Start Allgemein Keine kalte „Schreibtisch-Moral“ entfalten

Keine kalte „Schreibtisch-Moral“ entfalten

Autor

Datum

Kategorie

Eine Replik auf Georg Dietleins Beitrag über Selbstbefriedigung und Pornographie

von Josef Jung

 MÜNSTER (The Cathwalk am Sonntag). – Die jüngsten Ausführungen über Selbstbefriedigung, Pornographie und Sexualität von Georg Dietlein lassen die Frage aufkommen, was aus dem Ratschlag von Papst Franziskus wurde, Evangelium und Gnade nicht „zu toten Steinen zu machen […] mit denen man die anderen bewerfen kann“. Die Lehre der Kirche ist komplexer als es platte Verurteilungen sind.

Die kirchliche Sexualmoral – Quellen und Entwicklungen

060208_lead_newDie heute gültige katholische Lehre über Sexualität wird vor allem in der Enzyklika „Humanae vitae“ (1968) Pauls VI., der Erklärung der Glaubenskongregation „Persona humane“ (1970) von Ratzingers Vorgänger in der Glaubenskongregation Franjo Kardinal Seper und in dem aktuellen Katechismus der katholischen Kirche entfaltet. Vom Katechismus liegen zwei verschiedene Versionen vor, eine „blaue“ von 1992, und eine „rote“ Neuübersetzung von 1997.

Das erste Mal, dass sich in der Moderne ein Papst in einer Enzyklika intensiv mit der katholischen Sexuallehre auseinandersetze, vor allem über Verhütungsmittel, war in „Casti Connubi“ (1930). Die Enzyklika wurde in der Epoche der neuscholastischen Methode geschrieben. Das heißt, dass der Sexualethik eine Vernunft zugrunde gelegt wird, die aus einer finalistischen Biologie hergeleitet wird. Da Gott der Schöpfer der Welt ist und als solcher, so die Lehre, erkannt werden kann, könne man auch aus der Biologie herleiten, was der Wille Gottes sei. Ziel ist es, möglichst konkrete Aussagen zu treffen. Die Enzyklika trifft in Bezug auf Verhütungsmittel daher die Aussage:

„Was gegen die Natur ist, kann nicht mit der Natur in Übereinstimmung gebracht werden. Da aber der eheliche Akt nach seiner Natur zur Zeugung des Kindes bestimmt ist, handeln diejenigen, welche bei seiner Ausführung absichtlich den Akt seiner natürlichen Kraft und Qualität berauben, gegen die Natur [contra naturam], schimpflich und in sich schlecht.“ (DH 3700–3724, hier 3716)

Wichtig ist vor allem die Formulierung „gegen die Natur“, im lateinischen Original: „contra naturam“. Hier wird Moral aus einem angenommenen biologischen Ziel, das als Wille Gottes gesetzt wird, verstanden.

Paul VI. verwendet nun in seiner Enzyklika „Humanae vitae“ (1968) ebenfalls personale Argumente, hält aber an der zentralen Aussage Pius XI. fest, die er jedoch neu formuliert:

„Wenn jemand daher einerseits Gottes Gabe genießt und anderseits – wenn auch nur teilweise – Sinn und Ziel dieser Gabe ausschließt, [Fortpflanzung] handelt er somit im Widerspruch zur Natur des Mannes und der Frau und deren inniger Verbundenheit; er stellt sich damit gegen Gottes Plan und heiligen Willen.“ (Paul VI, Humanae vitae)

„Im Widerspruch zur Natur“ ist also die Wiederbelebung des „contra naturam“ Argumentes. Davon abgeleitet sind dann alle Formen der Sexualität Sünde, die nicht in der Ehe stattfinden und offen für Nachkommenschaft sind. Verhütungsmittel sind päpstlich gesehen jedoch erlaubt, wenn sie als „natürlich“ gelten, da Natur mit dem Willen Gottes gleichgesetzt wird.

Aus dieser Hermeneutik betrachtet, kann es keinen Raum für Selbstbefriedigung und Sexualität mit Verhütungsmitteln wie Kondomen geben. Die Erklärung Persona humana sagt dazu:

