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Joaquín Rodrigo: Eine Adoration

Dem Wiederbeleber der Renaissance und der Spanischen Gitarrenmusik im Orchestersaal

von Marco F. Gallina

Attributes_of_Music-296x225Hätte das 20. Jahrhundert nicht das russische Dreigestirn Schostakowitsch, Strawinsky und Prokofiev gekannt; hätten Ravel und Gershwin nicht gelebt; und hätte Gustav Holst seinen Mars nicht donnern, den Jupiter nicht glänzen lassen und die Welt mit seinen wuchtigen Planeten bereichert, so könnte ich mit gutem Gewissen sagen: Rodrigo war der größte Komponist des vergangenen Jahrhunderts.

Stattdessen wird man Joaquín Rodrigo kaum, oder nur sehr selten in den obigen Listen erwähnt sehen. Ja, einige werden ihn sogar völlig vergessen. Denn Rodrigo war kein Mann der Avantgarde, sondern der Anti-Schönberg, der Reaktionär der Musikwelt, der weder ein Sacre du printemps strawinskischer Prägung ablieferte, noch einen in seiner Schlichtheit revolutionären Bolero komponierte, und auch keine Jazz-Elemente wie Gershwin einfügte.

Joaquín Rodrigo war ein Mann, in dessen Musik die Kontinuität lebt. In ihm setzt sich die spanische Musik der Renaissance und des Barock fort. Der Edelmut des kastilischen Kavaliers, der Stolz der Hidalgos, die Anmut der Zitronengärten Andalusiens, die Eleganz der spanischen Tänzerinnen, die sprudelnden Brunnen der Königsschlösser, der Ruhm der habsburgischer Weltmacht und der Glanz bourbonischer Herrschaft setzt sich in seinen Werken fort. Die Namen allein weisen daraufhin: Concierto de Aranjuez, Concierto Andaluz, Sonata Española, Fantasía para un gentilhombre, Concierto madrigal. Das liest sich wie die Geschichte Spaniens, seiner Musik und seiner Notenkünstler.

Doch bevor ich mich den Gitarren- und Harfenklängen, ihren Anspielungen und der Schönheit dieses formvollendeten, neoklassizistischen Werkes widmen will: wieso ein Eintrag am heutigen Tag? Ursprünglich wäre ein Eintrag zu Rodrigo am 9. November fällig gewesen. Am 9. November 1940 erfolgte die Uraufführung des Concierto de Aranjuez, Rodrigos berühmtestes Werk. Da aber gerade der 9. November auch ein Datum war, an dem ich einige Vorbereitungen getroffen hatte – der Tag ist deutscherseits zu vorbelastet, um ihn einem spanischen Konzert zu widmen – beschloss ich, das Jubiläum auf den 11. Dezember zu verlegen: der Uraufführung des Concierto de Aranjuez in der Hauptstadt Madrid, welcher sich heute zum 75. Mal jährt.

Natürlich hätte ich auch Rodrigos Geburtstag am 22. November dazu nützen können – allerdings erschien mir das Datum dafür zu krumm. Rodrigo erblickte am 22. November 1901 in Sagunt das Licht der Welt; aber bedauerlicherweise nicht sehr lange. Mit drei Jahren erblindete der kleine Joaquín infolge einer Diphterie-Erkrankung. Das hinderte Rodrigo nicht am Studium der Musik, zuerst in Valencia, anschließend in Paris, wo er bei Paul Dukas (wir erinnern uns: Der Zauberlehrling) lernte und Manuel de Falla begegnete. In Paris lernte er auch seine spätere Frau Victoria Kamhi, eine türkisch-jüdische Pianistin kennen. Das Paar heiratete 1933 in Valencia und blieb bis zum Tod Victorias im Jahr 1997 zusammen. Das war nicht nur eine Ehe, sondern auch eine musikalische Zusammenarbeit über sechs Jahrzehnte! Nur zwei Jahre darauf starb auch Rodrigo – im Alter von 97 Jahren.

Dass diese Ehe nicht unerheblich für Rodrigos Schaffen war, enthüllt bereits sein berühmtestes Werk. Der 2. Satz des Concierto de Aranjuez ist einem biographischen Schlaglicht geschuldet. 1939, als bereits der Krieg über Europa aufzog, und Rodrigo in Paris das Konzert komponierte, erlitt Victoria eine Fehlgeburt. Der Gitarrenklang, der hier das Konzert am Leben hält, ist der pulsierende Schlag des gemeinsamen Kindes, das Stück die Hoffnung auf das Überleben des Frühchens. Zwischen das schwächer werdende Herz, das immer wieder aussetzt, mischen sich Rodrigos Gebete an seine Frau und das Kind, das am Ende in sphärischen Tönen in Gottes Hände übergeben wird, und in die himmlischen Gefilde übergleitet.

