Vergossene Liebe – Der Monat des kostbaren Blutes

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Gemälde von Matthias Grünewald, 16. Jahrhundert
Gemälde von Matthias Grünewald, 16. Jahrhundert

Von Monsignore Florian Kolfhaus / CNA Deutsch

Der österreichische Aktionskünstler Herman Nitsch hat mit eben diesen Bildern auf provokante, oft unerträgliche und blasphemische Weise gespielt. Vor versammeltem Publikum hat er literweise Tierblut vergossen, Messgewänder damit beschmiert und als ekelhaften Höhepunkt seiner Performance Schweine gekreuzigt. Die „aufgeklärten“ Zuschauer, die sich nicht nur ihres vermeintlichen Kunstsinns, sondern auch ihrer jeder Übelkeit trotzenden Mägen zu rühmen glaubten, waren begeistert: „Das ist Kult!“ – Und in gewisser Weise – wenn auch entsetzlich pervertiert – haben sie Recht. „Vergossenes Blut“ ist Kult – genau das ist das innerste Zentrum der heilige Messe: Christi Blut vergossen zur Vergebung der Sünden.

Es ist schon bemerkenswert, dass selbst viele Katholiken die Eucharistie letztlich für ein Gemeinschaftsmahl im Gedenken an den Meister halten, der Brot und Wein austeilt, damit seine Jünger ihn und einander nicht vergessen, während manche Künstler auf schockierende Weise den Opfercharakter des heiligen Geschehens am Altar aufgreifen und für ihre Performance missbrauchen. Nach der Wandlung ist im Kelch kein Wein mehr, sondern jenes Blut, das auf Golgotha vergossen worden ist und – wie es „The Passion“ von Mel Gibson so eindrücklich zeigt – den Soldaten, der die Seite Jesu durchbohrte, am ganzen Leib „befleckte“, um ihn und die Menschheit von jeder Befleckung zu reinigen. Fast alle Religionen, die ein Opfer kennen, bringen auch Blut dar als Sinnbild für das eigene Leben, das Gott angeboten wird. Dramatisch mussten die Juden erleben, wie mit der Zerstörung des Tempels aus einer Opfer- eine bloße Wort- beziehungsweise Buchreligion, aus einer auf das Haus Gottes in Jerusalem hin orientierte Gemeinde, eine Synagoge geworden ist.

Was das erwählte Volk auf dramatische Weise erleiden musste, erleben manche unserer Pfarreien aufgrund eigener Entscheidungen und Unterlassungen: das Verschwinden des Opfers, wenigstens im Wissen und im Glauben ihrer Mitglieder. Das Wort wird zum alleinigen Mittelpunkt, nicht die Darbringung von Jesu Leib und Blut. Damit aber läuft die Kirche Gefahr, das zu verlieren, was das Zweite Vatikanische Konzil als „Mitte und Höhepunkt“ ihres Lebens bezeichnet. Ein guter Freund hat mir von einem jüdischen Gelehrten erzählt, der ihm gesagt habe: „Ich habe den Eindruck, dass evangelische Christen in der Feier ihrer Gottesdienste Erben der Synagoge sind, während bei Euch Katholiken darüber hinaus immer noch der Tempel da ist. Und tatsächlich sind Eure Kirchen nicht nur Versammlungsräume, sondern Haus Gottes – wie das Heiligtum in Jerusalem – in dem, wie ihr glaubt, Gott wohnt und das Opfer seines Sohnes dargebracht wird.“ Er hat Recht!

Vergossenes Blut. Vergebliche Liebe?

„Wissen Sie, was ich nie habe begreifen können? Dass unser Herr, der unendlich gut ist und uns grenzenlos liebt, von den  Menschen so wenig geliebt wird!“ Das war die brennende Frage des heiligen Antonius Maria Claret, der damit immer wieder die ihm anvertrauten Menschen zur Entscheidung herausgefordert hat. „Warum wird das Opfer nicht geliebt?“ könnte man heute fragen und damit durchaus die mehrfache Bedeutung dieses Wortes ernst nehmen. Sein und mein Opfer, seine und meine Hingabe, Jesu Messe und „meine Messe“.

Martin Luther, der in diesen Monaten vor Beginn des Reformationsgedenkens immer wieder in den Medien erwähnt wird, hat um die Frage gerungen „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“. Dieser Gedanke treibt heute kaum noch jemanden um, ja oft scheint es, dass man in der Verkündigung ganz bewusst die Rede von den „letzten Dingen“ – Tod, Gericht, Himmel, Hölle, Fegefeuer – vermeidet. Der heilige Petrus schreibt, dass wir Christen „mit dem kostbaren Blut des Lammes ohne Fehl und Makel erkauft sind“. Diesen Satz kann man nicht verstehen, wenn man sich nicht fragt, was mich nach dem Leben auf Erden erwartet oder – das ist noch wichtiger – wovon mich Jesus erlöst hat.

