Die falsche Mission: Warum „Hurra-Katholizismus“ gefährlich ist

Die falsche Mission: Warum „Hurra-Katholizismus“ gefährlich ist

Kirchen verlieren immer mehr Anhänger, Atheismus und Säkularismus wachsen und so sucht man nach neuen Wegen, um vor allem junge Menschen wieder zu begeistern. In den USA hat diese Umbruchsphase dazu geführt, dass gewisse Kreise mit zwei Dingen die Neuevangelisierung voranbringen wollen.

1.: Klare Identität als „100% katholisch“, „romtreu“ usw. 2.: Methoden der modernen Film- und Popindustrie einsetzen. Was sich eigentlich abstößt, soll sich vermischen: Tradition in der Moral und Moderne in der Methode. Diese Chimäre lebt vor allem in der „Frühphase“ des „Hurra-Katholismus“ recht erfolgreich. Aber wie alles was contra naturam ist, hat sie keinen Bestand.

Was den „Hurra-Katholizismus“ so gefährlich macht

Die Inszenierung kann – wegen ihrer Methoden – nur eines sein: Show. Und das ist das große Problem. Gefährlich wird diese Show, weil sie mit dem Anspruch auftritt, rechtgläubig zu sein und dadurch emotionalen Druck aufbauen kann. Wahrheit mit Gefühl zu verbinden birgt eine kaum zu überschätzende Gefahr. Die Inszenierung ist oberflächlich, über den Seelenzustand soll man aber in der Tiefe sprechen. Es kommt zusammen, was nicht zusammen gehört. Wahr kann etwas nur sein, wenn es vernünftig ist und mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Das Gefühl kann hier genauso täuschen wie helfen. Es ist wie der Apostel Paulus sagt: „Der Glaube kommt vom Hören“ – nicht vom Fühlen.

Weiterhin wird der Eindruck vermittelt, rechtgläubig hieße, sich mit Hollywood-Methoden lobpreisend durch die Welt zu schwingen, als sei man im Besitz ewiger Heiterkeiten. Das ist so gegen das klassische gesunde religiöse Empfinden, das es schwer ist, diese Phänomene überhaupt noch dort einzuordnen.

Der Glaube rückt zudem gefährlich nahe in den Bereich des Totalitären, wenn Zweifel und Widerspruch nicht erlaubt sind. Als „Praise-the-Lord-Anhänger“ kann man Menschen gefügig machen, indem man sie emotional beeinflusst. Das ist immer dann der Fall, wenn man fühlen soll, was Gott will – statt auf objektive Kriterien zu achten und diese mit dem eigenen Leben zu verbinden. Schaut man zu sehr auf seine Emotionen, geht auch der Sinn für die objektive Wirklichkeit verloren. Gefahren eines Doppellebens oder unauthentischer Glaubensausprägungen werden dann sogar – wenn auch ungewollt – befördert. Die anscheinend vollen Kirchen und Events werden mitunter herangezogen, um den Weg zu rechtfertigen. Wer Erfolg hat, muss sich nicht hinterfragen lassen.

Aber sind die Kirchen wirklich voll und wird wirklich das Evangelium bezeugt? Wenn man das Phänomen genauer ansieht, so stellt es sich doch sehr schnell als Kurzschlussphänomen heraus, das keine Zukunft und Dauer hat. Diese Art von Hollywood-Kirche funktioniert in den reichen und wohlhabenden Gegenden, in denen Glaube sich vor allem über Motivation verkündigen lässt und verblasst schnell. Man begibt sich methodisch auf die Ebene der Popkultur und kann letztlich nur Gefühle ansprechen, die wie die Jugend bald verschwindet.

Hier kann allein schon wegen der Methode kein tragender Glaube erzeugt werden. Im Gegenteil, es scheint vielmehr vor allem eine Vergötzung von Glücksgefühlen stattzufinden, von Schein, Show und Oberflächlichkeit. In der Bibel wird Gott jedoch bezeugt als jemand, der auch dann Gott des Heils ist, wenn der Anschein das Gegenteil nahelegt. Das Kreuz ist unser Weg zum Heil, nicht das Gefühl.