Diese tragische Inspiration rahmen die beiden fröhlichen Sätze ein, welche die Eleganz und Erhabenheit Spaniens (und der gemeinsamen Flitterwochen) feiern. Denn Aranjuez: das ist die alte Größe Spaniens, des Reiches, das für 200 Jahre den gesamten Globus dominierte! Spanien, das Imperium, das Amerika beherrschte, das bei Lepanto siegte, dessen habsburgische Dynastie die Kaiser des Reiches und die Könige des goldenen Zeitalters stellte. In Aranjuez lebt diese große Vergangenheit weiter, in den Fassaden des Palastes, in den Brunnen des Hofes und den Gärten mit exotischen Früchten, welche die Entdecker aus allen Ecken der Erde heranschafften.

Viva España, Espada de Roma! mag man zwischen den Noten vernehmen.

Die Hispanität seiner Stücke wirkt natürlich vor allem durch die häufig verwendete Gitarre. Und dies ist zugleich Rodrigos Kunst und auch seine – unverstandene! – Innovation. Die Schönbergianer sahen in ihm einen Neoklassizisten, einen Konservativen, aber sie erkannten nicht, dass der Gebrauch der Gitarre, wie sie Rodrigo für das Orchester einführte, eine Neuheit war. Eine klassische Gitarre im Konzertsaal war eben nicht selbstverständlich. Zu Beethovens Zeiten galt es als revolutionär, Hörner zu verwenden; die groben Jagdgeräte galten als unfein. Ähnlich war es mit der Gitarre, dem Instrument der Unterschicht, der Unterhaltungsmusik – und dem Nationalinstrument Spaniens.

Dabei gab es auch noch technische Schwierigkeiten. Denn die Gitarre gilt als zu leise, um mit anderen Instrumenten mitzuhalten und zu wirken. Rodrigos Geschick in der Anordnung der Instrumente, im besonderen Gebrauch von akzentuiert gesetzten Noten und ruhiger harmonischer Töne wird dabei viel zu wenig beachtet. Eine Gitarre kann nicht mit jedem Instrument kommunizieren, zu viel Ballast würde sie ersticken. Eine Komposition für Gitarre ist ein Wechselwerk aus Balance, Klarheit und haargenau gesetzter Klänge.

Neben der Gitarre hatte es daher ein Instrument mit ähnlichen Problemen dem Meister aus Valencia angetan: die Harfe. Neben einer Bearbeitung des Concierto de Aranjuez existiert eine Bearbeitung für Harfe, sowie ein eigenes Harfenkonzert: Das Concierto Serenata! Hier vernimmt man im zweiten Satz sogar Dissonanzen, die beinahe ins Atonale reichen und als Ausreißer des Neoklassizisten gelten können, womöglich mit dem Vorwurf an die Kollegen: Seht her! Ich, Joaquín Rodrigo, der Vollender der Spanischen Klassik, kann auch anders! Aber, statt mich mit solchem Unfug aufzuhalten, mache ich lieber gute Musik!

Diese gute Musik ist der Sarao, der dritte Satz dieses Harfenkonzerts – und für mich persönlich eine der größten Leistungen der Orchestermusik des 20. Jahrhunderts. Nähme man alle Harfenmusik der Geschichte fort, behielte aber den Sarao, so wäre die Welt immer noch zu retten. Die Vitalität, Lebensfreude und Formvollendung spanischer Eleganz trifft auf die Apotheose des frühneuzeitlichen Tanzes und des abendlichen Feierns. Da stimmen Violinen und Flöten gegeneinander an, begleitetet vom nie enden wollenden Perlen der singenden Harfenstimme. Das ist Aufbruch, das ist Leben, das ist die Renaissance im Gewand des Heute, das ist der Geist des Zenits europäischen Schaffens aus Rodrigos Hand.

