mich selbst, indem ich mich auf meine Lust reduziere und meine Sexualität nicht dem höheren Ziel meiner Vaterschaft oder Mutterschaft unterstelle oder der Ehelosigkeit. In der Pornografie schädige ich auch den anderen, den ich begehre in seinem „Gut“. Denn ich mache ihn zum Objekt meines Gebrauchs. In der Selbstbefriedigung verhält es sich oft ähnlich, denn in ihr bleibe ich bezogen auf mich selbst, wo doch meine Sexualität auf ein Ziel hingeordnet sein soll, nämlich auf das Du des anderen, dem ich mich in Hingabe verbinde.

Richtig ist dabei auch, dass die geistliche Zielverfehlung psychologische Konsequenzen nach sich zieht. Dieser Prozess ist komplex, daher hier nur einige Stichpunkte: Die meisten jungen Menschen geraten mit der Selbstbefriedigung in Kontakt. Oft wird dies mit den überschüssigen Hormonen oder der speziellen Ausschüttung der Geschlechtshormone im Jugendalter erklärt. Diese Annahme ist aber falsch. Denn es gibt keinen Überschuss an Hormonen, die Druck machen und daher abgebaut werden müssten. Was dem Jugendlich oft Schwierigkeiten macht, ist die Tatsache, dass er im Jugendalter eine starke Hirnreifung durchmacht. Diese schlägt sich vor allem auf die Art und Weise nieder, wie er Emotionen wahrnimmt. So merkt er, dass er Emotionen nicht mehr einfach mit Sprüchen abschütteln kann wie: „Mir geht es schlecht, aber das liegt an den anderen oder an den Umständen.“ Der Jugendliche merkt, dass er selbst die Ursache von Emotionen sein kann. Und diese Ursachen kann er nicht mehr einfach abstellen. Das zweite, was Jugendliche neu lernen, ist, dass man Emotionen für sich behalten kann. Das führt zu zwei Schwierigkeiten. Die erste ist, dass er anderen nicht mehr recht vertrauen kann: Sind die nun ehrlich oder verbergen sie ihre wahren Emotionen? Solche Gedanken sind nicht selten eine Quelle schlechter Laune. Das zweite ist, dass er mit seinen Emotionen alleine bleiben kann. Beides zusammen schafft aber Druck. Denn Emotionen können nun nicht mehr in Beziehungen verarbeitet werden, was normal und gesund wäre. Der Jugendliche ist nun allein mit seinen Emotionen und genau das empfindet er als „Druck“. D.h. der Druck, den ein Jugendlicher spürt, hat weniger mit Sexualität zu tun, sondern mit relativ durchschnittlichen Emotionen, die er so in sich hegt.

Nun sind aber genau diese Emotionen oft ein kurzer Weg, der sich gern mit Sexualität verbindet. Warum? Jede Emotion ist mit etwas verbunden. D.h. der Mensch hat Emotionen immer aus bestimmten Situationen heraus. So kennt der Jugendliche, was speziell mit dem Jugendalter zusammenhängt, verschiedene Gründe für seine Emotionen. Eine erste Gruppe von Emotionen hat mit seiner äußeren Erscheinung zu tun und dem Gefühl, dass er selbst für diese Erscheinung verantwortlich ist und das nicht an die Umstände delegieren kann. Aufgrund der starken körperlichen Veränderung im Jugendalter ist das Aussehen und die körperliche Erscheinung für manche Jugendliche aber eine Quelle von Stress. Ein zweites großes Thema ist: Wie komme ich bei anderen an? Nehmen die anderen mich als Frau oder als Mann wahr? Sieht das fremde Geschlecht in mir eine Persönlichkeit, mit der sie gerne zusammen wäre? usw. Diese Themen kann der Jugendlichen nun, wie oben beschrieben, nicht einschätzen. Denn er weiß ja, dass andere genauso ihre wahren Gefühle und Motive verbergen kann, wie er selbst.