Biblische Geschichten erzählen, was echte Frömmigkeit ist. Hiob und der Beter in Psalm 88 scheinen von Gott verlassen zu sein. Alle Show und alles Glück sind abhanden gekommen. Dennoch bleibt die Glaubenshoffnung bestehen. So kann Hiob sagen: „Doch ich, ich weiß: mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub. Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen.“ (Hiob 19, 25 f.). Zu so einer Hoffnung kann aber eine Methode, die ganz auf das Ansprechen von Gefühlen setzt, nicht vordringen.

Es stellt sich weiterhin die Frage, ob diese Gefühlsstimulation nicht nahe an einer Spielart des Calvinismus ist, zumindest in der Art, dass man seinen Gnadenstand bei Gott durch emotionalen Erfolg erfühlen könne. Der Ich-Kult vernachlässigt weiterhin total den sozialen Bereich.

Der Hurra-Katholizismus scheitert vor dem echten Leben

Es ist kaum verwunderlich, dass kein echtes soziales Engagement, keine Pastoral in den Randgebieten der Gesellschaft, bei Armen, Obdachlosen und Ausgegrenzten stattfindet. Diese Art von Kirche ist nur sich selbst verpflichtet und weiß Lobpreis und Glaubens-Wellness finanziell zu vermarkten. Für echtes Leben ist kein Platz. Es soll ausgeschlossen bleiben. Denn wer in der vollen Gefühlswahrheit ist, will die Anfrage des Lebens nicht.

Aber die Anfrage ist einfach da. Was macht man damit? Was macht man, wenn das Leben anders ist, als es der Gefühls-Katholizismus darstellt? Was, wenn Beziehungen und Ehen auch bei solchen Katholiken scheitern? Was, wenn man arbeitslos wird? Was, wenn die Priester doch nicht so heilig sind, wie die Videos und Predigten es einem weismachen wollen? Was, wenn wir trotz allem doch Menschen mit Fehlern, Schwächen und Sünden bleiben, die sich nur zweifelnd und fragend, aber keineswegs sicher dem Glauben nähern können? Was, wenn das Leben viel bunter, viel facettenreicher ist, als das Schwarz-Weiß-Schema des ständigen Lobpreises und Gott-liebt-dich-Kitsches?

Echte Tradition statt Show und Schwärmerei

Nicht selten kommt es zu ernsten Glaubenskrisen, wenn nicht gar zu Skandalen, wenn Anspruch auf Wirklichkeit trifft. Nicht nur aus den USA gibt es genügend Beispiele. Was diese scheinbar so romtreuen Bewegungen, die allesamt moderne Phänomene sind, oft vereint, ist eine gewisse Traditionsvergessenheit. Zwar nennen sie sich konservativ und behaupten, sie seien in der Tradition. Aber in Wirklichkeit sind es moderne Effektshows, inszenierte Luftnummern. Nicht selten werden auch infantile Bibelauslegungen vorgenommen, die kein Fundament haben und nur davon abhalten erwachsen zu werden.

Thomas von Aquin, Augustinus, Bellarmin und Bonaventura kann man nicht einfach ignorieren und so tun als gebe es keine Kirchengeschichte und akademische Theologie. Die Apostel, Wüstenväter und Heiligen haben den Glauben gelebt und aufgeschrieben, ihr Erbe ist unsere Nahrung. Ohne Tradition laufen wir ins Nichts. Die Tradition ist das lebendige Feuer, das bis heute brennt. In ihr lebt der Geist von 2000 Jahren Christentum, nicht der Stumpfsinn von Gebetshäusern mit Lichteffekten. Statt Discos zu kopieren, sollte man lieber ins Original gehen. Macht auch mehr Spaß.

Die Tradition ernst zu nehmen, heißt, aus der Kirchen- und Glaubensgeschichte zu lernen, zu wachsen und zu reifen, nicht das Rad neu zu erfinden, wenn es schon da ist. Wer in der Tradition nach dem Glauben sucht, wird schnell merken, dass er wenig mit Show zu tun hat und viele Fehler gar nicht erst machen müssen. Glaube und Vernunft müssen zusammen gedacht werden. Denken erwünscht – statt blinder Schwärmerei. Das ist der Weg, der trägt und Früchte bringt.

