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Den alten Meistern auf der Notenspur: Jeppe Nörgaard Jacobsen

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Ein Interview in zwei Teilen von Hannes Kirmse

Daß Salzburg im Grunde die ideale Kulisse für ein eigenes künstlerisches Schaffen bildet, kam mir in den Sinn, als ich mich auf dem Weg zu Jeppe Nörgaard Jacobsen, einem dänisch-österreichischen Komponisten befand, der eben jene Residenzstadt zu seiner geistigen Heimat erklärt hat. Das Haus seiner Ahnen in Wien steht nicht mehr. Ich durfte eine Künstlernatur kennenlernen, die um der Kunst willen keine Kompromisse duldet. Da konnte ich erfahren, wie jemand einen aufrichtigen Versuch unternimmt, dieser pittoresken Salzburg-Kulisse zwischen Erich Kästners „Kleinem Grenzverkehr“ und touristischer Mozart-Verehrung, ein neues Leben im Geiste der Klassik einzuhauchen. So durfte ich ihn und einen Dichter Salzburgs, Maximilian von Kurz zum Thurn und Goldenstein an einem Novemberabend kennenlernen. Es wäre allerdings dem Verständnis des nachstehenden Gespräches abträglich, wenn man die allgemeinen Lebensdaten Jacobsen außer Acht ließe. Er wurde 1988 in Dänemark geboren und entschied sich für ein Studium der Komposition am Mozarteum in Salzburg. Um seine künstlerische Begabung zu weiten, setzte er mit Studien der Kunstgeschichte und der Philosophie an der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg fort. Aktuell beschäftigt er sich mit einer neuen, illustrierten Gesamtausgabe der Ilias (inklusive der ersten originaltreuen Audioaufnahme des Altgriechischen – ein Novum!), sowie deren Übersetzungen in fünf moderne Sprachen. Der  erster Band erscheint in Kürze.

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Jeppe Nörgaard Jacobsen in Delphi am Fuße des Parnassos, in Verbindung mit seinem Ilias-Projekt, 2016.

The Cathwalk: Gibt es einen Kanon an klassischer Musik? Wenn ja, wie sähe dieser aus? Was muß ein Komponist vorweisen, um als »klassisch« zu gelten bzw. um in der klassischen Tradition zu stehen?

Jeppe Nörgaard Jacobsen: Es gibt einen solchen Kanon, und er ist allegorisch vergleichbar mit dem Kanon an klassischer Architektur, der streng genommen zwischen 700 vor Christus und 500 nach Christus entstand. Nur entstand die klassische musikalische Tradition zwischen 1770 und 1825 – man nennt sie in leicht mißverstanden im Volksmund auch Wienerklassik – also durch etwa 55 Jahre, kontrastiert mit 1200 Jahren im Falle der Architektur. Gemeinsame Merkmale sind in erster Linie Klarheit in Orchestrierung, Klangsprache und Struktur, Gleichgewicht zwischen den einzelnen Strukturkomponenten auch im Verhältnis zum Ganzen, Ökonomie und Standardisierung der Ornamentik. Man kann das Tempo als das Fundament der Musik betrachten, die Orchestrierung sollte frisch, poliert und farbenmäßig gesättigt sein wie die Marmorkomponenten des Tempels, die Klangsprache darf aber weder zu viele Dissonanzen oder Klangwechsel aufweisen sodaß die musikalische Linie beeinträchtigt wird, aber auch nicht zu viele Consonanzen, damit die musikalische Fläche und Linie banal erklingen oder stagnieren. Die erhabene Ruhe und Ergriffenheit, die wir beim Betreten eines wahrhaft klassischen Gebäudes verspüren, sollte auch der gefühlsmäßige Gesamteindruck einer klassischen Musik sein.

Die Ornamentik sollte sparsam eingesetzt werden um das Gleichgewicht zu justieren wo es billig erscheint, oder um die Linie zu bereichern. Das Hauptziel muß sein, eine klare Melodie und dazugehörige Stimmführung mit regelmäßigen aber nicht zu häufigen Abwechslungen zu einem balancierten Ganzen zu vereinen. Das gilt bei kleinen Stücken genauso wie bei größeren Werken, wobei das klassische Charakteristikum bei den größeren Werken immer die abgeglichene klare Einteilung in kleineren, miteinander abgestimmten Sätzen ist. Das sind im Grunde die hauptsächlichen Charakteristika der Klassik in der Musik. Wenn man andere Ideale verfolgt, schafft man eine andere Art von Musik, die schön sein kann, aber eben etwas Anderes ist, also nicht klassisch.