An dieser Stelle kommt nun die Sexualität ins Spiel. Denn die Sexualität ist wie eine große Bühne, auf der ich alle meine nicht-sexuellen und ungelösten Sehnsüchte wie in ein großes Rollenspiel einbinden kann. Denn in der Sexualität kann ich mir ja eine Welt träumen, in der mich andere begehren, in der mich andere als den Mann oder als die Frau sehen, der oder die ich gerne wäre. In sexuellen Träumen kann ich mir einen Traumkörper andichten, der dann von anderen begehrt wird. Oder ich kann mir über pornografische Bilder vorstellen, von jemandem geliebt und angenommen zu werden, der so und so toll ist, etc. D.h. alle unerfüllten, nicht beantworteten Fragen können leicht in Vorstellungen von der Sexualität eingespeist werden und für einen Moment, nämlich für den Moment der sexuellen Illusion, beantwortet werden. Die Antwort fühlt sich dabei nicht mehr wie ein Problem an, das wie ein Berg vor mir steht. Die Antwort ist mit einem Lustempfinden verbunden, das mir eine scheinbare Lösung verspricht. In der Sexualwissenschaft sprechen wir daher von der sexuellen Lösung als einer Mischung von Allmacht und Ohnmacht. Übersetzt heißt dies: Wenn ich mich gegenüber einer Lebensfrage ohnmächtig fühle, dann greife ich „allmächtig“ zu einer sexuellen Inszenierung, nach einem erotisch aufgeladenen, pornografischem Rollenspiel, und löse mein Problem auf illusionäre Weise.

Damit sage ich: In der Selbstbefriedigung und der Pornografie verfehle ich nicht nur mein Ziel als Person, sondern ich löse auch meine eigentlichen Konflikte nicht, die Grund für den „Druck“ ist, den viele fälschlicherweise „sexuellen Druck“ nennen. Auf Dauer führt das zu ernstzunehmenden Konsequenzen. Diese schlagen auf zwei Ebenen durch:

Einmal auf der psychischen Ebene der Bindung, Kommunikation und Problemlösung: Der erste Bereich, in dem die Selbstbefriedigung und die Pornografie durchschlägt, ist meine psychische Stabilität. Normalerweise löst der Mensch seine Konflikte durch Beziehung und Kommunikation. Weder in der Selbstbefriedigung noch in der Pornografie findet aber eine Beziehung oder eine Kommunikation statt und schon gar keine, die mir hilft, mein Problem zu verstehen und es lösen zu können. Vielmehr wird über den Konflikt, den der Mensch sicher immer als ein unangenehmes Empfinden in sich spürt, ein lustbetontes Gefühl geschoben. Ich habe nicht wenige Menschen getroffen, die aufgrund solcher Illusionärer Konfliktlösungen, wie sie die Sexualität bietet, unfähig geworden sind, ganz normale Alltagskonflikte zu benennen. Denn diese Probleme wurden irgendwann nicht mehr wahrgenommen, sondern einfach sexuell sediert. Die Folge ist eine Gefühl- und Sprachlosigkeit für das, was ich eigentlich in meinem Leben zu klären hätte. So kommt es nicht selten vor, dass Menschen, die sich an diese Formen der Selbstberuhigung gewöhnt haben, zwar zur Beichte gehen, um dort ihre Sünde zu bekennen. Aufgrund ihrer inneren Gefühl- und Sprachlosigkeit wissen sie aber gar nicht, was sie in ihrem Leben verändern könnten, damit sie aus der Spirale solcher illusionärer Lösungen herauskommen.

Will man aus einem solchen Kreislauf ausbrechen, so muss man wieder lernen, seinen Alltag zu beobachten. Man muss den Blick für die Dinge zurückgewinnen, die einem nicht gelingen, die einen frustrieren oder die wie ein Berg vor einem stehen. Das schafft man aber nur, wenn man sich der sexuellen Scheinlösung enthält. Kommt der Blick für die eigentlichen Probleme zurück, die hinter dem sexuellen „Druck“ stehen, dann ist es weise, einen Seelenführer oder Berater aufzusuchen, der einem hilft, sich diesen Problemen zu stellen.

