„Blühende Bäume“ von Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

Was singt in mir zu dieser Stund
Und öffnet singend mir den Mund,
Wo alle Äste schweigen
Und sich zur Erde neigen?

Was drängt aus Herzensgrunde
Wie Hörnerschall zutag
Zu dieser stillen Stunde,
Wo alles träumen mag
Und träumend schweigen mag?

An Ästen, die sich neigen,
Und braun und dunkel schweigen,
Springt auf die weiße Blütenpracht
Und lacht und leuchtet durch die Nacht
Und bricht der Bäume Schweigen,
Dass sie sich rauschend neigen
Und rauschend ihre Blütenpracht
Dem dunklen Grase zeigen!

So dringt zu dieser stillen Stund
Aus dunklem, tiefem Erdengrund
Ein Leuchten und ein Leben
Und öffnet singend mir den Mund.
Und macht die Bäum erbeben,
Dass sie in lichter Blütenpracht
Sich rauschend wiegen in der Nacht!

Hofmannsthal_1893

Hugo von Hofmannsthal mit 19 Jahren

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929), eigentlich Hugo Laurenz August Hofmann Edler von Hofmannsthal, wurde am 1. Februar 1874 in Wien geboren. Er stammte aus einer betuchten Familie mit jüdischen, italienischen, schwäbischen und österreichischen Wurzeln. Schon zu Schulzeiten trat von Hofmannsthal mit ersten Gedichten und Dramen auf, für die er größtes Lob erhielt. Nach dem Abitur studierte er zunächst Jura, wechselte aber 1895 zum Studium der Romanistik, das er mit einer Promotion abschloss. 1902 veröffentlichte Hofmannsthal „Ein Brief“, der als Gründungsmanifest der Moderne verstanden wird. Hofmannsthal schrieb mehrere Opernlibretti, u.a. für Richard Strauss (1864-1949) und Max Reinhardt (1873-1943). Gemeinsam mit Reinhardt rief Hofmannsthal die Salzburger Festspiele ins Leben. Hugo von Hofmannsthal starb am 15. Juli 1929 in Rodaun.

 

Quelle: Britta Dörre. Dieser Artikel erschien auf dem Nachrichtenportal Zenit.org und darf hier weiterverbreitet werden. The Cathwalk empfiehlt seinen Lesern das Abonnieren des zenit.org-Newsletters.

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