„Luxusmieze“ als Vorbild!

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Erinnern Sie sich noch an das Evangelium von gestern, dem 11. Sonntag im Jahreskreis? Hier eine Erinnerungshilfe aus Maria Vesperbild von Prälat Wilhelm Imkamp

Auch Zeitungen, die sich selbst gerne „Qualitätsjournalismus“ bescheinigen, kommen wenigstens unter den Rubriken „Aus aller Welt“, „Vermischtes“ oder „Panorama“ nicht ohne sie aus: die Luxusmiezen, die „Teppich“- und/oder „Boxenluder“! Wer mehr von ihnen wissen und vor allem sehen möchte, dem steht eine Fülle von bunten Blättern zur Verfügung. Luxusmiezen, Luder und Schlampen erregen immer das Interesse, lassen viele von uns neidisch werden und vermitteln gleichzeitig das Gefühl, doch viel, viel besser zu sein.

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Prälat Wilhelm Imkamp / © Wilhelm Imkamp (Facebook)

Auch die Evangelien scheinen ohne eine Luxusmieze nicht auszukommen: Jesus ist eingeladen, höchst offiziell bei einem Vertreter der etablierten, religiösen Leitungsebene und er folgt der Einladung. Jetzt beginnt der Auftritt „Luxusmieze“. Auch wenn Lukas ihren Namen hier diskret verschweigt, dürfen wir in der Tradition der katholischen Schriftauslegung seit Papst Gregor dem Großen sie mit Maria Magdalena, der Schwester des Lazarus (Lk, 10, 38ff), der großen Sünderin (Lk, 8,2), die wir auch bei einem anderen gesellschaftlichen Ereignis, nämlich im Hause Simons des Aussätzigen finden (Mk. 14,3 ff.), identifizieren!

Die Frau gilt wegen ihres Lebenswandels, der sich wohl nicht im Verborgenen abspielte, als Sünderin. So wie sich diese Frau um die öffentliche Meinung über ihren Lebenswandel hinweggesetzt hat, so scheut sie auch jetzt nicht die Öffentlichkeit: Sie hat öffentlich gesündigt und sie bereut eindringlich und auch öffentlich. Hier läuft keine Show zur Melodie „Ein paar Tränen werd ich weinen um dich“, hier bereut eine Frau öffentlich ihr verfehltes Leben, sie tut das mit den Mitteln, die in diesem Leben eine gewisse Rolle gespielt haben mögen, ihren prächtigen langen Haaren, die so manchen Kirchenvater zu reizvollen Spekulationen veranlasste und einer Körperlotion im Alabaster-Luxusdesign. Diese Körperlotion war wirklich Luxus pur, bei einem solchen Alabasterfläschen geht es um einen Wert von mindestens 300 Denaren (MK 14,3-9), etwa dem Jahresgehalt eines römischen Legionärs. Jesus wehrt sich gegen diese Luxusbehandlung seiner Füße nicht, im Gegenteil, er stellt die öffentliche Sünderin in ihrem Verhalten dem „frommen“ Gastgeber als Beispiel hin, denn der hatte seinen Gast unhöflich und protokollarisch nicht korrekt behandelt. Diesen Defekt hebt die Sünderin durch ihr Verhalten auf, Jesus zeigt sich hier also durchaus „protokoll-bewusst“. Er übersieht schlechte Manieren und die sich in ihnen ausdrückende Grundhaltung nicht. Das Verhalten der öffentlichen Sünderin überbietet die üblichen Höflichkeitsformen und ist deswegen nicht nur Zeichen tätiger Reue, sondern auch ein offenes und öffentliches Glaubensbekenntnis, von Jesus selbst bestätigt: „Dein Glaube hat dir geholfen“!

Die Luxusmieze als Beispiel für den Frommen: Jesus erteilt uns allen eine Lektion, denn er ist nicht der Kumpel, dem man wohlwollend die Schulter tätschelt, nein, er hat Anspruch auf Ehr-furchtsbezeugung. Der Herr über Leben und Tod löst die Sünden, wenn Reue vorliegt. Der Reue aus Liebe folgt die Verzeihung aus Liebe: Unser Evangelium zeigt so „Liebe als Bedingung und als Folge der Vergebung“ (Klaus Berger).

