Die große Seeschlacht von Lepanto

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Die Schlacht von Lepanto - Bild: National Maritime Museum [Public domain]
Die Schlacht von Lepanto - Bild: National Maritime Museum [Public domain]

Von Marco F. Gallina

Am 7. Oktober jährt sich die Schlacht von Lepanto zum 445. Mal. Eine Geschichte von gehäuteten Festungskommandanten, christlicher Revanche, einem einarmigen Dichter und dem Beginn des Rosenkranzfestes.

Elf zehrende Monate lastet die Belagerung auf der Festungsstadt Famagusta auf Zypern. Das Banner des Markuslöwen hängt in roten Fransen über den Zinnen. Seit dem September 1570 belagern die Osmanen die letzte Stadt, die von der venezianischen Herrschaft auf Zypern übriggeblieben ist. Mitten im Frieden hatten die Türken die größte venezianische Kolonie des Mittelmeers überfallen; die Hauptstadt Nikosia fiel Plünderung und Zerstörung anheim. Zwanzigtausend Menschen sollen beim türkischen Blutrausch ihr Leben verloren haben. Ein Grund dafür, warum viele der venezianischen Festungen, welche zu den größten und modernsten des Mittelmeerraumes gehören, den Invasoren Tür und Tor geöffnet haben. Niemand will ein zweites Massaker riskieren.

Einzig Famagusta hält aus. Marcantonio Bragadin, der Festungskommandant, gilt im Abendland bereits als Held. Seine 8.000 Männer haben bereits fünf Sturmversuche der Osmanen zurückgeworfen. Nur wenige Jahre nach der Belagerung von Malta ist es wieder eine massiv überlegene Streitmacht der Osmanen, die an einer christlichen Bastion abprallt. Famagusta verfügt über einen geschützten Hafen, venezianische Schiffe versorgen die Stadt über Monate.

Und es gibt Hoffnung: denn der Doge steht in Verhandlungen mit dem Papst, der eine Heilige Liga ins Leben rufen will. Die größte Flotte, welche die Christenheit je gesehen hat, soll Famagusta und Zypern retten. Das Arsenal in Venedig, das mit seinen vorbereiteten Schiffsmodulen im Tagestakt Galeeren zusammensetzen und zu Wasser lassen kann, arbeitet seit Monaten unaufhörlich. Und Gerüchten zufolge soll Spanien dem Bündnis beitreten – zusammen mit seiner legendären Armada, die den Korsaren der Barbareskenküste in Nordafrika bereits das Fürchten gelehrt hat.

Aber anders als Malta erwartet Famagusta kein glückliches Ende. Im August 1571 geht den Belagerten die Munition aus. Die Osmanen haben unterirdische Tunnel in das Erdreich getrieben und zerstören die Fundamente der Festungswälle. Pausenlos feuern die türkischen Kanonen neue Salven und setzen Bragadin unter Druck. Der venezianische Kommandant steht vor der Entscheidung: standhalten, und das Leben seiner Männer opfern, die sich so erbittert verteidigt haben; oder die Kapitulation anbieten und um freies Geleit bitten. Bragadin entscheidet sich für Letzteres. Denn die Konditionen erscheinen günstig: der osmanische General Lala Kara Mustafa Pasha hat bereits über 30.000 Soldaten an den Mauern verloren, und erscheint verhandlungsbereit. Die Türken machen ein großzügiges Angebot: Bragadin und seine Männer dürfen mit ihrer Standarte hoch erhoben abziehen.

Doch für den Venezianer gibt es ein böses Erwachen. Kaum besetzen die Türken die Stellungen, sind die Versprechungen null und nichtig. Bei der Übergabezeremonie zieht Mustafa seinen Dolch, attackiert Bragadin und schneidet ihm ein Ohr ab – und beordert seine Soldaten, ihm auch das andere Ohr und die Nase abzuschneiden. Die Osmanen töten darauf den Gouverneur Baglioni, und beginnen mit dem Massaker an der christlichen Bevölkerung.

