Dolce & Gabbana und die Freiheit der Musliminnen

Dolce & Gabbana und die Freiheit der Musliminnen

Ein Boykottaufruf kann in Freiheit erfolgen. Der gegen Dolce & Gabbana zeigt allerdings ein eigenartiges Freiheitsverständnis.

Von Felix Honekamp

Schon wieder diese reaktionären Modedesigner aus Mailand: Erst wollten Dolce & Gabbana Homosexuellen keine Kinder gönnen, und jetzt Musliminnen unter einer Burka verstecken! Eigentlich hat Birgit Kelle in ihrem Beitrag „Unterdrückung kommt in (die) Mode“ schon das meiste dazu geschrieben, sehr differenziert und lesenswert. Trotzdem möchte ich ein Thema dazu noch verstärken: Die Frage der Freiheit. Ein Boykottaufruf, wie er mal wieder gegen Dolce & Gabbana ergangen ist, ist zunächst mal für sich durchaus durch die Freiheit gedeckt ist: Jemandem gefällt das Geschäftsgebahren eines Unternehmens nicht, und darum ruft er dazu auf, zukünftig nicht mehr bei einem solchen Unternehmen zu kaufen. Als Konsument kann ich mir dann überlegen, ob ich dem folge, weil ich beispielsweise Kinderarbeit, unnötige Umweltverschmutzung oder Tierversuche nicht auch noch unterstützen will, oder ob mich der Boykottaufruf eher kalt lässt.

Dolce-and-Gabbana-Abaya-collection.FashionParade
Bildquelle: http://fashion-parade.com

Den Freiheitsgedanken dabei zu belassen, wäre allerdings zu kurz gedacht, denn der „normale“ Boykott ist immer auch mit einer moralischen Botschaft verknüpft: Wer noch bei einem solchen Unternehmen kauft, der unterstützt Kinderarbeit, Umweltverschmutzung und Tierversuche! Diesem Druck standzuhalten ist in manchen peer-groups vermutlich gar nicht so einfach. Keine Ahnung, ob Freunde von Elton John noch mit Dolce&Gabbana-Klamotten punkten konnten, nachdem er sich gegen das Paar und seine Einstellung zur Familie geäußert hatte. Formal hat natürlich jeder weiter die Freiheit, eine entsprechende Marke zu tragen, aber die Konsequenzen mögen derart rabiat ausfallen – und in keinem Verhältnis mehr zum Sachverhalt stehen – dass man von wirklicher Freiheit kaum noch reden mag.

Und nun also D&G mit einer Burka-Kollektion. Dieses Kleidungsstück wird vielfach als Zeichen und Instrument der Unterdrückung der Frau im Islam bewertet. Daraus ergibt sich für die Inititatoren zum Boykott die Gleichung: Wer so etwas herstellt, der unterstützt die Unterdrückung der Frauen. Und: Wer bei einem solchen Unternehmen oder von einem Designer kauft, der tut das indirekt auch. Dabei ist schon die erste Prämisse nicht so eindeutig zu beantworten. Klar ist: Wenn eine Frau gegen ihren Willen vom Ehemann oder der Familie gezwungen wird, ihren Körper und ihr Gesicht zu verhüllen, ist es für sie auch keine Erleichterung, wenn die entsprechenden Kleidungsstücke von einem italienischen Designer-Duo in frischen Farben entworfen wurde. Männer, die das tun, unterdrücken Frauen. Als Christ, der von der Würde jedes Menschen, von seiner Gottebenbildlichkeit und seinem gleichen Wert vor dem Herrn überzeugt ist, und auch als freiheitsliebender Mensch, kann man das auch vor dem Hintergrund der Religionsfreiheit nicht gutheißen.