Christus hat uns vom Sklavenmarkt frei gekauft, um uns als Freunde, nicht als willenlose Knechte ins Vaterhaus zu holen. Er hat den Preis bezahlt – mit seinem Blut. Ja, in seinen Augen sind wir es wert, dass er Tag für Tag den Kelch der heilige Messe füllt, um ihn als Bezahlung für uns erneut auszugießen.

Kein Preis zu hoch

Die heilige Messe ist Kult! Beginnt man zu verstehen, was am Altar geschieht, dann ist die Feier des Opfers Christie nicht mehr vielleicht langweilig erscheinende Liturgie, sondern ergreifendes Geheimnis. Was Nitsch pervertiert hat, um damit zu schockieren und zu provozieren, das wird in der eucharistischen Liturgie als „Geheimnis der Liebe“ gefeiert. Im Verborgenen der Gestalten von Brot und Wein – weil Jesus nicht provozieren, schockieren und abschrecken möchte – vergießt der Herr sein Blut. Die heilige Messe ist Kult, aber keine Show. Liebe ist nicht nur Romantik, Halleluja und Herzflimmern, sondern auch Hingabe und Treue, Opfer und Schmerz. Wo der wahre Begriff der Liebe verschwindet – „Wir versuchen´s mal miteinander, aber wenn’s der eine dem anderen zu schwer macht, dann trennen wir uns.“ – da verschwindet auch das Opfer. Und auch der Umkehrschluss gilt: Wo man nicht mehr um das Opfer weiß, erkaltet die Liebe. Das „vergossene Blut“ Christi ist seine über uns „ausgegossene Liebe“.

Das Wort Gottes ist nicht vorrangig jenes geschriebene, das in der Bibel steht – auch wenn es unfehlbar Jesus bezeugt – sondern Er selbst ist es, wahrer Gott und wahrer Mensch aus Fleisch und Blut. Dieses Ewige Wort des Vaters ist in der Konkretheit der Gestalten von Brot und Wein auf unserem Altar. Niemand der liebt, begnügt sich mit Fotos und Briefen des Geliebten, so wertvoll sie ihm auch sind, sondern sucht die wirkliche Begegnung. „Für euch vergossen“ heißt es in den Wandlungsworten. „Für mich“ gibt Christus sein kostbares Blut, sein Herzblut. Ist er der teure Preis, den es für meine Sünden zu bezahlen galt, so ist er auch – das ist die andere Seite ein und derselben Medaille – „mein Schatz“ verborgen im Kelch. Er ist der Preis, der für mich entrichtet wurde; er ist aber auch der Preis, den ich gewinne, wenn ich ihm vom Sklavenmarkt folge und nicht meine eigenen Wege gehe.

Die Andacht zum kostbaren Blut, die dem Papa buono, dem guten Papst Johannes XXIII. so wichtig war, ist keine überkommene Form der Frömmigkeit. Sie ist – ähnlich wie die Verehrung des Herzens Jesu – ganz konkreter Ausdruck des Bekenntnisses zu Jesus, dem einen und einzigen Erlöser, der sein Blut als Opfer vergossen hat. Er ist die Liebe, die liebt und geliebt werden will – nicht als abstrakte, platonische Idee, sondern als Freund, „begreifbar“ und doch unbegreiflich im Geheimnis der Eucharistie, im Mysterium seines Fleisches und Blutes.

3 Kommentare

  1. Ich habe diesen Artikel eben erst gefunden und kommentiere also spät – aber gern:
    Zunächst einmal herzlichen Dank für diese Darlegung der „Blutmystik“. Mein erster, kurzer Kommentar bezieht sich auf Kalkis Kommentar.
    Mir war – und ist – diese Form der Verehrung fremd, obwohl ich zur Leidensmystik seit kurzem einen Zugang finde. Dieser Artikel hat mich zum Nachdenken angeregt. In letzter Zeit wurde mir auch immer deutlicher, daß nicht nur der Leib, sondern auch das Blut Christi der ganze Christus ist. Wir können das Blut Christi aus praktischen Gründen nicht so aufheben und nicht so sinnfällig verehren wie die Hostie, vermutlich ist deshalb der Zugang zur Verehrung des Blutes schwieriger.
    Jedenfalls will ich aber weiter darüber nachdenken.

  2. Es gibt keinen Schöpfer-Gott. Sondern es gibt ein (göttliches) Höheres Bewusstsein, das (z. T.) dem Ich-Bewusstsein ewig verborgen ist. Christus war (oder ist) ein großer Mystiker und Wunderheiler, aber nicht der „Sohn Gottes“. Man sollte kein Geld mehr ausgeben für die Durchführung von Messen, während in Afrika die Menschen verhungern. Wir brauchen Mystiker-Seminare und Geistheiler-Seminare.

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