Ballett in der Kirche – Nudismus oder Transzendenz?

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Bild: luxstorm - pixabay.com
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Von Deborah Görl

 Wenn etwas nicht zusammenzupassen scheint, dann ist es Kirche und Ballett. Unsere Autorin zeigt, dass es doch Verbindungen zwischen beiden gibt und diese weiterentwickelt werden sollten.

Vor zwei Jahren feierten die Jesuiten das 200 jährige Jubiläum der Wiedererrichtung ihres Ordens mit dem Ballett Lauda mit den Tänzern des Bayerischen Staatsballett II (Choreographie: S. Sandroni, Musik: G. Bryars). Lauda wurde in St. Michael in München uraufgeführt (und ist nebenbei bemerkt am 20. und 21. Mai wieder in München zu sehen).

Diese Tatsache ist eigentlich höchst merkwürdig, denn wenn es eine Kunstform gibt, die normalerweise nicht mit der katholischen Kirche assoziiert wird, es das Ballett oder auch Tanz im Allgemeinen ist. Anders als in vielen anderen Religionen hat sich der Tanz als Teil des Kultes oder der Liturgie – abgesehen von sehr wenigen und speziellen Ausnahmen – im Katholizismus niemals durchgesetzt, obwohl es in der Person des König Davids sicherlich eine theoretische Grundlage dafür gegeben hätte. Ganz im Gegenteil man stand dem Tanz sehr kritisch gegenüber.

So warnte Papst Pius XII, der ein großer Befürworter des Sportes war, noch in einer Ansprachei vor dem Tanz, weil dieser einen schädlichen Nudismus propagiere, was auf einen Vorwurf der Immoralität hinausläuft. Dass Pius XII den Tanz einseitiger Weise nur als Sport klassifiziert, soll hier nicht weiter diskutiert werden, auch wenn es höchst fragwürdig anmutet. Den Vorwurf eines Nudismus muss man auf den Zeitkontext zurückführen, da die vom Papst angebotene Begründung, dieser sei weder notwendig noch vorteilhaft, ansonsten keinen Sinn ergibt. Balletttrikots –bspw.- sind sinnvoll um Fehlstellung und falsche Bewegungsabläufe frühzeitig zu erkennen. Darüber hinaus ist Ballettbekleidung ästhetisch außerordentlich ansprechend und es wäre eine Schande sie nicht zu tragen.

Doch kommen wir zurück zu den Jesuiten. Tatsächlich haben diese nicht zufällig auf ein Ballett zurückgegriffen, sondern aufgrund der jesuitischen Theatertradition, die als Bestandteil ihres Theaters auch den Tanz bzw. das Ballett kannte. Als im Jahre 1597 St. Michael eingeweiht wurde, wurde in und vor der Kirche ein spektakuläres Theaterstück, an dem um die 900 Menschen, auch mehrere Balletttänzer mitwirkten, aufgeführt.

Ungefähr zu dieser Zeit sind auch die Anfänge des Balletts, wie wir es heute kennen, zu finden. Jedoch hatte es sich damals noch nicht als eigenständige Kunstform emanzipiert. Diese Emanzipation begann erst durch die Gründung der Académie Royale de danse in Paris 1661 durch Ludwig XIV, der selbst 20 Jahre lang Ballett tanzte, die die Weiterentwicklung und das Ansehen des Balletts maßgeblich förderte. Seitdem wurde eine unüberschaubare Anzahl von Meisterwerken des Balletts aufgeführt, die sich nicht nur auf Schwanensee und Nussknacker begrenzen.

Auf der Bühne erwecken die Tänzer den Eindruck mühelos und graziös zu schweben. Die ganzen Drehungen und Sprünge scheinen kinderleicht zu sein. Der Eindruck täuscht. Es gibt kaum etwas Härteres und Schwierigeres als Ballett und genau darin liegt auch die ganze Kunstfertigkeit: graziös herausragend zu tanzen unter großen physischen und psychischen Anstrengungen und Schmerzen.

Man braucht die richtigen anatomischen Voraussetzungen, viele Jahre – die Ausbildung dauert in der Waganowaii Methode ca. acht Jahre – Schweiß und Tränen um diese Illusion von Perfektion zu erreichen. Fast als ob Michelangelos Skulpturen zu tanzen begonnen hätten. Mit Ballett ist es so ähnlich wie mit dem Glauben, wenn man ihn nicht erfahren hat, dann hält man es für Wahnsinn.

Lauda steht in seiner Kombination von sakraler Musik und Ballett nicht alleine dar. Man kann in den letzten Jahren einen Art Trend beobachten sakrale Musik mit Ballett zu verbinden und dabei unbeabsichtigt, denn normalerweise haben die Choreographen keine religiösen Intention, etwas Transzendentes zu erschaffen, und zwar etwas sakral-transzendentes und nicht nur etwas künstlerisch-transzendentes, wie es ansonsten beim Ballett häufig anzutreffen ist. Ballette zu Bachs Matthäuspassion und Weihnachtsoratorium (Neumeier), Händels Messias (Neumeier), Pergolesis Stabat Mater (Bella Figura von Kilán) oder Mozarts Requiem (Eifman) beweisen wie gut Ballett und sakrale Musik miteinander harmonieren können.