Es gibt aber auch Frauen, die sich ihrem muslimischen Glauben gemäß verhüllen wollen, es in Freiheit und im Glauben selbst so entscheiden. Sollte man die zwingen, den Schleier sogar im privaten Umfeld abzunehmen? Ich bin mit Birgit Kelle einer Meinung, dass eine muslimische Frau, die gegen einen Mann wegen Beleidigung klagt, aber ihr Gesicht vor einem deutschen Gericht nicht zeigen will, keinen Anspruch hat, gehört zu werden. Etwas anderes ist es aber mit der Verhüllung im normalen Alltag – ein immer mal wieder gefordertes Burka-Verbot würde für solche Frauen bedeuten, ihre religiöse Überzeugung nicht zeigen zu dürfen, nicht gemäß ihren religiösen Überzeugungen, mit denen sie niemandem schaden, leben zu dürfen (auch der Grad der Verhüllung mag dabei eine Rolle spielen, aber auf den möchte ich jetzt nicht eingehen). Nun wird kein Burka-Verbot gefordert, aber doch der Boykott eines Unternehmens, das solche Kleidungsstücke – in einer hochpreisigen Variante – herstellt. Wäre ein solcher Boykottaufruf erfolgreich, wären diese Frauen gezwungen, anderswo zu kaufen oder die Kleidungsstücke selbst zu nähen. Formal sind sie natürlich noch immer frei, das zu tun – aber sie werden auch gezwungen, so auszuweichen, weil andere meinen, sie müssten von der Verhüllung befreit werden.

Damit wären wir auch beim klassischen Feminismus angelangt, der noch immer versucht, „die Frauen zu befreien“ – egal ob sie das wollen oder nicht. Auf den Gedanken, dass eine Frau in ihrer Rolle, sei es als Vollzeitmutter oder als gläubige Muslima, glücklich ist, sich in Freiheit dafür entschieden hat und gar nicht befreit werden muss, geschweige denn will, kommen solche Ideologen nicht. Ich will damit gar nicht in Abrede stellen, dass es subtile und weniger subtile Methoden der Unterdrückung, gerade im Islam, gibt. Aber alleine aus der Tatsache der Produktion modischer Burkas darauf zu schließen, dass man die Freiheit eines Menschen geringschätze, ist in sich ein sehr einschränkendes Verständnis von Freiheit. Und alleine daraus, dass man weiter Kunde eines solchen Unternehmens bleiben möchte zu schließen, dass man es mit der Gleichberechtigung und der Freiheit der Frau nicht so genau nehme, ist noch weiter hergeholt. Jeder ist frei, zu einem solchen Boykott aufzurufen, und jeder ist frei, sich zu diesem Boykott nach seinen eigenen Vorstellungen zu verhalten. Der moralische Zeigefinger eines solchen Boykotts weist dennoch auf ein recht eigenartiges Verständnis von Freiheit hin, die nicht dort enden soll, wo sie anderen schadet, sondern dort, wo sie nicht mehr verstanden wird.

Ob Dolce & Gabbana sich über diese Aspekte der Freiheit Gedanken gemacht haben? Oder sehen sie nur den Markt wohlhabender Muslime, während ihnen die Rolle der Frau im Islam herzlich egal ist? Die Boykotteure unterstellen offenbar Letzteres – und vergessen dabei, sich über die Freiheit der Musliminnen Gedanken zu machen. Beides ist nicht gerade ehrenwert – aber ich gebe zu, dass meine Sympathien hier ganz eindeutig bei D&G liegen und bei den Frauen, die freiwillig deren muslimische Mode tragen wollen, um nicht in schwarz-grauem Leinen durch die Gegend laufen zu müssen. Gegen die Unterdrückung der Frauen im Islam sollte man aktiv werden, aber – um Birgit Kelle zu zitieren: „Die Ausbreitung islamischer Vorstellungen von Frauenrechten in Europa wurde nicht durch die bunteren Farben von Kopftüchern, sondern durch jahrelanges Ignorieren eines sich anbahnenden Problems erzeugt.“

IMG_0540Felix Honekamp (*1970) ist ausgebildeter Bankkaufmann und Diplombetriebswirt sowie freier Publizist und Journalist. Seit 2011 betreibt er die Website Papstteuerblog, wo auch dieser Artikel hier erschien.