Man soll sich nicht für dumm oder naiv verkaufen lassen, weder von Hollywood, noch vom Staat oder kirchlichen Bewegungen. Ehrlichkeit ist die beste Therapie gegen falschen Schein.

Glauben muss man immer wieder neu wagen, bis man merkt, dass Vertrauen tragen kann. Das stellt sich als viel nüchterner, mühsamer und langatmiger heraus, als es der „Hurra-Katholizismus“ verkauft. Aber es lohnt sich und das ist mehr wert als alle leeren Versprechen.

9 KOMMENTARE

  1. […] Die Teilnehmer meinten, dadurch Gott zu begegnen; aber ob dahinter wirklich mehr als nur hochgepushte Emotionen stehen, darf hinterfragt werden (würde man in einem Fußballstadion vielleicht ähnliche Gefühle entwickeln?). Der Katholik Josef Jung, Chefredakteur auf cathwalk.de, hat den „Hurra-Katholizismus“, der primär auf Show setzt, übrigens schon 2016 ähnlich kritisiert: […]

  2. „Der Hurra-Katholizismus scheitert vor dem echten Leben“.
    Dieser Artikel ist ein Witz, wenn man sich realistisch damit beschäftigt, dass in Wahrheit, die Kirche in dieser Welt scheitert. Warum schaffen die Christen nicht, den Menschen so von Jesus zu erzählen, dass diese zum Glauben an ihn kommen? Ganz Einfach, die meisten Christen leben in einer weltfremden Blase, abseits der realen Welt, und wirken abstoßend auf normale Menschen.

  3. Dieser Artikel gehört aus meiner Sicht zu den schlechtesten auf thecathwalk.de

    Er ist völlig subjektiv geschrieben und merkt total dass der Autor sich in keinster Weise mit der Thematik offen auseinandersetzen hat. Es scheint mir als geht es nur darum, stumpfsinnig den traditionellen Weg zu verteidigen ohne sich mit den neuen geistigen Gemeinschaften tiefergehend beschäftigt zu haben.

    Für mich klingen hier nur Pauschalurteile durch! Es wäre für den Autor empfehlenswert sich erst tiefergehend mit dem Thema zu beschäftigen und ein Verständnis für den dahinterliegenden Glauben zu finden bevor nur mit teilweise primitiven, unpassenden und völlig aus dem Kontext gerissenen Vergleichen zu argumentieren / urteilen!

  4. Woher nehmen Sie eigentlich die Gewissheit, dass gläubige Jugendliche und Erwachsene die Mehr und wunderschön inszenierte Anbetungsstunden besuchen und von Herzen dankbar für alles Erlebte sind, nicht sonntags die Alte Messe mitfeiern und sich bemühen, täglich ihren Weg, auch mithilfe von Rosenkranzgebet, fasten und beichten mit Gott zu gehen? Ich finde diese schwarz-weiß Malerei schrecklich.

  5. Ich denke…dass der Verfasser dieses Berichtes ein/e der älteren Generation ist, welche/r den Ernst der Lage in der heutigen Gesellschaft bzgl. Glauben nicht als so dramatisch sieht. Ich hingegen bin 35 und Mutter von zwei Kindern (15 und 13). Viele in meiner Generation zwischen 30 und 50 sind von der Kirche ausgetreten..die Zahl leider steigend. Wenn man jetzt diese Generation hernimmt….welche den kommenden Generationen den Glauben lehren sollte…aber dies leider nicht geschieht….da viele den Glauben verloren haben. Wer soll es dann unseren Nachkommen lehren? Ich bin der Meinung dass es dann solche Kirchen braucht…die Begeisterung für den Glauben haben, sonst schafft man es nie, sie ins Glaubensboot zu holen. Ich kann nur von der Loretto- Gemeinschaft reden…welche dieser in Augsburg ähnelt….
    Und sie gliedern sich bewusst in die Gesellschaft ein….helfen bei der Flüchtlingsintegration und betreiben eine Suppenküche für Obdachlose. Es entspringen auch sehr viele berufene katholische Priester aus dieser Gemeinschaft. Noch mal zurück zur MEHR: ich selbst war noch nie dort, aber ich weiss dass bei solchen Veranstaltungen der In. Geist spürbar wird…denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Ich bin überzeugt Christin und sollte die MEHR lt. Diesem Bericht und der Ansicht dieses Verfassers protestantischen „Touch“ haben, dessen Meinung ich nicht bin, was würde dagegen sprechen..wenn evangelische und katholische miteinander miteinander feiern und beten? Ist das nicht ein Zeichen des Friedens? Das miteinander? Schliesslich glauben wir alle an diesen einen Gott. Ich wünsche allen ein schönes Wochenende LG aus Österreich