Des Weiteren die hirnorganische Ebene: Es ist ja nicht so, dass der Seelenführer oder ein Berater das Problem, das durch sexuelle Scheinlösungen entstanden ist, einfach leicht lösen kann. Denn erstens muss nicht der Berater oder Seelenführer etwas lösen, sondern ich als Betroffener. Und zweitens handelt es sich bei dem, was Betroffene oft als Drang zur Lust empfinden, um eine Sucht. Was aber ist die Sucht in der Sexualität? Hier muss man die hirnorganische Funktionsweise von Sexualität verstehen. Im Gehirn wird durch Sexualität ein bestimmtes Hormon, vor allem Dopamin, ausgeschüttet. Dieses gaukelt dem Menschen ein bestimmtes Glücksgefühl vor. Dieses Hormon wird aber auch dann ausgeschüttet, wenn ein Mensch ein Problem löst oder sich mit Interesse in die Bewältigung von großen Aufgaben stürzt. Im Fall solcher Problemlösungen empfindet der Mensch Befriedigung, weil er erfolgreich ein Ziel erreicht hat. Im Fall der Pornografie oder Selbstbefriedigung empfindet er Befriedigung durch Phantasien und illusionäre Lustproduktion. Die Schwierigkeit ist, dass der Mensch, der seinen Alltagsproblemen entfremdet ist, die Lust durch Erfolg nicht mehr kennt. Er kennt nur noch die Lust durch passiven Konsum, durch ein „Sich-Gehen-Lassen“, etc. Dass dies meist zu einem Kreislauf des Unheils wird, liegt auf der Hand: Ich löse meine Probleme nicht, ziehe mich immer mehr in illusionäre Lösungen zurück, die Berge meiner Probleme wachsen an, meine Fähigkeit zur Lösung meiner Probleme sinkt mangels Praxis und Übung ab, ich werde immer verzweifelter, weil ich nicht glaube, dass etwas in meinem Leben lösbar ist, und daher habe ich umso mehr Grund, in die glücksversprechende Phantasie abzugleiten, die mir die sexuelle Versuchung einredet. Irgendwann ist mein innerer Dopaminhaushalt dann so gestört, weil ich die Lust aus kleinen Erfolgen nicht mehr in mir als Erfolg und momenthaftes Glücksgefühl spüren kann, denn ich habe mich so in die starken, sexuellen Lustgefühle verrannt, dass ich diese Droge brauche, um all meine Probleme vergessen zu machen.

Der Ausweg ist daher nicht einfach. Der Seelenführer oder der Berater kann nur einen Weg weisen. Letztlich muss man sich der sexuellen Problemlösung und Sucht entwöhnen. Das ist am Anfang sehr hart, denn neben den starken sexuellen Gefühlen verblassen andere Formen alltäglicher Freude sehr schnell. Aber es hilft nichts: Man muss einen regelrechten Entzug von Selbstbefriedigung und/oder Pornografie durchführen. Man muss lernen, sobald diese Versuchungen kommen – und der Wunsch, einen inneren Dopaminkick zu bekommen, drängt uns in diese Richtung – in eine andere Richtung zu gehen. Dazu muss man zuerst wieder Dinge aufbauen, die Freude machen. Dann muss man Beziehungen haben, in denen man sich offen jemandem anvertrauen kann, wo Menschen sind, die man anrufen kann, ehe man in die Sünde fällt. Das erfordert Mut. Mit diesen Menschen müssen wir nicht über die Versuchung reden. Es reicht wenn man sagt, dass man stark versucht ist, dass man miteinander betet und dass man vereinbart, wie man sich jetzt am besten ablenken kann. Drittens sollte man seinen Beichtvater von der Sucht in Kenntnis setzen. Meist weiß er es ohnehin schon, wenn man nicht „wild“ beichten geht, d.h., wenn man nicht immer den Priester wechselt. Es ist wichtig, sich in der Zeit des Entzugs von sexuellen Süchten an einen Beichtvater zu wenden, denn damit hören wir auf, Dinge suchttypisch zu verbergen, wie der Alkoholiker seinen Schnaps. Das braucht viel Kraft und Mut und ist keine leichte Aufgabe, denn die Scham lauert an jeder Ecke und erzählt, dass der Weg in die Illusion viel einfacher wäre.