 

4 KOMMENTARE

  1. Ich finde den Boykottaufruf albern.
    Zunächst einmal richtet er sich ja nur an Leute, die bei Dolce & Gabbana einkaufen können. Das ist eine Minderheit, zu der ich vermutlich nie gehören werde.
    Dann richtet er sich nur an die Leute mit geeignetem Portemonnaie, die überhaupt willens sind, bei D & G einzukaufen. Das sind noch einmal weniger, weil es ja auch um Stil geht und um Lust an einer bestimmten Art teuren Klamotten. Zur Verdeutlichung: Wenn ich richtig viel Geld hätte, würde ich immer noch nicht bei D & G einkaufen, und zwar nicht, weil ich was gegen Schwule oder gegen Moslems oder gegen Leute, die gegen Adoptionsrecht für alle sind, hätte – habe ich nämlich nicht. Sondern weil ich mein Geld lieber für andere Sachen als Designerkleidung ausgebe. Und damit bin ich nicht allein.
    Und schließlich hat der Aufruf so ein Gschmäckle für mich. Er kommt aus einer Ecke, die nicht eben im Ruf steht, tolerant gegenüber katholischen Vorstellungen von angemessener Kleidung zu sein. Mal angenommen, D&G hätten beschlossen, Barbiconi Konkurrenz zu machen? Oder besonders prächtige Mantillas angeboten?

  2. Ich finde den Boykottaufruf albern.
    Zunächst einmal richtet er sich ja nur an Leute, die bei Dolce & Gabbana einkaufen können. Das ist eine Minderheit, zu der ich vermutlich nie gehören werde.
    Dann richtet er sich nur an die Leute mit geeignetem Portemonnaie, die überhaupt willens sind, bei D & G einzukaufen. Das sind noch einmal weniger, weil es ja auch um Stil geht und um Lust an einer bestimmten Art teuren Klamotten. Zur Verdeutlichung: Wenn ich richtig viel Geld hätte, würde ich immer noch nicht bei D & G einkaufen, und zwar nicht, weil ich was gegen Schwule oder gegen Moslems oder gegen Leute, die gegen Adoptionsrecht für alle sind, hätte – habe ich nämlich nicht. Sondern weil ich mein Geld lieber für andere Sachen als Designerkleidung ausgebe. Und damit bin ich nicht allein.
    Und schließlich hat der Aufruf so ein Gschmäckle für mich. Er kommt aus einer Ecke, die nicht eben im Ruf steht, tolerant gegenüber katholischen Vorstellungen von angemessener Kleidung zu sein. Mal angenommen, D&G hätten beschlossen, Barbiconi Konkurrenz zu machen? Oder besonders prächtige Mantillas angeboten?

  3. Zweierlei müssen wir unterscheiden:

    1. das, was wenn wir es selbst tun, Sünde ist – dies darf natürlich kein Christ tun.

    Ein normales Kleidungsstück von einem Fabrikanten, der auch Burkas herstellt, kaufen gehört nicht dazu. Man ist nicht an allem schuld, was ein anderer tut. (Und nein, das Aufrechterhalten von gewöhnlichen und legitimen Geschäftsbeziehungen fällt auch nicht unter „Beteiligung an fremder Sünde“, ebensowenig wie das freundliche Grüßen eines Moslems eine Beteiligung an seinem Unglauben ist.)

    Auch wenn man durchaus vertreten kann, daß die Burka und ähnliche Kleidungsstücke nicht nur ein Symbol des ohnehin falschen Islam, sondern – zumindest die mit Gesichtsverschleierung – auch an sich selber schon falsch sind.

    2. den Boykott im eigentlichen Sinn, also etwas (zur Unterscheidung von Nr. 1) an sich Erlaubtes unterlassen, um einen anderen mit Druck dazu zu bringen, etwas unser Ansicht nach Notwendiges zu tun.

    Klingt hart und sogar nach einem bestimmten Wort, das mit einem Stotterlaut anfängt und mit Pressung aufhört; ich würde dennoch nicht sagen, daß solche Mittel ausnahmslos tabu sein sollten… mit äußerster Vorsicht versteht sich…

    aber da scheint mir doch zu *allermindest* das zu gelten, was die klassische katholische Lehre vom Krieg sagt:

    Man darf keinen Krieg führen, außer man hat u.a. einen gerechten Grund *und* eine *Chance auf Erfolg*! Das dürfte auch für den nichtstaatlich-geführten Handelskrieg gegen ein Unternehmen gelten (denn das ist ein Boykott ja).

