Den alten Meistern auf der Notenspur: Jeppe Nörgaard Jacobsen (2/2)

Den alten Meistern auf der Notenspur: Jeppe Nörgaard Jacobsen (2/2)

Ein Cathwalk-Interview in zwei Teilen von Hannes Kirmse

 

Im Teil 1 sprachen wir über den Klassischen Kanon der Musik, die Architektur der Antike, die Aufgabe der Kunst und Jeppe Nörgaard Jacobsens Verhältnis zur Kirche. Hier folgt nun der zweite Teil.

Tugenden und Laster

The Cathwalk: Gibt es so etwas wie eine katholische Kunst? Was macht Ihrer Auffassung nach eine katholische Kunst aus, wenn man denn von so einer sprechen kann?

Eine katholische Kunst ist eine Kunst, die in erster Linie danach strebt, so schön und edel wie nur möglich zu sein. Sie enthält keine niedrigen Elemente, sondern versucht, den Ausdruck der gottgegebenen schöpferischen Fähigkeiten der Menschen würdig wiederzugeben. Die weltliche Kunst, um jetzt irgendwo anzusetzen, muß da die christlichen Tugenden veranschaulichen, sei es nun auch in Bildhauerei, Malerei, der Poesie oder dem Theater. Oft veranschaulicht man am wirkungsvollsten eine Tugend durch die Darstellung des korrespondierenden Lasters. Dies geht natürlich nicht in der Bildhauerei, denn dann müßte man ja eine unschöne Skulptur erschaffen, aber sehr wohl etwa in Poesie und Theater, wo wir das sehr oft sehen. Denn was ist die Ilias anderes als eine Darstellung der Konsequenzen des Zornes von Achilleus und Agamemnon, der Entführung der Frau des Menelaos, usw.? Das Ilias-Epos gibt die Tugenden der griechischen Gesellschaft zu Zeiten Homers im achten Jahrhundert vor Christus wieder. – Wenn also heute eine klassische Kunst geschaffen wird, muß sie, um als katholisch zu gelten, die christlichen Tugenden aufgreifen.

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Jeppe Nörgaard Jacobsen vor dem Mozartdenkmal mit dem Salzburger Dichter Maximilian von Kurz zum Thurn und Goldenstein bei einem Fernsehdreh und Aufführung eines neuen Streichquartetts 2015.

The Cathwalk: Welcher Zusammenhang besteht nun zwischen Ihrem eigenen Schaffen und dem katholischen Glauben?

Im höheren Sinne gesprochen: Ich habe mein Leben dem aufrichtigen Versuch gewidmet, einer Weiterführung der klassischen Kunst das Fundament zu legen. In den letzten zehn Jahren habe ich jede wache Stunde meines Lebens in diese langfristige Arbeit investiert. Ob ich damit erfolgreich sein werde, mögen dann andere beurteilen. Auf jeden Fall habe ich mein Bestes gegeben und alles eingesetzt und mehr kann man von einem Menschen wohl nicht verlangen. Viele haben unendliche Mühe geopfert, um dann letztlich nicht erfolgreich gewesen zu sein. Das kann bei uns allen zutreffen. Darum sollten wir uns fragen, ob die Sache, für die wir uns einsetzen, auch die Mühe wert ist. Die gründliche Gewissensprüfung, die darauf abzielt, seine gottgeschenkten Talente bestmöglich zu verwirklichen, ist da die Grundlage. Ist meine Arbeit nun die Mühe wert? Da denke ich, die Zukunft wird es zeigen.

Ich glaube, daß die klassische Tradition noch ein unendliches Potential hat…

The Cathwalk: Wie haben Sie Ihr eigenes künstlerisches Potential entdeckt und wie entwickeln sie es fort?