Man sieht: Die Frage ist sehr komplex und die Antwort bleibt noch vieles schuldig. Ich hoffe aber, hier den Weg zu einer Problematisierung und Problemlösung umrissen zu haben.

Der Spiritanerpater Richard Gräf schreibt in seinem bekannten Werk „Ja, Vater!“ über Menschen in seelischer Bedrängnis: „Wenn heute der Heiland selbst die heilige Kommunion an fünfhundert Kommunikanten auszuteilen hätte und nur noch fünf Hostien im Kelche wären: wem würde er sich, wenn er seine Wundermacht nicht gebrauchen wollte, als Speise reichen: den Heiligsten, den Reichsten, den Gerechtesten? Nein, sicher nicht! Zum Gequältesten, Versuchtesten, zum Schwächsten und Ärmsten würde er gehen, zu jenen Fünf, die ihn am notwendigsten hätten, bei denen er sich am meisten als Heiland betätigen könnte.“ – Eine Wahrheit, die wir auch für das sensible Thema der körperlichen Reinheit fruchtbar machen können?

Ja, sicher ist das eine Wahrheit, die man für die Keuschheit und Reinheit nutzbar machen könnte. Denn in der Tat, was Pater Gräf ausdrückt, sind wir ja von der Tatsache getragen, dass unser Herr immer auf den letzten und elendsten Sünder in der Hl. Messe wartet. Dass er sich dort immer wieder neu gerade für die aufopfert, die es schwer haben.

Aber es fehlt in diesem Satz auch eine Seite. Wenn wir die Zeugnisse in der letzten Ausgabe des DGW lesen, dann sprechen dort ja Menschen vor allem auch von Dingen, die sie in den Beziehungen, die sie sexuell verklärt haben, gesucht haben. D.h., diese Menschen berichten uns davon, dass sie sich nicht geliebt, nicht in ihrem Mannsein bestärkt gefühlt haben. Nun könnte man sagen: Jesus gibt die Bestärkung! Das stimmt und ist unhinterfragbar war! Aber: Wie kommt denn ein Mensch überhaupt dazu, einer Bestärkung zu glauben?

In der Beratung mache ich beinahe täglich die Erfahrung, dass mir Menschen sagen, sie wissen, dass sie von Jesus geliebt sind, aber es tröstet sie nicht oder erreicht ihr Herz nicht. Woran liegt das? Liegt das an Gottes Gnadenwirken? Will Gott nicht, dass sich diese Menschen geliebt fühlen? Wir wissen, dass Gott nicht daran schuld ist und nur unser bestes will. Denn seine Liebe, mit der er sich den Menschen zuwendet, ist unveränderlich. Woran liegt es aber dann? Es liegt an der Tatsache, dass wir Menschen die Liebe Gottes nicht ergreifen. D.h. wir wünschen uns gern, dass Jesus auf uns zukommt, wir wünschen uns gern ein großes tolles geistliches Erleben, aber wir wollen möglichst selbst aus Bequemlichkeit wenig dazu beitragen. Das ist vor allem bei Menschen so, die sich nicht geliebt oder bestätigt fühlen. Sie bauen in sich oft ein Weltbild auf, in dem sie glauben, dass anderen die tolle Bestätigung in den Schoß fällt. Ein solches Weltbild geht aber an der Realität vorbei. Denn was einen glücklichen von einem unglücklichen Menschen unterscheidet, ist kurz gesagt dies: Der glückliche Mensch glaubt der Liebe, er weiß um die Liebe des anderen und er sieht durch die Augen in das Herz des anderen und hört die Botschaft, die im Herzen des anderen für ihn da ist: Du bist geliebt. Der unglückliche Mensch glaubt nicht. Er sieht schon immer prüfend in die Augen des anderen und versucht zu erspüren, was der andere genau will, was er tun muss, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Oder er versucht das eben vom anderen gesprochene Wort der Liebe zu bewerten und macht dies oft von der nächsten kleinen Reaktion abhängig. Schaut er auf den Boden, schaut er mich an, wie beendet er das Gespräch, etc. All das kann jede Form der Zuwendung sofort zunichtemachen. Der unglückliche Mensch sagt daher oft: Ich weiß zwar, dass mich der andere gern hat, aber ich glaube es ihm nicht. Oder er sagt: Der andere macht das ja nur, weil er Christ ist und eben nett sein muss.

