„Durchwachte Nacht“ von Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Wie sank die Sonne glüh und schwer!
Und aus versengter Welle dann
Wie wirbelte der Nebel Heer,
Die sternenlose Nacht heran!
– Ich höre ferne Schritte gehn, –
Die Uhr schlägt Zehn.

Noch ist nicht alles Leben eingenickt,
Der Schlafgemächer letzte Thüren knarren,
Vorsichtig in der Rinne Bauch gedrückt,
Schlüpft noch der Iltis an des Giebels Sparren,
Die schlummertrunkne Färse murrend nickt,
Und fern im Stalle dröhnt des Rosses Scharren,
Sein müdes Schnauben, bis vom Mohn getränkt,
Es schlaff die regungslose Flanke senkt.

Betäubend gleitet Fliederhauch
Durch meines Fensters offnen Spalt,
Und an der Scheibe grauem Rauch
Der Zweige wimmelnd Neigen wallt.
Matt bin ich, matt wie die Natur! –
Elf schlägt die Uhr.

O wunderliches Schlummerwachen, bist
Der zartren Nerve Fluch du oder Segen? –
S‘ ist eine Nacht vom Thaue wach geküßt,
Das Dunkel fühl ich kühl wie feinen Regen
An meine Wangen gleiten, das Gerüst
Des Vorhangs scheint sich schaukelnd zu bewegen,
Und dort das Wappen an der Decke Gips,
Schwimmt sachte mit dem Schlängeln des Polyps.

Wie mir das Blut im Hirne zuckt!
Am Söller geht Geknister um,
Im Pulte raschelt es und ruckt
Als drehe sich der Schlüssel um,
Und – horch! der Seiger hat gewacht,
S‘ ist Mitternacht.

War das ein Geisterlaut? so schwach und leicht
Wie kaum berührten Glases schwirrend Klingen,
Und wieder wie verhaltnes Weinen, steigt
Ein langer Klageton aus den Syringen,
Gedämpfter, süßer nun, wie thränenfeucht
Und selig kämpft verschämter Liebe Ringen;
O Nachtigall, das ist kein wacher Sang,
Ist nur im Traum gelös’ter Seele Drang.

Da kollerts nieder vom Gestein!
Des Thurmes morsche Trümmer fällt,
Das Käuzlein knackt und hustet drein.
Ein jäher Windesodem schwellt
Gezweig und Kronenschmuck des Hains;
– Die Uhr schlägt Eins. –

Und drunten das Gewölke rollt und klimmt;
Gleich einer Lampe aus dem Hünenmaale
Hervor des Mondes Silbergondel schwimmt,
Verzitternd auf der Gasse blauem Stahle,
An jedem Fliederblatt ein Fünkchen glimmt,
Und hell gezeichnet von dem blassen Strahle
Legt auf mein Lager sich des Fensters Bild,
Vom schwanken Laubgewimmel überhüllt.

Jetzt möcht‘ ich schlafen, schlafen gleich,
Entschlafen unterm Mondeshauch,
Umspielt vom flüsternden Gezweig,
Im Blute Funken, Funk‘ im Strauch
Und mir im Ohre Melodei;
– Die Uhr schlägt Zwei. –

Und immer heller wird der süße Klang,
Das liebe Lachen; es beginnt zu ziehen,
Gleich Bildern von Daguerre, die Deck‘ entlang,
Die aufwärts steigen mit des Pfeiles Fliehen;
Mir ist, als seh‘ ich lichter Locken Hang,
Gleich Feuerwürmern seh ich Augen glühen,
Dann werden feucht sie, werden blau und lind,
Und mir zu Füßen sitzt ein schönes Kind.

Es sieht empor, so fromm gespannt,
Die Seele strömend aus dem Blick,
Nun hebt es gaukelnd seine Hand,
Nun zieht es lachend sie zurück,
Und – horch! des Hahnes erster Schrei! –
Die Uhr schlägt Drei.

Wie bin ich aufgeschreckt – o süßes Bild
Du bist dahin, zerflossen mit dem Dunkel!
Die unerfreulich graue Dämmrung quillt,
Verloschen ist des Flieders Thaugefunkel,
Verrostet steht des Mondes Silberschild,
Im Walde gleitet ängstliches Gemunkel,
Und meine Schwalbe an des Frieses Saum
Zirpt leise, leise auf im schweren Traum.

Der Tauben Schwärme kreisen scheu,
Wie trunken, in des Hofes Rund,
Und wieder gellt des Hahnes Schrei,
Auf seiner Streue rückt der Hund,
Und langsam knarrt des Stalles Thür,
– Die Uhr schlägt Vier. –

Da flammts im Osten auf, – o Morgenglut!
Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strale
Strömt Wald und Haide vor Gesangesflut,
Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,
Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,
Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,
Und wie ein Gletscher, sinkt der Träume Land
Zerrinnend in des Horizontes Brand.

droste-hulshoff_2Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848), mit vollem Namen Anna Elisabeth Franzisca Adolphine Wilhelmine Louise Maria von Droste-Hülshoff, wurde am am 12. Januar 1797 auf dem Wasserschloss Hülshoff im Münsterland geboren. Schon im Kindesalter begann sie zu schreiben und versuchte sich in ersten Gedichten und Stammbuchversen. Gefördert wurde sie von ihrem Hauslehrer Anton Matthias Sprickmann, der sie von 1812 bis 1819 unterrichtete. 1825 unternahm Annette eine erste längere Reise, die sie an den Rhein führte, u.a. nach Bonn, wohin sie im Laufe ihres Lebens mehrfach zurückkehren und so bedeutende Persönlichkeiten wie August Wilhelm Schlegel kennenlernen sollte. Die Dichterin stand per Briefwechsel mit vielen zeitgenössischen Intellektuellen in Kontakt. Besonders wichtig für ihr literarisches Schaffen waren ihre ausgedehnten und zahlreichen Reisen an den Bodensee; ab 1841 wohnte sie auf dem Schloss ihres Schwagers in Meersburg. Zwei Jahre später erwarb die Dichterin das „Fürstenhäusle“, das am Stadtrand von Meersburg in den Weinbergen liegt. Im künstlerischen Schaffen der Dichterin gilt der Winter 1841/42, den sie auf der Meersburg verbrachte, als ganz besonders fruchtbar. Es entstanden Gedichte wie „Am Bodensee“, „Das alte Schloß“ oder auch „Haidebilder“. Vor allem durch die Unterstützung und den Austausch mit Levin Schücking, der ein Sohn von Catharina Busch, einer Freundin Annettes, war, entstanden Hauptwerke wie die „Judenbuche“ (1842) oder „Der Knabe im Moor“ (1842) sowie ein Gedichtband (1844). Bereits 1819 hatte Annette mit einem Zyklus geistlicher Lieder begonnen, der den Sonn- und Feiertagen des Kirchenjahres folgte und als Hauptwerk geistlicher Lyrik betrachtet wird. Der Zyklus, den die Dichterin vor dem Hintergrund einer gescheiterten Liebesbeziehung begonnen hatte, entstand im Laufe von 20 Jahren und wurde posthum nach dem Tod von Annette von Droste-Hülshoff am 24. Mai 1848 veröffentlicht.

Quelle: Britta Dörre, zenit.org

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