The Cathwalk

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Glaube und Genuss – Gegensatz oder gegenseitige Ergänzung?

von Wolfgang F. Rothe

Jesus war ein „Säufer“! Bevor jetzt irgendjemand, der dies liest, dazu ansetzt, einen Shitstorm zu entfachen, sei ihm empfohlen, damit noch einen Augenblick zu warten: Denn die Behauptung, dass Jesus ein „Säufer“ war, geht auf niemand anderen als ihn selbst zurück. Näherhin hat Jesus einmal in einer Rede erwähnt, dass seine Gegner über ihn behaupten würden, er sei ein „Säufer“ – und ein „Fresser“ noch dazu (vgl. Mt 11,19). Dass die Gegner Jesu alles daransetzten, ihn in der Öffentlichkeit schlechtmachen, ist nicht weiter verwunderlich. Verwunderlich ist allenfalls, dass sich Jesus gegen den Vorwurf, er sei ein „Säufer“, eher halbherzig zur Wehr setzte: Johannes der Täufer sei aufgrund seiner asketischen Lebensweise als Besessener verunglimpft worden, er selbst werde halt, weil er „isst und trinkt“, als „Fresser und Säufer“ geschmäht (vgl. ebd.).

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„Whisky-Vikar“ Dr. Dr. Wolfgang F. Rothe

Jesus war kulinarischen Genüssen also zumindest nicht abgeneigt. Als er bei der Hochzeit zu Kana von seiner Mutter darauf aufmerksam gemacht wurde, dass der Wein ausgegangen sei, belehrte er dementsprechend die Festgäste nicht etwa, dass man auch mit einem Glas stillen Wassers fröhlich feiern könne, sondern verwandelte kurzerhand Wasser in Wein – und zwar eine ganze Menge Wasser in bemerkenswert guten Wein (vgl. Joh 2,1-11). Immer wieder berichten die Evangelien davon, dass Jesus der Geselligkeit und dem Genuss zumindest nicht aus dem Weg ging: Vielen Menschen war er ein gerngesehener Gast (vgl. z. B. Lk 10,38), nahm Einladungen stets bereitwillig an (vgl. z. B. Mk 2,15) und lud sich, wenn nötig, sogar selbst ein (vgl. Lk 19,5).

Dass Jesus das Reich Gottes, dessen Kommen einen zentralen Aspekt seiner Verkündigung ausmachte, regelmäßig mit einer Hochzeitsfeier (vgl. z. B. Mt 22,1-14) oder einem festlichen Gastmahl (vgl. z. B. Lk 12,35-40) verglich, sei in diesem Zusammenhang nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Dasselbe gilt für das Letzte Abendmahl, bei dem er seinen Aposteln unter anderem einen mit Wein gefüllten Kelch reichte, sie anwies, dies künftig zu seinem Gedächtnis zu tun (vgl. Lk 22, 14-20) und erklärte, dass er mit ihnen einst von Neuem davon trinken werde im Reich seines Vaters (vgl. Lk 22,16). Kurzum: Jesus wusste kulinarische Genüsse zu schätzen und vermochte ihnen sogar einen tieferen, geistlichen, heilsamen Sinn abzugewinnen.

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Festakt am vergangen Samstagabend im Pfarrsaal von Perlach. Wolfgang F. Rothe präsentierte sein neues Buch: „Wasser des Lebens – Einführung in die Spiritualität des Whiskys“ (Foto: Bernhard Czerney)

Die Christen hielten es in den ersten eineinhalb Jahrtausenden ganz genauso. Nicht ohne Grund waren es ausgerechnet Mönche, die im Mittelalter die Kunst des Bierbrauens, wenn nicht erfunden, dann zumindest perfektioniert haben. Die Kunst der Destillation von Whisky ist sogar ein ureigenes Produkt von Kirche und Kloster: Iro-schottische Mönche waren es, die anstelle des zuvor aufwändig und teuer importierten Weins erstmals vergorene Getreidemaische destillierten und so die Grundlage der heutigen Whiskykultur schufen. Wenngleich sie das, was sie mit einem aus der Bibel entlehnten Begriff als „Wasser des Lebens“ (vgl. z. B. Offb 22,1) bezeichneten, ursprünglich zur Herstellung medizinischer Tinkturen verwendeten, hatten sie nicht das Geringste dagegen, als ihre Patienten und vielleicht auch sie selbst bemerkten, dass das, was gut tat, auch ganz gut schmeckte. Fortan wurde Whisky – der schottisch-gälische Begriff „Whisky“ bedeutet nichts anderes als „Wasser des Lebens“ – in den Klöstern nicht mehr nur um der Gesundheit, sondern auch um des Genusses willen hergestellt.