Bragadin wird vor den siegreichen osmanischen Truppen vorgeführt. Dreizehn Tage wird er im Kerker seiner eigenen Festung gefoltert. Seine Peiniger bieten ihm den Übertritt zum Islam an, um die Marter zu beenden, doch der Venezianer wehrt sich immer und immer wieder. Man bürdet ihm Steine auf und zieht ihn damit um die Stadtmauern Famagustas. Zwei Wochen nach dem Fall der Stadt lässt man ihn vor johlendem Publikum am lebendigen Leib häuten und vierteilen. Noch nach seinem Martyrium macht man sich über ihn lustig, füllt seine Haut mit Heu, zieht ihm eine Uniform an und setzt den makaber entstellten Leichnam auf einen Ochsen, den man durch die Straßen paradiert. Am Ende werden die sterblichen Überreste als Trophäenstücke bei den Soldaten verteilt, die Haut Bragadins geht an den Sultan von Konstantinopel.

Den christlichen Mächten bleiben diese Horrorgeschichten nicht verborgen. Endlich findet die Liga zusammen – zu spät für Zypern, zu spät für Famagusta und zu spät für Bragadin. In Messina kommt es zum Rendezvous der Seemächte, angeführt von Spanien, Venedig und dem Kirchenstaat. Oberkommandant des Verbandes ist Don Juan de Austria, der spanische Flottenführer – ein unehelicher Sohn Kaiser Karls V., nur 24 Jahre alt. Seine Flanken schützen der venezianische General-Kapitän Sebastiano Venier und der Römer Marcantonio Colonna.

Neben diesen drei Hauptmächten nehmen die Republik Genua, das Großherzogtum Toskana, das Herzogtum Savoyen, das Herzogtum Urbino und der Malteserorden mit ihren Schiffsverbänden teil; weitere italienische Staaten, wie die kleine Republik Lucca, sind nicht mit Schiffen zugegen, unterstützen die Sache der Liga aber finanziell mit Material und Männern. Obwohl das Heilige Römische Reich offiziell nicht Kombattant ist, sind auf den Schiffen der Heiligen Liga auch deutsche Soldaten zugegen.

Letztere sind auch dringend notwendig. Die Liga verfügt über 212 Schiffe, darauf fallen allein 115 auf Venedig (zum Vergleich: Spanien schickte 49, Genua 27 und der Papst 7 Schiffe). Die venezianische Schiffswerft arbeitete auf Hochtouren, doch die Republik hat nicht genügend Männer, um alle Galeeren mit Soldaten zu besetzen. Es sind daher insbesondere Männer aus den Teilen des spanisch-österreichischen Imperiums, welche die Besatzungen auch bei den Venezianern vervollständigen. Neben den 40.000 Seemännern verstärken daher mehr als 28.000 zusätzliche Soldaten die Liga, die im habsburgischen Sold stehen. Während die meisten Ruderer Gefangene sind, handelt es sich bei den Venezianern auch um freie Bürger, die sich selbst verteidigen. Das christliche Heer umfasst also knapp 70.000 Männer – eine schwindelerregende Zahl, die bei Landschlachten kaum erreicht wird.

Die christliche Geheimwaffe sind jedoch sechs venezianische Schiffe, die in ihren Dimensionen alle anderen Galeeren in den Schatten stellen. Diese Galeassen erscheinen Freund wie Feind als schwimmende, hölzerne Ungetüme. Über fünfhundert Ruderer treiben jede dieser Riesengaleeren an. Ihre überwältigende Feuerkraft ist jedem anderen Schiff überlegen. Der tödlichste Trick: die Galeasse kann mit ihren Bug- und Heckkanonen in jede Richtung schießen.

Am 7. Oktober treffen die Christen auf die muslimische Flotte bei Lepanto. Vor den Kampfhandlungen beten die 70.000 Ruderer und Soldaten. In den Städten der Christenheit betet man zur selben Zeit den Rosenkranz, um die Gottesmutter Maria um den Sieg zu bitten. Papst Pius V. hatte zu diesem Zweck die Standarte mit dem Kruzifix und den Heiligen Petrus und Paulus gesegnet, auf dem das alte Motto „In Hoc Signo Vinces“ eingestickt war. Auf dem Flaggschiff der Liga, der „Real“ des Don Juan de Austria, prangte zudem die Gottesmutter mit der Aufschrift „S. Maria succurre miseris“. Der Kommandant dagegen belässt es bei großen Reden und erinnert seine Mannschaft lakonisch daran, dass das Paradies nicht für Feiglinge gemacht sei.

