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Mit jesuitischer Barockmoral gegen den Jansenismus

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Papst Franziskus erklärt von Prälat Imkamp

Imkamp in der „Tagespost“: „Rigorismus ist immer auch eine Mentalitätsfrage – und diese Mentalität ist jedenfalls nicht katholisch.“ Cathwalk dankt Dr. Wilhelm Imkamp für die besonnenste konservativ-katholische Stimme seit langem. 

Prälat Wilhelm Imkamp hat es wieder getan: seine kompromisslos-katholische Stimme erhoben. Erhoben gegen den in katholisch-konservativen Kreisen weitverbreiteten Defätismus. Erhoben für Papst Franziskus und dafür, dessen jesuitisch geprägte Moral richtig zu verorten.

Im konservativ-katholischen Spektrum wimmelt es seit Erscheinen des nachsynodalen Schreibens Amoris Laetitia von Weltuntergangspropheten und Mini-Luthern. Ob von sich selbst überzeugte Laien wie Roberto de Mattei oder ein sehr umtriebiger kasachischer Weihbischof (von Gottes Gnaden, möchte man müde lächelnd hinzufügen) – kein Rang in der kirchlichen Hierarchie ist den rigoristischen Polterern gering genug, um nicht gegen den Papst zu wettern. Ein Schelm, wer erzürnte Pinscher, die einen gothischen Dom ankläffen, vor seinem geistigen Auge hat.

Umso erfrischender nimmt sich da der „Tagespost“-Kommentar Prälat Wilhelm Imkamps vom 27.05. aus. Imkamp, seines Zeichens weder für Laxismus noch für Liberalismus bekannt, nimmt Amoris Laetitia zum Anlass, den jesuitischen Hintergrund des Papstes genauer zu beleuchten: „Die überschäumende Schöpfungsfreude in poetischer Lebendigkeit dargeboten atmet den Geist des Barocks. Auch das, was der Papst uns mitzuteilen hat, lässt sich gut im jesuitischen Barock verorten.“

Jesuitismus sticht Jansenismus

Was die jesuitische Barockmoral schon immer von asketistischer Leibfeindlichkeit, fundamentalistischem Fanatismus und rigoristischer Unsensibilität unterschieden hat, legt Imkamp gewohnt pointiert dar: Moral war für die Jesuiten nie Selbstzweck. Der Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild: „Moral war kein Mittel der Unterdrückung, sondern ein Mittel der Befreiung. Nicht umsonst waren ja viele Jesuiten Beichtväter von Königen und deren Mätressen.“

Und es ist auch eine geistesgeschichtliche Konstante, dass die auf Schematismus statt Kasuistik bedachten Geister schon Jahrhunderte vor Papst Franziskus gegen die Societas Jesu schäumten: „Anhänger der jansenistischen und protestantisch-calvinistischen Frömmigkeit empfanden das, was sie als ‚Jesuitenmoral‘ abqualifizierten, als unerträgliche Provokation.“ – So empfanden die Gegner eines Ignatius von Loyola gestern, so empfinden die Gegner eines Papst Franziskus heute, möchte man ergänzen. Imkamp führt vor Augen, wie der Jesuitenpapst keineswegs die katholische Moral ändert, sie aber christus-ähnlicher, evageliums-getreuer wie so mancher kirchlicher Eiferer anwendet: „Herrlich sind Ausdrücke des Jesuitenpapstes wie ‚kalte Schreibtischmoral‘, oder ‚Felsblöcke, die man auf das Leben der Menschen wirft‘. Das ist schönste Jesuitenprosa, hier hört man förmlich die erbitterte und trotzdem humorvolle jesuitische Polemik gegen die Jansenisten, die einen dunklen, rigoristischen Schleier über die katholische Moral stülpen wollten.“

Der Hass der Rechtskatholiken

Modernistische Laienverbände können mit dem Papst eigentlich nicht viel anfangen, weil Ihnen langsam schwant, dass er weder plant, Batiktücher schwenkende und Doppelnamen tragende Befreiungstheologinnen mit der Cappa Magna zu bekleiden noch den Konsum fairgehandelten Kaffees als verpflichtend im kanonischen Recht zu fixieren. Für die Empörungsrhetoriker dieser Coleur ist Franziskus eher eine quantité négligeable. Hasstiraden kommen hingegen aus der vermeintlich rechtgläubigen Ecke, die im Internet in bester calvinistischer Hexenjagd-Tradition Inquisitionsverfahren gegen das verachtete Rom inszeniert – mit einer narzisstischen Selbstgefälligkeit und Selbstverliebtheit, die seinesgleichen sucht.

Ist es sein spezifischer Jesuitismus, der die Gegner des Papstes so auf den Plan ruft?  Imkamp zeichnet in seinem „Tagespost“-Kommentar die historische Perspektive des Jesuitenhasses auf: „Superfromme Rechthaber und Rigoristen hassten die Gesellschaft Jesu, warfen ihr genau diese barocke Geschmeidigkeit vor und ihre Vorwürfe führten schließlich zur Auflösung der Jesuiten durch einen Franziskaner-Papst.“ Wie sehr die momentanen Papst-Verächter durch ihr Geifern und Eifern die ganze Idee des Papsttums nachhaltig schädigen, ist ihnen wohl kaum klar – in ihrer Haltung bilden sie jedenfalls schon lange ein bemitleidenswertes Grüppchen von Mini-Luthern.

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Hexenjagd in calvinistischer Tradition

Den Katholiken zur Freud, den Rigoristen zum Leid

Wahre Katholiken dürfen sich indes freuen, dass Papst Franziskus ein pastorales Herz hat, welches von der menschlichen und kasuisitischen Denkart des barocken Jesuitismus geprägt ist. Imkamp: „Die rigoristischen Moralvorstellungen des Calvinismus und protestantischer Sekten, die gerade in Lateinamerika so viel Schatten werfen, hier erhalten sie eine elegante, deutliche und doch so liebevolle Abfuhr.“

Der Kampf gegen den Rigorismus ist eine genuin katholische Angelegenheit, wie Imkamp an anderer Stelle deutlich macht: „Rigorismus ist immer auch eine Mentalitätsfrage – und diese Mentalität ist jedenfalls nicht katholisch.“ The Cathwalk erfreut sich also an diesem Papst. Die Lebenserfahrung lässt uns übrigens annehmen, dass gerade die moralistischsten Eiferer am meisten auf Barmherzigkeit und Kasuistik bei der Beurteilung ihres eigenen moralischen Lebenswandelns angewiesen sind – der psychologische Mechanismus der Hyperkompensation lässt grüßen…

„Barocke Liebesfreuden – Amoris laetitia und das menschliche Antlitz der Jesuitenmoral.“ Prälat Wilhelm Imkamp in der „Tagespost“.http://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Barocke-Liebesfreuden;art312,169710

38 Kommentare

  1. Gefällt mir überhaupt nicht, weil nicht auf die Sache eingegangen wird, sondern gegen Personen gewettert wird.

    Die hier verorteten “ Rechtskatholiken “ kritisieren die Sache, die Handlung, die Worte – welche dem heiligen Evangelium und der heiligen Überlieferung entgegenstehen, aber nicht die Person des Papstes oder anderer Bischöfe.

    Überhaupt, was ist das für eine hässliche Art und Weise, die Katholiken aufzuteilen in Rechtskatholiken und rechtgläubige – also die Guten, die auf des Papstes harsche Tradikritisiererei stehen.

    Seit dreieinhalb Jahren werden diese traditionalistischen Katholiken mit den übelsten Schimpfworten belegt – das ist nicht der Geist Christi.

    Wir müssen nicht zu Pius XII zurückgehen um zu sehen, ob ein Papst seine Schafe, und zwar alle , liebt. Wir brauchen nur zu Benedikt XVI zu schauen: ein wahrhaft demütiger liebevoller Hirte.

    • …ach wissen Sie, der „Ton“ ist bei den „Rechtskatholiken“ sehr wohl erheblich giftiger und ungehöriger als anderswo. Man sieht das auch an diesem Kommentarverlauf. Ich habe diesen larmoyanten Scheiterhaufensprech so satt.

      Prälat Imkamp äußert eine Meinung, das ist sein gutes Recht, und hier schreibt einer, dass er das wohltuend findet nach all dem Gehetze gegen AL, ws ebenfalls dessen gutes Recht ist.

      Dass dieses Gehetze real und meist ohne vorherge Lektüre stattfindet, auch meist ohne genauere Reflexion über die komplexe Problemlage, und vor allem ohne jedes prinzipielle Wohlwollen Franziskus gegenüber, ist eine Tatsache.

      Leider ist es eine Tatsache, dass gerade diese „Rechtskatholiken“ zahlreichen Vorurteilen folgen, v.a. Vorurteilen über „die Tradition“, die sie zu vertreten glauben.
      Ich bin absolut kein Franziskus-Fan, aber mir fällt zunehmend auf, dass er praktisch nichts mehr sagen oder tun kann, ohne auf eine sehr vulgäre Art aller möglichen Dinge beschuldigt zu werden, die er definitiv so nicht getan hat. Ich habe auf Blogs (etwa auf Katholisches.info im Kommentarbereich) auch schon gelesen, dass man ihm den Tod gewünscht hat.
      DAS, mit Verlaub, ist nicht katholisch und nicht der Geist Christi.

      Mich überzeugt der Artikel des Prälaten nicht, weil ich den Ansatz bei der Jesuitenmoral sachlich verunglückt finde, aber ich finde den Artikel Oldendorfs, der ebenfalls positiv ist, sehr bedenkenswert.

      Warum nicht die Argumente einfach mal durchdenken, ohne gleich in die Luft zu gehen?