Die Botschaft des heutigen Evangeliums wäre angekommen, wenn wir bei der Begegnung mit den „Luxusmiezen“ der Gegenwart, die die Medien so überreich bevölkern, an Maria Magdalena denken würden. Wenn Sie in dieser Woche in einem Wartezimmer in den Fachblättern für Luxusmiezen, Ludern und Schlampen blättern, dann vergessen Sie die „Luxusmieze“ vom Sonntagsevangelium nicht!

Quelle: Wilhelm Imkamp, Wallfahrtsdirektion Maria Vesperbild

1 Kommentare

  1. Nein @Nepomuk, ich habe das Evangelium nicht missverstanden.
    Der öffentlichen Sünderin ist ob der dem Herrn von ihr erwiesene Liebe alles vergeben. Punkt!
    Aber man darf gerade auch als Kirche nicht andere Frauen aus dem Evangelium mit ihr gleichsetzen, wenn es dafür keine Beweise gibt.
    Ich denke, @Zeitschnur hat das in ihrer Antwort treffend ausgeführt.

    • Das Evangelium mißversteht, wer der Ansicht ist, die Kirche habe diese Gleichsetzung vorgenommen, *um* Maria Magdalena *herabzuwerten*, wie @Zeitschnur ja explizit, aber eben fälschlich, ausgeführt hat. Also indem sie sie mit dem Schandnamen einer Hure belege oder so. Das ist dann so ungefähr das Niveau von Dan Brown und Michael Baignet.

      Tatsächlich wird der fraglichen öffentlichen Sünderin vergeben, und wer es für eine Schande hält, früher mal eine Sünderin gewesen zu sein, gehört nuneinmal auf die Seite der Pharisäer und nicht des Heilandes in diesem Gleichnis.

      Und die Kirche? Die machte diese Gleichsetzung *vielleicht* weil die Leute wußten, daß es sich um dieselbe Person handelt, *sicher* weil sie wußten, daß es sich nach allem, was wir wissen, um dieselbe Person handeln könnte; und um (um mit Occam zu sprechen) die Entitäten zu reduzieren: also aus dem selben Grund, warum die Kirche praktisch immer den Levi, von dem Lukas schreibt, und den Matthäus, von dem Matthäus schreibt, für ein und dieselbe Person gehalten hat.

      Und zum Thema „wenn es dafür keine Beweise gibt“: sind mindestens fünfzehnhundert Jahre westlicher Tradition denn nichts?

  2. Die öffentliche Sünderin in diesem Evangelium mit Maria Magdalena oder Maria, der Schwester des Lazarus gleichzusetzen, halte ich nicht nur für gewagt sondern für eine unmögliche Spekulation.
    Man tut dem Andenken der beiden namentlichen Frauen damit ein bitteres Unrecht an, wenn man sie mit der öffentlichen Sünderin – wahrscheinlich einer Hure? – gleichsetzt.
    Aus der hl. Schrift wissen wir, dass Maria Magdalena wahrscheinlich von Dämonen besessen war und davon geheilt wurde. Wie man da auf eine Sünderin kommt, ist mir unverständlich.
    Und erst recht bei Lazarus Schwester Maria: Von ihr wissen wir nur, dass sie sich dem Herrn zu Füßen setzt und Seinen Lehren zuhört, während ihre Schwester Martha den Haushalt macht.
    Als letztere sich bei Jesus ob der vermeintlichen Faulheit Marias beklagt, weißt Er sie feinfühlig aber bestimmt zurecht.
    Nun auch noch der armen Maria öffentliche Sünde – gar Hurerei – anzudichten, schlägt dem Fass den Boden aus.
    Unmöglich, dass Prälat Image heutzutage solchen Unsinn in einer Predigt wiederholt.

    • Nix für ungut, aber:

      da hat jemand das Evangelium und insbesondere den Satz: „Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel geliebt“ mißverstanden.

      Unabhängig, ob man nun diese traditionelle Identifikation hochhält oder nicht, aber daß man

      >>dem Andenken der beiden namentlich[ genannt]en Frauen damit ein bitteres Unrecht an[tut], wenn man sie mit der öffentlichen Sünderin – wahrscheinlich einer Hure? – gleichsetzt, [*]

      gerade das ist, mit Verlaub, ganz präzise das, wogegen sich das Evangelium von der Sünderin wendet.

