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Ist Maria gestorben? Nachdenken über eine unbeantwortete Frage

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Von Anian Christoph Wimmer

ROM, (CNA Deutsch).- Ist Maria gestorben? Ein neues Buch verneint diese Frage sehr deutlich: „Stärker als der Tod – Warum Maria nicht gestorben ist“, von Monsignore Florian Kolfhaus, assoziiertes Mitglied der Pontificia Accademia Mariana Internazionale. Im Interview mit CNA verrät er, warum er sich mit der Frage beschäftigt hat.

Monsignore Kolfhaus: Sie behaupten in ihrem neuen Buch, dass Maria nicht gestorben ist. Das Lehramt der Kirche ist nicht so deutlich, oder?

Es ist ganz normal, dass ein Mensch stirbt. So denken wir, weil wir tagtäglich mit dem Tod konfrontiert werden und wissen, dass auch wir eines Tages im Grab liegen und zu Staub werden. So liegt es nahe, dass viele denken, auch Maria sei gestorben. Die Kirche aber hat das nie eindeutig gesagt; im Gegenteil: als Papst Pius XII. 1950 das Dogma von der Aufnahme der Mutter Jesu in den Himmel verkündet hat, wollte er – obwohl einige Bischöfe ihn ausdrücklich darum gebeten hatten – nicht vom Tod Mariens sprechen. Er hat sogar die liturgischen Texte so geändert, dass jede Interpretation im Hinblick auf das Sterben der Mutter Gottes unmöglich wurde. Gott wollte den Tod nicht. Er ist in seinem Plan für den Menschen nicht vorgesehen, sondern kam durch die Sünde Adams in die Welt. Die meisten, die meinen, dass Maria gestorben sei, wagen es daher auch oft nicht, das Wort Tod in den Mund zu nehmen – ausdrücklich bekennt das z. B. der hl. Johannes von Damaskus – sondern sprechen von Dormitio, Entschlafung. Es gab für die Mutter Jesu kein schmerzliches Lebensende, womöglich wegen Krankheit oder Altersschwäche, sondern einen frohen Abschied, um mit Leib und Seele „heimzugehen“. Es steht sicher fest, dass Maria, im ersten Moment ihres Lebens ohne Sünde empfangen, im letzten Augenblick auf Erden nicht die Trennung ihrer Seele erleiden musste. Das Lehramt läßt es aber bislang jedem frei, darüber nachzudenken, ob sie vielleicht sterben wollte, um so ihrem Sohn ganz ähnlich zu werden. Ich bin der Überzeugung, dass diese Verähnlichung mit Christus im Leiden auf Golgotha geschehen ist, im schmerzvollen „Mitsterben“ mit Jesus, von dem beispielsweise der h. Bernhard spricht. Von dieser Stunde sagt ja auch die Liturgie des 15. Septembers: „Ohne den Tod zu erleiden, hast Du die Palme des Martyriums errungen.“ Warum also sollte Maria gestorben sein und nicht, wie es Gott für alle Menschen wollte, ohne Tod verklärt und in den Himmel aufgenommen worden sein?

Könnte man die Frage nicht einfach offen lassen? Als Geheimnis, wie andere auch, die zum Glauben gehören?

Ob Maria gestorben ist oder nicht, ist nicht nur eine Frage, die sich der Verstand stellt, sondern vor allem das Herz. Wer liebt, will alles über den geliebten Menschen wissen. Wie könnte es mir daher egal sein, ob die Jungfrau von Nazareth gestorben ist oder nicht? Um es salopp, aber noch deutlicher auszudrücken, geht es um die Frage: Ist meine Mutter tatsächlich gestorben? Natürlich bleibt das irdische Lebensende Mariens ein Geheimnis – wie übrigens all das Große unseres Glaubens, Dreifaltigkeit, Menschwerdung, Jungfrauengeburt, Eucharistie etc. – das wir niemals vollkommen verstehen können. Und doch dürfen, ja sollen wir über die Geheimnisse unseres Glaubens nachdenken, ohne je zu meinen, wir könnten zu einem endgültigen Urteil kommen. Das steht allein der Kirche zu. Die Liebe drängt dazu, immer mehr zu erkennen; und je mehr wir erkennen, umso mehr lieben wir auch. Über den Tod Mariens zu reflektieren bedeutet auch tiefer in die Geheimnisse der Schöpfung und der Erlösung einzutreten und im Glauben nach Antworten zu suchen, warum wir Menschen sterben müssen, was Gnade – mehr noch „voll der Gnade“ – bedeutet und worin das Ziel unseres Lebens liegt.