Vor diesem Hintergrund sage ich, dass zur Zuwendung Gottes hinzutreten muss, dass der Mensch die Zuwendung annimmt. D.h., daher ist es wichtig, dass der Mensch sich mit der Frage beschäftigt: Wer bin ich im Herzen Gottes? Was bedeute ich Gott, wenn er sich für mich und mein Leben und meine Sünde aufopfert? Wie groß muss seine Liebe zu mir sein? Je mehr wir diese innere Liebe im Herzen Gottes begreifen, – durch Betrachtung, durch Anbetung, durch regelmäßigen Besuch der Hl. Messe – umso mehr kann der Satz von Pater Gräf seine Wirkung entfalten. Vor allem deshalb, weil ich im Herzen Gottes ja auf eine grenzenlose Liebe treffe, die er mir entgegenbringt. Ich treffe auf mein wahres Wesen, das er, noch bevor etwas da war, ersonnen hat (Ps. 139). Und diese Liebe kann dann tatsächlich das, was ich durch die sexuelle Sünde versuche, zu erreichen, überstrahlen. Auf diese Weise wird die Begegnung mit Christus zur Hilfe für die körperliche Reinheit.

In deiner jahrelangen Tätigkeit hast du in der psychologischen Betreuung schon Menschen mit der unterschiedlichsten religiösen Prägung kennengelernt. Könnte man sagen, dass es bei Katholiken oft spezifische Probleme gibt, über die Reinheit zu sprechen? Ist hier aufgrund der strikten vorgegebenen Moral vielleicht öfter eine blockierende Scham zu bemerken, manche Themen offen anzusprechen, oder wird das Sakrament der Beichte vorgeschoben, um die „flankierenden Maßnahmen“ auf dem Weg zu einem authentischen Lebensstil auszulassen, die in einer schonungslosen Reflexion der eigenen (biografischen) Probleme liegen?

Ich beurteile ungern andere und möchte eher persönlich auf diese Frage antworten. Ich selbst habe lange im Bekenntnis meiner Sünde oder in bestimmten frommen Übungen das Heil gesucht. So wollte ich mit Anfang zwanzig in ein Kloster eintreten, nur um von meinen sexuellen Sünden loszukommen. Warum? Weil ich keine Sprache für meine sexuellen Probleme hatte. Sie ereigneten sich für mich als Sünde und ich hatte große Scham, darüber zu reden. Ich wusste aber nicht, warum ich sündigte.

Darin sehe ich das Problem, das ich seit dem bei vielen tausend Betroffenen angetroffen haben: Weil wir nicht über Sexualität „reflektieren“, daher fehlt uns Erkenntnis, was sich in der Sexualität anderes bewegen könnte als Sex. Ich musste selbst in eine tiefe Depression, wo mir Gott all meine frommen Lösungen aus der Hand nahm und mir eine simple Frage stellte: „Was suchst du über deine Sexualität zu lösen?“ Als ich das erkannte, wusste ich endlich, wohin ich umkehren konnte. Vorher war mir das alles unklar.

Hier sehe ich eine zweite Schwierigkeit: Wir haben eine Scheu, die Sünde nach ihrem Grund zu befragen. D.h. wir schauen sie nicht an, aus Angst, wir könnten wieder sündigen. Aber das ist irrig. Denn wenn ich der Frage folge, was ich mir durch die sexuelle Sünde zu befriedigen suche, dann wird mein Blick nicht in die Sünde hinein gelenkt, sondern auf die Augenblicke vor der Sünde. Was hat mich runtergezogen? Was hat mich aus dem Tritt gebracht? Was hat mich innerlich aufgewühlt und in eine Situation gebracht, die mich so unter emotionalen Druck setzte, dass ich sündigte?

