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BERLIN, (The Cathwalk). – Martin Voigt, FAZ-Autor und Gerhard-Löwenthal-Preisträger beschreibt in seinem aktuellen Buch die Lebenswelt einer Generation, die mit sozialen Medien aufwächst. Längst unterscheiden Schüler nicht mehr in eine online- und eine offline-Realität. So wie sie sich auf Facebook & Co inszenieren, wollen sie von ihren Freunden auch wahrgenommen werden. Dass neue Medien das Sozialverhalten von Teenagern beeinflussen, ist allerdings nicht Voigts Schlussthese sondern sein Ansatzpunkt. Das erste Mal entsteht für die Jugendforschung die Situation, dass eine gesamte Altersgruppe ihre Selbstbilder, ihre Stimmungen und ihre sozialen Strukturen im Schulalltag öffentlich präsentiert.

Zahllose Selbstdarstellungen wirken wie eine Suche nach emotionalem Halt und Beachtung: Das Smartphone wird besonders für Mädchen zur Nabelschnur in ihre schulische Kuschelgruppe. 14-jährige Mädchen machen reihenweise Selfies mit Kussmund, groß geschminkten Kulleraugen und Dekolleté, um in ihrer Clique als süß. und sexy zu geltenDeutlich sind die Einflüsse der nur wenige Klicks entfernten Porno-Angebote zu spüren. Voigt entschlüsselt die Symptomatik einer Verwahrlosungstendenz, vor der Christa Meves lange gewarnt hat.

Teenager, die in Ganztagsschulen und emotional belasteten Familienverhältnissen aufwachsen, gleiten laut Voigt nicht zwangsläufig in Extreme ab, wie die „Kinder vom Bahnhof Zoo“. Der Jugendforscher sucht vielmehr nach dem gemeinsamen soziographischen Nenner der im Netz besonders aktiven Schulmädchen. Symbiotische Mädchenfreundschaften und sexualisierte Ich-Entwürfe deuten auf Selbstunsicherheiten hin, die bereits in familiären Bindungserfahrungen ihren Ausgangspunkt haben können.

Ob zu Hause, vor der Schule, eigentlich überall – die Situation in Deutschland oder anderen Ländern macht keinen Unterschied: vor allem junge Mädchen scheinen mit ihrem Smartphone verwachsen zu sein. Von früh bis spät polieren sie ihren Auftritt, halten Kontakt zur Clique und inszenieren ihre Mädchenfreundschaften. Längst heißt es ich liebe dich sooo sehr und nicht mehr bussi, hdl.

Zuerst waren Soziale Netzwerke wie SchülerVZ oder lokalisten beliebt, dann kam Facebook, momentan stehen WhatsApp und Instagram hoch im Kurs. Doch die Motivation hinter der Selbstdarstellung ändert sich nicht. Hübsch aussehen und beliebt sein sind die zentralen Identitätsbausteine. Selbstbilder à la ich bin ein Star, holt mich hier raus ziehen sich durch eine ganze Generation. Trifft die Pubertät auf moderne Medien, oder steckt mehr dahinter? Eine Frage, die Jugendforscher Martin Voigt so oft zu hören bekam, dass er im Anschluss an seine Dissertation noch ein Buch schrieb: Mädchen im Netz – süß, sexy, immer online.

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Im Bann permanenter Interaktion. „Was Datenschützer auf die Palme bringt, ist für Mädchen ein Eldorado,“ so Jugendforscher Martin Voigt.

Anstatt mit der Tür ins Haus zu fallen oder gar voreilig in das Klagelied über eine verdorbene Jugend einzustimmen, widmet sich das bei Springer Spektrum erschienene Buch zunächst einer soziologischen Bestandsaufnahme. Mit viel Tiefgang in die Empirie beschreibt Voigt, wie die neuen Möglichkeiten zur Selbstdarstellung vor allem bei Mädchen immer mehr verfingen. Das große Kapitel Von Daddys PC zum eigenen Smartphone bietet einen fundierten Überblick von den ersten Online-Netzwerken, als noch alles neu und aufregend war, bis heute, da nun jede Fünftklässlerin über ihr Smartphone permanent mit ihren freundiiis verbunden ist. Als immer mehr Mädchen anfingen, ihre Freundschaftsverhältnisse im Netz öffentlich zur Schau zu stellen und mit großen Gefühlen auszuschmücken, setzte das landesweit eine Welle der kitschigen Emotionalisierung von Mädchenfreundschaften frei, die in einem regelrechten Kult um die allerbeste Freundin ihren Höhepunkt erreichte.

Der Einfluss sozialer Medien auf das Verhalten von Teenagern würde für sich schon Stoff für mehrere Bücher bieten, doch der Leser merkt schon im ersten Teil des Buchs, dass es der Autor auf die größeren Zusammenhänge abgesehen hat. Der Beschreibung der Oberflächenphänomene folgt im zweiten Teil dann auch eine sozialpsychologische Analyse, die sich in die Interpretation gesellschaftlicher Prozesse einordnet, wie wir sie von Christa Meves, Gabriele Kuby oder Hans Joachim Maaz kennen.