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Der Komponist beim Erforschen neuer musikalischen Welten, hier in Mozarts Arbeitszimmer in Villa Bertramka, Prag, 2016.

The Cathwalk: Ist die Architektur der Antike, die Sie zum Vergleich genommen haben, auch eine Inspirationsquelle für Sie?

Am meisten inspirieren mich die Rekonstruktionen, wenn sie gut gemacht sind. Das gilt genauso für die Skulpturen. Ruinen können schön sein, aber wir haben hier jene antike Zivilisation, welche Geschichtsschreibung, Mathematik, Staatsphilosophie, Naturwissenschaft, hochavancierte Technologie – denken Sie an den Antikythera Mechanismus – und Demokratie, und tausend andere Sachen erfunden hat. Sie werden sich etwas gedacht haben bei ihrer Architektur und Kunst. Das kann man nur spüren, wenn man das ganze Ensemble so erlebt, wie es von den Architekten und Künstlern gedacht war. Wer in Athen vor der Fassade des Akademiegebäudes steht, begreift mehr von der antiken Welt als in einhundert Museumsbesuchen. Ab 1447, wo der Architekt Alberti in Rimini wieder ein christlicher Tempel nach klassischen Prinzipien errichtete, entstand im Westen Europas nur sechs Jahre vor dem Fall des oströmischen Reiches die klassische Architektur neu. Die Renaissance ist in Wirklichkeit nur der Anfang der organischen Fortsetzung der Antike. Wenn man sich die Meisterwerke der folgenden fünf Jahrhunderten anschaut, von der Petrusbasilika in Rom bis Schinkel und Klenze bei Ihnen in Deutschland, oder mein doppelter Landsmann Theophilos von Hansen in Wien, dann kann man sich vorstellen, was für ein riesiges Potential die klassische musikalische Tradition noch hat. Ich glaube es gibt noch rund 1145 gute Jahre, bis man mit dem klassischen Kanon in der Musik fertig ist. Für mich sind Palestrina, Bach, Händel, Mozart, Beethoven in der Musik das, was Theodoros, Chersiphron, Metagenes, Kallikrates und Kallimachos in der Architektur waren. An diejenigen die meinen, die klassische Tradition sei schon nach Beethoven erschöpft und nicht mehr relevant für junge Komponisten heute, kann ich nur sagen: Das hätte man dem Kallimachos und seinen Nachfolgern doch sagen sollen im 5. Jahrhundert! Dann hätten wir heute weder Dionysostheater noch Triumphbögen, noch Colosseum, noch Kelsosbibliothek, noch Pantheon. Solche Ignoranz verdient es nicht einmal, kommentiert zu werden.

Das Produkt einer gründlichen klassischen Bildung

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In Dänemark entstand 2015 das „Skive Opera Festval“, wo vor über 900 Zuschauern eine neue Fassung der Oper „Der Sonnenkreis“ uraufgeführt wurde. Hier bei einer Besprechung mit Festvalintendant und Librettist Ingo Kolonerics.

The Cathwalk: Welche Aufgabe sehen Sie in der Kunst?

Für mich hat die Kunst in erster Linie einen erzieherischen Charakter. Das war schon im alten Griechenland so: Die Musik formt den Mensch. Cicero etwa erklärt uns deutlich, welchen Stellenwert die Musik bei den Griechen hatte – „in Graecia musici floruerunt“, es blühten in Griechenland die Musiker, alle studierten Musik, und wer die Kunst der Musik nicht verstand und achtete, wurde in der Öffentlichkeit als ein grober und ungebildeter Mensch angesehen. – Für mich ist der Beitrag der Kunst zur Gesellschaft an dem Maßstab zu messen, welchen direkten Einfluß sie auf den Menschen hat. Nehmen wir das Theater. Es entwickelte sich von Chorgesängen im achten Jahrhundert vor Christus zu jener großen Kunstform, die dann in den großen Tragikern gipfelte. Es veranschaulicht auf der Bühne das Schicksal der Menschen und lädt ein zur Betrachtung über die Konsequenzen der menschlichen Handlungen für den Einzelnen, wie für die ihn umgebende Gesellschaft und letztlich auch für den Staat. Diese hochentwickelte Form des Theaters ist eine rein europäische Erfindung und gehört zu den höchsten Errungenschaften der Griechen. Ich hatte selbst vor einigen Monaten die Möglichkeit, die älteste erhaltene musikalische Komposition in Delphi zu betrachten, und in Athen die Bühne zu betreten, wo diese Tradition wirklich entstand.