Wir beten im Avemaria  um die Fürsprache der Muttergottes „jetzt und in der Stunde unseres Todes“. Welche Rolle spielt dabei, ob sie nicht gestorben ist? 

Jesus ist am Kreuz gestorben, damit wir erlöst werden. In Maria zeigt sich das in vollkommener Weise. Sie ist als menschliche Person der „Siegespreis“ Christi. Sie ist ohne Sünde, aber „voll der Gnade“, d.h. voller Liebe, voller Leben. So sollte der Mensch sein. Maria ist vor der Erbschuld bewahrt worden. Wir werden durch die Taufe davon gereinigt. In ähnlicher Weise können wir sagen, dass Maria durch den Tod Christi vor dem eigenen Tod bewahrt wurde, während wir daraus gerettet werden, wenn die Leiber der Gerechten aus den Gräbern auferstehen. Maria hat Sünde und Tod besiegt, die – so sagt es der Hebräerbrief – unter der Macht des Teufels stehen. Ihre Fürsprache rettet uns in den beiden wichtigsten Momenten unseres Lebens – jetzt und in der Stunde unseres Todes – vor „Sünde, Tod und Teufel“; jene drei Feinde des Menschen, die Dürer in einem Stich als kriegerische Reiter dargestellt hat.

Wenn Sie erlauben: Warum haben Sie sich ausgerechnet mit dieser Frage so eingehend beschäftigt?

Schon am Beginn meines Theologiestudiums habe ich mich sehr viel mit Maria beschäftigt und gemerkt, dass oft die Frage nach ihrem Heimgang viel zu schnell beantwortet wrd. „Natürlich ist Maria gestorben!“ – Der Tod eines sündenlosen Menschen ist aber eben nicht „natürlich“, naturgemäß. Das Nachdenken und Forschen über den Tod Mariens hat mich zu vielen anderen Themen gebracht, die damit verbunden sind und so ein immer größeres Interessse in mir geweckt. Ich habe entdeckt, dass es Kirchenväter gibt, die von der Unsterblichkeit der Mutter Jesu sprechen und dass es in der Mystik Zeugnisse für ihre Bewahrung vor dem Tod gibt. Seit dem Dogma von 1854, also dem Dogma der Bewahrung Mariens vor der Erbschuld, ist die Zahl der Theologen enorm gestiegen, die meinen, die Mutter Gottes habe nicht die Trennung der Seele vom Leib erlitten. Ihr Herz ist das einzige, das nie zu schlagen aufgehört hat. Ich will einen kleinen Beitrag dazu leisten, über die Frage nach der Dormitio Mariens weiter nachzudenken.

Nächstes Jahr feiert Bayern 100 Jahre Patrona Bavariae; Sie sind Bayer. Welche Rolle spielt die Schutzpatronin heute?

Bayern ohne Maria gibt’s nicht! Die Mutter Jesu als Patrona Bavariae zu verehren bedeutet ja, sich ihr anzuvertrauen und zu weihen, so dass das ganze Land von ihr abhängt. Sie ist die wahre Monarchin unserer Heimat, und es könnte keine bessere geben. So wie die Marienweihe, über die ich ja auch schon geschrieben habe, im Leben des einzelnen Christen eine Veränderung zum Besseren bewirkt, so auch im Leben der Völker. 1917 feiern wir ja das 100jährige Jubiläum der Erscheinungen von Fatima, bei denen die Mutter Jesu aufgefordert hat, Rußland ihrem Herzen zu weihen. 1954 haben die Bischöfe Deutschlands in Fulda das gesamte Land dem Unbefleckten Herzen geweiht. Wir Bayern waren da ein bisserl schneller…

"Stärker als der Tod – Warum Maria nicht gestorben ist" erscheint passenderweise im Media Maria Verlag und hat 160 Seiten. 

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Die Himmelfahrt, dargestellt von Charles Le Brun im Jahr 1835. Foto: Wikimedia (Gemeinfrei)

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