The young Pope

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Eine Filmkritik von Deborah Görl

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Der italienischen Regisseur Paolo Sorrentino, der durch die beiden Film La Grande Bellezza (Die große Schönheit) und La Giovinezze (Ewige Jugend) international bekannt geworden ist, gilt als Bildmagier. Seine Filme zeichnen sich dadurch aus, dass man sich im Nachhinein zwar nicht mehr wirklich an die Handlung erinnern kann, aber sie bleiben dennoch durch ihre faszinierenden Bildkompositionen im Gedächtnis. Diese Tatsache kann als ein Indiz für die Oberflächlichkeit Sorrentinos Filme angesehen werden und vermutlich sind sie das auch, was nicht heißt, dass sie nicht wesentlich mehr über unseren Zustand in Europa aussagen als vermeintlich tiefgründige Analysen.

Sorrentinos neuestes Projekt heißt The Young Pope und ist eine, vor kurzem erschienene, zehnteilige Serie, von der es nächstes Jahr eine zweite Staffel geben wird. The Young Pope handelt von dem relativ jungen Amerikaner Lenny Belardo (Jude Law), der als Kompromisskandidaten des Konklaves, das im Glauben handelt in Lenny eine formbare Marionette gefunden zu haben, zum Papst gewählt wird. Bald müssen sich die alteingesessenen Kardinäle im Vatikan jedoch eingestehen, dass Lenny, der sich den Namen Pius XIII. gibt, eigene Visionen verfolgt.

Die Dynamik der Geschichte setzt sich -im Wesentlichen- aus drei Komponenten zusammen. Erstens spielt die Serie in unserer Zeit, also in einer Atmosphäre, in der man noch am 2. Vatikanischen Konzils als Bruch festhalten möchte und man es irgendwie geschafft hat, sich als Kirche überflüssig zu machen, insofern man die Aufgabe und Sendung der Kirche vergessen hat. Der junge Papst will wieder zurück zu einer mystischen Kirche, sodass eine seiner ersten Amtshandlungen darin besteht sich selbst zum mystifizieren indem er sich aus der Öffentlichkeit und sogar der Souvenirindustrie zurückzuzieht. Von Pius XIII existieren keine Poträtkühlschrankmagneten, was man sich fast nicht vorstellen kann.

Eine weitere Komponente findet man in der Persönlichkeit Pius XIII selbst. Lenny Belardo ist ein Mensch, der erkannt hat, dass, das, was er sich am sehnlichsten wünscht sich niemals realisieren wird. Das macht ihn zu einem vollkommen desillusionierten und zweifelnden Menschen, der dazu noch misamoristische Tendenzen aufweist. Er steht der Welt indifferent und mit einem außerordentlich klaren Blick gegenüber. Das ist seine große Stärke, denn durch was könnte man ihn schon von seinen Plänen abbringen? Auf der anderen Seit besteht für Lenny allerdings die Gefahr in ein destruktives Verhalten abzurutschen, gerade weil er die Dinge so sieht und einschätzt, wie sie vermutlich sind. Anders als seine unmittelbaren Vorgänger ist sich Pius XIII seiner Macht und Position bewusst und er ist bereit dementsprechend zu handeln, wobei man erst im Verlauf der Serie erst beurteilen kann ob Lenny die Kirche durch seine Persönlichkeit zugrunde richtet oder erfolgreich reformiert.