      >>Aus der hl. Schrift wissen wir, dass Maria Magdalena wahrscheinlich von Dämonen besessen war und davon geheilt wurde. Wie man da auf eine Sünderin kommt, ist mir unverständlich.

      Es dürfte klar sein, daß ein gewisses sündhaftes Leben zwar an sich mit dämonischer Besessenheit nichts zu tun hat, diese aber zumindest wahrscheinlicher, nicht unwahrscheinlicher macht. Von der dämonischen Besessenheit wissen wir übrigens nicht wahrscheinlich, sondern nach z. B. Mk 16,9 sicher.

      [* Man kann sich Maria von Betanien, wenn man auch diese Identifikation vornimmt, sicherlich nicht so vorstellen, wie wir uns gewöhnlich eine Hure vorstellen… aber von Hure ist ja auch nie die Rede. Es kann sich genausogut um zumindest eine Hetäre handeln, noch wahrscheinlicher in diesem Fall eine ganz prostitutionsfreie Dame der besseren Gesellschaft, die wegen eines öffentlich gewordenen Skandals, z. B. Ehebruchs, geschnitten wird.]

    • @ Nepomuk

      Naja – aber wenn wir schon immer so ganz besonders genau sein wollen, dann bitte auch hier!
      Auch wenn der „Sünderin“ alle Sünden vergeben wurden, muss man dennoch nicht diese Sünden Frauen anlasten, die sie nun mal nicht begangen haben. Ich will auch nicht als „Ex-Hure“ behandelt werden, denn ich war nie eine – deswegen verachte ich aber als Katholikin keine Hure.

      Man dürfte bei nüchternem Blick eher das feststellen müssen, was naheliegend ist: dass die Gleichsetzung Maria M.s mit einer „Prostituierten“ eine gezielte kirchliche Strategie war, ihre Bedeutung abzuwerten.

      Gregor d. Gr. gibt ja offen zu, dass seine Überlegungen nicht auf Wissen, sondern einer „Milchmädchenrechnung“ beruhen.

      Jesus hat Maria M. sieben Dämonen ausgetrieben. Punkt!
      Mehr wissen wir nicht.

      Und dämonische Besessenheit kommt nicht durch einfache Sünden, sondern durch ein bewusstes Sich-Öffnen für Dämonisches oder einen Missbrauch Erwachsener an Kindern, indem sie sie den Dämonen gewaltsam öffnen.

      Durch ungeordnete Sexualität zieht man keine Besessenheit auf sich, sondern einfach nur die damit verbundene sündhafte Unreinheit.

  3. Zunächst muss man sagen, dass die katholische „Tradition“, Maria Magdalena mit anonymen oder auch namentlichen Marias der Evangelien zu identifizieren, weder von den Christen der ersten Jahrhunderte geteilt wurde, noch nach moderner theologischer Forschung haltbar ist. Interessante Artikelfolge dazu hier: http://auslegungssache.at/1812/maria-magdalena-apostelin-der-apostel/#comment-3515

    Die Tradition, von der hier die Rede ist, setzt erst im 7. Jh ein – davor wusste man nichts von der angeblichen „Sünderin“ und „Büßerin“ und auch nichts davon, dass sie identisch mit Maria von Bethanien sei. Starkes Indiz für eine verfälschende Tradition ist auch, dass die gesamte Ostkirche von ihr nichts weiß! Die schlüpfrigen Legenden haben viel zur daraus folgenden Legende beigetragen, Maria M. sei die Geliebte oder Frau Jesu gewesen.
    Damit sollte man also schon mal vorsichtig sein.

    Es geht in der fraglichen Geschichte hier nicht um Luxus und Lifestyle.