„sehr oft wird heute auch die überlieferte katholische Lehre, wonach die Masturbation einen schweren Verstoß gegen die sittliche Ordnung darstellt, in Zweifel gezogen oder ausdrücklich geleugnet. Man behauptet, daß Psychologie und Soziologie den Beweis dafür erbringen, daß es sich dabei, vor allem bei den heranwachsenden Jugendlichen, um eine normale Erscheinungsform geschlechtlicher Entwicklung handelt. Eine tatsächliche und schwere Schuld würde nur insoweit vorliegen, als der Handelnde mit freiem Willen einer in sich abgekapselten Selbstbefriedigung (»Ipsation«) nachgeben würde, da in diesem Fall die Handlung von ihrem Wesen her der liebenden Vereinigung zweier Personen verschiedenen Geschlechtes entgegengesetzt wäre, die nach manchen Autoren das Hauptziel beim Gebrauch der Geschlechtskraft ist […] Diese Auffassung widerspricht der Lehre und pastoralen Praxis der katholischen Kirche. Was auch immer der Wert gewisser Argumente biologischer oder philosophischer Natur sein mag, deren sich die Theologen mitunter bedient haben, Tatsache ist, daß sowohl das kirchliche Lehramt in seiner langen und stets gleichbleibenden Überlieferung als auch das sittliche Empfinden der Gläubigen niemals gezögert haben, die Masturbation als eine zuinnerst schwer ordnungswidrige Handlung zu brandmarken.“ (Seper, Persona humana)

Der Katechismus der katholischen Kirche spricht dementsprechend bei der Masturbation von einer schweren Ordnungswidrigkeit. Damit diese Aussage verstanden werden kann,  ist es wichtig die Naturauffassung der Kirche im Hintergrund zu haben. Allerdings werden über die konkrete Schuld unterschiedliche Aussagen getroffen, der “blaue“ Katechismus“ (1992) spricht noch davon, dass unter bestimmten psychologischen Bedingungen die Schuld eventuell aufgehoben sei, während der „rote Katechismus“ (1997) dies wieder insoweit zurücknimmt, als dass die Schuld gegebenenfalls „auf ein Minimum“ reduziert werden könne.

Im Grundsatz wird an der Sündhaftigkeit von allen Formen der Sexualität, die nicht Geschlechtsverkehr ohne künstliche Verhütungsmittel sind, festgehalten. Die Päpste begründen dies mit einem bestimmten Verständnis von Natur und Vernunft.

Die Humanwissenschaften

Wie das Schreiben „Persona humana“ bereits zeigt, ist die katholische Sicht nicht die, die in der überwiegenden Mehrheit der heutigen Humanwissenschaften vertreten wird. Weder wird von einem „göttlichen Ziel“, ausgegangen, noch ein biologistischer Finalismus angenommen, der Selbstbefriedigung und künstliche Verhütungsmittel als „gegen die Natur“ ansehen müsse. Das zugrundeliegende Menschenbild gründet auf Evolution, Empirie und kulturellen Betrachtungen. Nach den Maßgaben der Weltgesundheitsorganisation gilt nur „exzessive Masturbation“ als behandelbar- insofern es sich um eine Störung handeln könne. Man kann die humanwissenschaftlichen Aussagen wegen des Fehlens von Glaubensaussagen über Gott als religionslos abstempeln und ignorieren, doch ignoriert man damit, dass die katholische Morallehre nicht Glaubensaussagen treffen will, sondern Vernunftaussagen, deren Quellen zwar im Glauben liegen können, im Grundsatz jedoch keine Glaubenslehre darstellen. Das Argument „gegen die Natur“ kann daher nur gelten, wenn es wissenschaftlich stimmt. Es handelt sich also um die Frage, was Natur ist.

So behauptet der Arzt August Wilhelm von Eiff, dass der Mensch wie Primaten, schon aus biologischer Sicht gar nicht mehr nur auf Fortpflanzung eingestellt sei:

„Dabei erkennt man, daß es nur für einen Teil der Evolution zutrifft, daß der Sexualtrieb ausschließlich dazu da ist, die Fortpflanzung zu gewährleisten. Denn bei höherentwickelten Tieren – in Affenuntersuchungen wurde dies experimentell bewiesen – kommen auch außerhalb des Ovulationstermins gehäuft Kopulationen vor.“

Das dominierende innere Ziel des Sexualtriebs beim Menschen sei nicht der Wunsch nach Fortpflanzung. Durch die Entwicklung des Gehirns sei es möglich, Sexualität nicht als reine Instinkthaltung anzusehen. Zur existenziellen Sinndeutung der Sexualität seien daher zwei Entwicklungen zu berücksichtigen:

„1. die Tendenz in der Evolution, daß der Sexualtrieb auch völlig unabhängig von seiner Fortpflanzungsfunktion wirksam sein kann; 2. die Potenzen des Gehirns, die das Individuum zur Person und damit liebesfähig machen.“ Der Hauptzweck liege aus physiologischer Sicht in der Hilfe des Partners. (EIFF, August Wilhelm von, Empfängnisverhütung als wirksame Vorbeugung gegen Abtreibung, in: DERS. (Hg)., Verantwortung für das menschliche Leben (Schriften der katholischen Akademie in Bayern Bd. 144), Düsseldorf 1991, S. 10–32)

Kulturelle Aspekte

Was man heute ebenfalls berücksichtigen muss, ist die kulturelle Dimension. Die päpstliche Lehre, wird gesellschaftlich abgelehnt. Wer danach lebt und sich dazu offen bekennt, ist in der Mehrheitsgesellschaft ein klarer sozialer Außenseiter.