 

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Darüber hinaus ist Pius XIII Namenswahl bemerkenswert. Sie ist das Undenkbare, ein Bekenntnis zu der vorkonziliaren Kirche, das den Kardinälen, die teilweise noch das 2. Vatikanische Konzil miterlebt haben, gewaltige Angst einflößt. Die Angst ist so groß, dass sie -nicht besonders originelle- Pläne schmieden, wie sie den jungen Papst zum Rücktritt zwingen könnten; doch sie scheitern alle. Der junge Papst geht sogar noch einen Schritt weiter insofern er an mehreren Stellen die Kirche des 19. Jahrhundert zitiert, bspw. als er dem italienischen Ministerpräsidenten mit einem „Non expedit“, also ein Verbot der Wahlteilnahme für italienische Katholiken, das einst schon einmal im 19. Jahrhundert von Papst Pius IX ausgesprochen wurde, droht, falls dieser sich weigern sollte seine Forderungen zu missachten. Pius‘ XIII Forderungen sind eigentlich nur Konsequenzen aus der katholischen Lehre wie z.B. die Abschaffung der Zivilehe, wirken aber dennoch für den Zuschauer fast schon lächerlich. Diese Szene wirkt umso mehr, insofern der Ministerpräsidenten der Serie gewisse Ähnlichkeiten mit dem amtieren den Ministerpräsidenten Renzi hat. Auch bei anderen Themen agiert der junge Papst konsequent, was ihm in der Serie den Ruf eines Rigoristen beschert. Allerdings ist Pius‘ XIII Rigorismus kein Produkt seines Eifers, sondern vielmehr eine nüchterne Konsequenz, die sich ergibt, wenn man bei den vielen unbequem gewordenen Themen der Glaubens- und Sittenlehre, das akzeptiert, was man als Antwort in der heiligen Schrift und Tradition dazu findet, auch wenn es möglicherweise wirklichkeitsfern und bzw. oder im Ganzen betrachtet widersprüchlich ist.

Der Reiz der Serie besteht darin der Dynamik, die aus diesen drei Komponenten entsteht, in wundervollen und detailreichen Bildern, die immer wieder von surrealen Sequenzen unterbrochen werden, zu verfolgen. Sorrentino hat in The Young Pope eine Kirche wiederaufleben lassen, die es in dieser Form schon lange nicht mehr gibt. Eine Kirche, die liturgischen Prunk und Schönheit kennt, die in der Lage ist Bilder zu liefern, die einen fesseln können. In der Serie kann man sogar Zeremonien bestaunen wie den Fußkuss beim Papst oder die Sedia gestatoria, die man -wenn überhaupt- nur aus historischen Dramen kennt.

Kurz gefasst könnte man sagen, dass man den Aktionismus des Papstums der vergangenen Jahre zugunsten von mehr Oberflächlichkeit reduziert hat; anstatt Oberflächlichkeit könnte man auch Ritus schreiben, denn Ritus ist in gewisser Weise auch eine Oberfläche. Inwiefern ein derartiger Papst auch für die reale Welt wünschenswert oder sogar gut wäre, ist eine Frage, die man nicht diskutieren muss. Fakt ist, dass The Young Pope ästhetisch ansprechende Unterhaltung ist, die fasziniert und zum Denken anregt. Darüber hinaus würde die Beantwortung dieser Frage in den Zuständigkeitsbereich des Heiligen Geistes fallen.

  • 4 ½ von 5 Sternen
  • Regie: Paolo Sorrentino
  • Darsteller: Jude Law, Diane Keaton, Cécil de France, Silvio Orlando
  • Land, Jahr: Italien, Frankreich, Spanien, 2016
  • Laufzeit: 46-60 min (je Folge)
  • Publikum: ab 16 Jahre
  • Deutsche Erstausstrahlung: 21. Oktober 2016 (Sky Atlantic)

5 KOMMENTARE

  1. Gute Kritik! Nur in einem Punkt möchte ich widersprechen: Ritus ist nicht „Oberfläche“. Die Riten unserer Kirche sind ein Tor, oder ein Schlüssel zur Tiefe unseres Glaubens!

  2. Eine sehr, sehr schöne Kritik. Nach dieser Beschreibung werde ich den gleich mal bei Amazon reservieren für den Fall, daß er bald auf DVD lieferbar ist. Doch eine Frage hätte ich:

    5. Absatz, 12. Zeile; „… weigern sollte seine Forderungen zu missachten. “ Sehr mystisch. Oder vielleicht ein Fehler?

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