  2. Die sogenannten Neokonservativen oder Halbkonservativen schaden der Kirche mehr als die Modernisten.

  3. … lese ich hier, was der hochverehrte Prälat Wilhelm Imkamp in der Tagespost geschrieben haben soll. Das ist ja unglaublich, dass sich dieses Bollwerk der Tradtion jetzt auch noch mit dem modernistischen Rom verbündet und uns Tradis den Gar ausmachen will. Eine große (weitere) Enttäuschung.

  4. Naja, Pius X. konnte da schon mehr polemisieren: „In diesen Zeitläuften erhoben sich stolze und aufrührerische Menschen, Feinde des Kreuzes Christi, die irdisch gesinnt sind, deren Gott der Bauch ist (Phil 3, 18f). Die Besserung der Sitten ließen sie außer acht, bemühten sich aber, die Hauptstücke des Glaubens zu leugnen und brachten so alles in Verwirrung, sicherten sich und andern freiere Bahn für ihre Willkür oder arbeiteten doch sicher auf die Zerstörung der kirchlichen Lehre, Verfassung und Zucht hin, indem sie sich der Autorität und Leitung der Kirche entzogen, dafür aber sich unter das willkürlich auferlegte Joch der entartesten Fürsten oder Völker beugten. Nach dem Beispiele jener Bösen, denen die Schrift die Drohung zuruft: „Wehe euch, die ihr das Böse gut und das Gute bös nennet!“ (Jes 5, 20) gaben sie diesem Aufruhr widerspenstiger Menschen und dieser Schädigung des Glaubens und der Sitten den Namen Erneuerung und sich selbst den Namen Wiederhersteller der alten Sitte. In der Tat aber haben sie Verderben gebracht.“ (Pius X. Enzyklika Edite Saepe 1910)

  5. Schrecklich. Ich werde die Konsequenzen ziehen: nicht mehr nach Mariä Vesperbild fahren und keinen Cent mehr für den Wallfahrtsort spenden! Überhaupt: Schafft endlich die Jesuiten ab! Sie haben der Kirche genug geschadet. Die Bergoglio-Kirche ist nicht mehr meine Kirche. Aber sie hat sowieso kaum mehr Einfluss in unserer Gesellschaft.

    Und was euch „Cathwalker“ betrittt: so ein verleumderischer besserwisserischer Gift-Artikel von seltener Arroganz. Panikieren die AL-Fans, dass sie dieses indiskutable unkatholische Machwerk jetzt ständig verteidigen müssen? Wir sind keine Rigoristen und keine Jansenisten. Wir sind ganz normale Katholiken im Sinne von Johannes-Paul II und Benedikt XVI, deren Lebenswerk unter diesem Katastrophen-Pontifikat leider nach und nach zerstört wird. Es wurde schon mehrfach dargelegt, dass AL ein Instrument zur Unterhöhlung und Aushebelung der katholischen Moral ist. Die Verfasser dieser als reine Provokation gedachten Artikel sollten wenigstens so ehrlich sein und sich nicht als Neokonservtive ausgeben. Sie sind getarnte Revolutionäre, Wölfe im Schafspelz. Da sind mir die Leute von „Wir sind Kirche“ und Co wesentlich lieber, denn sie kämpfen wenigstens mit offenem Visier. Allen Franziskus-Groupies sei gesagt, dass wir diesen Papst immer und überall bekämpfen werden, wo er die Lehre und die Sakramente zu untergraben versucht, genau wie die verlogene Jesuiten-Moral. Das ist heilige katholische Pflicht!

    • Und ich dachte immer, man wallfahrtet zum Gnadenort und nicht zu seinem Wallfahrtsdirektor…

      Wer Geld nur dem geben könnte, mit dem er ganz übereinstimmt… meine Herrn, was bleibt denn da noch übrig.

      Was Cathwalk betrifft, hatte ich zwar (oben) etwas Kritik für diesen Artikel übrig; aber daß sie einem Priester vom Rang und der Reputation eines Prälat Imkamp ein Forum bieten, kann man ihnen im Ernst nicht vorwerfen.

      Was die „verlogene Jesuitenmoral“ betrifft, empfehle ich den Kommentar von @O.A.M.D.G.

  6. Der gläubige Katholik reibt sich hier nur noch verwundert die Augen. Bisher dachte ich, Imkamp sei ein extravagant-eitler Kerl, aber wenigstens noch rechtgläubig. Nun muss ich leider hoffen, dass er nicht mehr ganz sauber im Kopf bzw. nicht mehr im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist. Beten wir für diese verwirrte Priesterseele!

    • Der hl. Franz von Sales erwähnt mal, wenn man jemanden sieht, der betrunken ist, dann soll man sich denken und im Notfall sagen, „Xy war dann und dann betrunken“: nicht aber „Xy ist ein Säufer“.

      Daß man sich mal verrennt, zumal wenn es in der Absicht geschieht, mit dem Papst übereinzustimmen, macht einen weder zum Verrückten nicht zum Nicht-Rechtgläubigen.

  7. Der Prälat findet klare Worte dafür kann man ihm nicht genug danken die reaktionen hier zeigen sehr schön was er meint

    • Der Oldendorf-Artikel – habe ihn gerade gelesen – ist m.E. allerdings sachgemäßer „angepackt“. Prälat Imkamp versucht über die Jesuitenmoral, was immer das sei, ein Wort für AL einzulegen. Das ist wohl ein zu schwaches Fundament für die Argumentation.

      Der Oldendorf-Artikel begründet ohne diesen Umweg über die Jesuitenmoral direkt theologisch, und ist daher auch hiebfester.

    • Selbst möchte ich noch ergänzend sagen, dass gerade die FSSPX jesuitische Züge hat. Gerade in einer gewissen Schlichtheit der Liturgie, vor allem aber im Priesterbild und der Lebenspraxis der Priester. Selbst Knöpfe an der Soutane oder Fransen am Zingulum gelten als überflüssiger Luxus.

      Doch, und das ist wichtiger: die Hochschätzung der Ignatianischen Exerzitien, die die Patres ja auch in ihrer klassischen Form halten sowie auf fünf Tage komprimiert.

      Also irgendwie inkonsistent, wenn man diese Exerzitien zu Recht empfiehlt und pflegt, dann aber abschätzig von Jesuitenmoral spricht.

  8. Ihr schafft es doch echt, regelmäßig den Vogel abzuschießen. Der Beitrag von H.H.P. Imkamp in der Tagespost hat mir schon das Wochenende versaut, aber dann kommt Cathwalk und setzt dem Ganzen noch die Krone auf! Hoffentlich wird der Nachfolger von Franz ein Franziskaner und räumt mit dieser verkommenen Moral auf und setzt euren Blog auf den Index, wo er hingehört!

  9. Die Moralisten, die sich über das sündhafte Leben anderer auslassen, haben oft genug selber überhaupt keinen Grund, mit dem Zeigefinger auf andere zu zeigen.

