Von Illusionen und Desillusionen

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Vor 400 Jahren starb Don Quijotes Schöpfer, der Schriftsteller Miguel de Cervante

MADRID (The Cathwalk). – Cervantes zählt neben Homer, Dante, Shakespeare und Goethe zu den fünf Großen der europäischen Literatur. Mit seinem Don Quijote hat er den modernen Roman erfunden und eine der herrlichsten Figuren der Weltliteratur geschaffen. Auch 400 Jahre nach seinem Tod ist er aktueller denn je.

Don-Quijote

Es gibt im Gedächtnis der Menschen und Kulturen Geschichten, die eine besonders mythische Kraft besitzen. Sie überdauern die Zeiten und bilden den Urstoff des Erzählens. Das Gilgamesch-Epos, die Odyssee, der Sagenkreis um König Artus und das Nibelungenlied gehören ebenso dazu wie Tausendundeine Nacht oder die Geschichte von Don Quijote, dem Ritter von der traurigen Gestalt.

Als am 22. April 1616 Miguel de Cervantes starb, war er zwar total verarmt und in der (literarischen) Versenkung verschwunden. Als Schöpfer nicht nur des „Don Quijote“, sondern auch der farbigen „Exemplarischen Novellen“ und gesellschaftskritischer Lustspiele sowie galanter Ritter-und Liebesromane bleibt sein Werk nicht nur vielfältig, sondern spiegelt auch das Spanien seiner Zeit wider.

Freiheitskämpfer, Anti-Held und literarische Modellfigur

1605, Cervantes war bereits 57 Jahre alt, erschien der erste Teil des Don-Quijote-Werkes. Ein damals in zwei Bänden (1615 erschien der zweite Teil) herausgegebener Roman, der nach der Bibel zum meistverbreiteten Buch der Welt und in mehr als 70 Sprachen übersetzt wurde. Der Ritter mit seiner traurigen Gestalt und der fette Sancho Panza auf seinem Esel – ein archetypisches Paar und ein Fleisch gewordener Kontrast zwischen dem visionären Idealisten und dem bauernschlauen Realisten.

Was ist das Geheimnis dieses Romans über die tragikomischen Erlebnisse des „Don Quijote von der Mancha“, wie er von Cervantes getauft wurde? Vielleicht, dass der schlaksige Ritter Quijote, begleitet von seinem dickleibigen Knecht Sancho Panza, ein unbeirrbarer, obgleich verwirrter Vorkämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit war. Eine Art Antiheld, dessen gut gemeinter Tatendrang meist mit Niederlagen gestoppt wurde. Uns dessen Abenteuer als ironische Beschreibung der damaligen Gesellschaft gelten.

Der Roman hat jedenfalls eine Figur geschaffen, die sich immer dann besonders vermehrt, wenn attraktive aber veraltete Ideologien ins Koma fallen und überalterte Lebensformen gespenstisch werden. Entsprechend hat unsere Zeit besonders viele Don Quijotes gesehen.

Zugleich ist es der erste bedeutende literarische Roman, der selbst die illusionsstiftende Wirkung der Romane vorführt und darin selbstbezüglich und zugleich realistisch wird. Er setzt sich von den Ritteremanzen ab und – indem er sie veralbert – beglaubig er sich selbst als Realistisch. Der Don Quijote hat Modellbildend gewirkt und sein Schema ist vielfach imitieret worden.

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Textauszug

8. Kapitel: Von dem glücklichen Erfolg, den der mannhafte Don Quijote bei dem erschrecklichen und nie erhörten Kampf mit den Windmühlen davontrug, nebst andern Begebnissen, die eines ewigen Gedenkens würdig sind

Indem bekamen sie dreißig oder vierzig Windmühlen zu Gesicht, wie sie in dieser Gegend sich finden; und sobald Don Quijote sie erblickte, sprach er zu seinem Knappen: „Jetzt leitet das Glück unsere Angelegenheiten besser, als wir es nur immer zu wünschen vermöchten; denn dort siehst du, Freund Pansa, wie dreißig Riesen oder noch etliche mehr zum Vorschein kommen; mit denen denke ich einen Kampf zu fechten und ihnen allen das Leben zu nehmen. Mit ihrer Beute machen wir den Anfang, uns zu bereichern; denn das ist ein redlicher Krieg, und es geschieht Gott ein großer Dienst damit, so böses Gezücht vom Angesicht der Erde wegzufegen.“

„Was für Riesen?“ versetzte Sancho Pansa.

„Jene, die du dort siehst“, antwortete sein Herr, „die mit den langen Armen, die bei manchen wohl an die zwei Meilen lang sind.“

„Bedenket doch, Herr Ritter“, entgegnete Sancho, „die dort sich zeigen, sind keine Riesen, sondern Windmühlen, und was Euch bei ihnen wie Arme vorkommt, das sind die Flügel, die, vom Winde umgetrieben, den Mühlstein in Bewegung setzen.“

„Wohl ist’s ersichtlich“, versetzte Don Quijote, „daß du in Sachen der Abenteuer nicht kundig bist; es sind Riesen, und wenn du Furcht hast, mach dich fort von hier und verrichte dein Gebet, während ich zu einem grimmen und ungleichen Kampf mit ihnen schreite.“

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha – Erstes Buch; Übersetzung von Ludwig Braunfels

Nur wer wild lebt, kann wilde Bücher schreiben – 1616 starb der spanische Dichter, der uns mit Don Quijote und Sancho Pansa die kühnsten Helden der Weltliteratur hinterließ. Doch wer war Cervantes? Eine neue Biografie gibt Aufschluss.
Im Schatten von Cervantes – Vierhundert Jahre nach dem Tod des Verfassers von „Don Quijote“ ist die Magie seines Buches so lebendig wie je. Kein anderer Roman hat eine solche Faszination auf andere Schriftsteller ausgeübt. Jeder hat ihn gelesen, doch jeder anders.

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