The Cathwalk

Das Onlinemagazin für katholische Lebensart

Amoris Letitia

Gilmoris Laetitia

Tobias Klein

91rG6u-x-kL._SL1500_Gut drei Wochen ist es her, dass ich die alte Braunsche Röhre in der Wohnung meiner Liebsten angeschlossen habe; und ich kann zu Protokoll geben: Fernsehsüchtig sind wir seither beide nicht geworden. Tatsächlich bleibt der Kasten oft tagelang kalt – denn oft dient die Programmzeitschrift in erster Linie dazu, uns vor Augen zu führen, was es so alles gibt, das wir ganz entschieden nicht sehen wollen. Und wenn tatsächlich mal etwas kommt, das anzuschauen vielleicht ganz nett und interessant wäre, man aber zu der Zeit doch irgendwie gerade was Anderes zu tun hat, ist das in der Regel auch nicht schlimm.

Neulich allerdings lief im Disney Channel eine Doppelfolge der Serie Gilmore Girls, und die wollte meine Liebste gern sehen. Also schaute ich mit. — Als diese Serie erstmals ins deutsche Muss ich mir nicht ansehen, dachte ich. Ich erwartete eine oberflächlich glorifizierende Darstellung eines „freundschaftlichen“ Mutter-Tochter-Verhältnisses „auf Augenhöhe“, mit der Botschaft, das so etwas ja viel besser sei als „traditionelle“ Familienkonzepte.

Die Doppelfolge im Disney Channel gefiel mir dann aber überraschenderweise doch recht gut; meine Liebste jedoch, die die Serie schon von früher her kannte, war entzückt und beschloss kurzerhand, bei einer Online-Videothek gleich die ganze erste Staffel zu kaufen. Um die Serie noch einmal schön von Anfang an zu schauen. Mit mir. Inzwischen haben wir die Staffel fast durch – in Etappen von jeweils so ungefähr drei Episoden an einem Abend. Und siehe da, ich mag die Serie. Ich mag sie sehr.

Ort des Geschehens ist eine gleichermaßen malerische wie skurrile Kleinstadt im US-Bundesstaat Connecticut – ein Dorf eigentlich, wo jeder jeden kennt – voller skurriler und eigentümlich sympathischer Charaktere; die Dialoge sind witzig und intelligent, und insgesamt zeichnen sich die Gilmore Girls durch so eine typisch amerikanische Mischung aus Humor und Warmherzigkeit aus, die deutsche TV-Produktionen so einfach nicht hinkriegen. Das Interessanteste an der Serie ist aber tatsächlich die Familiensituation der Gilmores. Zu Beginn der Handlung ist Mutter Lorelai Gilmore 32 und ihre Tochter Rory 16 – wer rechnen kann, ist klar im Vorteil. Lorelai hat ihre Tochter allein aufgezogen und hat sich gleichzeitig zur Geschäftsführerin eines Hotels hochgearbeitet; Rory ist ein ausnehmend kluges, vernünftiges und verantwortungsbewusstes Mädchen, und beide haben ein sehr herzliches Verhältnis zueinander. Die Handlung der Serie setzt damit ein, dass Rory zur Vorbereitung aufs College auf eine teure und exklusive Privatschule gehen will, Lorelai sich aber das Schulgeld nicht leisten kann. Und hier kommen nun die Großeltern ins Spiel – Lorelais wohlhabende und stockkonservative Eltern, mit denen sie sich einst wegen ihrer unzeitigen Schwangerschaft zerstritten hat. Lorelais Mutter Emily erklärt sich bereit, das Schulgeld für ihre Enkelin zu bezahlen – unter der Bedingung, dass Lorelai und Rory sie jeden Freitag zum Dinner besuchen. Da prallen zwei Welten aufeinander – wenngleich sich bald zeigt, dass Rory sich mit ihren Großeltern ziemlich gut versteht, was Lorelai zunächst erheblich irritiert.