Die klösterliche Whiskykultur Schottlands fand erst im Zuge der Reformation ein Ende, als der schottische Reformator John Knox, der bezeichnenderweise schon zu seinen Lebzeiten „Kill Joy“, „Freudentöter“, genannt wurde, die Klöster brandschatzen und die Mönche vertreiben ließ. John Knox propagierte, beeinflusst von der Theologie Johannes Calvins, eine weithin sinnenfeindliche – anders ausgedrückt: leib-, lust- und genussfeindliche Glaubenspraxis, die als Folge von Aufklärung und Säkularisation vom 19. Jahrhundert an auch in der katholischen Kirche wachsenden Zuspruch fand und inzwischen sogar, zumindest in den Augen einer medial geprägten Öffentlichkeit, als typisch katholisch gilt. Dabei sollte man freilich nicht vergessen, dass es sich bei solchen sinnen- und genussfeindlichen Tendenzen letztlich um ein reformatorisches Erbe handelt. Zwar hatte es derartige Tendenzen auch in früheren Zeiten hin und wieder mal gegeben, doch waren sie stets auf Einzelfälle beschränkt und letztlich Episode geblieben.

Aber hat Jesus, ungeachtet seiner häufigen Präsenz bei Feiern und Festen, nicht ein ansonsten äußerst genügsames, ja asketisches Leben geführt? Tatsächlich begann er sein öffentliches Wirken erst, nachdem er „vierzig Tage und Nächte gefastet hatte“ (Mt 4,2) und stand dem Fasten auch sonst positiv gegenüber (vgl. z. B. Mt 6,16). Er hatte „keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen“ (Lk 9,58) konnte und ermahnte seine Jünger, seinem eigenen Beispiel zu folgen und sich nicht zu viele Sorgen um Essen und Kleidung zu machen (vgl. Lk 12,22). Ja, Jesus pflegte in der Tat einen genügsamen, aber eben keinen genussfeindlichen Lebensstil. Es wäre auch ein fatales Missverständnis anzunehmen, Askese und Genuss stünden im Gegensatz zueinander. Tatsächlich ergänzen Askese und Genuss einander und bedingen sich sogar gegenseitig!

Schließlich wäre für den, der nicht zu genießen versteht, ein Verzicht kein Opfer,sondern417e98hCYZL._SX248_BO1,204,203,200_ eine Banalität, so wie umgekehrt nur der etwas wirklich genießen kann, der sich durch Mäßigung und zumindest gelegentlichen Verzicht vor Übersättigung und Überdruss bewahrt. Wer etwas bewusst und in Maßen genießt, der wird früher oder später feststellen, dass nicht die Menge der Maßstab des Genusses ist, sondern die Mäßigung. Eine gute Schule dafür ist zum Beispiel der Genuss guten schottischen Whiskys – und zwar nicht nur aufgrund seines klösterlichen Ursprungs: Denn für den Genuss guten schottischen Whiskys gilt mehr als für jeden anderen Genuss, dass man nicht viel von dem braucht, was man zu genießen beabsichtigt, da jede noch so kleine Menge, jedes Glas, ja jeder Tropfen bereits vollen Genuss zu bieten vermag. Recht verstanden ist darum der Genuss eines Glases guten schottischen Whiskys beinahe so etwas wie eine Frömmigkeitsübung: bietet er doch nichts weniger als einen Vorgeschmack des Paradieses!