  10. Imkamp ist sehr bestrebt, die durch „Amoris laetitia“ entstandenen Probleme durch karikaturale Verzerrung bzw. tendenziöse Verdrehung zu „erledigen“ . Dabei scheut er auch vor offensichtlicher Geschichtsklitterung nicht zurück.
    Er stellt die Sache so dar, als wende der Papst in „Amoris laetitia“ lediglich die altbewährte Jesuitenmoral und -pastoral an, die deren alte und neue rigoristische Gegner aufs höchste empört. Angesichts der Tatsache, daß Imkamp in hohem Maße als theologie- und dogmengeschichtlich qualifiziert gelten kann, nimmt man seine Darlegungen mit größtem Erstaunen zur Kenntnis.
    Einige mehr ins einzelne gehende Anmerkungen dazu:
    Es dürfte dem hwst. Herrn Apostolischen Protonotar hinreichend bekannt sein, daß es im Jesuitenorden zwar einzelne Laxisten gegeben hat (vor allem im 17. Jahrhundert), daß der Laxismus aber nie „offizielle Doktrin“ der Gesellschaft Jesu geworden ist. Diese hat sich im Gegenteil immer wieder gegen den Vorwurf des Laxismus verwahrt – und zwar völlig zu Recht (man denke, um nur ein Beispiel aus Hunderten anzuführen, an den weitverbreiteten „Neo-Confessarius practice instructus“ von Reuter SJ, der von jedem Laxismus meilenweit entfernt ist).
    Es mutet ferner sehr seltsam an, wenn Imkamp zu insinuieren scheint, Laxismus und Probabilismus seien irgendwie identisch. Letzterer -und nur dieser- war das in der Gesellschaft Jesu im allgemeinen vetretene Moralsystem. Dieses ist nach wie vor zulässig, betrifft aber seiner Natur nach -wie jedes andere Moralsystem (Äquiprobabilismus, Probabiliorismus usw.)- grundsätzlich nur denjenigen Teil der Moral, der Zweifelsfälle (dubia iuris vel facti) abhandelt, d.h. eben bei weitem nicht die ganze Sittenlehre. In den klassischen moraltheologischen Manualien jesuitischer Provenienz findet man nichts, was ein laxistisch-liberales „laissez-faire“ nahelegen könnte. Das gilt sowohl für die älteren (z.B. Busenbaum), als auch für die neueren Autoren (z.B. Lehmkuhl, Gury).
    Daß, wie Imkamp betont, „rigide“ (!) Moral- und Höllenpredigten nicht (oder nicht unbedingt) von Nutzen sind, wird man hingehen lassen. Auf den Gedanken, die Jesuiten hätten sich in ihren Predigten durch „geschmeidige Handhabung der befreienden Botschaft des Evangeliums“ beliebt machen wollen, kann indes nur kommen, wer die einschlägige Literatur bewußt ignoriert. Imkamp kann natürlich voraussetzen, daß die Editionen der Predigten Bourdaloues, Bordonis, Segneris, Hunolts usw. – alles übrigens Predigten aus der Barockzeit- weithin unbekannt sind. Von den Predigten des hl. Franz Xaver übrigens ganz zu schweigen. Sie sind alle voll von heilsamen Drohungen mit Gericht und Hölle für Bekehrungsunwillige.
    Die weiteren historischen Einlassungen Imkamps sind in ihrer unerträglichen Vergröberung -um nicht zu sagen Verfälschung- von Tatsachen offensichtlich ebenfalls auf Täuschung des größten Teils des Publikums berechnet, da nähere kirchen- und theologiegeschichtliche Kenntnisse natürlich nur bei einer Minderheit vorausgesetzt werden können. So wurden -um nur darauf einzugehen- die Mätressen von den jesuitischen Hofbeichtvätern in gar keiner Weise geduldet -der Haß der Dubarry und Pompadour auf diese Beichtväter, samt den daraus hervorgehenden Intrigen, spricht Bände. Schließlich geschah die Aufhebung der Jesuiten durch Clemens XIV. hauptsächlich auf Druck „aufkärerischer“ und liberaler Kräfte, die sich dabei allerdings gelegentlich einzelner Jansenisten bedienten, aber vor allem diplomatischem Drucks, ausgeübt durch die bourbonischen Höfe. Nicht Rigoristen, sondern „Aufklärer“ brachten die Gesellschaft Jesu zu Fall – also die geistigen Väter derer, die vom jetzigen Papst überaus begeistert sind. Ob das ein Zeichen dafür ist, daß Bergoglio in der Tradition jesuitischen Denkens steht?
    Was nun die Anwendung auf die durch „Amoris laetitia“ entstandene Situation betrifft, begibt sich Imkamp geradezu auf das Gebiet des utopistischen Romanciers. Die Bedenken, die gegen gewisse Partien dieses Dokuments geäußert wurden, stammen im wesentlichen keineswegs von „Rigoristen“, sondern von redlichen, theologisch gebildeten und ausgewogenen Kirchenfürsten – um nur die Namen Caffara, Burke und Athanasius Scheider zu nennen- aber auch von vielen ganz einfachen, gläubigen Menschen. Sie mit Jansenismus und Rigorismus in Verbindung zu bringen, ist ein nachgerade unverfrorenes Vorgehen. Die Tatsache, daß Leute wie Kasper, Marx usw. -die, wie Imkamp zuzugeben scheint, alles andere als „barocke Jesuitentheologen“ sind (in Imkamps Diktion „reformkatholische Erben des Jansenismus“)- „Amoris laetitia“ enthusiastisch begrüßen, wird von Imkamp in der ihm eigenen Art populistischer Phrasendrescherei überspielt (vgl. etwa die groteske Schlußsentenz des Artikels). Und dabei ist genau diese Tatsache, eben weil sie vor der Publikation des Dokuments als sicher vorauszusehen war, von entscheidender Bedeutung. „Amoris laetitia“ wurde eben nicht in der Barockzeit, in der der Rigorismus ein mancherorts ein Problem war, veröffentlicht, sondern in einer Zeit des ungehemmten moralischen Relativismus, den eine sehr große Zahl innerlich mit der Kirche und ihrer Lehre zerfallener Würdenträger zum Leitmotiv erkoren hat. Und daß für Jorge Mario Bergoglio klassische Jesuitentheologie der eigentliche Bezugspunkt ist, darf ohnehin füglich bezweifelt werden. Man denke u.a. an seine Aversion gegen den sogenannten römischen Zentralismus…
    Imkamp mag seine Meriten haben, aber der jetzt in der Tagespost veröffentlichte Artikel ist ein Machwerk, wie es einem perfiden Demagogen, keinesfalls aber einem redlichem Wissenschaftler und pastoral verantwortlich handelndem Priester anstehen würde. Es ist eines Theologen und Seelenhirten absolut unwürdig. Und man könnte sich sehr wohl fragen: Cui bono?

    • Ich weiß zwar nicht, worauf sich der Kommentar „intellektuelle Selbstbefriedigung“ bezieht, nehme ihn aber zum Anlaß zu bemerken:

      Das, was wir Selbstbefriedigung nennen, ist Sünde, weil sie unkeusch ist – nicht, weil sie das Selbst befriedigt.

      „intellektuelle Selbstbefriedigung“ hingegen ist keine Sünde, sondern ein erlaubter Genuß.

      [An Mitleser, die nur diesen Kommentar lesen sollten: ich glaube, ich darf davon ausgehen, daß hier damit daß *nicht* die Gedankensünde contra sextum gemeint ist^^]

    • Ich danke für diesen interessanten Beitrag zur Diskussion. Wenn man AL so kritisch sieht, muß die Fragestellung eben einmal variiert werden.

      Wieso wundert man sich über AL? Wenn die gesamte Theologie und Glaubenspraxis durch einen nachkonzialen Bruch gekennzeichnet ist, kann man doch eigentlich nicht erwarten, daß die Moral „vorkonziliar“ bleibt.

      Insofern ist Papst Franziskus dann ehrlicher und zugleich konsequenter als Benedikt XVI. oder vor allem Johannes Paul II.

  11. Was es zu Prälat Imkamps Beitrag zu sagen gibt, hat @O.A.M.D.G in seinem hervorragenden Kommentar schon mit größerer Detailkenntnis, als z. B. ich sie hätte, ausgeführt; dem braucht man sich also bloß anschließen.

    Mit einer Ausnahme: das Wort von einem perfiden Demagogen und die Frage „cui bono“, auch wenn sie durch „wie es … anstehen würde“ und „könnte man sich fragen“ verbrämt sind, möchte ich mir ausdrücklich nicht zu eigen machen. Es ist nichts Neues, daß sich auch konservativ katholische Theologen einmal verrennen können, vor allem wenn sie es darauf anlegen, gewissermaßen auf Irrtum-komm-raus mit dem Papst übereinzustimmen; wo das als Erklärung reicht, brauchen wir mE nicht nach einer anderen zu suchen. – Aber, wie gesagt, der Sache nach…

    Etwas weniger sachlich gesagt, ist mir beim Lesen von Prälat Imkamps Artikel die Stimme des Amtsgerichtsrats Stierhammer im Kopf herumgespukt: „Schreim S‘ keine barocken Romane, Euer Heiligkeit, des kann der Grimmelshausen vui besser“. Oder auch, in neuerer Zeit, der Doderer. Aber ich schweife ab.

    Ein barocker Roman *ist* doch Amoris laetitia nicht. Und die Freude, die der Titel anspricht, ist vielleicht in Kapitel 1 zu spüren, aber danach schon nicht mehr. Es geht hier dann sehr ausführlich wo es andauernd um Probleme und moralische Handlungsanweisungen (häufig an die Adresse der Kirchenmitarbeiter sowie der Frommen), in Kapitel 4 ist (als Abschweifung?) eine eigentlich ziemlich interessante Wort-für-Wort-Exegese zu 1 Kor 13 eingebaut,- was sicherlich, gerade auch für Apostolische Schreiben, legitim sein kann, das bestreite ich hier nicht (in einigen Fällen übrigens tatsächlich genial ist: so des Papstes Mahnung, den Kindern das „permesso“, „scusami“ und „grazie“ beizubringen), aber mit barocker Lebensfreude nun einmal wenig zu tun hat.

    Moralisieren ist nicht verboten; aber wenn wo moralisiert wird, sollte man es als die Handlungsanweisung hinnehmen, die es ist, und nicht zum Festgesang umdeuten, bloß weil im Titel irgendwas von Freude steht. (Dies hat der Papst übrigens nicht gemacht, aber einige seiner Ausdeuter tun es.)

    Davon abgesehen: kann man sich einen barocken Papst oder sonstigen Schriftsteller vorstellen, der Wendungen gebraucht wie die vom „synodalen Weg, der viel Schönes gebracht hat“? Das kommt doch viel eher aus der modernen Pastoralsprache, oder sogar ihrer Karikatur.
    Und einen bezeichnender (post-)modernen Satz wie „Wir haben Schwierigkeiten, die Ehe vorrangig als einen dynamischen Weg der Entwicklung und Verwirklichung darzustellen und nicht so sehr als eine Last, die das ganze Leben lang zu tragen ist“ kann man sich nicht vorstellen. Barock? Fehlanzeige. Mir würde dazu übrigens ein schönes barock formuliertes Statement einfallen, das den bairischen Ausdruck „wennst mir nicht gàngst“ enthält, des Inhalts, daß mir die Last immer noch lieber ist, als wie mich andauernd dynamisch weiterentwickeln zu wollen.

    Nun noch ein paar sachliche Bemerkungen dazu:

    1. Es ist richtig, daß die Jesuiten von den Jansenisten angegriffen worden sind, und laut @O.A.M.D.G. auch, daß dies zu ihrer Auflösung wenigstens irgendwie beigetragen hat.

    Nur vergißt Prälat Imkamp, oder unterläßt es zu erwähnen, daß in der Kirchengeschichte Übertreibungen in der Regel Reaktionen auf Übertreibungen in der Gegenrichtung waren (also daß man bei den Jesuiten tatsächlich an etwas Anstoß nehmen konnte, wie es Papst Alexander auch getan hat; wenn auch weniger, als die Jansenisten meinten) und dann wieder Übertreibungen in der Gegenrichtung hervorgerufen haben (also daß vielleicht einige Jesuiten, oder sonstige, dann tatsächlich eine „Jesuitenmoral“ entwickelten, deren sie ihre Gegner ziehen und die sie vorher nicht hatten.