„Mädchen legen auffallend viel Wert auf ihre Selbstdarstellung. Täglich neue Selfies und Liebesschwüre zwischen Freundinnen moderieren das soziale Ranking“ beschreibt Voigt die Dynamik in online vernetzten Schulklassen. Likes und Kommentare zu den Selfies – süße du bist sooo hübsch!! – sind die Gradmesser für Beliebtheit, vor allem in den unteren Jahrgangsstufen.

Zwischen Selfie-Wahn und Ganztagsschule

Hinter dem Überschwänglichen steht die Angst, in der Gruppe an den Rand zu geraten. „Kommen Sie nicht auf die Idee, einer 14-Jährigen das Handy wegzunehmen. Der dauerhafte Kontakt zu ihren Freundinnen ist Rückversicherung und emotionale Basis im langen Schulalltag,“ erklärt Voigt, der soziale Medien lediglich als Bühnen betrachtet, die nicht für die Ich-Entwürfe der Teenager verantwortlich sind.

Die Ursachen sexualisierter Schönheitsideale oder des Zwangs, ständig online sein zu müssen, liegen tiefer. „Wir können nicht den Smartphones die Schuld dafür geben, dass zum Beispiel Sexting ein unter Teenagern weit verbreitetes Phänomen ist,“ sagt Voigt.

Auch der Sammelbegriff ‚Pubertät‘ könne nicht für alles herhalten, was unbequeme Fragen aufwirft. Teenager würden sich zunehmend unter Gleichaltrigen sozialisieren und ihr Wertefundament entsprechend ausbilden, so Voigt, doch eine ausgereifte Identität brauche starke vertikale Wurzeln:

„Welchen Halt haben Kinder, die von klein auf in Ganztagseinrichtungen wegorganisiert werden?“ Mit Artikeln in der FAZ über die Selbstsexualisierung von Mädchen und die moderne Sexualpädagogik hatte Voigt bereits für Aufsehen gesorgt.

Große Gefühle – tiefe Unsicherheit

Deutschlandweit zu beobachtende Beschwörungen und Verlustängste wie „nie wieder ohne dich, ich will dich niiiee wieder verlieren, ich will nur DICH“ in den Online-Gästebüchern allerbester Freundinnen sieht der Jugendforscher nicht nur als modernes Ausgestalten von Freundschaften sondern auch als Ausdruck mangelnder emotionaler Zuwendung und Bestätigung.

Mit einer vielschichtigen Klärung des Begriffs ‚Sexualisierung‘ nähert sich Voigts Analyse dem way of life einer Gesellschaft, die Minderjährigen den Gebrauch von Verhütungsmitteln nahelegt und das Beenden von intimen Beziehungen als wichtige Erfahrung auf dem Weg zum Erwachsenwerden ansieht. Während Medienpädagogen die Symptome einer um sich greifenden Sexualisierung als normale, aber durch soziale Medien verstärkt sichtbar gewordene Pubertät erklären, zieht Voigt andere Schlüsse: Vielen Teenagern würde jene familiäre Prägung fehlen, die sie dazu befähigt, der sexuell aufgeladenen Dauerberieselung in den Medien mit einem starken, inneren Standpunkt zu begegnen. „Wenn Eltern wissen, dass es mit ihrer eigenen moralischen Glaubwürdigkeit nicht weit her ist, lassen sie ihre Kinder lieber die sogenannten eigenen Erfahrungen machen und fühlen sich in ihrer Nicht-Erziehung durch die auf Spaß und Verhütung fixierte Sexualpädagogik sogar noch bestätigt,“ sagt Voigt.

Verschiedene Faktoren in den Familien, den Schulen und die vereinnahmende Digitalisierung ganzer Lebensbereiche führen in Summe dazu, dass ein gesunder Reifungsprozess nach Meinung von Voigt auf der Strecke bleibt und eine Scheinselbständigkeit nach sich zieht. Die narzisstisch geprägte, exzessive Netzpräsenz ihrer Töchter besorgt viele Eltern. Mädchen im Netz ist kein klassischer Ratgeber und doch könnte es das Buch sein, auf das Eltern lange gewartet haben. Nebenbei liefert es einen Überblick über die Social Media-Entwicklung, von ihren Anfängen im neuen Jahrtausend bis heute.

Das Buch kann hier bestellt werden.

VoigtDr. Martin Voigt (1984, Halle an der Saale) promovierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit einer Arbeit über „Mädchenfreundschaften unter dem Einfluss von Social Media“ und betreute für die Bundespolizei das Präventionsprojekt „Selfies im Gleisbett“. 2015 wurde Martin Voigt für seine Beiträge in der F.A.Z. mit dem Gerhard-Löwenthal-Preis ausgezeichnet. Sein aktuelles Buch "Mädchen im Netz: süß, sexy, immer online" fokussiert die Lebenswelt einer Generation, die sich zunehmend an Gleichaltrigen orientiert und trotz ihrer Suche nach Individualität auffallend schematische Selbstinszenierungen präsentiert.

 

Presse (Auswahl):

http://dradiowissen.de/beitrag/maedchenfreundschaft-selfies-im-gleisbett

http://www.merkur.de/lokales/muenchen/stadt-muenchen/lebensgefaehrliche-selfies-experteerklaert-phoenomen-5367475.html

http://www.sueddeutsche.de/bayern/lebensgefaehrlicher-trend-selbstbildnis-auf-schienen-1.2616166

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