    Wenn ein paar versprengte gläubige Christen zu einem Boykott aufrufen und damit nichts bewirken als wieder einmal verspottet zu werden, und nach einem Jahr verläuft die Sache im Sande, weil sich herausstellt, daß man für einen garantiert islamfreien Modehersteller nicht genügend Nachfrage bereitstellt und sich daher doch mit den allgemeingesellschaftlichen Modeherstellern begnügen muß, wenn man denn (teurere) Modeartikel will… worauf man schon auf die Diskussion „unter den Umständen – auch wenn wir an sich keine Amischen sind – muß es eben doch schlichte Kleidung sein“ vs. „wenn es keinen geeigneten Verkäufer gibt, dann darf man auch den ungeeigneten nehmen“ warten kann…

    dann ist gar nichts gewonnen. Gar nichts.

    – Dafür ist natürlich essentiell, zwischen der echten Teilnahme an der Sünde anderer und dem bloßen Boykott des (per hypothesim) Sünders zu unterscheiden. Ersteres darf ein Christ nie, aber eben nur ersteres.

    Und dafür ist es notwendig – ceterum censeo – die gute alte Kasuistik von dem schlechten Ruf zu befreien, den sie zu Unrecht hat.

  4. Zweierlei müssen wir unterscheiden:

    1. das, was wenn wir es selbst tun, Sünde ist – dies darf natürlich kein Christ tun.

    Ein normales Kleidungsstück von einem Fabrikanten, der auch Burkas herstellt, kaufen gehört nicht dazu. Man ist nicht an allem schuld, was ein anderer tut. (Und nein, das Aufrechterhalten von gewöhnlichen und legitimen Geschäftsbeziehungen fällt auch nicht unter „Beteiligung an fremder Sünde“, ebensowenig wie das freundliche Grüßen eines Moslems eine Beteiligung an seinem Unglauben ist.)

    Auch wenn man durchaus vertreten kann, daß die Burka und ähnliche Kleidungsstücke nicht nur ein Symbol des ohnehin falschen Islam, sondern – zumindest die mit Gesichtsverschleierung – auch an sich selber schon falsch sind.

    2. den Boykott im eigentlichen Sinn, also etwas (zur Unterscheidung von Nr. 1) an sich Erlaubtes unterlassen, um einen anderen mit Druck dazu zu bringen, etwas unser Ansicht nach Notwendiges zu tun.

    Klingt hart und sogar nach einem bestimmten Wort, das mit einem Stotterlaut anfängt und mit Pressung aufhört; ich würde dennoch nicht sagen, daß solche Mittel ausnahmslos tabu sein sollten… mit äußerster Vorsicht versteht sich…

    aber da scheint mir doch zu *allermindest* das zu gelten, was die klassische katholische Lehre vom Krieg sagt:

    Man darf keinen Krieg führen, außer man hat u.a. einen gerechten Grund *und* eine *Chance auf Erfolg*! Das dürfte auch für den nichtstaatlich-geführten Handelskrieg gegen ein Unternehmen gelten (denn das ist ein Boykott ja).

    Wenn ein paar versprengte gläubige Christen zu einem Boykott aufrufen und damit nichts bewirken als wieder einmal verspottet zu werden, und nach einem Jahr verläuft die Sache im Sande, weil sich herausstellt, daß man für einen garantiert islamfreien Modehersteller nicht genügend Nachfrage bereitstellt und sich daher doch mit den allgemeingesellschaftlichen Modeherstellern begnügen muß, wenn man denn (teurere) Modeartikel will… worauf man schon auf die Diskussion „unter den Umständen – auch wenn wir an sich keine Amischen sind – muß es eben doch schlichte Kleidung sein“ vs. „wenn es keinen geeigneten Verkäufer gibt, dann darf man auch den ungeeigneten nehmen“ warten kann…

    dann ist gar nichts gewonnen. Gar nichts.

    – Dafür ist natürlich essentiell, zwischen der echten Teilnahme an der Sünde anderer und dem bloßen Boykott des (per hypothesim) Sünders zu unterscheiden. Ersteres darf ein Christ nie, aber eben nur ersteres.

    Und dafür ist es notwendig – ceterum censeo – die gute alte Kasuistik von dem schlechten Ruf zu befreien, den sie zu Unrecht hat.

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