Den 212 Schiffen stellt sich eine Wand aus Segeln, Rudern und grünen Bannern entgegen; der ganze Horizont wird von der türkischen Armada eingenommen. Von Material und Mannstärke sind die Osmanen überlegen: die feindliche Marine kommt auf über 250 Schiffe und umfasst mindestens 10.000 Männer mehr. Doch Sufi Ali Pasha, der schon an den Sieg glaubt, rechnet nicht mit der Zerstörungsgewalt der Galeassen, welche dem christlichen Flottenverband vorausfahren, und mit ihrem Rundumfeuer Breschen in den osmanischen Mastenwald schlagen.

Die erhöhte Reling macht es den Türken zuerst unmöglich, diese überhaupt zu entern. Der Einsatz Don Juan de Austrias, der auf seinem Flaggschiff persönlich die Auseinandersetzung sucht, kommt für die Türken ebenso unvorbereitet; und zuletzt sind es die osmanischen Bogenschützen, die im Angesicht der spanischen Arkebusen und Musketen den Kürzeren ziehen. Die überlegene Feuerkraft der Christen macht die quantitative Überlegenheit der Osmanen wett.

Lepanto geht nicht nur als größte Galeerenschlacht der Menschheitsgeschichte ein. Sie ist eine Probe von Mensch und Material, wie sie die Weltgeschichte nur selten kennt. Über Hunderttausend Menschen sind in dem Blutmeer verwickelt. Auf christlicher wie muslimischer Seite kämpfen Veteranen aus jahrzehntelangen Konflikten zwischen den Seemächten beiderseits der Mittelmeerküste. Miguel Cervantes, der berühmte spanische Dichter, der mit seinem Don Quijote später Weltruhm erlangen wird, nimmt an Bord der Marquesa an der Schlacht teil und weiß, dass an diesem Tage Weltgeschichte geschrieben wird. Eine Verletzung am linken Arm führt dazu, dass seine linke Hand dauerhaft gelähmt bleibt.

Der Tag wird zur dunkelsten Stunde der osmanischen Marine. Die Christen erbeuten 137 osmanische Schiffe und befreien annähernd 15.000 christliche Sklaven, die auf diesen ihren Galeerendienst versahen; Größenordnungen einer Stadt wie Augsburg in der damaligen Zeit. Weitere 50 Schiffe werden versenkt. Etwa 20.000 Osmanen finden den Tod. Die Christen verlieren nur 17 Schiffe und etwa 8.000 Mann.

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Die Sieger von Lepanto: Don Juan de Austria, Marcantonio Colonna und Sebastiano Venier. Bild: Anonym [Public domain]

Obwohl Venedig den glänzendsten Sieg seiner Geschichte verbucht, kann die Republik keinen Vorteil daraus ziehen. Als die Venezianer vor dem Sultan vorstellig werden und Zypern zurückfordern, entgegnet ihnen der muslimische Herrscher: „Als wir euch Zypern nahmen, haben wir euch einen Arm abgeschlagen; als ihr uns bei Lepanto besiegt habt, habt ihr unseren Bart abgeschnitten. Der Bart wächst nach, der Arm nicht.“ Venedig schließt zwei Jahre später einen erniedrigenden Frieden, die Liga löst sich auf – Zypern bleibt osmanisch.

Obwohl die Liga also kurzfristig keinen Nutzen aus dem überwältigenden Triumph der Christenheit gegen den expandierenden Islam ziehen konnte, war die Sache jedoch deutlich komplexer, als es die Anekdote des Sultans darzustellen vermag. Die Türken verloren bei Lepanto ihre gesamte Marine-Elite: altgediente Korsaren und erfahrene Kommandanten, die unersetzlich für die Flotte waren. Nie wieder sollte eine osmanische Flotte den christlichen Mächten eine Niederlage wie bei Preveza (1538) oder Djerba (1560) erteilen. Auch der Verlust der osmanischen Bogenschützen, die nun für Landeroberungen fehlen, erschienen im Nachhinein als unwiederbringlich.