    (Ein österreichischer monarchistischer Philosoph erwähnte einmal, die Deutschen hätten sich im Zweiten Weltkrieg tatsächlich so aufgeführt, wie es die Feindpropaganda im Ersten Weltkrieg von ihnen behauptete; ebenso sei die Häresie „Amerikanismus“, als sie verurteilt wurde, ein Hirngespinst der orthodoxen Theologen gewesen, in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts dann aber tatsächlich weit verbreitet gewesen: man dürfe den Teufel nicht an die Wand malen…)

    2. Der berechtigte Stolz des Jesuitenordens war die vor allem von ihnen (aber auch später von St. Alfons) bis zur Perfektion betriebende *Kasuistik* (d. i.: das penible Untersuchen, unter welche allgemeinen Regeln die Einzelfälle zu subsummieren sind). Diese Kasuistik kam in den Ruf der „geschmeidigen Moral“ – aber vor allem bei Protestanten und Jansenisten! – weil sie tatsächlich gelegentlich zu Überraschungen der Form „das und das ist ja gar keine Pflicht!“ führte* und fromme Eiferer etwas dagegen hatten, aber nicht, weil sie tatsächliche Pflichten leugnete.

    [* Derlei Reaktionen sind natürlich auch heute bekannt: „wie jetzt, ein Christ darf rauchen?“ ]

    Wer herausfinden will, ob der Papst in der Tradition der Jesuitenmoral steht, möge sich eines Textverarbeitungsprogramms bedienen und in seinen Werken das Wort „Kasuistik“ suchen. Wer diese irgendwo (in Texten nach seiner Inthronisation) positiv erwähnt findet, dem gebe ich ein virtuelles Bier aus.

    3. Rigorismus ist ein Fachbegriff für das, was auch Tutiorismus heißt, also: von vornherein immer das Unangenehmere für das moralisch Gebotene halten. Man dürfe nicht Auto fahren, weil man so die Wahrscheinlichkeit für einen Unfall noch verringern kann, und dergleichen mehr.

    Die Moral oder – wie ein frommer Eiferer vielleicht sagen würde – das, was von ihr übriggeblieben ist, *nachdem man Kasuistik betrieben hat*, dann strikt einzuhalten (also: nachdem du die Unfälle nicht intentional willst, darfst du Auto fahren, da Du nicht verpflichtet bist, an den Nachkommastellen des allgemeinen Lebensrisikos herumzuschrauben – aber nicht im Vollrausch!), wird nicht als Rigorismus bezeichnet. Das ist ganz einfach frommes bzw. moralisches Verhalten, und zwar selbstverständliches noch dazu.

  12. Ob und inwieweit Franziskus in der Tradition der „Jesuitenmoral“ steht, wie Prälat Imkamp meint, wäre erst noch zu beleuchten.
    So pauschal gesagt, überzeugt mich das nicht.
    Gerade die Jesuiten sind nach ihrer Wiederzulassung 1814 verantwortlich für die Engführungen reaktionären in der Kirche, für den päpstlichen Zentralismus, den sie mit allen Bandagen und auf niedrigem intellektuellem Niveau durchsetzten, für die Einengung der Theologie auf den Thomismus und damit das Klima bis ins 20. Jh hinein vergifteten. Pius X., dessen Enzyklika „Pascendi“ gegen den „Modernismus“ vor Gift und Galle nur so strotzt, keine einzige Konkrettion des Wahngemäldes, das er da in die Welt setzte, bietet und den Thomismus als einzige (!) legitime theologie Option verordnete, ist die Krönung dieses Jesuitengeistes im 19. Jh. Sie mischten mit ihrer Rigorosität und ihrem Radikalismus die Theologie des 19. Jh bereits auf, inszenierten Hetzjagden auf angebliche „Liberale“ und versuchten selbst posthum noch angesehene Bischöfe und Hochschullehrer indizieren zu lassen. Der im Auftrag Pius IX das Unfehlbarkeitsdogma formulierte, war der Jesuit Joseph Kleutgen, der selbst als formeller Häretiker verurteilt worden war und dem bei seinem Prozess vor der Hl. Inquisititon auch mehrere Morde und mehrfacher Zölibatsbruch nachgewiesen wurden. Man stellt sich da auch für das Vaticanum I doch so einige Fragen…
    Natürlich kann man nicht alle Jesuiten des 19. Jh über einen Kamm scheren, aber ihre Organe, wie etwa die „Civiltà cattolica“, haben doch eine ziemlich radikale und reaktionäre Linie vertreten… durchaus auch einen wüsten und geifernden Antisemitismus. Die große Anti-Freimaurer-Inszenierung des 19. Jh wurde ebenfalls maßgeblich von Jesuiten betrieben, etwa Hermann Gruber und Georg Michael Pachtler. Dieser „Hype“ erhielt nach dem Taxil-Schwindel einen erheblichen Dämpfer.

    Anders: Die Jesuiten mögen die private Moral vernachlässigt haben – aber sie waren dennoch die weitaus radikalste Truppe in der Kirche, deren maßgebliche Beteiligung an Massakern gegen Protestanten immer noch nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden kann. Ihre „Beliebtheit“ an den Höfen darf man bezweifeln – es war Bestandteil ihrer Strategie der „Kontrolle über die Fürstenhöfe, sich dort als Beichtväter zu etablieren. Dazu mag die Strategie eines gewissen Laxismus den verlotterten und unkatholischen Lebensstilen der Adeligen entgegengekommen sein, um sie nicht zu verlieren…

    Ignatius war es auch, der den „Kadavergehorsam“ zur Regel des Gewissens gemacht hat, der ebenfalls das Vorbild für den Rogorismus Pius X. war, der verlangte, dass der Gläubige „alles“, was der Papst lehre und fordere, nicht nur formal, sondern auch im herzen , im Geist und Willen, resletiere und erfülle…

    Dass gerade die FSSPX ganz besonder auf Ignatius „steht“ hat eben seinen Grund darin, dass die Jesuiten die reaktionär-antimodernistische Linie mit allen Bandagen vertraten, denen die Priesterbruderschaft sich verschrieben hat.

    Wie immer – die Deutung Prälat Imkamps ist zu einfach gestrickt und steht im Widerspruch zu zahlreichen Tatsachen aus der Geschichte.
    Man muss sich also etwas mehr Mühe machen, als er es getan hat.

    • Verehrter Nepomuk,

      danke für die ausführliche Antwort – allerdings denke ich nicht, dass dann „doch alles in Ordnung“ ist. Ja, es mag der hl. Geist gewesen sein, der die Kirche noch mal auf zwei Rädern um die Kurve hat kommen lassen, auf keinen Fall aber die Bischöfe insgesamt plus Papst. Nach dem unguten Vorgehen Pius IX. und dem überraschenden „Abdrehen“ des konziliaren Verhandlungsgegenstandes (entgegen der Ankündigung!) muss man das wirklich konstatieren!

      Ich habe noch was anderes im Hinterkopf dabei: dass nämlich dieselben formellen Argumente, die gerne gegen das Vaticanum II aufgefahren werden, im Prinzip auch für das Vaticanum I gelten: auch hier wurden die vorbereiteten Schemata einfach übergangen, auch hier entsprach das, was verhandelt wurde, nicht dem, worauf sich die Bischöfe vorbereitet hatten bzw. was sie als zu verhandelte Desiderata vorher kundgetan hatten (auf päpstliche Nachfrage hin) etc. Und auch hier sprachen anschließend Leute davon, es sei eine „neue Kirche“ aus dem Boden gestampft worden – etwa Döllinger.

      Ihr Argument von den Schlussabstimmungen scheint mir nicht zu stimmen. Das „iuxta modum“ gehört als Möglichkeit in jede normale Abstimmung. Es ändert ja nichts daran, das am Ende ein bestimmter Anteil an Stimmen vorhanden sein muss, um zuzustimmen oder abzulehnen. Man befürchtete auf dem Vazicanum I allerdings nach den harten Auseinadnersetzungen, dass man eine solche Stimmenmehrheit mit „placet“ nicht erreichen könnte und erzwang so eine Entscheidung. Ketteler würde das Fehlen dieser normalen Möglichkeit ja nicht ausdrücklich als Problem schildern, wenn es nicht auch damals nicht fair gewesen wäre (aber klar- der Papst kann immer alles irgendwie umbiegen und die Bischöfe erpressen… das ist schon ein Problem, v.a. wenn er eine ohnehin kriminelle Lobby wie solche Typen wie Kleutgen hinter sich stehen hat – auch das ist ein Problem!)
      Wenn Sie heute schauen http://www.vatican.va/roman_curia/synod/documents/rc_synod_20050309_documentation-profile_ge.html (Art. 25) wird die dreigliedrige Stimm-Möglichkeit als genereller Fall für alle Abstimmungen angegeben…

      Entschuldigen Sie bitte meine Tippfehler – ich kann fast hundertprozentig Rechtschreiben, keine Sorge, aber meine Tastatur kommt manchmal nicht mit mit meinem Schreibtempo und lässt zum Beispiel Doppelbuchstaben weg oder macht die Großbuchstaben nicht mit…

      Ein großes Problem war, dass die Debatte so vergiftet war damals, dass stark involvierte und schon vorher gegängelte Gelehrte wie Döllinger unter größtem Druck standen – sicher hat Döllinger das Endergebnis überbewertet, aber das hat ja durchaus seinen Grund in der knallharten, propagandistischen und teilweise fast ordinären Vorgehensweise der Maximalisten.
      Diese Maximalisten hörten ja nach dem Konzil nicht auf, die „Führerzentrierung“ der Kirche trotz abgemilderter Dogmenformulierung eben doch maximalistisch zu deuten und dies mit allen Bandagen.
      Sobald aber ein Papst kam, der ihrem politischen Kurs nicht mehr passte, traten genau dieselben Leute dem Papst offen entgegen. Das begann mit Benedikt XV. und hatte sich unter Leo XIII. schon angedeutet.