The Cathwalk: Wie können wir in der heutigen Zeit diese hohe Errungenschaft noch spüren?

Man muß da in erster Linie an die Kirche denken. Sie wurde zum Erbträger dessen, was nun allmählich das Abendland genannt wird – ein Begriff, der heute so oft schlecht verstanden wird. Die Kirche trägt bis in unsere heutige Epoche fast sämtliche Grundelemente der westlichen Zivilisation, in erster Linie eine Tugendlehre, die schon von den griechischen und römischen Philosophen intensiv untersucht wurde. Aus der Sicht des christlichen, katholischen Menschen ist das Neue Testament die Vervollkommnung dieser Untersuchungen. Selbst der Heilige Johannes Chrysostomos, so oft er gegen die heidnischen Unterhaltungsstätten seiner Zeit wetterte, weil dort Prostituierte die Männer verführten und so die Familien auseinanderrissen, ist doch wie alle Kirchenväter das Produkt einer gründlichen klassischen Bildung. Was die katholische Kirche in Bezug auf die abendländische Bildung leistete, ist nichts weniger als die vollkommene Erhaltung der intellektuellen, lebendigen Tradition der Antike. Die Kirche hat die antike Kultur getauft.

The Cathwalk: Bleiben wir bei der Kirche. Was bewegt Sie da besonders heute?

Es gibt viele Herausforderungen, aber ich bin sehr optimistisch, und betrachte die vielen Kirchenaustritte als eine notwendige Phase, durch die wir durch müßen. Es ist zugleich eine Möglichkeit, das auszusortieren, was der Kirche schadet. Das Motu proprio Summorum Pontificum von Benedikt XVI hat in diesem Zusammenhang einen besonderen Stellenwert. In meinen Augen kann man das gar nicht hoch genug schätzen. Es hat für mich einen historischen Stellenwert. Ich glaube, daß man in zweihundert Jahren zurückblicken wird, und sagen wird: „Das War Benedikt XVI! Er hat erkannt, daß mit der Liturgiereform etwas verändert wurde, was man nicht hätte verändern sollen. Er gab uns die Messe aller Zeiten zurück.“ Am Ende wird eine stärkere Kirche dadurch zurückbleiben. Jesus sprach von zwei Geboten, die für Christen über alle anderen stehen sollten: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Vielerorts wird heute die Messe ohne Würde gefeiert, man wendet sich gegen das „Hochtrabende“, gegen das „Pompöse“. Aber wann ist Pracht jemals angebrachter, als bei der Feier der heiligen Messe? Geht es hier nicht um den Schöpfer des Universums, um den Erlöser der Menschheit? Wenn wir wirklich Gott über alles lieben, dann müßen wir die Messe mit größtmöglicher Majestät oder Würde gestalten. Mag die Gemeinde auch aus Bettlern bestehen, das Beste und das Schönste an Kunst und Musik, was sie zu schaffen vermag, muß für Gott her. Wir haben im vergangenen Jahrhundert gesehen, was passiert, wenn der Mensch sich über Gott stellt, und sich selbst versucht, zum Gott zu machen. Versuche, die Kirche „zu erneuern“, anzupassen mit Alltagssprache und Alltagskleidung und Alltagskunst und Alltagsmusik, führen zum Untergang der Kirche überall, wo man sie findet. Unser Zufluchtsort in dieser Zeit, wo rund um uns herum die Säulen der von desperat anpassenden, sich dem Zeitgeist scharenweise unterwerfenden Priestern und Bischöfen geführten Tempel zusammenstürzen, und wo die Millionen der ausgetretenen Katholiken ziellos durch Chaos tasten, ist die Messe aller Zeiten. Das hat uns Benedikt XVI gegeben, wie ein kleiner Schatz überfüllt mit unzähligen größeren Schätzen, und wir müßen all das demütig und ohne Selbstgerechtigkeit tragen, und schützen, bis die Epoche der Verwirrung vorbei ist und wieder bessere Zeiten kommen.