Wolfgang F. Rothe ist Doktor der Theologie und des Kirchenrechts. Er wurde 1967 geboren, 1996 zum Priester geweiht und ist derzeit als Seelsorger in München tätig. Unter den Liebhabern vor allem schottischen Whiskys ist er auch als „Whisky-Vikar“ bekannt. Im EOS-Verlag der Benediktinerabtei St. Ottilien erschien jüngst sein Buch „Wasser des Lebens – Einführung in die Spiritualität des Whiskys“.


http://eos-verlag.de/de_DE/wasser-des-lebens/ - Eine Leseprobe erscheint in Kürze auf www.thecathwalk.de
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  1. Wolfgang F. Rothe

    Dann liegt das Missverständnis offenbar im Begriff des Genusses: Ich wage – nach biblischem Vorbild – zwischen zeitlichem (= befristetem und begrenztem) und ewigem (= unbefristeten und unbegrenztem) Genuss zu unterscheiden. Ersterer kann – recht verstanden – zum Vorgeschmack des Letzteren werden.

  2. Wolfgang F. Rothe

    Kann es einen größeren Genuss geben als die Anschauung Gottes?

    • Jep, Wette gewonnen: Heute Nachmittag habe ich mit einem Kollegen um ein Fläschchen Port (extra sweet) gewettet, dass irgendjemand hier zeitnah die Anschauung Gottes als Genuss bezeichnen würde.
      Dass der Autor selbst den Wettgewinn für mich in trockene Tücher bringt, hätte ich niemals nicht zu wagen gehofft!
      Ich verstehe Genuss als einen Akt, ein Ereignis, etwas Befristetes und somit Endliches. Die Anschauung Gottes ist, so hoffe ich jedenfalls – niemand kennt ja Gottes „Outlook-Kalender-Einträge“ und seine Pläne nach dem Jüngsten Gericht im Detail – unbefristet, also ewig. Deshalb mein Einwand.
      Aber noch einmal: Ihr Beitrag gefällt mir sehr, sehr gut, was ich von vielen anderen Donnerstags-Artikeln auf diesem katholischen Laufsteg der Eitelkeiten bisher leider nicht sagen konnte. Konservative römisch-katholische Theologen haben offensichtlich doch sehr häufig mehr Esprit als der ein oder andere, der sein Schreiben als vom Heiligen Geist inspiriert begreift 😉

    • Nepomuk

      Leider ohne Quelle, aber meiner Erinnerung nach haben allerdings die großen Theologen der Kirche die Anschauung Gottes regelmäßig mit Verben wie „frui“ bezeichnet, die landläufig mit „genießen“ übersetzt werden.

  3. Placet! Mit Ausnahme der finalen Konklusion.
    Im Gegensatz zum Paradies der Muslime hat die christliche Paradies-Verheißung nichts mit Genuss zu tun, sondern mit der ewigen Anschauung Gottes, mit der Nähe zu ihm, dem was oben ist und was wir im allgemeinen Himmel nennen. Das Gegenteil ist die Hölle, die Gottesferne, das abgewandt sein von seinem Angesicht.
    Nicht einmal ein 60 Jahre alter Glenfarclas könnte auch nur annähernd imitieren oder uns vorbereiten auf das, was uns erwartet, wenn uns am Jüngsten Tag die Richtung gewiesen wird, die wir uns erhoffen!
    Menno, Dr. Rothe! Ein so „schöner“ weil in sich stimmiger Text! Und dann folgt am Ende dieser ebenso unzulängliche wie unnötige Glorifizierungsversuch eines (noch dazu nongermanischen 😉 ) alkoholischen Kaltgetränks. Manchmal wäre weniger mehr. Hier auch!

    • Nepomuk

      Das Paradies ist aber nicht weniger Genuß, sondern mehr: so nach dem Motto, wen werden schon die geschaffnen Dinge interessieren, wenn er den Schöpfer haben kann.

      (Mit „Vorgeschmack“ wäre ich persönlich auch vorsichtig bzw. würde den Ausdruck allenfalls auf glückliche Momente im Leben anwenden, und dann im Wissen, daß im Himmel noch unvorstellbar viel schöneres kommt; nicht auf eine wohlschmeckende Spirituose, das man vielleicht in dem einen oder anderen dieser schönen Momente trinkt, in anderen aber durchaus nicht…)

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