Zwischen Lorelai und ihren Eltern gibt es natürlich eine ganze Menge aufzuarbeiten – nachdem die Tochter damals, 16 Jahre alt und schwanger, mit ihrer Familie gebrochen und sich ein eigenes Leben aufgebaut hat. Die Art und Weise, wie die Serie diesen Konflikt und die daraus bei allen Beteiligten resultierenden Verletzungen thematisiert, ist wirklich bemerkenswert. Mehrfach im Verlauf der ersten Staffel wird explizit und ausführlich angesprochen, dass es einerseits niemand – nicht Lorelais Eltern, nicht der Kindsvater und dessen Eltern und auch nicht sie selbst – gut fand, dass sie so früh (und unehelich) schwanger wurde, daraufhin die Schule abbrechen musste etc.; das zeigt sich u.a. auch darin, dass Lorelai ihre Tochter nach Kräften davor bewahren will, dass es ihr ähnlich ergehen könnte. Gleichzeitig sind aber nun, 16 Jahre später, alle Beteiligten ausgesprochen glücklich und froh darüber, dass es Rory gibt. Rein logisch betrachtet ist das ein Paradox – das sich nur auflösen lässt durch Liebe. Daran musste ich denken, als ich gestern in meiner Lektüre des vieldiskutierten nachsynodalen Schreibens Amoris Laetitia von Papst Franziskus in Kapitel 5 – „Die Liebe, die fruchtbar wird“ – ankam und die Zeilen las:

„Die Familie ist nicht nur der Bereich der Zeugung, sondern auch der Annahme des Lebens, das ihr als Geschenk Gottes begegnet. Jedes neue Leben gestattet uns, »die unentgeltliche Dimension der Liebe zu entdecken, die nie aufhört, uns in Staunen zu versetzen. Es ist die Schönheit, zuerst geliebt zu sein: Die Kinder werden schon geliebt, bevor sie ankommen.« […]

Wenn ein Kind unter nicht beabsichtigten Umständen zur Welt kommt, müssen die Eltern oder andere Familienmitglieder alles ihnen Mögliche tun, um es als Geschenk Gottes zu bejahen und um die Verantwortung zu übernehmen, es mit Offenheit und Wohlwollen anzunehmen.“ (AL 166)

Ein Kind, so erinnert uns Papst Franziskus hier, ist immer und unter allen Umständen ein Geschenk Gottes – von Anfang an geliebt von Dem, Der es „gewoben [hat] im Schoß [s]einer Mutter“ (Psalm 139,13). „Jedes Kind liegt Gott von jeher am Herzen, und in dem Moment, in dem es empfangen wird, erfüllt sich der ewige Traum des Schöpfers“ (AL 168). Und darum verdient es jedes Kind, auch von seiner irdischen Familie von Anfang an geliebt zu werden. Auch wenn es ungelegen kommt, wenn es Schwierigkeiten bereitet (im Ernst: Welches Kind täte das nicht, auf die eine oder andere Weise?) – „ob es deinen Plänen und Träumen entspricht oder nicht“ (AL 170); auch dann, wenn es ganze Lebenspläne über den Haufen wirft — und, wohlgemerkt, auch dann, wenn es in (im Sinne der katholischen Sittenlehre) irregulären Situationen gezeugt und geboren wird. Auch wenn wir Menschen in unserem Leben krumme Zeilen ziehen, kann Gott darauf gerade schreiben. Das zeigt die Serie Gilmore Girls – auch wenn darin selten explizit von Gott die Rede ist – sehr schön und eindringlich.

Der Artikel erschient auf dem Blog Huhn meets Ei (hey hey, my my) – Herzensergießungen über Glaube, Kirche und Gesellschaft, Kinder- und Jugendliteratur, Reality-TV, Werbesprache, Rockmusik... sowie Momentaufnahmen aus dem Alltag von Dr. Tobias Klein

Siehe auch: Liebesfreuden in New York von Josef Jung

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  1. cathwoman

    „Der Garderobenständer!“ – „Die Fische fliegen bei Nacht!“

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