The Cathwalk: Wie sieht Ihr persönliches Verhältnis zur Kirche aus?

Nach meiner Konversion vor gut 10 Jahren hier in Salzburg fand ich meine Heimat innerhalb der Kirche bei St. Sebastian, wo Mozart so oft zur Messe ging und auf der Orgel spielte und wo seine Ehefrau und sein Vater begraben liegen. Was dort die Priesterbruderschaft St. Petrus leistet, ist etwas ganz Besonderes. Nirgends fand ich eine wärmere Aufnahme und einen für mich würdigeren Ausdruck dieser über tausendjährigen Tradition. – Die Kirche vereinigt ja in sich auch die wertvollen Leistungen der griechischen Kirche, die noch in der Epoche des sogenannten „dunklen Mittelalters“ in Westeuropa die großen Dichter und Denker von Hellas lebendig hielt, und zwar nicht nur durch das erste Jahrtausend, sondern auch nach der Trennung von Rom und Byzanz. Kardinal Bessarion brachte wie so viele byzantinische Geistliche seiner Zeit kurz vor dem Fall Konstantinopels ungeheure Schätze in Form von Wissen und Manuskripten nach Venedig und Rom. Was ich also höre, wenn ich sonntags in die „Alte Messe“ gehe, ist nicht nur eine für mich aus der geistlichen Perspektive höchstheilige Überlieferung, sondern auch wahrlich die lebendige Geschichte und Tradition des ganzen Kontinents Europa. Wir finden da eine ungebrochene Überlieferung in Form von Ritual, Musik und Sprache, und so ist es, als würde die Ära der Kirchenväter und der griechischen und römischen Denker jedes Mal aufs Neue lebendig zu uns sprechen. Überall begegnet man der Antike nur in Form von Ruinen oder Fragmenten im Museum. Die meisten Menschen sind sich dessen gar nicht bewußt, daß die Geistlichen in der Kirche um die Ecke beim Schreiben ihrer Predigten regelmäßig auf griechische und lateinische Originaltexte aus der Antike Rekurs nehmen, um die Bedeutung der Schriftstellen für die Christen heute zu erklären. Das gilt zumindest so gut wie überall, wo nach der alten Form des Römischen Ritus gefeiert wird, wo die griechische und lateinische Sprache auch wirklich lebt. Eine Tradition von zweitausend Jahren ist erst dann wirklich lebendig, wenn die Weisheit und Reflexionen eines Clemens oder eines Gregorios noch 1800 Jahre nach ihrer Entstehung die Menschen beeinflussen in ihrem Verständnis der Welt aus christlicher Perspektive, in unserer Epoche. Nur wer die Geschichte der katholischen Kirche begreift, kann verstehen, wie unaufgeklärt die Behauptungen sind, die heute vor allem von Jugendlichen zu leicht geglaubt werden, daß etwa die Kirche ein großes Hindernis für die Entwicklung der Wissenschaft oder Zivilisation in Europa gewesen wäre. Es ist natürlich leicht, das alles jemandem einzubilden, der in der Schule kein Wort Latein oder Griechisch gelernt hat, weil das für „nicht relevant“ gehalten wurde. Aber man braucht nicht mehr als die Oberfläche anzukratzen, bevor das ganze Konstrukt zusammenstürzt, und die Wahrheit hervorscheint. Man schaue sich beispielsweise nur die wissenschaftliche Arbeit der Architekten der Hagia Sophia Kathedrale an, zu der nichts weniger als die Überlieferung und Zusammenstellung zentraler Schriften des Archimedes zählt, dem genialsten Mathematiker und Erfinder der Antike. Eintausend Jahre später wurden sie von Galilei und Kopernikus gelesen. Galilei zitiert und erwähnt Archimedes über einhundert Mal, und Kopernikus, dessen Hauptwerk dem Papst gewidmet war, erfuhr von dem Heliozentrischen Weltbild aus griechischen Quellen. Im 9. Jahrhundert ließ der Erzbischof von Thessalonike die einzige Kopie der „Sandrechnung“ schreiben, die nicht verloren ging, ohne dieses Manuskript wüßten wir nicht, daß Aristarchos die heliozentrische Theorie dreihundert Jahre vor Christus entdeckt hatte. Da muß man auch nicht gläubig sein, um den Wert davon zu verstehen.