Der Name Sarao aber lässt schon aufhorchen. Ist das überhaupt eine Tempobezeichnung? Ein klassischer Ausdruck? Nein, natürlich nicht! Hier ist sie, die so oft angesprochene Kontinuität: Sarao lässt sofort an die frühneuzeitliche Abendgesellschaft und ihre Musik denken. Sarao de Chacona – die Chaconne ist eine Musikform der Renaissance – ist spanisches Leben pur. Die französische Form Chacone oder die italienische Ciaccona waren weit verbreitet in jenem Zeitalter, nach dem Rodrigo sich so sehnt. Sein Verdienst besteht darin, dieses Erbe nicht nur zu entdecken, in die heutige Zeit zu transportieren und zu interpretieren, sondern es auch neu zu schaffen. Damit wird Rodrigo ganz Renaissancemensch: wie die Humanisten der Renaissance das antike Erbe heben, tut es der Spätneuzeitler Rodrigo mit der Renaissance. Rodrigo feiert nicht nur die Vergangenheit, er setzt sie fort.

Werfen wir einen Blick in eines seiner beliebtesten Werke: die Fantasía para un gentilhombre. Die Fantasien für einen Edelmann sind Gaspar Sanz gewidmet, sie sind eine Hommage an das Goldene Zeitalter spanischer Kultur. Gaspar Sanz‘ Gitarrenstücken zählen zum Besten, was die Geschichte alter Musik zu bieten hat, und wirkt teilweise heute immer noch sehr modern. Wer eine Kostprobe will, sollte sich den Canario anhören; einmal die Urform aus dem 15. Jahrhundert, danach die Interpretation von Sanz aus dem 17. Jahrhundert (die Percussion ist neumodisch) und zuletzt Rodrigos Version aus dem 20. Jahrhundert.

Ein Stück, das sich über Jahrhunderte transformiert. Aber das Werk lebt fort. Und einem wird umso bewusster, wie groß Spaniens Geschichte und Kultur ist, und wie wenig sie nördlich der Pyrenäen geachtet wird.

Die letzten Meisterwerke des Marquis der Gärten von Aranjuez – König Juan Carlos erhob Rodrigo mit diesem Titel in den Adelsstand – sind unzweifelhaft das Concierto Andaluz und das Concierto Madrigal. Auch bei letzterem: eine Anspielung auf die Renaissance. Das Madrigal ist eigentlich ein Gesangswerk jener Zeit, aber der Meister aus Valencia setzt statt Stimmen Gitarren ein, die hier nunmehr singen. Und im letzten Satz dieser altspanisch angehauchten Werke setzt er ein Augenzwinkern ein, ein Allegro nostalgico, indem er sein eigenes, dreißig Jahre zurückliegendes Concierto Aranjuez in einem sehnsuchtsvollen Ton rezitiert, als schmachteten die Gitarren jenen vergangenen Jahren hinterher, bevor die Musik in ihre tosende Grazie und rauschenden Töne zurückkehrt.

Jedem anderen Komponisten könnte man Eitelkeit vorwerfen. Nicht aber dem blinden Meister von Valencia, der so vieles in die Gegenwart zurückholte, das vorher in der Vergangenheit verschollen schien und ohne Augenlicht das sah, was andere übersahen. Dessen Gitarren und Harfen immer noch klingen werden, wenn auch die Neue Musik nur noch als Witz der Weltgeschichte zwischen atonalem Nihilismus verschwindet.

Wer sonst, außer Rodrigo selbst, hätte in einem Renaissancewerk sein eigenes Renaissancestück wiederbeleben können?

Marco Fausto Gallina studierte Politik- und Geschichtswissenschaften in Verona und Bonn. Geboren am Gardasee, sozialisiert im Rheinland, sucht der Historiker das Zeitlose im Zeitgeistigen und findet es nicht nur in der Malerei oder Musik, sondern auch in der traditionellen italienischen Küche. Katholische Identität und europäische Ästhetik hängen für ihn dabei unzertrennlich zusammen. Unter den Schwingen des venezianischen Markuslöwen betreibt er seit 2013 sein Diarium, den Löwenblog.

2 Kommentare

  1. Marcus H. 22. November 2016

    der 9. November …ist deutscherseits zu vorbelastet … wieso ein Eintrag am heutigen Tag? … Natürlich hätte ich auch Rodrigos Geburtstag am 22. November dazu nützen können – allerdings erschien mir das Datum dafür zu krumm. (Zitate)
    ;D

    Vorbelastet ist das heutige Datum auch durch die öffentliche Hinrichtung von JFK. Am selben Tag starb damals der sehr verehrte C.S.Lewis.

  2. […] Dem Wiederbeleber der Gitarrenmusik und Denkmalpfleger spanischer Kultur des Goldenen Zeitalter widmete ich bereits vor einem Jahr eine Adoration. Der cathwalk bringt sie aus Anlass des Jubiläums heute noch einmal. Hier geht es weiter. […]

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