Eine dritte Schwierigkeit sehe ich dann in der Tat in der Beichtpraxis, nicht im Sakrament der Beichte. Von vielen Menschen, die mit sexuellen Sünden ringen, weiß ich, dass sie oft nur wegen der sexuellen Sünde zur Beichte gehen. Sie sind so fixiert auf diesen Bereich, dass die anderen Gebote Gottes in der Beichtvorbereitung übersprungen werden. Dabei wäre es ja wichtig, dass man ein Augenmerk gerade auf die Dinge legt, die im Leben nicht gelingen: Beziehungen, in denen man sich alleine fühlt. Bestätigung, die man irgendwie nicht erhält. Geborgenheit, die man vermisst. Etwas an seinem Körper, mit dem man nicht klar kommt. Zurückweisungen und Frustrationen, mit denen man schlecht umgehen kann etc. Da all diese Dinge oft in die sexuelle Sünde hineinführen und den sogenannten „sexuellen Druck“ aufbauen, sollte diesen Dingen Beachtung geschenkt werden.

D.h., der Seelsorger und Beichtvater sollte darauf ein Augenmerk haben und mit dem Menschen erarbeiten, welche kommunikative Unfähigkeit mit den eigenen Sorgen umzugehen, in die Sünde hineingeführt hat. Denn hinter dem mangelnden Umgang mit Frustrationen steht auch die Unfähigkeit, durch Kommunikation mit anderen und mit Gott Frustrationen anzunehmen oder den Stress, den der Mensch dabei empfindet, abzubauen.

Kurzum: Ich würde sagen: Christen, die dem Wort Gottes folgen wollen, haben oft Schwierigkeiten, wenn es darum geht, die Sünde zu durchschauen. Sie haben aber auch oft Schwierigkeiten, mit Frustrationen gut umzugehen, weil sie nicht wissen, wie sie das in ihren Beziehungen umsetzen sollen. Und hier muss man ansetzen.

Ist die Frage der Reinheit in erster Linie eine Frage des äußerlichen moralischen Handelns oder in erster Linie eine Frage der innerlichen psychosozialen Verfasstheit? Oder ist es falsch, diese beiden Komponenten in Opposition zu setzen, müsste man sie deiner Erfahrung nach eher versuchen, zu harmonisieren?

Ja, es ist falsch, denn durch die Tat verwirklicht sich die Person in ihrem Gut als Person oder verfehlt sich. Diesen Bereich rechnen wir der Sünde zu. Die psychosoziale Verfasstheit kann erhellen, warum der Mensch sich verfehlt. Sie kann uns nah am Alltag des Menschen erklären, was schief läuft. Ein Mensch, der sich ändern will, muss daher beides haben: Er muss wissen, dass er sich verfehlt hat. Das erst bringt ihn zum Nachdenken und zur Umkehr. Dann muss er aber auch wissen, was er ändern kann. Da braucht er den genauen Blick auf den Alltag und auf seine Verhaltensmuster.

Das Interview führt Friedrich Reusch für die DGW-Redaktion

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  1. Gast auf Erden

    „…und meine Sexualität nicht dem höheren Ziel meiner Vaterschaft oder Mutterschaft unterstelle oder der Ehelosigkeit.“/Zitat

    Das ist der Knackpunkt der katholischen Sexualdoktrin, die unglaubliche Verkürzung und Verzweckung aller menschlichen Gefühle.
    Die Menschen erfassen intuitiv, das dies völlig falsch ist. So kann mur jemand fühlen, für den Liebe ausschliesslich zum Zweck der Fortpflanzung dient, also Liebe und Sexualität für sich genommen völlig wertlos, ja sündhaft sein müssen!

    Die Menschen WISSEN, dass die katholische Sexuallehre falsch, weil völlig überzogen ist. Und handeln danach. Und deswegen haben neunundneunzig von hundert Katholikinnen überhaupt kein Problem damit, mit den Geboten und Aussagen des katholischen Lehramtes überhaupt kein Problem zu haben. Das ganze ist inzwischen eher ein Problem für die Kirche, als für die Gläubigen.

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