Kinoereignis: „Genius“ – Die tausend Seiten einer Freundschaft

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In seinem Kinodebüt schildert der britische Theaterregisseur Michael Grandage auf meisterhafte Weise die schwierige Beziehung zwischen dem Verlagslektor Max Perkins (Colin Firth) und dem jungen Schriftsteller Thomas Wolfe (Jude Law) am Ende der 20er Jahre in New York

Unzählige Spielfilme basieren auf großen Werken der Weltliteratur. Trägt man beispielsweise „William Shakespeare“ in die Suchleiste der „Internet Movie Data Base“ ein, so erhält man 1 174 Nennungen, die ihn als „Autor“ von Kino- und Fernsehfilmen ausweisen. Unter dem Namen Charles Dickens führt die IMDb 363 „credits“, unter Leo Tolstoi immerhin 181 Eintragungen. Die Entstehung eines literarischen Werkes lässt sich als Handlung eines Spielfilmes jedoch viel schwerer darstellen.

Genau damit beschäftigt sich aber „Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft“, der am Wettbewerb der diesjährigen Berlinale teilnahm und nun im regulären Kinoprogramm anläuft. Oder genauer: Auf der Grundlage von Scott Bergs Biografie „Max Perkins: Editor of Genius“, die 1980 in USA den National Book Award gewann, gehen der renommierte Drehbuchautor John Logan – der die Drehbücher zu „Gladiator“, „Aviator“, „Hugo Cabret“ und „James Bond 007 – Skyfall“ verfasste – und der Londoner Theaterregisseur Michael Grandage der Frage nach, was Literatur ausmacht und wie sie entsteht.

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„Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft“ ist eine Filmbiografie, eigentlich eine doppelte Filmbiografie. Der Film handelt vom US-amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe (1900-1938), der freilich mit dem 1931 geborenen, insbesondere als Autor von „Fegefeuer der Eitelkeiten“ bekannten Tom Wolfe nicht verwechselt werden darf. Thomas Wolfe war ein großer Deutschland- und vor allem Berlin-Verehrer. Über ihn und insbesondere über seine Berlin-Reise zur Zeit der Olympischen Spiele 1936 kann etwa in „Oliver Hilmes. Berlin 1936. Sechzehn Tage im August“ nachgelesen werden. Darin beschreibt Hilmes, wie Wolfe während im August 1936 in Berlin seinen Verleger Ernst Rowohlt traf, aber auch, wie sich sein naiver Blick auf Nazi-Deutschland insbesondere durch die Gespräche mit Mildred Harnack veränderte.

Davon handelt der Spielfilm von Drehbuchautor John Logan und Regisseur Michael Grandage jedoch nicht. „Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft“ beginnt im New York des Jahres 1929, als Thomas Wolfe (Jude Law) noch völlig unbekannt ist und dessen Manuskript von einer Reihe Verlagshäuser abgewiesen wurde. Doch dann trifft er im Verlag „Charles Scribners Son“ auf den Lektor Max Perkins (Colin Firth), der an Wolfes Talent glaubt. Allerdings hält Perkins Wolfes Manuskript für viel zu lang. In der Form könne er das Buch nicht veröffentlichen, es müsste um 300 Seiten gekürzt werden. Obwohl Thomas Wolfe davon nicht begeistert ist, machen sich die beiden an die Arbeit. Das Ergebnis ist der Roman, der in den Vereinigten Staaten 1929 erscheint und in Deutschland 1932 unter dem Titel „Schau heimwärts, Engel“ veröffentlicht wird. Als später Wolfe eine 5 000 Seiten lange Rohfassung seines zweiten Romans „Von Zeit und Strom“ vorlegt, eskalieren die Probleme zwischen Lektor und Autor. Wolfes Mammutwerk „Von Zeit und Strom“ wird zwar abermals zum großen Erfolg und zum Geniestreich, das Verhältnis der beiden Männer jedoch bleibt zerrüttet.

Grandages Film beleuchtet darüber hin-aus andere Seiten im Wirken des Verlagslektors Max Perkins, insbesondere seine Arbeit mit F. Scott Fitzgerald (Guy Pearce), den er entdeckte, und mit dem jungen Ernest Hemingway (Dominic West), den er ebenfalls förderte. Dadurch wird deutlich, dass im Spielfilmdebüt von Michael Grandage der von Colin Firth dargestellte Lektor Max Perkins im Mittelpunkt steht. Zu seiner Arbeit – oder allgemein zur Arbeit eines jeden Verlagslektors – liefert der Film einen bezeichnenden Dialog. Max fragt sich: „Machen wir die Bücher wirklich besser oder machen wir sie bloß anders?“ Ein bemerkenswerter Gedanke, der die Gratwanderung bei der Arbeit an einem Manuskript auf dem Weg zum Buch treffend beschreibt.

„Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft“ konzentriert sich auf die Zusammenarbeit zwischen den beiden ungleichen Männern und auch auf die Konflikte, die in dieser Zusammenarbeit entstehen. Colin Firth verkörpert Max Perkins als methodischen, akribischen Arbeiter, der stets auch im Büro und zu Hause Hut trägt. Als er ein einziges Mal seinen Hut abnimmt, steht dies als Schlüssel für die emotionalste Szene im ganzen Film. Jude Law gestaltet Thomas Wolfe als genau gegensätzliche Persönlichkeit: temperamentvoll, ja aufbrausend, der seinem unbändigen Schreibfluss freien Lauf lässt und dabei alles vergisst, so etwa auch seine Beziehung zur verheirateten Kostümdesignerin Aline Bernstein (Nicole Kidman). Grandages Film weist auf einen weiteren Gegensatz hin: Wolfe unterhält ein Verhältnis zu einer verheirateten Frau, die ihn auch anfangs aushält, während Max Perkins glücklich verheiratet ist. Mit seiner Frau Louise (Laura Linney) und den fünf Töchtern führt er ein ausgeglichenes und normales Familienleben auf dem Land, weitab von der Hektik, die schon damals in Manhattan herrschte.

Michael Grandage schafft einen atmosphärischen Film, zu dem Produktionsdesigner Mark Digby und Maskenbildnerin Jane Petrie in hervorragender Weise beitragen, der eine für die Leinwand eigentlich langweilige Arbeit – die Entstehung eines Buches – spannend inszeniert. Dies liegt natürlich ganz besonders an der schauspielerischen Leistung von Colin Firth und Jude Law, ohne Laura Linney und Nicole Kidman dabei zu vergessen, die aber eindeutig im Hintergrund stehen. Ebenfalls untergeordnet ist in Grandages Film die Dramaturgie, die eigentliche Handlung, die etwas statisch wirkt.

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Filmische Qualität: Vier Sterne (max. fünf Sterne)
Regie: Michael Grandage
Darsteller: Colin Firth, Jude Law, Nicole Kidman, Laura Linney, Guy Pearce, Dominic West
Land, Jahr: Großbritannien, USA 2015
Laufzeit: 104 Minuten
Genre:
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: 

im Kino: 8/2016
Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.

Quelle: textezumfilm; zitiert nach: Dieser Artikel erschien auf dem Nachrichtenportal Zenit.org und darf hier weiterverbreitet werden.

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