Botticelli Inferno

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Eine Filmkritik von Dr. José García

Sandro Botticelli (eigentlich Alessandro di Mariano Filipepi, 1445—1510), gehört zu den bedeutendsten Künstlern der Frührenaissance. Als Florentiner genoss Botticelli die Gunst der mächtigen Familie Medici, die seine Kunst 20 Jahre lang förderte. 1481 wurde er vom Papst nach Rom berufen, um zusammen mit den größten Malern der Zeit die Sixtinische Kapelle mit Bildern auszuschmücken. Die meisten seiner Gemälde — sowohl die Werke mit mythologischen Sujets, etwa „Die Geburt der Venus“ oder „Der Frühling“, als auch die mit religiösen Motiven („Die Verkündigung“, „Die Anbetung der heiligen drei Könige“) — feiern die Schönheit. Sie sprühen vor Lebensfreunde. Dennoch schuf Botticelli auch ein Werk voller Schrecknisse und Hässlichkeit: die „Mappa dell´ Inferno“ oder Höllentrichter nach der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri. In Auftrag gab sie 1480 Lorenzo di Pierfrancesco de´ Medici.

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Nachdem sie jahrhundertelang verschollen war, tauchte die Originalzeichnung in den Klimakammern des Vatikans auf. Zum Auftrag gehörte allerdings nicht nur die „Landkarte der Hölle“, sondern ebenso ein Bilderzyklus über Dante Alighieris Meisterwerk (geschaffen etwa 1307—1320) mit seiner Reise durch Hölle und Fegefeuer zum Paradies, die das ganze christliche Wissen der damaligen Zeit als eine Art „Summa“ vereinigte.

Über die Entstehung und Überlieferungsgeschichte der „Mappa Dell Inferno“ hat der deutsche Regisseur Ralph Loop die Dokumentation „Botticelli Inferno“ gedreht, die ihre Weltpremiere am 26. Oktober in Hannover feierte und nun im regulären Kinoprogramm startet. Für die Dokumentation wurde die gerade 30 mal 40 Zentimeter große, dunkel kolorierte „Landkarte der Hölle“ in einem Hochleistungsscanner durchleuchtet. Dadurch werden viele Details sichtbar, die mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind. Die mit Hochleistungskameras im 4K-Format gedrehten Aufnahmen für die große Leinwand ermöglichen ebenso neue Einsichten in Botticellis Werk.

„Botticelli Inferno“ verknüpft dramaturgisch zwei Erzählstränge: Auf der einen Seite wird die Entstehung des Kunstwerkes, zu dem außer der „Mappa“ — die wohl als Deckblatt gedacht war — noch 102 detailreiche Zeichnungen gehören. Die trichterförmige Landkarte der Hölle, die aus neun absteigenden Kreisen besteht, folgt Dantes Beschreibung: die Hölle als ins Erdinnere gedrückter, durch Luzifers Sturz verursachter Trichter, an dessen Tor die berühmte Maxime prangt: „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“. Durch diese neun Stufen der Hölle und durch das Fegefeuer gelangt Dante ins Paradies.

Ralph Loop stellt den Künstler in den Zusammenhang seiner Zeit und der Geschichte seiner Heimatstadt Florenz, wobei eine Off-Stimme als Botticelli-Ich-Erzähler wenigstens den ersten Teil des Filmes begleitet: „Mein Name ist Sandro Botticelli“. Obwohl der Zuschauer großartige Bilder etwa von Rom und Florenz sieht, die in extremer Auflösung und Brillanz wiedergegeben werden, muss er sich diese Städte voller Dreck und Armut, heimgesucht von der Pest, vorstellen. Im Florenz des ausgehenden 15. Jahrhunderts entstanden zwar die neuen Ideen der Renaissance, aber diese blieben einer kleinen Schicht vorbehalten. Der überwiegende Teil der Bevölkerung war noch der mittelalterlichen Gedankenwelt verhaftet.

Der zweite Erzählstrang beschäftigt sich mit der Überlieferungsgeschichte des Kunstwerkes. Da Sandro Botticelli für Jahrhunderte vergessen blieb, geriet sein „Inferno“ ebenfalls in Vergessenheit. Mit kriminalistischem Elan verfolgt Ralph Loop die Odyssee nicht nur der „Mappa“, sondern auch der 102 Zeichnungen des Meisters. Zwei von ihnen werden zusammen mit dem Original des Höllentrichters in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt. Darüber gibt der Präfekt der Vatikanischen Bibliothek Cesare Pasini Auskunft. Aber auch andere Forscher und Kunstexperten kommen in „Botticelli Inferno“ zu Wort, um den Weg der meisten Zeichnungen nachzuzeichnen. Dieser führte über Schottland nach Berlin. Der schottische Herzog Hamilton musste in den 1880er Jahren seine umfangreiche Sammlung verkaufen, unter der sich die Inferno-Zeichnungen von Botticelli befanden. Der damalige Direktor des zu den Staatlichen Museen Berlin gehörenden Kupferstichkabinetts Friedrich Lippmann erwarb sie im Jahre 1882 — noch vor der bereits angesetzten Auktion. Die Publikation der Zeichnungen Botticellis in Form von Lichtdrucktafeln machten diese Werke der Öffentlichkeit und auch der Wissenschaft bekannt. Wie sie vorher in den Besitz von Lord Hamilton gelangt waren, bleibt jedoch im Dunkeln.

Zu „Botticelli Inferno“ gehört allerdings noch ein drittes Element: Auf der Straße werden Bilder des Höllentrichters auf die Wand projiziert und dazu Passanten interviewt. Ihre recht seichten Aussagen zu Fragen über Himmel und Hölle wirken zwar redundant, stehen aber im Einklang mit der in „Botticelli Inferno“ geäußerten Ansicht über die ach so „mittelalterliche“, von der Kirche beeinflusste Darstellung der Hölle in Botticellis Werk. Weitaus interessanter wäre es freilich gewesen zu erfahren, wie die Kirche heute die sogenannten letzten Dinge — Himmel, Fegefeuer und Hölle — beurteilt. In Monsignore Pasini, dem Kunstexperten des Vatikans, hätte der Regisseur einen qualifizierten Ansprechpartner gehabt.

Dennoch: Die großartigen Bilder der Landkarte der Hölle und die spannende Spurensuche nach dem Verbleib der Zeichnungen machen „Botticelli Inferno“ auf jeden Fall sehenswert.

Filmische Qualität:   3,5/5
Regie:Ralph Loop
Darsteller:
Land, Jahr:Deutschland, Italien 2016
Laufzeit:96 Minuten
Genre:
Publikum:ab 16 Jahren
Einschränkungen:
im Kino:11/2016

Quelle: http://www.textezumfilm.de

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