Ihre Kombination ist einfach schön und auch begrüßenswert, wenn sie wie bei Lauda auf Bewirken der Kirche mit professionellen Tänzern und nicht von Hobby-Liturgietanzkreisen realisiert wird, da auf diese Art und Weise einerseits die Leibfeindlichkeit der Kirche, die zweifellos existiert, auch wenn es dafür keine Begründung zu finden ist, einmal mehr überwunden wird und andererseits ein transzendentes Kunstwerk erschaffen wird, das die Seele berührt.

i Vgl. Discorso di sua santita Pio XII ai prticipanti al congresso scientifico nazionale italiano dedicato alle attivita ginnico-sportive, S.4.

ii Waganowa Methode – renommierte Ballettausbildungsmethode

12 Kommentare

    • Die Rede war hier nicht von „liturgischem Tanz“, sondern von „Ballett in der Kirche“. Ceterum censeo: Herr, schenke uns Präzision.

      Wenn der Tanz im Altarraum stattfindet, naheliegenderweise weil der vorne in der Mitte ist, würde ich es übrigens auch für empfehlenswert halten, das Allerheiligste einstweilen in einen Seitenaltar zu übertragen. Die Tänzer können es ja dann zu Beginn und Ende jeweils ehren, ohne während der Choreografie andauernd daran vorbeizutanzen. Jedesmal eine Kniebeuge einbauen könnte kompliziert werden^^

  1. Was heißt „anders als in anderen Religionen“ und „hat sich nie durchgesetzt“?! Sind wir nun mittlerweile soweit konziliert, daß wir „Verbindungen“ zwichen Gott und Teufel, Kirche und Welt, Tanz und hl. Messe basteln, was die KIRCHE IN FRÜHEREN ZEITEN NIE TAT ODER DULDETE?!
    Es ist intersssant, wie eine Seite, die auch die Unzucht (Miniröcke etc.) befürwortet, jetzt auch versucht die Liturgiezerstörung des Modernismus zu rechtfertigen.
    Mischt bei der Seite „cathwalk“ nicht übrigens auch der kryptoprotestantische V2.Apostat und und Abtrünnigen der FSSPx Schaeppi mit? Nur nebenbei: Falls er es für richtig hält, sich neuerdings von Herrn Krah leiten zu lassen, sollte er sich überlegen, ob es nicht doch besser wäre, sich von Christus und der hl. Gottesmutter führen zu lassen. Krah und seine Sympathisanten führen möglicherweise in die entgegengesetzte Richtung!
    Gottes Segen – Kyrie – Eleison!

    • Wer derartige Vorwürfe macht, sollte auch begründet zu ihnen stehen und sie nicht durch „ob es nicht doch besser wäre“ und „möglicherweise“ usw. verbrämen.

      Und nochmal: bitte, die Meinung, im Sakralbereich solle kein Tanz stattfinden, mag sich ja eventuell begründen lassen, gewiß. Es gibt auch Leute, die meinen, in der Kirche solle keinerlei Konzert, auch keine Matthäuspassion, stattfinden, zumindest keins mit Eintritt, und auch die haben ihre Gründe.

      Aber von *Liturgiezerstörung* respektive überhaupt von *Liturgie* war doch in dem ganzen Artikel ebensowenig die Rede wie von liturgischem (!) Tanz. Es geht um eine Ballettaufführung in der Kirche, wer das kritisieren will kritisiere es, aber *nicht* um eine tänzerische Einlage in der Heiligen Messe.

  2. Ich finde es eine tolle Idee, Kirchenmusik mit Ballett zu verbinden! Ich bin selbst immer wieder sprachlos über diese wunderschöne Kunst, und sehe mir gerne Ballettstücke an. Allerdings will es mir ebenfalls nicht gefallen, wenn diese heutzutage in der Kirche aufgeführt wird. Vielleicht würde gar nichts dagegen sprechen, einen professionellen Tanz auf würdige Art im Gotteshaus aufzuführen… Tatsächlich gab es im Mittelalter und auch noch in der Neuzeit grandiose Theateraufführungen und Tänze in den großen Kathedralen und besonders an den Wallfahrtsorten, allerdings besteht zu der heutigen Zeit ein kleiner Unterschied. Die Menschen früher waren allesamt gläubige Kirchgänger, und vor allem gab es bei keinen Trennung zwischen Alltag und Glaubensleben. Damals war das gesamte Leben von der Religion durchdrungen, und da war es ganz logisch, dass beides nicht so sehr voneinander abgegrenzt wurde. Aber heutzutage… Auf mich wirkt Ballett in der Kirche furchtbar geheuchelt. Es mag zwar ganz hübsch sein, und auch sehr berührend. Aber wenn die Kirche am nächsten Sonntag wieder sterbensleer ist, dann war es doch nur wieder eine nette Aufführung für den Kunstliebhaber, oder ein zweifelhafter Versuch des Priesters, kirchenferne Menschen „in die Kirche zu holen“ (im wahrsten Sinne des Wortes…). Nicht mehr als eine kommerzielle Veranstaltung unter vielen. Meiner Meinung nach soll man das Ballett in den dafür vorgesehenen Räumen zeigen, sehr gerne auch zur Kirchenmusik. Aber in die Kirche darf so etwas erst wieder, wenn es die Religion ist, die den Alltag wieder durchdringt. Nicht andersherum.