      Ich werde den Verdacht nicht los, dass es bei dem ganzen Vaticanum I weniger um den Papst als um die Dogmatisierung einer ganz bestimmten Theologie ging, was Gott sei Dank nicht gelang!

      Und an diesem Problem leiden wir bis heute – denn die FSSPX hat nicht anderes gemacht, als diese nicht dogmatisierte, aber wabernde Theologie hinter dem Papstdogma „eigentliche Tradition“ zu proklamieren und unzählige Gläubige gehen demauf den Leim. Und warum? Weil man es ihnen jahrzehntelang so eingebläut hat- obwohl es eben nicht „die“ Tradition war und ist!
      Die Sedisvakantisten gehen noch einen Schritt weiter, und da bemerkt man auch die unseligen Folgen des Vaticanum I und Kleutgens, der in „Tuas libenter“ das „ordentliche Lehramt“ erfand und schleichend, in undeutlichen und suggestiven Formulierungen aufbrachte, man dürfe eigentlich dem Papst nie und in nichts widersprechen, auch dann, wenn er nur „ordentlich“ lehrt.
      Sedis schließen daraus, dass alles, was der Papst lehrt, unfehlbar sei und ziehen daher den Schluss, wir hätten keinen Papst – weil er schließlich dummes Zeug lehre, und genau das kann nicht sein.

      Diese „Tradition“ muss aber nun irgendwo her kommen – und sie ist eindeutig eine Folge des maximalistischen Infallibilismus, der von Pius X. eingefordert wurde.
      Seine usäglichen Enzykliken stehen auf einem noch anderen Blatt, dazu könnte ich viel sagen, tue es aber hier nicht.
      Er forderte an vielen Stellen absoluten Gehorsam (im Sinne des Ignatius) und warf den „Modernisten“ (wer immer das eigentlich sein sollte) vor, sie stimmten dem Papst nur formell gehorsam zu, täten dies aber nicht mit ihrem Geist und Willen. Man müsse ihm jedoch in allem und blind gehorchen – das ist aber der Maximalismus, wie Sie unschwer erkennen können.

      Dass dann ein EB Lefebvre bei solchen maximalistischen „Traditionen“ sich erlaubt, dem Papst entgegenzutreten ist der Gipfel der Schizophrenie – denn das war doch eigentlich Merkmal der „Modernisten“… Nach der „Tradition“, der er glaubte zu folgen, war genau das unmöglich! An Lefebvre sieht man, dass es nicht um den Papst ging – nie ging es darum! – es ging vielmehr um eine bestimmte (reaktionäre) katholische Ideologie. Genauso schizophren ist die Argumentation der Sedis.

    • >>ich machs kurz, denn das meiste ist gesagt: das, was das Papstdogma in „düren [dürren?] Worten“ sagt, ist für mich annehmbar.

      Ich mach’s auch kurz: Das freut mich. Ehrlich.

      Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, daß mich ein gewisses Gestichel in diese Richtung das nicht ganz so klar hat erscheinen lassen.

      Dann ist doch alles in schönster Ordnung, würde ich sagen! Das Konzil hat eine katholische Wahrheit zu einem Dogma erhoben. Das mag man nun aus verschiedenen Gründen – legitim – für inopportun gehalten haben und halten (auch dem, daß Leute hingehen würden und es im Sinne des Maximalismus interpretieren); und einige Konzilsteilnehmer mögen es auch (*vor* seiner Verkündigung) auf im Gewissen einwandfreie Weise inhaltlich abgelehnt haben… aber jetzt wissen wir ja, daß es stimmt, und was die Opportunität betrifft: jetzt haben wir es halt nun einmal.

      Daß es durchaus nicht in maximalistischer Form in den Konziltext einging, mag man nun als Indiz dafür nehmen, daß der sel. Pius IX doch nicht so schlimm war, oder für das Wirken des Heiligen Geistes unter Umständen aller Art… oder für beides 🙂

      >> Die Bischöfe wollten nicht mit „Nein“ stimmen, die auszogen, sondern ihnen wurde aufgezwungen, entweder mit „placet“ oder „non placet“ zu stimmen. Beides hätten sie nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Sie hätten ein „placet iuxta modum“ gebraucht.

      Das wußte ich so nicht. Allerdings ist es schon so: Es ist die übliche Vorgehensweise von Konzilien (und Parlamenten), bei der Schlußabstimmung nur noch entweder „ja“ oder „nein“ zu stimmen. Oder Enthaltung – und die Enthaltung war damals also anscheinend das Abreisen^^ Ein „placet iuxta modum“ aber heißt, daß man gern die und die Änderung hätte, und wenn die Änderungsrunde vorbei, oder die Vorschläge abgewiesen sind, macht eine solche Abstimmung keinen Sinn mehr.

      >> Wie ich aber sagte, ist das Problem nicht das Dogma an sich, sondern dessen dennoch maximalistische Deutung danach, vor allem und geradezu überschnappend bei Pius X.

      Vor allem und geradezu überschnappend? Das wäre mir z. B. neu. (Und ja, Pascendi, Lamentabili, der Antimodernisteneid und auf anderer Seite der von ihm initiierte CIC und Tra le sollecitudine – bei letzterem finde ich bei einigen Regelungen erfreulich, daß sie heute nicht mehr gelten – sind mir ein Begriff.)

      Liebe Grüße noch!

    • Verehrter Nepomuk,

      ich machs kurz, denn das meiste ist gesagt: das, was das Papstdogma in „düren Worten“ sagt, ist für mich annehmbar.
      Die Bischöfe wollten nicht mit „Nein“ stimmen, die auszogen, sondern ihnen wurde aufgezwungen, entweder mit „placet“ oder „non placet“ zu stimmen. Beides hätten sie nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Sie hätten ein „placet iuxta modum“ gebraucht. Es hat durchaus erpresserische Züge, eine Abstimmung so auf die Spitze zu treiben – sorry, aber so etwas ist nicht gut. Die Motivation zum Auszug hat z.B. Bischof Ketteler ausführlich dargelegt. Sie müssten schon ein paar Quellen ansehen – anders geht das bei dem Thema nicht.

      Wie ich aber sagte, ist das Problem nicht das Dogma an sich, sondern dessen dennoch maximalistische Deutung danach, vor allem und geradezu überschnappend bei Pius X.

      Das Dogma gab nicht her, was er behauptete und einforderte – das ist das Problem. Und da ihn viele in dieser seiner extremen Haltung als Idol verehren, haben wir eben doch ein sogar ganz massives Problem.
      Und ein wenig kritische Distanz zu den Jeuiten tut jedem gut, der einmal mit wachen Sinnen die „Exerzitien“ des Ignatius gelesen hat – es genügt eine gesunde Wachsamkeit, um zu begreifen, dass das eine Wurzel für vieles Ungute wurde.

      Aber ich würde das gerne abbrechen an der Stelle. Es gibt sicher eine neue Gelegenheit, das weiterzudiskutieren.

      • Auch wenn das fromme Tradis nicht gern hören man merkt leider bei den Dogmen des I Vatikanums das es ein unvollendetes Konzil war nämlich daran wie dieses Dogma umgesetzt wurde eine Art vergöttlichung des Papstes
        Man merkt das an der Reaktion diverser „frommer“ Kreise auf Kritik am Papst
        was Tradis auch nicht verstehen,daß im 19 Jhd nicht alles perfekt war diese pseudooffenbarungen bei den Ultramontanisten ist so schlecht wie der Modernismus

    • Übrigens, und es tut mir leid, wenn das jetzt unhöflich ist, aber um bei diesen ganzen (durchaus diskutablen) Opportunitätsfragen und (durchaus diskutablen) Fragen über die Sündenakte von einzelnen beteiligten nicht weiter um den heißen Brei herumzureden…

      Glauben Sie denn eigentlich,

      1. daß wenn der römische Papst „ex cathedra“ spricht, – das heißt, wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirte und Lehrer aller Christen mit seiner höchsten Apostolischen Autorität erklärt, dass eine Lehre, die den Glauben oder das sittliche Leben betrifft, von der ganzen Kirche gläubig festzuhalten ist, –

      daß er dann kraft des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen wurde, eben jene Unfehlbarkeit besitzt, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei Entscheidungen in der Glaubens- und Sittenlehre ausgerüstet wissen wollte?

      2. daß deshalb solche Lehrentscheidungen des römischen Papstes keine Abänderung mehr zulassen, und zwar schon von sich aus, nicht erst infolge der Zustimmung der Kirche?

    • >>Kleutgen ist Hauptschuldiger […]

      Er hat den Nonnen nicht eingeredet, ihre Visionen behaupten zu müssen. Es mag schlimm genug sein, daß auch theologisches Kaliber nicht davor helfen kann, einem abstrusen falschmystischen Kult hereinzufallen, das macht einen aber nicht zum Verursacher desselben. (Ist übrigens nicht das erstemal. Tertullian ließ sich auch vom Montanismus verführen.)

      >>aber so ein Mann ist entweder vollkommen überspannt und sollte dann auch keine Dogmen formulieren oder irgendwelche lehramtlche Texte mit neuen Lehren drin („Tuas libenter“) oder er ist ein zynischer Spieler.

      Letzteres fällt aus, da diese Art Mystik (mit Recht!) weder damals noch heute in höheren Kurien- und Theologenkreisen gern gesehen wurde, zynische Spielerei also eher zu einem negativen Urteil geführt hätte. Und neue Lehren? Das war die Infallibilität jedenfalls nicht.

      >>allerdings gebe ich Ihnen zu bedenken, dass Päpste das einmal anders sahen, etwa Paul IV. in „Cum ex apostoloato officio“. Darin wurde einem solchen Häretiker für immer jeder normale Umgang mit der normalen Welt untersagt, geschweige denn eine Begnadigung innerhalb kirchlicher Ämter gewährt. Nach Paul IV. gilt einer, der einen solchen dennoch begnadigt (gleich ober angeschworen hat oder nicht), selbst als Häretiker.

