Warum George Michael MEHR als „der Sänger von Last Christmas“ war

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Bild: Faithtour [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons
Bild: Faithtour [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons

Ein Nachruf von Stefan Ahrens

Vor ziemlich genau vier Wochen veröffentlichte The Cathwalk freundlicherweise einen Artikel von mir – und das passend zur alljährlichen Advents- und Glühweinstandzeit: „Warum Last Christmas KEIN Weihnachtslied ist!

In diesem Artikel versuchte ich – durchaus mit spitzer Feder, aber vielleicht nicht ganz grundlos – aufzuzeigen, warum ich diesen polarisierenden Wham!-Dauerbrenner und Longseller weder für kein klassisches Weihnachts- beziehungsweise Winterlied noch für ein textlich immer geschmackssicheres Stück halte.

Trotz meines Verdikts schrieb ich aber ebenso: „Ein hervorragend arrangierter und produzierter Popsong ist Last Christmas … dennoch.“ Und über dessen Verfasser, Produzenten und Interpreten George Michael selbst schrieb ich: „Selbst bei einem Pseudoweihnachtslied wie Last Christmas kann man hören, dass George Michael definitiv einer der talentiertesten Sänger, Songwriter und Produzenten seiner Generation ist. Dies stellt er nicht nur hier und bei anderen Songs aus seiner Zeit bei Wham! oder seiner extrem erfolgreichen Solokarriere unter Beweis, sondern beispielsweise auch in Duetten mit Soulsängerinnen wie Aretha Franklin („I Knew You Were Waiting (For Me)“, 1987), Mary J. Blige (der Stevie-Wonder-Coverversion „As“, 1999) oder Whitney Houson („If I Told You That, 2000). Wie es ihm dabei gelingt, neben diesen stimmgewaltigen Sängerinnen nicht wie ein bleichgesichtiger Trampel zu klingen – das würde vermutlich nur noch Annie Lennox so gut hinbekommen.“

An diesem 26. Dezember ist es jedoch klar: Ab heute ist vieles was ich und unzählige andere (noch wesentlich bedeutendere Journalisten und Musikkritiker als ich) sowohl über Last Christmas als auch Wham! oder George Michael geschrieben haben erst einmal Makulatur. Denn heute gegen Mitternacht wurde bekannt, dass dieser im Alter von nur 53 Jahren (wie sein Pressesprecher es formulierte) auf seinem Anwesen in der englischen Grafschaft Oxfordshire am 25. Dezember „friedlich eingeschlafen“ sei. Und die Sozialen Netzwerke sowie unzählige Menschen und Musikerkollegen wie Elton John, Madonna oder Wham!-Partner Andrew Ridgeley trauern – und das wohl zu Recht!

Vier Gründe warum die Anteilnahme und Trauer um George Michael verständlich ist

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Bild: Yves Lorson from Kapellen, Belgium [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Da ist zum einen die Trauer um einen extrem erfolgreichen Musiker. In annähernd vier Dekaden Zugehörigkeit zum Musikbusiness verkaufte George Michael – zunächst mit Wham!, später solo – insgesamt über 100 Millionen Tonträger. In Großbritannien stand er sieben Mal, in den USA acht Mal an der Spitze der Single-Charts. Allein sein Solodebutalbum „Faith“ von 1987 (mit Megahits wie „I Want Your Sex“, „Father Figure“, „One More Try“ oder dem gleichnamigen Titelsong) verkaufte sich bis heute fast 25 Millionen mal.

Alle seine darauffolgenden Soloalben „Listen Without Prejudice Vol.1 (1990), die Live-EP “Five Live” (1993, mit Queen und Lisa Stansfield), „Older“ (1996), das Coveralbum „Songs From The last Century“ (1999), „Patience“ (2004) und das Livealbum “Symphonica” (2014) waren weltweite Charttopper und verfügten Hits wie „Praying For Time“, „Freedom ´90“, „Somebody To love“ (mit Queen) „Jesus To A Child“, „Fastlove“, „Roxanne“ oder „Amazing“ – ganz zu schweigen von seinen immens erfolgreichen Greatest-Hits-Alben “Ladies And Gentlemen” (1998) und “Twenty Five” (2006) (eine Liste vom „Rolling Stone“ über zwanzig essentielle George Michael-Songs gibt es hier)

Außerdem war George Michael eine wirkliche Ikone – nicht nur der Popmusik, sondern auch der Popkultur (das US-Magazin „Billboard“ listete hier einige seine wichtigsten „Popkulturmomente“ auf ). Der kurze Dreitagebart, die Ray-Ban-Sonnenbrille, die Lederjacke, die zerrissenen Jeans – als George Michael in diesem Outfit 1986 in seine Solokarriere startete und zum womöglich größten Posterboy und Mädchenschwarm (neben Michael Jackson) der 80er Jahre avancierte konnte er wohl nicht ahnen, wie sehr er sich damit ein unsterbliches Image des ultrahetereosexuellen und maskulinen Herzensbrechers kreierte.

