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Über den Augenblick, der nie verweilt und dennoch schön ist

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Eine Buchbesprechung von Hannes Kirmse

Der 1988 geborene Malte Opermann legt uns mit seinem im Berliner Wolff-Verlag erschienen Aphorismenband „Die schöne Philosophie“ nicht nur eine Referenz an die katholische Geistesgröße Nicolás Gómez Dávila vor, sondern eröffnet den Blick auf eine ganze Menagerie von Sinn und Sinnlichkeit.

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Mit dem Schreiben von Aphorismen geht man heute ein Risiko in gleich mehrfacher Hinsicht ein. Man riskiert mißverstanden zu werden, was etwa die Causa Friedrich Nietzsche auf sehr tragische Art und Weise gezeigt hat. Man riskiert aber auch, mit dem, in das man sein Herzblut gegeben hat, in der Öffentlichkeit zu scheitern, wobei dann jede Kritik zu einer erheblichen Verletzung werden kann. Doch ist das Aphorismenschreiben notwendig, um die gute Tradition des nie abebbenden Gespräches der Geister über die Zeiten hinweg nicht aussterben zu lassen und den geneigten Leser sich auf sich selbst und sein Menschsein besinnen zu lassen. Die Gesprächspartner der schönen Philosophie Oppermanns waren u.a. Platon, Goethe, aber auch der Waldgänger Ernst Jünger und selbstverständlich Don Nicolás Gómez Dávila, den Klonovsky etwa als den „Nietzsche der Anden“ bezeichnete. So wird hier auf ganz eigentümliche Weise die nahezu inhalierte Katholizität Dávilas mit dem ständigen im Fragen begriffenen Platon und dem Waldgängerischen Ernst Jüngers miteinander verwoben.

Das Leitmotiv, das den Band durchzieht, ist der Augenblick und dessen Einfluß auf unser Sehen. Fast möchte man nach der Lektüre mit Absolutheit sagen, daß uns mit der Beschränkung auf unsere Sinne nichts anderes als eben der Augenblick zum Begreifen der Welt gegeben ist. So finden wir etwa die Sentenz „Die Eigenschaften einer Sache sind unwichtig für die Bewunderung, die wir ihr entgegenbringen. Die Attribute der Herrlichkeit und der Schönheit sind nicht allgemein, sondern konkret.“ – Das Schöne, Herrliche, ja auch Erhabene offenbart uns so etwa nicht in abstrakt gefassten Weltbildern, sondern in ganz konkreten Augenblicken, man denke etwa auch an den Augenblick der Menschwerdung Gottes. Dem Augenblick wohnt eine Macht inne, die dann Gefühle wie Genuß und Verzückung, aber auch ein plötzlich und unerwartetes aufblitzendes „Heureka!“ in uns hervorzurufen imstande ist. Gleichzeitig tritt hier ein weiterer Wesenskern von Oppermanns Werk ans Licht: das Bewußtsein und das Gespür für das Heilige und Verehrungswürdige. Wenn man diesen Sakralgedanken fortführt, kann man zu der Einsicht gelangen, daß der schöne Augenblick immer eine Emanation des Heiligen ist. „Das Schöne soll uns erheben“, formulierte schon Papst Pius XII. Weiter findet man bei Oppermann „Ohne Mystik sind alle Symbole lächerlich.“, was als eine Art Anklage der Verflachung der Welt verstanden werden kann. Wir sehen auch und vor allem, wie man sich mit der Betrachtung des Augenblicks der Schnelllebigkeit unserer Zeit entgegenstellen kann.

Goethe gab an seinem Lebensabend zu verstehen, daß er, wenn es denn hochkäme, allenfalls eine halbe Stunde insgesamt glücklich gewesen sei. Oppermann zeigt uns, wie nahrhaft diese eine halbe Stunde sein kann.

Einen Epilog lieferte der als Büchnerpreisträger bekannte Martin Mosebach in Form einer „platonisch-unplatonischen Phantasie“. Dort zeigt er, das alte Höhlengleichnis aufgreifend, wie „die Wahrheit im Schatten der Schönheit in die Höhle eingedrungen“ war.

Malte Oppermann: Die Schöne Philosophie

In seinem philosophischen Entwurf DIE SCHÖNE PHILOSOPHIE entwickelt Malte Oppermann (geboren 1988) in 376 Segmenten und Aphorismen eine Philosophie des Augenblicks, die von der Unteilbarkeit der Wirklichkeit ausgeht. Unser Griff nach der unvordenklichen Wirklichkeit des Augenblicks wird als ein Verfehlen gedeutet; als Bewegung, die über den Augenblick hinausgeht.
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