    Die Frau, von der die Rede bei Mk. 14 ist, ist weder als „Sünderin“ gezeichnet noch als „Schlampe“ oder „Luder“ oder „Luxusmieze“. Eine Frau kommt herein, als Jesus bei Simon dem Aussätzigen zu Gast ist und salbt Jesu Haupt mit dem kostbaren Salböl aus einem Alabastergefäß.
    Jesus verteidigt dies mit dreierlei Argumenten:

    1. Er ist der Herr und bald wird er nicht mehr bei den Jüngern sein. Seine Salbung ist hier eine Salbung zum wahren König der Welt, zum verborgenen König allerdings, und es ist symptomatisch, dass nicht irgendein stolzer, hochgestellter Mann diese Salbung Jesu für das verborgene Reich Gottes vornimmt, sondern eine Frau, deren Name uns nicht einmal bekannt ist. Wie es die Gottesmutter im Magnificat schon sagt: Die Niedrigen erhebt er, die Mächtigen stürzt er, die, die den Luxus innehaben, die stürzt er, an allen Schlüsselstellen wendet sich der Herr zuerst an eine Frau: er lässt sich durch die niedrige Magd gebären, er offenbart zuerst der Elisabeth, wen Maria im Leib trägt, er erscheint zuerst Maria Magdalena am Grab und er lässt sich von einer Frau zum verborgenen König salben. Damit wird das gesamte antike System vor den Kopf gestoßen, dass all das nur dem Mann und hochgetellten Personen zubilligte.
    In der Reaktion der männlichen Jünger schwingt ja durchaus mit, dass sie eine solche Ehre für den Herrn gar nicht einsehen… denn auch er ist ja nur ein „Kleiner“…

    2. Der Herr wird getötet werden und die Salbung ist auch die für einen, der zu Grabe getragen wird. Mit der Salbung Jesu zum König in diesem Äon also und mit den kostbarsten Mitteln dieses Äons also wird auch zugleich sein Tod angesagt. Es ist tief, was hier erzählt wird und passt zum Machtverzicht Jesu, als er der Versuchung zur Macht in der Wüste widerstand:
    Jesus ist der König des Alls, weil durch ihn alle Dinge gemacht sind, aber er stirbt der pervertierten Macht in dieser Welt, ja, er geht an ihr förmlich zugrunde. So erhält das, was dem König gebührt einen verfremdeten Charakter.
    Die Jünger erfassen aber nicht einmal, dass es hier um die Salbung des sterbenden Königs geht und halten es für „Verschwendung“.

    3. Was also, könnte man in Jesu Worten vermuten, nützt es – all das Nachdenken um Verschwendung oder Luxus?
    Jesu Antwort ist auch hier doppelbödig: Arme haben wir allezeit bei uns, die können wir so oft es geht, versorgen!
    Das ist die Rückseite des Luxus: Armut. Tiefste Armut – auch bei dem, der reich scheint.
    Womit versorgt man Arme?
    Mit Lifestyle und Luxus?
    Oder mit dem „Brot des Lebens“?

    Ansonsten: „Sorgt euch nicht, was ihr anziehen werdet… der Vater im Himmel weiß, wessen ihr bedürft… seht die Lilien auf dem Feld … die Spatzen auf dem Weg… sie sähen nicht und ernten nicht… und doch…“

    Die Parallelerzählung in Lk. 7 hat etwas andere Nuancen: hier ist die Rede von einer „Sünderin“, wobei nicht gesagt wird, inwiefern Sünderin. Hier salbt sie nicht den Kopf Jesu, sondern seine Füße.
    Man kann annehmen, dass sie beides gesalbt hat und beide Geschichten einen Aspekt erzählen: Die Kopfsalbung ist die Salbung zum König, die der Füße die für das Grab.

    In der Geste der Frau wird eines klar: Indem sie Jesus salbt, einerseits mit den Tränen ihrer Reue, andererseits mit dem besten, was sie hat, dem Öl, erkennt sie seine verborgene und liebende Herrschaft und Vergebungsmacht an. Deshalb ist sie erlöst und kann in Frieden gehen.

    Die vielfachen Warnungen in den Evangelien vor dem Reichtum und Luxus als einem Grund, das Himmelreich nicht zu erlangen (!), müssen unbedingt mit hinzugezogen werden, wenn man eine solche Erzählung deutet.
    Das Problem beginnt immer dann, wenn der „Stil“ und der „Luxus“ zum Selbstzweck werden. In unserer Erzählung opfert die Frau all das auf dem einzigen Altar, der ihm Sinn gibt: Christus.

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