      Für das Quellenstudium habe ich keine Zeit, glaube Ihnen aber einfach mal, daß Paul IV. das so gesagt hat. Nun: dann war Paul IV. ziemlich hart und, was das „so jemand gilt selbst als Häretiker gilt“, im Irrtum – wobei er wahrscheinlich aber ohnehin nur einen „Häresieverdächtigen“ bzw. „jemand gilt als Häretiker, d. h. ist wie ein solcher zu behandeln, wenn er auch nicht unbedingt einer sein muß“ gemeint hat. (Die Situation war damals der akute Abwehrkampf gegen den Lutheranismus.)

      >>Wenn ein Fünftel der Bischöfe – und zwar kirchentreuer und unbescholtener Bischöfe – ein Konzil verlässt, weil es vermeiden möchte, gegen sein Gewissen abzustimmen, dann ist das für die Kirche schon damals ein Super-Gau gewesen.

      Nein. Einen Super-Gau gibt es in der Kirche nicht („Pforten der Hölle werden sie nicht“, etc.), und ein Gau wäre allenfalls, wenn die Abgereisten zusammen mit den dagebliebenen Nein-Stimmern eine Mehrheit ausgemacht hätten. So aber haben für das Dogma eine große Mehrheit der ursprünglich erschienenen Teilnehmer gestimmt und der Papst auch. Paßt doch.

      >>Ich habe angefangen, mir die Debatte anhand der Quellen vor Augen zu führen, und damals war viel mehr im Spiel als nur die Frage der „Opportunität“, mit dem man später offiziell dieses Desaster verharmloste und schönredete. Viele Bischöfe mussten hinterher klären, was das Dogma eigentlich genau bedeuten soll, während man in Rom dessen Inhalt von Anfang an sofort im Sinne der Maximalisten überstrapazierte…

      Umso bedeutender, daß die Forderungen der Maximalisten, die z. B. auch der sel. John Henry Newman festgestellt hat, in den Konzilstext selbst überhaupt nicht eingeflossen sind.

      >>Noch eine Bemerkung: Kleutgen war nach Aussagen der Zeugen sehr wohl an den Morden beteiligt, nur leugnete er das, wenn auch nicht überzeugend.

      Mit anderen Worten: Es steht Aussage gegen Aussage.

      >>Im übrigen ist das nicht die einzige haarsträubende Geschchte dieser Art.

      Gewiß. Ich empfehle „Enthousiasm“ von Msgr. Knox zur Lektüre, derlei abstruse Auswüchse,, wenn auch nicht unbedingt immer ins Verbrecherische gerichtet, scheint bei Falschmystizismus öfters vorzukommen.

      >>Wie brisant diese Fragen sind, kann man auch daran ablesen, dass Kardinal Manning, auf dem Konzil noch ein beinharter Infallibilist, am Ende seines Lebens eine Schrift veröffentlichte, in der er sich davon distanzierte.

      Wahrscheinlich nur von der maximalistischen Interpretation, die von dem Konzil ja gerade nicht gelehrt wurde.

      >>Man warf ihnen immer Radikalismus vor. Moralische Laxheit ließen sie nur berechnet zu – das berühmte „Der Zweck heiligt die Mittel“ ließ sie vielen als überhaupt total morallose Männer erscheinen.

      Was von der antijesuitischen Propaganda gebetsmühlenartig als jesuitische Maxime wiederholt wurde, deshalb aber noch keine ist.

    • Kleutgen ist Hauptschuldiger neben der Vikarin – er war kein „Verführter“, sondern ein Verführer. Er wusste besser als alle Nonnen, was nach der Inquisitionsurteil über den falschmystischen Kult gelten durfte und was nicht. Auch darf man einem Mann, der so viel auf seine theologische und scholastische Bildung hält, doch wohl ein Minimum an Reflektiertheit und innerer Distanz abverlangen angesichts dieser abstrusen und haarsträubenden „kultischen“ Vorgänge im Kloster. Nicht die Frauen, sondern er hatte die Bildung, das alles zu prüfen und zu durchschauen.

      Nur ein Beispiel: Wenn ein solcher Mann im Ernst und ohne Zweifel daran glaubt, dass die Muttergottes Briefe an Menschen schreibt, fein mit Tinte auf Papier geschrieben, und solche in einem bestimmten Kästchen hinterlegt, wobei sie immer gerade das schreibt, was man gerne hören will – Verzeihung: aber so ein Mann ist entweder vollkommen überspannt und sollte dann auch keine Dogmen formulieren oder irgendwelche lehramtlche Texte mit neuen Lehren drin („Tuas libenter“) oder er ist ein zynischer Spieler.

      Es tut mir Leid, aber der Fall zeigt uns keinen Verführten, keinen armen, von bösen Frauen übers Ohr gehauenen Mann, sondern einen unbehrrschten, skrupellosen Wirrkopf mit eiskalter strategischer Handlungsweise.

      Ein Papst kann selbstverständlich, wenn man ihn als absoluten Monarchen auffasst (aber nur wenn man das tut!), auch formelle Häretiker als Berater für Konzilien begnadigen – allerdings gebe ich Ihnen zu bedenken, dass Päpste das einmal anders sahen, etwa Paul IV. in „Cum ex apostoloato officio“. Darin wurde einem solchen Häretiker für immer jeder normale Umgang mit der normalen Welt untersagt, geschweige denn eine Begnadigung innerhalb kirchlicher Ämter gewährt. Nach Paul IV. gilt einer, der einen solchen dennoch begnadigt (gleich ober angeschworen hat oder nicht), selbst als Häretiker. Überzeugen Sie sich boitte selbst davon.

      Und da kommen wir auch schon in das Gefilde der vielen Ungereimtheiten um Pius IX. Er hat sich selbst mehr oder weniger mit Hilfe gerade der Jesuiten als absoluten Monarchen stilisiert und sich über sehr vieles hinweggesetzt, was einst einem Papst auch als Grenze gesetzt war – nicht umsonst die heftige Bestürzung in einem großen Teil des Episkopats über seine Vorgehensweisen.
      Wenn ein Fünftel der Bischöfe – und zwar kirchentreuer und unbescholtener Bischöfe – ein Konzil verlässt, weil es vermeiden möchte, gegen sein Gewissen abzustimmen, dann ist das für die Kirche schon damals ein Super-Gau gewesen, zumal Pius IX. in seiner Abschlusserklärung etwas hämisch ja selbst zugibt, dass diese Bischöfe zuvor fast alle ultramontan gedacht hatten. Dass er die Unfehlbarkeit des Papstes debattieren würde, hat er unehrlicherweise in der Einberufungsbulle nicht erwähnt. In der geheimen Befragung der Kardinäle 1864 hat nich einer überhaupt diesesThema als notwendiges Thema für das Konzil genannt.

      Ich habe angefangen, mir die Debatte anhand der Quellen vor Augen zu führen, und damals war viel mehr im Spiel als nur die Frage der „Opportunität“, mit dem man später offiziell dieses Desaster verharmloste und schönredete. Viele Bischöfe mussten hinterher klären, was das Dogma eigentlich genau bedeuten soll, während man in Rom dessen Inhalt von Anfang an sofort im Sinne der Maximalisten überstrapazierte… die Krönung dieses Kurses geschah dann unter Pius X.
      Angeblich wollte man das Konzil ja noch fortsetzen, es war ja nur durch die heranrückenden italienischen Truppen unterbrochen worden, und eigentlich gab das Schema „De ecclesia Christi“ nicht vor, speziell über die päpstliche Unfehlbarkeit zu konferieren, sondern über die Kirche im ganzen und ihre Unfehlbarkeit, die ja nicht einfach identisch ist mit der des Papstes. Die Unfehlbarkeit des Papstes war eines der späten Unterkapitel in dem Schema.

      Dazu wäre noch viel zu sagen, und einfach ist die Sachlage nicht.

      Noch eine Bemerkung: Kleutgen war nach Aussagen der Zeugen sehr wohl an den Morden beteiligt, nur leugnete er das, wenn auch nicht überzeugend. Wenn ich es richtig erinnere, folgten die Inquisioren damals einer Abwägung, ob es hinsichtlich des Urteils über eine formelle Häresie vernünftig wäre, die Morde weiter zu verfolgen, denn man wollte die sache als formelle Häresie brandmarken und das Kloster deswegen auflösen, um den Kult, der ja schon einmal verboten worden war, endgültig zu zerstören. Das Gericht brach die Untersuchung ab, nachdem man Kleutgen hinsichtlich der Morde nicht beikam und er nicht nur leugnete, sondern auch immer fantastischere Erklärungen auffuhr. Im Urteil werden die Morde unter „weiteren Delikten“ subsummiert, die manKleutgen im strafrechtlichen Bereich noch vorwerfen konnte. Hätte man diese Sache allerdings vor das dafür zuständige Gericht gebracht, wäre Kleutgen im Kirchenstaat der Todesstrafe verfallen.

      Dass Wolf sehr wohl auch kirchenpolitische Schlüsse ziehen darf, ist sein gutes Recht, zumal sie sich anhand dieser Story geradezu aufdrängen.

      Im übrigen ist das nicht die einzige haarsträubende Geschchte dieser Art. Otto Weiß beschreibt aufgrund der Archivbestände ähnliche Dinge für das Redemptoristenkloster in Altötting zur gleichen Zeit um die Seherin Luise Beck. In dieses falschmystische Netzwerk waren einige derselben Personen verwickelt wie in den Fall in Sant’Ambrogio – auch wieder ganz groß dabei Bischof Reisach, dann auch Bischof Senestrey, und sie entstammten alle dem extremen ultramontanen Kreis, der wiederum auf Pius IX. einen einmaligen Einfluss hatte.