„Studien […] zeigen, […] dass Mädchen und Jungen die ersten homo- oder heterosexuellen Erfahrungen in der Regel zwischen dem 13. und 18. Lebensjahr machen“ (STRAUSS, Bernd, Sexualität, in: Lexikon der Psychologie 4 (2001), S. 155–159, hier 158.)

Das zeigt, dass es nicht um einfache Antworten und Todschlagargumente gehen kann, denn dazu sind sowohl Thema als auch gesellschaftliche Wirklichkeiten zu komplex. Da es in der Lehre um Vernunft geht, ist eine Auseinandersetzung mit Medizin und Humanwissenschaften unerlässlich.

 

 

 

4 Kommentare

  1. Nur daß der gewöhnliche Katholik einfache Antworten und griffige Argumente *braucht*.

    Und der Nichtkatholik, dem aus löblichem allgemein-menschlichen Interesse und vielleicht auch aus einem verborgenen Zug zum Glauben heraus daran gelegen ist, einmal genau zu wissen, was denn nun so ein Katholik genau tun muß oder was nicht, der auch.

    Es ist richtig, daß die Kirche das mehr oder weniger ganze sechste Gebot für naturrechtlich hält, d. h. nicht nur deswegen geltend, weil der Herrgott in seinem unendlichen Machtanspruch das nuneinmal so befohlen hat (was aber, dies sei einmal angemerkt, offensichtlich *auch* der Fall ist und für sich allein schon genügen würde!), sondern weil es „aus der Natur der Sache heraus bereits folgt“. Übrigens nicht erst seit Casti connubii, sondern schon im 17. Jahrhundert hat ein Papst bereits den Satz verworfen, die Masturbation sei lediglich im göttlichen Recht verboten und wäre ohne dieses Verbot erlaubt. Für einen großen Teil des Rechts wird man dann wohl „a fortiori“ argumentieren können.

    Man darf aber „Natur“, was ein philosophisch-scholastischer Begriff ist, keineswegs mit dem aktuellen Stand der (Natur-)Wissenschaft verwechseln, zumal wenn es sehr viele gute Gründe für die Annahme gibt, daß die Wissenschaft bei diesem Thema nicht so unvoreingenommen ist, wie sie es gemäß reiner Lehre sein sollte.

    >>Das Argument „gegen die Natur“ kann daher nur gelten, wenn es wissenschaftlich stimmt.

    Das ist dann richtig, wenn wir über die vollendete, fehlerfreie, unvoreingenommene und von den richtigen Prämissen ausgehende Wissenschaft sprechen. Das tun wir aber nicht.

    Einstweilen gilt hier der Ratschlag vom sel. John Henry: „[Der Theologe] ist sicher, und nichts wird ihn daran zweifeln lassen, daß wenn ein Astronom, Geologe, Chronologe, Antiquar oder Ethnologe [oder Biologe oder Anthropologe] irgendetwas herausfindet, das den Dogmen des Glaubens widerspricht, daß dieser Punkt sich einmal herausstellen wird als, Nr. 1, nicht wirklich bewiesen oder, Nr. 2., nicht wirklich im Widerspruch oder, Nr. 3, nicht wirklich ein Dogma betreffend, sondern nur etwas, das mit dem Offenbarten verwechselt [confused with] wurde. Und wenn es momentan widersprüchlich ausschaut, dann begnügt er sich damit zu warten, im Wissen, daß der Irrtum wie andere Delinquenten ist: man gebe ihm genügend Seil, und er wird sich als in hohem Maß suizidal herausstellen. Natürlich wird er trotzdem seinen Teil dazu beitragen, zu dem zukünftigen Selbstmord [des Irrtums] beizutragen, ihm nicht nur genügend Seil geben, sondern ihm auch zu zeigen, wie er das Seil bedienen und anbringen soll…“ (IdeaUni II/8/4)

    Ob die Kirche bei dem Thema momentan in Argumentationsnöten ist oder nicht, ist sicherlich von akademischem und mittel- und längerfristig auch von missionarischem Interesse. Sicherlich: wenn die Kirche meint, daß die widernatürlichen Akte schon im Naturrecht verboten sind – und das tut sie – dann wird es in einer perfekten Welt auch eine zwingende Argumentation dafür geben.