Zusammen mit der verlorenen Belagerung von Malta (1565) stießen die Osmanen an ihre Grenzen. Bis zur Belagerung von Kreta (1648-1669) gelangen den Türken keine Eroberungen mehr. Die beginnende Vormachtstellung des Westens wurde auch an der steigenden Feuerkraft der europäischen Schiffe deutlich. Dagegen war es mit den großen Eroberungszügen der Osmanen, die noch unter Sultan Süleyman bis Wien vorgestoßen waren, vorerst vorbei. Die Türken, die als „satanische Macht“ als unbezwingbar gegolten hatten, konnte man nun zu Lande und zu Wasser besiegen.

Lepanto war daher nach Wien und Malta das dritte Symbol der Selbstbehauptung Europas gegen die muslimische Expansion. Die Schlacht gewann in Spanien, Venedig und Rom eine ungeheure Bedeutung. Bis heute finden sich Nachfahren jener Adelsfamilien in Rom ein, die bei Lepanto kämpften. In Venedig wird der Schlacht bis heute jedes Jahr gedacht; in der Malerei wurde sie von Veronese und Vicentino verewigt, das Thema von einer ganzen Reihe römischer wie spanischer Künstler immer wieder neu interpretiert – wobei der Sieg auf die Gottesmutter Maria zurückgeführt wurde. Lepanto-Gemälde nahmen bald den Rang ikonographischer Darstellungen ein. Papst Pius V. ordnete die Institutionalisierung des Rosenkranzfestes an, welche der Intervention Mariens in diesem Konflikt gedachte. Legenden besagen gar, die Männer hätten im Schlag der Mysterien des Rosenkranzes gerudert. Neben dem „Türkenläuten“ von Belgrad, ist das Rosenkranzfest damit eine zweite Erinnerung an die Abwehr der osmanischen Bedrohung – bis heute.

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Die Schacht von Lepanto, Paolo Veronese

Marco Fausto Gallina studierte Politik- und Geschichtswissenschaften in Verona und Bonn. Geboren am Gardasee, sozialisiert im Rheinland, sucht der Historiker das Zeitlose im Zeitgeistigen und findet es nicht nur in der Malerei oder Musik, sondern auch in der traditionellen italienischen Küche. Katholische Identität und europäische Ästhetik hängen für ihn dabei unzertrennlich zusammen. Unter den Schwingen des venezianischen Markuslöwen betreibt er seit 2013 sein Diarium, den Löwenblog.

4 Kommentare

  1. Der Sieg von Lepanto hatte für die Christen eine psychologische Wirkung, die anscheinend bis heute anhält.
    Für die Türken war er zwar keine Lappalie, aber dass die Osmanen durch ihn sehr zurückgeworfen wurden in ihren Eroberungen, kann man auch nicht behaupten. Ein paar Donnerstage später standen sie vor Wien und einzig und alleine das Eingreifen des polnischen Entsatzheeres unter Johan Sobiesky verhinderte eine weitere Ausbreitung des Islam.
    Der zur See besiegte Führer der türkischen Flotte wurde sogar für seine Verdienste mit dem Kriegsnamen „das Schwert“ geehrt. In Wien dagegen kostete die Niederlage der Türken deren Heerführer den Kopf. Dort war wirklich Schluss mit lustig für den Pascha im fernen Konsptantinopel.

    • Bis es zum zweiten Wien kam, dauerte es aber nochmals etwas. Auch die Belagerung von Kreta ließ ein halbes Jahrhundert auf sich warten. Wie erwähnt: es betraf vor allem die Marine. Es brauchte eine Generation um die Veteranen zu ersetzen. Daher schreibe ich ja auch nur von einem Expansionsende, nicht von einem Zurückwerfen. Die Osmanen blieben gefährlich, aber für Europa nicht mehr so akut wie noch eine Generation zuvor.

  2. […] Am 7. Oktober jährt sich die Schlacht von Lepanto zum 445. Mal. Eine Geschichte von gehäuteten Festungskommandanten, christlicher Revanche, einem einarmigen Dichter und dem Beginn des Rosenkranzfestes. Dieser Beitrag erschien auch auf dem Cathwalk. […]

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