      Ich sagte es schon: das alles ist keine einfache Sache, und warten wir es ab, was dazu noch geforscht wird und ob das nicht doch viel problematischer war als es sich die ultramontane Fraktion zurechtgelegt und bis heute kommuniziert hat.
      Wie brisant diese Fragen sind, kann man auch daran ablesen, dass Kardinal Manning, auf dem Konzil noch ein beinharter Infallibilist, am Ende seines Lebens eine Schrift veröffentlichte, in der er sich davon distanzierte.

      Ob die Jesuiten im 17./18. jh soviel besser waren?
      Man warf ihnen immer Radikalismus vor. Moralische Laxheit ließen sie nur berechnet zu – das berühmte „Der Zweck heiligt die Mittel“ ließ sie vielen als überhaupt total morallose Männer erscheinen.
      Aber auch das hätte Prälat Imkamp zumndest mit in die Reflexion einfließen lassen müssen.

    • Nachtrag:

      >>Die Verwirrungen um das damalige Konzil sind auch ohne diesen Fall teilweise auffallend und lassen bis heute zahlreiche Fragen offen, die erst langsam nach Öffnung der Archive geklärt werden können.

      Für den Historiker sind immer mehr oder weniger viele Fragen offen.

      Für die Glaubenspraxis von uns Katholiken sind – ich überspitze – nur die Canones et Decreta relevant. Und die waren nie in Archiven verschlossen.

    • >>Na, jetzt sind ein paar Tage vergangen, da konnten Sie sich fürs Erste kundig machen.

      Wenn ich mich erst noch kundig gemacht hätte, dann hätte ich das gesagt. Aber ob Sie’s glauben oder nicht, man kann nicht immer sofort antworten.

      >>Nach dem damaligen Kirchenrecht wurde Kleutgen extrem milde bestraft, was auf die Sympathien des Papstes zurückging und nicht auf eine gerechte Beurteilung, für die die Inquisition ja ausreichend Akten vorgelegt hatte.

      Milde bestrafen und begnadigen ist das Recht eines absoluten Monarchen.

      >>Es war Pius IX., der ausdrücklich das Strafmaß, das für Kleutgen nach dem damaligen Recht die Todesstrafe hätte bedeuten können, auf 2 Jahre Klosterhaft abmilderte.

      Die Todesstrafe, für einen abgeschworenen Häretiker? wohl eher theoretisch.

      >> Obwohl er in dem gesamten Verfahren einer der Hauptschuldigen ist, erhielt er die geringste Strafen.

      Hauptschuldiger? Wohl eher ein in peinlichem Ausmaß Verführter. Hauptschuldig waren die fraglichen pseudo-visionären Nonnen. Auch wenn es Frauen waren.

      >> Was das erforderliche Schuldeingeständnis Kleutgens betrifft, lesen Sie bei Wolf am besten noch mal ab S. 373 – es wurde nämlich nicht erreicht, und zwar ausdrücklich nicht!

      Es heißt, er hat abgeschworen. Wenn er selber nie bewußt häretisch war, ist es durchaus legitim, dies unter Klauseln wie „alles, was ich vertreten haben mag, das häretisch sein sollte, verwerfe ich zutiefst“ etc. zu fassen.

      >>Allerdings wurde Kleutgen als „formeller Häretiker“ verurteilt und gab dies selbst auch später immer wieder so kund!

      Ja. Und?

      >>Seine Beteiligung an den Morden im Kloster fiel an sich nicht unter die Zuständigkeit des Inquisitionsgerichtes, wurde hier aber doch damit vermischt (vgl. Wolf, S 306). Diese Morde geschahen aber wegen des häretischen falschmystischen Kultes im Kloster, der ausdrücklich verboten worden war. Jede Frau, die sich gegen diesen Kult wehrte und für Kleutgen und die Vikarin eine Gefahr bedeutete, dass der Kult auffliegen konnte, wurde ermordet. Daran war Kleutgen als Hauptstütze dieses Kultes in jedem Fall beteiligt, log aber alles, soweit es nur irgend ging, ab.

      Das widerspricht der Unschuldvermutung. Wenn das Urteil von Morden nicht spricht, ist es weder statthaft, das als „eh klar“ abzuhandeln – noch notwendig: Beichtgeheimnisbruch ist ja auch schon ein gewaltiges Kaliber.

      >>Was seine Beteiligung an den Giftmorden im Kloster betrifft, lesen Sie insbesondere ab S. 368. Die Verwirrung, die sich aus Kleutgens Sexaffaire mit der Klostervikarin ergab, zeigt eben doch, dass sie die Morde ihm zuliebe und mit seiner Kenntnis, wenn nicht sogar auf seine Aufforderung begangen hatte.

      Mir liegt das Buch momentan nicht vor. Ihrer Schilderung entnehme ich aber, daß es hier um eine „Verwirrung“, um „zeigt, daß sie ihm zuliebe und (?) mit seiner Kenntnis, wenn nicht sogar“ geht, mit anderen Worten um „nichts Genaues weiß man nicht.“

      >>Aber Kleutgen wand sich wie eine Schlange, zeigte offenkundig von sich aus keinerlei Reue oder Bereitschaft, ein Geständnis aus echtem eigenen Bedürfnis abzulegen – das fehlt in dem ganzen Verhörverlauf – auch bei ihm als einzigem Angeklagten auffallend schwerwiegend. Die Inquisition musste ihm buchstäblich jeden Wurm aus der Nase ziehen und seine Abschwörformeln, sagte er so auf, wie man sie ihm vorlegte. Erst wenn das Material gegen ihn zu erdrückend wurde, gab er tröpfchenweise seine Schandtaten zu, taktierte aber selbst dann noch weiter.

      Weil er sich nicht schuldig gefühlt haben wird. – Man verlangt von einem Angeklagten nicht die Mitwirkung am Prozeß.

      >>Kleutgen wäre bescheuert gewesen, wenn er sich nicht auf diese Vorlagen eingelassen hätte – immerhin rettete ihn der Papst ja selbst aus seiner misslichen Lage und das Vaticanum I stand bald bevor und bedurfte eines „neuscholastischen“ Hardliners vom Kaliber eines Kleutgen.

      Bedurfte? Das Unfehlbarkeitsdogma hatte Pius IX. schon in seiner Antrittsenzyklika, allerdings noch nicht als Dogma verkündet, was Döllinger seinerzeit auch auffiel.

      >>Natürlich sind katholische Hardliner auch heute nicht bereit, die Monstrosität dieses Falls anzuerkennen und wollen diesen Neuscholastiker um jeden Preis irgendwie noch reinwaschen. Wenn aber der Fall, wie Wolf ihn aufgrund der vatikanischen Akten aufgearbeitet hat, so war, wirft das alles ein sehr düsteres Licht auf Pius IX. ebenso wie auf das Vaticanum I.

      Nein, tut es nicht. Weder noch. Ersteres nicht, weil es nicht ein düsteres Licht auf ein weltlich-geistliches Oberhaupt wirft, mit Delinquenten – ja auch mit solchen, die ihre Schuld nur scheibchenweise zugeben – gnädig umzugehen. Zweiteres nicht, weil wir in der katechetischen Klippschule gelernt haben, daß das Ergebnis eines Konzils von der Würdigkeit der Teilnehmer, *geschweige denn der Periti*, die ja nur Hilfsarbeit leisten, völlig unabhängig ist.

      Die sicher sehr materialreiche und, wo es um die Fakten geht, anscheinend korrekte von Hubert Wolf Aufarbeitung wäre freilich noch ergiebiger gewesen, wenn er sie nicht dem tendenziösen Tonfall einer kirchenpolitischen Agenda vermischt hätte.

      Die Verwirrungen um das damalige Konzil sind auch ohne diesen Fall teilweise auffallend und lassen bis heute zahlreiche Fragen offen, die erst langsam nach Öffnung der Archive geklärt werden können.

      >>Nun ist das alles aber nicht das Hauptthema des Artikels gewesen. Mir ging es drum zu zeigen, dass das Bild von der „Jesuitenmoral“, das Prälat Impamp zeichnet, nicht realistisch ist, weil die Jeuiten gerade im 19. Jh die rabiatesten Wadenbeißer der Kirche waren. Das wirkt heute anders, aber damals vertraten sie den beinharten Kurs der Ultramontanen und Infallibilisten mit allen möglichen Zusätzen wie Antisemitismus, Royalismus und der Stilisierung des Freimaurerwahns.

      Zugestanden – wobei Ultramontanismus, Infallibilismus, Royalismus und eine gewisse Gegnerschaft zu den Freimaurern – und das alles auch in beinharter Weise – nichts Schlechtes sein müssen.

      Prälat Imkamp – ich mag seinen Artikel auch nicht, aber: – meinte aber das 17. und 18. Jahrhundert, auf das 19. geht er in seinem Artikel gar nicht ein.