    Das heißt aber nicht, daß man, wenn man diese momentan nicht finden kann, zumal wenn es um etwas geht, das *zumindest* klare, feste Kirchenlehre ist und bei dem man sogar über das Merkmal der Unfehlbarkeit (ordentlichen Lehramts) nachdenken kann, dies einstweilen ignorieren könnte.Also, mit Verlaub:

    >>Der Katechismus der katholischen Kirche spricht dementsprechend […] wohlgemerkt, hier ist es wichtig die Naturauffassung der Kirche im Hintergrund zu haben.

    -> für den praktischen Anwender eher nicht.

    Vor allem, weil *dem* ja auch mit einem „so ganz sicher ist das nicht“ überhaupt nicht gedient ist. Über eine Erlaubnis à la „der Papst sagt, ab morgen dürft ihr euch selbst befriedigen“ (und zwar nicht unter soviel Worten begraben wie in Amoris laetitia) würde der sich vielleicht ja freuen (dies ist ein hypothetisches Fallbeispiel!), aber ein „man muß hier die Naturauffassung der Kirche im Hintergrund haben, die zur Begründung dient, und vielleicht könnte man da das eine oder andere auch anders sehen“ (wenn das denn so wäre) bringt im genau: gar nichts.

    —–

    Übrigens: auch heute wird man noch bei vielen Leuten Zustimmung dafür finden – wenn man sie nur einmal in einem unvoreingenommenen Moment erwischt! – daß (man entschuldige die Direktheit) Sex mit Kondom kein richtiger Sex ist. Und das vielleicht auch das Herumhantieren mit anderen künstlichen Verfälschungsmitteln zumindest nicht ideal ist.

    >>Die päpstliche Lehre, wird gesellschaftlich abgelehnt. Wer danach lebt und sich dazu offen bekennt, ist in der Mehrheitsgesellschaft ein klarer sozialer Außenseiter. […] Das zeigt, dass es nicht um einfache Antworten und Todschlagargumente gehen kann, denn dazu sind sowohl Thema als auch gesellschaftliche Wirklichkeiten zu komplex.

    Nö, gerade *das* zeigt wenn-überhaupt das Gegenteil, nämlich daß es einfache Antworten und wenn’s unbedingt sein muß (so wie die Menschen nunmal so sind) auch Totschlagargumente *braucht* (auch wenn ich Totschlagargumente nicht besonders mag^^), um nämlich wenigstens in der Außenseiterminderheit Geschlossenheit herzustellen.

    Irgendwen muß der Christ schließlich (man entschuldige die Direktheit) auch zum Heiraten finden; ins Kloster sollte man idealerweise aus Verzicht gehen und nicht, weil man in der heutigen Zeit eh ohne Moralkompromisse keinen Partner fände…

    Dennoch:

    >>Da es in der Lehre um Vernunft geht, ist eine Auseinandersetzung mit Medizin und Humanwissenschaften unerlässlich.

    Das ist natürlich zu einhundert Prozent richtig.

    Es sollten dabei nur keine falschen Eindrücke entstehen. (Die alte Sitte, diese Thematik auch in volkssprachlichen Lehrbüchern auf Latein abzuhalten, war vielleicht doch gar nicht so schlecht 😉 )

    • Insgesamt aber ein sehr interessanter Artikel, der mir im Tonfall ein gutes Stück besser gefällt als die von Herrn Dietlein – dem stimme ich dafür offensichtlich im Ergebnis mehr zu 😉

  2. Wenn auch kurz, eine sehr sauber geschriebene Analyse, mit der man einen Rahmen für die Diskussionen hat

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Neue Artikel

Briefe an Leonie: Der Blog für Frauen

Maria Schober schreibt seit 2 Jahren die erfolgreiche Fortsetzungsgeschichte Briefe an Leonie. Der Cathwalk hat mit der Autorin darüber gesprochen:

Erst Knast, dann Christ: Mark Wahlberg

Mark Wahlberg hat mit dem Erzbischof von Chicago, Kardinal Cupich, über seine Bekehrungsgeschichte gesprochen: "Ich bin ein Straßenkind aus...

Kompass ohne Norden: Die Moderne zeigt die Notwendigkeit der Tradition

Der Künster Prinz Pi hat im April 2014 die Single "Kompass ohne Norden" veröffentlicht. In diesem Lied macht er deutlich, dass die...

11. Februar: Unsere Liebe Frau in Lourdes

TAGESGEBET Barmherziger Gott, in unserer Schwachheit suchen wir bei dir Hilfe und Schutz.

Kardinal Müller: Manifest gegen die Zerstörung des Glaubens

Datiert auf den 10. Februar 2019, hat Gerhard Ludwig Kardinal Müller ein Manifest mit dem Titel "Euer Herz lasse sich nicht verwirren"...