Licht statt Finsternis

Licht statt Finsternis

Aus diesem Grund ist es auch ein Fauxpas oder bösartige Absicht zu denken, dass der überzeugte Katholik am Sonntag immer mit einer versteinerten, halbseitig depressiven Miene zum Gottesdienst geht, denn das genaue Gegenteil ist der Fall.

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Spätestens, wenn die Zahl der Sonnenstunden und die Tageshöchsttemperaturen im gleichen Aufzug nach unten fahren, begreift vielleicht auch der letzte Kalenderverweigerer, welche Jahreszeit angebrochen ist. Selbst wenn der sehnliche Wunsch nach einem sogenannten „Indian Summer“ für viele nicht immer in Erfüllung geht, so muss man doch niemandem ernsthaft erklären, dass auf den Sommer unweigerlich eine rauere, kältere und ungemütlichere Zeit folgt. Wenn man nun aber eben im Herbst, besser gesagt im November beim Gräbergang auf dem Friedhof steht und in so manche weniger traurige als vielmehr ängstlich-unsichere Gesichter blickt, dann weiß man, dass vielleicht über eine ganz andere Unausweichlichkeit öfter gesprochen werden sollte.

Sicher, der Tod kann in all seinen Variationen Ausgangspunkt unsäglicher Tragödien sein und es wäre herzlos, nur zu sagen, dass sich die Zurückgebliebenen doch nicht so anstellen sollten. Auf der anderen Seite zeigt sich jedoch nirgends sonst die Qualität des eigenen Glaubensfundaments derart deutlich als beim Umgang mit dem Sterben. Und auch mit keinem anderen Thema kann man die lautesten Atheisten zum Schweigen und argumentativ ins Wanken bringen als mit der Frage nach dem eigenen „day after tomorrow“.

Wenn die vielen Familien wie jedes Jahr im November an den Gräber stehen, dann mag vielleicht auch der Katholik etwas wehmütig auf dieses Denkmal liebgewonnener Menschen sehen, doch spätestens, wenn sein Blick zum Himmel hinauf geht, dann überkommt ihn doch ein siegesbewusstes Lächeln, da er weiß, dass das Eigentliche ja erst noch bevorsteht. Der Atheist aber sieht am Boden nur einen trostlosen kalten Haufen Erde oder wahlweise eine noch kältere Marmorplatte und darunter ein ewiges schwarzes Loch, das alles trotzig hinterfragt und für ungültig erklärt, was der Mensch Zeit seines Lebens gewesen ist bzw. geleistet hat. Man muss kein Fan des französischen Autoren Michel Houellebecq sein, doch sein Spruch „Mein Atheismus hat die Todesfälle in meiner Umgebung nicht überlebt“ ist in diesem Zusammenhang bezeichnend.

Leben will leben und niemand stirbt gerne, doch ein Christ, der ausgerechnet in finsteren Situationen seinen Herrn vergisst, ist nichts anderes als ein Schönwetterkatholik. Es mag sich vor fast Zweitausend Jahren zugetragen haben, doch die harschen, fast vorwurfsvollen Worte Jesu an seine Jünger, die in Todesgefahr ihr Gottvertrauen verloren haben, gelten noch heute: „Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?“ (Mt. 8, 26). So überlassen wir die Angst vor dem, was jedem Menschen irgendwann bevorsteht getrost jenen, die an guten Tagen immer meinen, sich allein auf ihren geistigen Verstand stützen zu müssen, der auf der Stelle nichts mehr wert ist, sobald die Musik zu spielen aufhört.

Aus diesem Grund ist es auch ein Fauxpas oder bösartige Absicht zu denken, dass der überzeugte Katholik am Sonntag immer mit einer versteinerten, halbseitig depressiven Miene zum Gottesdienst geht, denn das genaue Gegenteil ist der Fall. Die wirkliche Freude am Leben, die weit über den von Wissenschaftlern unromantisch als Serotoninausstoß etikettierten Zustand hinaus geht, wird nämlich nur er finden, weil er ganz genau weiß, dass das Letzte im Grunde nur das Erste ist und das sogenannte Ende der Beginn. Denn wo andere nur Finsternis sehen, da sieht der Katholik immer noch Licht. Und wo in den Augen der Atheisten nicht enden wollende Nacht zu sein scheint, da beginnt für den Christen das ewige Leben. Gott sei Dank!

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