    • @ Nepomuk

      Na, jetzt sind ein paar Tage vergangen, da konnten Sie sich fürs Erste kundig machen. Nach dem damaligen Kirchenrecht wurde Kleutgen extrem milde bestraft, was auf die Sympathien des Papstes zurückging und nicht auf eine gerechte Beurteilung, für die die Inquisition ja ausreichend Akten vorgelegt hatte.
      Es war Pius IX., der ausdrücklich das Strafmaß, das für Kleutgen nach dem damaligen Recht die Todesstrafe hätte bedeuten können, auf 2 Jahre Klosterhaft abmilderte. Obwohl er in dem gesamten Verfahren einer der Hauptschuldigen ist, erhielt er die geringste Strafe….Pius IX. brauchte den Mann noch für seine Zwecke…
      Was das erforderliche Schuldeingeständnis Kleutgens betrifft, lesen Sie bei Wolf am besten noch mal ab S. 373 – es wurde nämlich nicht erreicht, und zwar ausdrücklich nicht!
      Allerdings wurde Kleutgen als „formeller Häretiker“ verurteilt und gab dies selbst auch später immer wieder so kund!
      Seine Beteiligung an den Morden im Kloster fiel an sich nicht unter die Zuständigkeit des Inquisitionsgerichtes, wurde hier aber doch damit vermischt (vgl. Wolf, S 306). Diese Morde geschahen aber wegen des häretischen falschmystischen Kultes im Kloster, der ausdrücklich verboten worden war. Jede Frau, die sich gegen diesen Kult wehrte und für Kleutgen und die Vikarin eine Gefahr bedeutete, dass der Kult auffliegen konnte, wurde ermordet. Daran war Kleutgen als Hauptstütze dieses Kultes in jedem Fall beteiligt, log aber alles, soweit es nur irgend ging, ab.
      Was seine Beteiligung an den Giftmorden im Kloster betrifft, lesen Sie insbesondere ab S. 368. Die Verwirrung, die sich aus Kleutgens Sexaffaire mit der Klostervikarin ergab, zeigt eben doch, dass sie die Morde ihm zuliebe und mit seiner Kenntnis, wenn nicht sogar auf seine Aufforderung begangen hatte.
      Aber Kleutgen wand sich wie eine Schlange, zeigte offenkundig von sich aus keinerlei Reue oder Bereitschaft, ein Geständnis aus echtem eigenen Bedürfnis abzulegen – das fehlt in dem ganzen Verhörverlauf – auch bei ihm als einzigem Angeklagten auffallend schwerwiegend. Die Inquisition musste ihm buchstäblich jeden Wurm aus der Nase ziehen und seine Abschwörformeln, sagte er so auf, wie man sie ihm vorlegte. Erst wenn das Material gegen ihn zu erdrückend wurde, gab er tröpfchenweise seine Schandtaten zu, taktierte aber selbst dann noch weiter.
      Kleutgen wäre bescheuert gewesen, wenn er sich nicht auf diese Vorlagen eingelassen hätte – immerhin rettete ihn der Papst ja selbst aus seiner misslichen Lage und das Vaticanum I stand bald bevor und bedurfte eines „neuscholastischen“ Hardliners vom Kaliber eines Kleutgen.

      Natürlich sind katholische Hardliner auch heute nicht bereit, die Monstrosität dieses Falls anzuerkennen und wollen diesen Neuscholastiker um jeden Preis irgendwie noch reinwaschen.

      Wenn aber der Fall, wie Wolf ihn aufgrund der vatikanischen Akten aufgearbeitet hat, so war, wirft das alles ein sehr düsteres Licht auf Pius IX. ebenso wie auf das Vaticanum I. Die Verwirrungen um das damalige Konzil sind auch ohne diesen Fall teilweise auffallend und lassen bis heute zahlreiche Fragen offen, die erst langsam nach Öffnung der Archive geklärt werden können.

      Nun ist das alles aber nicht das Hauptthema des Artikels gewesen.
      Mir ging es drum zu zeigen, dass das Bild von der „Jesuitenmoral“, das Prälat Impamp zeichnet, nicht realistisch ist, weil die Jeuiten gerade im 19. Jh die rabiatesten Wadenbeißer der Kirche waren. Das wirkt heute anders, aber damals vertraten sie den beinharten Kurs der Ultramontanen und Infallibilisten mit allen möglichen Zusätzen wie Antisemitismus, Royalismus und der Stilisierung des Freimaurerwahns.

    • 1. Daß ich den Fall gar nicht kenne und dergleichen schreibe ich zwar sonst immer, habe es aber hier nicht getan, weil ich hier den Fall nämlich kenne.

      2. Was wir kennen, wenn einer als formeller Häretiker verurteilt wird – hier besser: wenn in einem Urteil festgestellt wird, daß bestimmtes verbrecherisches Verhalten bis in die formelle Häresie hineinreicht (als *Beschreibung* taugt „Schwarmgeisterei mit Beichtgeheimnisbruch und Vergehen gegen das sechste Gebot“ besser), ist, daß er die Buße auf sich zu nehmen hat, die die Kirche ihm auferlegt, wobei es auch zu Begnadigungen kommen kann.

      Verbrannt wurden – jedenfalls wo es ein geregeltes Verfahren gab – immer nur die, die nicht abschworen, und die Wiederholungstäter.

      3. Weder Hubert Wolf noch Wikipedia erwähnen, daß die Verurteilung Pater Kleutgens auch wegen Mordes erfolgt sei.

      4. >>Über das Dogma habe ich übrigens nichts gesagt.

      Ich habe auch nicht behauptet, daß Sie etwas gesagt hätten, sondern nur eine allgemeine Bemerkung dazu gemacht. Was den Anlaß dieser allgemeinen Bemerkung betrifft: der Ton macht die Musik.

    • @ Nepomuk

      Sie machen es sich zu einfach – vor allem, da Sie ja offenbar den Fall, wie Sie selbst schreiben, gar nicht kennen.

      Was „wir“ kennen in der Kirche, vor allem, nachdem einer als formeller Häretiker verurteilt worden war, wissen Sie offenbar auch nicht – also bitte erst informieren. Sonst bringt das alles nichts.

      Über das Dogma habe ich übrigens nichts gesagt. Bitte also auch genau lesen. Oder wie wär es mit Nachfragen, wenn die Aussage nicht konkret genug war?

    • 1. Daß Joseph Kleutgen von der Inquisition „Morde“ nachgewiesen wurden, höre ich zum ersten Mal.

      2. Sinn und Zweck der Inquisition war, daß Häretiker abschworen und wieder in den Schoß der Kirche eingegliedert wurden; Joseph Kleutgen hat das getan. Die Buße legt die Kirche auf, das „sich auf alle Zeit unmöglich gemacht haben“ kennen wir nicht.

      3. Und ein fähiger Theologe hört nicht auf, ein fähiger Theologe zu sein, wenn ihm Verbrechen nachgewiesen werden.

      4. Und ein Dogma hört nicht auf, Dogma zu sein, wenn einem der an der Ausformulierung beteiligte Theologe nicht paßt.

  13. Und zur Berichterstattung darüber:

    erst einmal interessiert mich nicht, ob ein Laie sich wichtig nimmt (neben de Mattei könnte man übrigens noch Prof. Spaemann anfügen) oder ein Bischof nur ein Weihbischof ist.

    >>Wahre Katholiken dürfen sich indes freuen, dass Papst Franziskus ein pastorales Herz hat, welches von der menschlichen und kasuisitischen Denkart des barocken Jesuitismus geprägt ist.

    Das ist angesichts des Tonfalls, in dem er den Begriff „Kasuistik“ regelmäßig ausspricht bzw. niederschreibt – der ihm als Jesuiten natürlich geläufig ist – so schon ein wenig komisch.

    Und auch für pastorale Herzen gilt ganz elementar, was Prof. Spaemann gesagt hat: „Man kann die hl. Kommunion nur entweder spenden oder verweigern, dazwischen gibt es kein Mittel“ – auch kein pastorales. Einmal ganz unabhängig davon, welche Handlungsweise hier der Tradition und der Wahrheit entspricht: wenn Papst Franziskus die Kommunion für die wiederverheirateten Geschiedenen *will* (wie es scheint), so muß er sich vorhalten lassen, daß er das nicht so deutlich gesagt hat, wie er es hätte sagen können; und wenn er sie *nicht will*, dann muß er sich vorhalten lassen, daß er Andeutungen in die Gegenrichtung gegeben hat. Unbestimmtheit ist nicht von pastoralem Nutzen.

    Die Antwort, die die Verteidiger des Papstes üblicherweise geben, ist „aber darum geht es doch nur an hinterletzter – na vielleicht hintervorletzter – Stelle, fokussieren wir uns doch auf das Wichtige!“ Aber: Die Kirche kann sich aber die Fragen nicht aussuchen, die die Welt an sie stellt. Sie kann antworten; und sie braucht sich zu keiner der Welt genehmen Antwort zwingen lassen (und natürlich auch zu keiner der Welt unangenehmen); aber sie kann sich nicht die Fragen aussuchen.

    >>Die Lebenserfahrung lässt uns übrigens annehmen, dass gerade die moralistischsten Eiferer am meisten auf Barmherzigkeit und Kasuistik bei der Beurteilung ihres eigenen moralischen Lebenswandelns angewiesen sind

    Es ist keine Schande, auf Kasuistik angewiesen zu sein, weil die ja nur darlegt, was gilt und was nicht…

    und zweitens: und wenn? Die Moral wird doch nicht für die Starken, die eh keine Probleme haben, sondern für die Schwachen gemacht. Und Sünden und Verbrechen ändern nichts daran, ob einer Recht hat oder nicht.

    Dieses Argument fällt, mit Verlaub, in die Kategorie „unter die Gürtellinie“.

    >>der psychologische Mechanismus der Hyperkompensation lässt grüßen…

    Eher schon der, daß Leute, die sonst alles das falsch machen, was die Welt von ihnen will, wenigstens aber (mit Ausrutschern) nach der katholischen Moral leben, vielleicht doch wenigstens dafür hin und wieder ein bißchen Lob abstauben wollen, statt daß ihnen auch das noch madig gemacht wird… und auch die Kirche ihnen noch vermittelt, das sei unwichtig… und immerzu ist der Vergleich da mit den Leuten, die natürlich und ohne schlechtes Gewissen die modischen Sünden begehen, sich selber (sie beichten ja nicht) für moralisch tadellos halten und dann auch noch in allem, was sie anpacken, Erfolg haben…

    und da wir alle nur Menschen sind, wer wollte sie dafür, daß sie dieses bißchen Lob doch noch abstauben wollten, tadeln.

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