Das ihn (der zu diesem Zeitpunkt wohl bereits ahnte, dass er nicht zur Bi- sondern doch eher zur Homosexualität tendierte) aber auch wiederum zu erdrücken drohte – weshalb er sämtliche oben genannte Utensilien im Videoclip zum mit Topmodels wie Cindy Crawford, Naomi Campbell und Linda Evangelista regelrecht bevölkerten Clip zu „Freedom 90“ in Flammen aufgehen lies. Ab Mitte der 90er Jahren trat er meist in eleganten und dezenten Designerklamotten auf – auch eine Sonnenbrille durfte für den so extrovertiert auftretenden, insgeheim aber doch sehr introvertierten und grüblerischen Sänger nicht fehlen.

Ein dritter Grund für die große Anteilnahme ist außerdem aber auch der langjährigen öffentlichen Berichterstattung über George Michaels unzählige gesundheitliche und persönliche Rückschläge geschuldet: In den 90er Jahren erlebte er viele Schicksalsschläge – vor allem der Tod seiner Mutter und seines brasilianischen Lebensgefährten (dem er seinen Hit „Jesus To A Child“ widmete) stürzten ihn in tiefe Krisen. Er verfiel in Depressionen und begann, Drogen zu nehmen. Er haderte lange damit, seine Homosexualität verstecken zu müssen, die dann nach einer Festnahme in den USA publik wurde. Hinter der Fassade des extrovertierten, Happiness und Lebensfreude versprühenden Herzensbrechers sah es oftmals eher düster und deprimierend aus.

Und schließlich (und dies ist bei weitem nicht nur der subjektive Eindruck des Verfassers dieses Nachrufs!): Generationen von heute Erwachsenen, die ihre Kindheit in den 80er und 90er Jahren verlebten, wuchsen mit der Musik von Wham! und George Michael auf. Sie gehört für viele schlicht und ergreifend zum Soundtrack des eigenen Lebens – ob im Radio, im CD-Player, bei MTV oder auf dem Dancefloor. Fast jeder erinnert sich möglicherweise an das erste Mal, als er einen Song von George Michael hörte oder als Videoclip sah (für den Autor war es das großartige Duett mit Aretha Franklin „I Knew You Were Waiting (For Me)“ 1987 in der legendären ARD-Musikshow „Formel Eins“). Ganz klarer Fall: Mit dem Tod von George Michael geht für unzählige Menschen ein Stück musikalischer Kindheit unwiederbringlich verloren.

In einer Liga mit John und Elvis?

George Michael verkörperte auf klassische Art und Weise einen Menschen, bei dem Außenstehende sagen würden, dass dieser doch eigentlich „alles hatte“ um glücklich und zufrieden sein zu können: Unbeschreiblichen Erfolg, ein sehr gutes Aussehen, extrem großes Talent, eine unglaubliche Stimme und mehr Geld, als man je ausgeben könnte. Dennoch war und konnte er nicht zufrieden sein: Er wehrte sich dagegen, als Teenidol und musikalisches Leichtgewicht abgestempelt zu werden und schuf aus diesem Grund zum Teil hochkomplexe und anspruchsvolle Popmusik, die er oftmals auch selbst komplett einspielte und an der er jahrelang arbeitete. Diese Gier nach künstlerischer Anerkennung konnte bisweilen krampfhaft wirken – verdient hat er sie sich allemal.

George Michael ist mehr als nur „der Sänger von Last Christmas“, auf den er in vielen Nachrufen und in den Sozialen Netzwerken reduziert wird. . Er war kein One-Hit-Wonder – sondern einer der erfolgreichsten Musiker der Popgeschichte. Definitiv anzusiedeln in einer Reihe mit tragisch-genialen Musikern wie Michael Jackson, Marvin Gaye oder Prince. Und auch der Vergleich mit Legenden wie John Lennon und Elvis Presley (denen George Michael übrigens in dem Song „John And Elvis Are Dead“ 2004 seine Referenz erwies) muss nicht gescheut werden. Denn sowohl rein quantitativ (in punkto Plattenverkäufen) sprechen wir hier von ähnlichen Größenordnungen – als auch qualitativ gehört George Michael zu denjenigen Musikern, die inspirierend auf eine ganze Generation von jungen Menschen gewirkt hat.

Und unter uns gesagt: In seinem – recht übersichtlichen – musikalischem Output gibt es weitaus weniger Gurken als in dem manch anderer Mega- und Überstars. Zeit, diesen neu zu hören und zu entdecken!

Stefan Ahrens studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Öffentliches Recht an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und promoviert gegenwärtig über das Verhältnis Joseph Ratzingers/Benedikts XVI. zum modernen politischen Denken. Er ist Redakteur in der Bischöflichen Presse-und Medienabteilung des Bistums Regensburg, Mitglied im „Neuen Schülerkreis Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.“ und interessiert sich außerdem für die Spiritualität der Ostkirchen, das Jesusgebet, Hoch- und Popkultur sowie für alles was wahr, gut und schön ist.

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