    • Sehr gute Punkte.

      (Ich würde vielleicht noch unterscheiden zwischen Orten, wo es Ballettsäle und ggf. Pfarrsäle, die groß genug sind, gibt und solchen auf dem Land, wo die Kirche mehr oder weniger der einzig größere repräsentative Raum ist.)

  3. Ballett gehört auf die Bühne – nicht in die Kirche; keinesfalls in den Gottesdienst!
    Denn Ballett ist zunächst einmal Selbstdarstellung der agierenden Künstler.
    So besteht bei Ballett im Gottesdienst die Gefahr, dass hier die Künstler gefeiert werden anstelle Gott die Ehre zu geben.
    Das ist bei allen gottesdienstlichen Darstellungen, die vorn im kirchlichen Chorraum stattfinden, ein Risiko.
    Deshalb bin ich z.B. auch gegen gegen Platzierung von Sängern oder Musikern im Chorraum.
    Ähnlich ist es mit der Theatralik der agierenden Messdiener in der Tradition vorkonziliaren Liturgie.
    Viele Gottesdienstbesucher solcher Messen erbauen sich mehr an diesem ästhetischen Geschehen, als dass sie zu Gott beten.
    Nicht vergessen sollte man, dass einem Ballett ein Gutteil Erotik innewohnt, die meiner Meinung nach erst recht nichts in der Liturgie zu suchen hat und nur vom Lob Gottes ablenkt.
    Ich kenne viele auch geistliche Ballette, die zusammen mit der entsprechenden Musik einen tiefen und erbauen den Eindruck beim Publikum hinterlassen.
    Aber all das eben auf der Theater- bzw. Opern-Bühne und eben nicht im Rahmen eines Gottesdienstes!

    • Ergänzend möchte ich noch anführen, dass die meisten – zumindest katholischen – Kirchengebäude auch rein baulich und wegen des zentral im Chorraum anwesenden Allerheiligsten (im Tabernakel) ungeeignet sind für eine Ballett-Aufführung.
      Ein Ballett muss man von jedem Platz aus sehen können – sonst ist es unsinnig.

      Die meisten Kirchen sind nun einmal so gebaut, dass man von jedem Platz aus hören, aber nicht unbedingt den Chorraum und das Geschehen am Altar, sehen kann.

      Zudem dürften auch die von mir begrüßten nach dem II. vatikanischen Konzil erfolgten Umbauten mit dem sog. „Volksaltar“ in der Mitte des Chorraumes die optische Sicht auf ein Tanzgeschehen – zumindest anteilig – behindern.

      Auf die Problematik mit dem Allerheiligsten hat bereits @Nepomuk hingewiesen.

      Ich kenne die zu geistlicher Musik sehr ästhetisch choreographierten Ballette von John Neumeier (z.B. Matthäus-Passion, Messias, Manignifikat, Dona nobis pacem u.a.m.) oder auch die im leeren (!) Speyerer Dom getanzte und als Film sehr beeindruckende Johannes-Passion.

      Neumeier hat sein Ballett nach J.S.Bachs Matthäus-Passion m.W. in der evangelischen Hamburger Hauptkirche St. Michaelis uraufgeführt.
      Mag sein, dass das dort ging, da kein Tabernakel noch Volksaltar darin vorhanden sind.
      Ich bezweifle aber, ob die hinteren Reihen dort den gleichen optischen Genuss wie in der Oper hatten.

      Ich kenne nur die entspr. Aufführungen in der Hamburgischen Staatsoper – sie waren sehr beeindruckend und können vielleicht manchen auch kirchlich distanzierten Menschen wieder an das Geheimnis von Jesu Leben, Tod und Erlösung wer heranführen.

      Aber für eine Ballettaufführung ist wie gesagt ein Opernhaus wesentlich geeigneter als eine Kirche.

  4. Wie viele andere wahrscheinlich auch, stehe ich dem Tanz oder Ballett zumindest im Gottesdienst erstmal skeptisch gegenüber. Wo ich es bisher erlebt habe, war es einfach nicht schön. Hier ist aber der Hinweis auf die Hobby-Liturgietanzkreisler und der Unterschied zu einem Ballett mit professionellen Tänzern natürlich angebracht. Wie im Artikel beschrieben ist Ballett Kunst. Kunst kann natürlich auch religiöse Transzendenz ausdrücken, verwirklichen. Ob diese Kunstform in den Gottesdienst passt, ist eine andere Frage. Davon war aber bei der Aufführung von Lauda in St. Michael in München auch keine Rede.

  5. Zwischen Ballettkunst und würdiger Liturgie besteht eine natürliche Verwandtschaft, da beide ihrem Wesen nach elitär sind.

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