  6. Sehr gut, deshalb betone ich mit den Reformatoren das sola scriptura. Allein denen, die am Wort festhalten, wird es gelingen, Glaubentiefe zu erlangen. Alles andere ist Show, ambivalente religiöse Erfahrung, Oppertunismus, irdische Wunscherfüllung oder Manipulation. Und über die anderen Soli haben wir noch gar nicht gesprochen.

  7. Der Beitrag wäre eine tiefere Kommentierung wert, wenn auch nur ein Beleg oder konkretes Beispiel genannt werden würde (Youtube-Kanal X, Gemeinschaft Y oder Initiative Z). Doch leider (oder erwartungsgemäß?) Fehlanzeige. Vielleicht gibt es das ja gar nicht, was da wortlastig beschrieben wird…

  8. Wir brauchen keinen Hurra-Katholizismus. Aber es kann mit der Kirche auch nicht so weitergehen wie bisher. Wir brauchen eine reformiertes (z. B. anthroposophisches) Christentum. Neben dem Glauben müssen mystische Erfahrungen und Wunderheilungen eine Rolle spielen. Dazu kann man durch luzide Träume gelangen.

  9. Ihr Artikel ist bedenkenswert, allerdings dachte ich spontan, dass die Kirche ohne diese „Show-Elemente“ ja auch zuvor schon lange nicht mehr auskommen konnte und wollte.

    Der erste Film etwa bezieht sich ja ausdrücklich auf die theatralischen Elemente der Hl. Messe, die sie zweifellos beinhaltet, rekurriert sie doch in der überlieferten Form nicht nur auf den alttestamentlichen Opfergottesdienst, sondern auf jeden Fall auf höfische Zeremonielle…

    Natürlich wäre jedes goldgestickte Messgewand als Nebensache anzusehen, auch die dramatisch inszenierte Elevation der Hostie ist an sich „nur“ Beiwerk, wenn auch wichtiges Beiwerk, weil dem Gläubigen der Leib Christi gezeigt wird und der Priester normalerweise total verschwinden müsste hinter ihr (was er aber realiter allzu oft nicht tut, sondern er bemächtigt sich über die sakramentale Vollmacht, die er hat, der schnöden weltlichen Macht …)…

    Vielleicht ist der moderne liturgische Krieg ein Krieg um das Selbstverständnis der echten Opfermesse. Macht man aus ihr ein höfisches Zeremoniell überlagern sich doch zwei auseinanderdriftende Linien – eine hin zum Opfer Christi, dessen Königtum nicht von dieser Welt ist und der hier dem machtewahn der Hierarchie Israels zum Opfer fiel, dem er nichts „Politisches“ entgegensetzte, und eine hin zu einer veräußerlichten frommen Haltung, die weltliche Macht der Christen in der Welt ausdrücken will.

    Was Hollywood hier aufgreift, ist tatsächlich „die Tradition“ – schmerzlich ist es, aber wahr, und so oberflächlich ist auch oft der Glaube „der Tradition“, eine hohle Begeisterung, die nach ihrer Enttäuschung in Bigotterie und reaktionärem Hass endet und erstarrt. Ein Problem, das mit zum Vaticanum II geführt hat.

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