Die Welt ist keine Scheibe – sondern ein Kunstwerk

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Alexander Franke (Ossiostborn) [CC BY-SA 2.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en)]
Alexander Franke (Ossiostborn) [CC BY-SA 2.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en)]

Von Marco F. Gallina

Einer der verbreitetsten historischen Irrtümer handelt von der Vorstellung, die Menschen des Mittelalters hätten an eine Erde in Scheibenform geglaubt. Oder in der noch extremeren Variante: die Kirche hätte eine solche gelehrt. Letzteres ist schon allein deswegen verfehlt, weil die mittelalterliche Scholastik sich weiterhin auf Aristoteles bezog. Der lehrte die Kugelgestalt der Welt; ein Konzept, das u. a. Thomas von Aquin zitierte.

Auch außerhalb der kirchlichen Lehranstalten war diese Vorstellung üblich. In Dantes Göttlicher Komödie reisen der Dichter und sein Führer Vergil durch die Hölle quer durch die Erde, bis sie auf der anderen Seite wieder hervorkommen, wo sich der Läuterungsberg befindet. Dass es sich dabei nicht um einen Erdteller handeln kann, bezeugt einer der Höllengesänge, nämlich der des Odysseus; dieser hatte den Läuterungsberg bereits auf einem fremden Kontinent entdeckt. Gemäß dem Fall, dass Odysseus nicht über den Scheibenrand gefallen sein kann, spricht dies für eine Kugelgestalt, die Dante dem Leser gar nicht erklären muss. Ähnlich macht auch Marco Polo nirgendwo in seinem Reisebericht Andeutungen, Angst davor zu haben, über den Rand der Scheibe zu fallen. Der Reichsapfel der mittelalterlichen Kaiser ist das wichtigste politische Zeichen, das von einem Erdenglobus kündet.

Christoph Kolumbus bewies also in der Tat nicht den Charakter der runden Welt, sondern baute vielmehr auf der Vorarbeit früherer Gelehrter auf. Im 15. Jahrhundert galt es nicht etwa deswegen als gefährlich, von Spanien gen Westen nach Indien zu reisen, weil man an eine Scheibe glaubte – sondern weil findige italienische und portugiesische Kartographen den Erdumfang bestimmt hatten, und von einem riesigen Meer ausgingen, das zwischen Europa und Asien liegen müsse. Ironischerweise wurde den Portugiesen damit ihr nautisches und kartographisches Wissen sogar zum Verhängnis, weil sie ihrem König vorberechneten, dass Kolumbus‘ Reise ein Himmelfahrtskommando sein müsse. Der Genuese suchte daraufhin bei den Spaniern sein Glück. Der Rest ist bekannt.

Just 1492, also im Jahr der Entdeckung Amerikas, fertigte Martin Behaim seinen Erdapfel an. Freilich haperte es bei diesem an der Genauigkeit, und auch der Erdumfang entsprach nicht den Verhältnissen, die andere postulierten; für einen Neuen Kontinent wäre auf diesem Globus kein Platz gewesen. Stattdessen finden sich eine Vielzahl von unbekannten Eilanden zwischen Europa und Asien. In vielerlei Hinsicht kommt die Darstellung nicht über das hinaus, was der Venezianer Fra‘ Mauro bereits ein halbes Jahrhundert zuvor als einfache Karte verewigt hatte. Im Übrigen für damalige Zeiten in der Darstellung durchaus nicht völlig inakkurat:

Mit jenem Zeitalter der Entdeckungen, das ab der Renaissance an Bedeutung gewann, war Behaims Globus dennoch das Symbol einer ästhetischen wie wissenschaftlichen Revolution. Globen bezeugten Herrschaft, Gelehrsamkeit und Kunst. So ist die Vielzahl anschaulicher Exemplare zu bewundern, die in Klöstern, an Fürstenhöfen und Universitäten zu bestaunen waren und noch heute sind:

Behaims Erdapfel war aber – entgegen dem Mythos – nicht der erste Globus. Den hatte Papst Sixtus IV. in Auftrag gegeben; etwa zwei Jahrzehnte nach Fra‘ Mauro, aber ebenso zwei Jahrzehnte vor Behaim und Kolumbus. Leider ging dieser erste Globus der Frühen Neuzeit vermutlich beim Sacco di Roma (1527) in Flammen auf. Wie wir aber den Vatikan kennen, wurde dort akribisch alles aufgezeichnet, was sich ereignete. Bis heute zeugt die Rechnung von der Lieferung des verlorenen Kunstwerks.

Es war also gerade die böse Papistenkirche, die wie keine andere die Schönheit der Welt als Kugel zur Schau stellte. Aber erzählen Sie das mal weiter…

Marco Fausto Gallina studierte Politik- und Geschichtswissenschaften in Verona und Bonn. Geboren am Gardasee, sozialisiert im Rheinland, sucht der Historiker das Zeitlose im Zeitgeistigen und findet es nicht nur in der Malerei oder Musik, sondern auch in der traditionellen italienischen Küche. Katholische Identität und europäische Ästhetik hängen für ihn dabei unzertrennlich zusammen. Unter den Schwingen des venezianischen Markuslöwen betreibt er seit 2013 sein Diarium, den Löwenblog.

1 Kommentare

    • Bei Galilei spielte ja weniger der Globus eine Rolle – die runde Erde war ja seit 2.000 Jahren ein alter Hut – als vielmehr das heliozentrische Weltbild gegenüber dem geozentrischen. 🙂

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