The Cathwalk: Welchen Platz nimmt der Glaube generell in Ihrem Leben ein?

Die katholische Religion steht vor allen anderen Dingen. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme an seiner Seele Schaden? (Markus 8,36) Man muß die Menschen lieben und so gut behandeln, wie man kann, und man muß immer ehrlich sein, auch wenn es einem schadet! Ich fragte mich immer, wie Menschen gut schlafen können, die Unwahrheiten sagen, und ich glaube, daß wenn man nicht eine strikte Ablehnung eines jeglichen Mitmachens bei Intrigen und dergleichen bewußt für sich selber einhält, daß es sich dann irgendwann rächt. Wie Jesus sagt, die Wahrheit wird uns befreien (Johannes 8,32). Als Kind hat es mich sehr geprägt, was in der Offenbarung des Johannes steht, was mit denen passieren soll, die Unwahrheiten sprechen, und das ist mir immer bewußt gewesen schon seitdem wir sonntags in Dänemark in der Kirche im Chor sangen. Bachkantaten und Mozart und Palestrina, erste Berührungen mit dem Latein, das war auch in dieser Zeit. Und ich merkte es später dann, als ich mit fünfzehn Jahren die Orgel bei den Gottesdiensten spielte, daß irgendetwas nicht stimmt in der protestantischen Kirche. Da wurde aus der Heiligen Schrift vorgelesen, aber gepredigt wurden ganz andere Dinge, als die von Jesus erwähnten. Es stellte sich dann heraus, daß man nicht in der Kirche von den unbequemen Stellen sprach, weil dann die Menschen alle fernblieben vom Gottesdienst. Da dachte ich an das Ende des neuen Testaments, wo geschrieben steht, was passiert wenn wir etwas entfernen oder dazudichten. Ich denke auch, daß die Integrität dadurch geschützt wurde historisch, persönlich nehme ich die Stelle sehr ernst, auch im weiteren Sinne. Im folgenden Jahr waren wir dann in Rom mit dem Jahrgang im Gymnasium, ich war sechzehn und wollte das Römische Reich entdecken. Plötzlich waren wir dann in der Petrusbasilika und alles war anders.

Ich sah mit einmal die ganze Welt wie mit neuen Augen. Ich dachte mir „Das konnten wir im 16. Jahrhundert bauen? Welch ein Zeugnis für die schaffende Kraft des Menschengeschlechts! Welch ein Zeugnis für das menschliche Genie, für die Fähigkeiten, die Gott den Menschen gab. Was ist das für ein Glauben, der Menschen dazu treibt, wegen eines gekreuzigten Juden einen solchen Tempel zu errichten? Wenn das erste große Gebot jemals in Kunst ausgedrückt wurde, dann hier.“ Oft höre ich die Menschen sagen, es zeige doch alles die Dekadenz und Verschwendung der katholischen Kirche. Aber kein Mensch wohnt ja dort, jeder Stein und jede goldene Verzierung dient einzig der Verherrlichung Gottes, des Allschöpfers. Dort wirft sich selbst der Papst vor dem Altar zu Boden, jedes Jahr am Karfreitag. Und um mich herum waren Menschen aus aller Welt, und sie knieten nieder und schauten mit Hoffnung auf das Kreuz, sie hatten ihre Kinder mit Lähmungen neben sich, und es war wie eine Festung, wo nichts Böses zu ihnen durchdringen konnte. Ich stand lange vor der Pietà des Michelangelo. Ein unaussprechliches Meisterwerk! Mir lief im Kopf vor dem inneren Ohr das Crucifixus aus Mozarts Missa Longa. Er hatte es mit zwanzig Jahren geschaffen, Michelangelo war vierundzwanzig Jahre gewesen. Da war es schon passiert.

Fortsetzung folgt.

Mit Jeppe Nörgaard Jacobsen sprach Hannes Kirmse  für The Cathwalk

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