Bei mir war es umgekehrt: 10-jährig habe ich die klassische Musik entdeckt und war augenblicklich ergriffen. Vor allem waren da die Werke der großen Klassiker – in erster Linie Mozart. Da war es, als ob die Stimme Gottes zu mir sprach und ich weiß: Papst Benedikt XVI. und viele andere müßen als Kind das gleiche Erlebnis gehabt haben. Plötzlich aber hatte ich nach ein paar Jahren die gesamte klassische Produktion der größten Komponisten durchgearbeitet und mußte mir sagen: „Das kann doch wirklich nicht alles gewesen sein!“ Da mußte es mehr geben, aber es gab nichts. Ich hatte mich also auf die Suche nach Komponisten unserer jetzigen Epoche begeben, die die große klassische Tradition fortführten. Ich wurde maßlos enttäuscht. Abgesehen von den Werken der bedeutendsten Filmkomponisten, welche ich sehr achte, fand ich in der „Kunstmusik“ nicht ansatzweise etwas Vergleichbares. Die Musik eines Arvo Pärt hat sehr schöne Momente, dennoch muß sie doch als sehr blaß dastehen verglichen mit einer Symphonie eines Mozarts oder eines Beethovens. Ich glaube, daß die klassische Tradition noch ein unendliches Potential hat und so habe ich mich einfach auf den Weg begeben in der Hoffnung, irgendwie noch etwas beitragen zu können, ohne genau zu wissen, wohin dieser Weg mich führen würde. Ich wollte nicht partout als Komponist berühmt werden und will es auch weiterhin nicht. Viel mehr hoffe ich, mit meinem Opernfestival in Dänemark junge Talente zu entdecken, die auch die schöne Tradition der Klassiker in ihrem Schaffen fortführen wollen. Wenn dann einer etwa schöner musiziert, als ich es kann, wäre es für mich die größte Freude. Ich sehe die ganze Angelegenheit als eine Pflichtsache an, wo wir nicht uns selbst, sondern der Kunst dienen sollen. In diesem Sinne steht auch meine Arbeit mit zwei Herren aus Athen, eine neue klassisch illustrierte Edition der Ilias auf Altgriechisch mit Übersetzungen in fünf Sprachen zu schaffen. Der erste Teil ist bereits fertig und geht jetzt in den Druck.1

Die Kunst als eine höhere Sache

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Konzeptseite mit Illustration von Nikolaos Chantzes, aus dem ersten Band des Jacobsen‘schen Ilias, 2016.

The Cathwalk: Welchen Ratschlag würden Sie jungen Künstlern heute geben?

Vorrangig möchte ich einmal der Gesellschaft einen Ratschlag geben: Vielleicht sollte man in Österreich und Deutschland wieder etwas mehr Achtung für junge klassische Dichter und Musiker aufbringen, statt sie auszulachen und Gelder lieber für experimentelle Aktionskunst zu verschwenden. Denn von solcher Kunst bleibt nichts, aber die Poesie eines Homer oder eines Schiller wird auch noch in tausend Jahren Bestand haben. Davon bin ich überzeugt.

Zu den jungen Künstlern an sich: Erstens würde ich alle Menschen dazu aufrufen, sich ein grundlegendes Verständnis für die klassische, auch antike Kunst anzueignen, denn dieses gibt einer jeden Seele eine Tiefe und eine direkte Berührung mit dem Edelsten und Besten, das die Menschheit hervorzubringen imstande ist. Darüber hinaus möchte ich jedem jungen Menschen ans Herz legen, sich nicht selbst immer in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Kunst als eine höhere Sache zu betrachten, zu der wir nach bestem Vermögen beitragen können und der wir eher dienen sollen. Die Kunst soll nie dem eigenen Geltungsdrang oder der eigenen Ruhmsucht dienen, sondern der junge Künstler sollte seine eigenen Fähigkeiten einsetzen, wo er nur kann – um der höheren Sache willen. Wenn das Endergebnis schön ist, hat schließlich jeder, der dazu etwas beigetragen hat, auch Anteil an der Ehre des Ganzen. Auch der, der nur als Statist arbeitet oder der, der nur im Hintergrund dabei war, verdient Anerkennung, sofern er selbstlos und mit der Liebe zur Kunst das seinige beigetragen hat. Dessen sollten sich junge Künstler bewußt sein.

The Cathwalk: Wie arbeiten Sie persönlich? Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich stehe um sechs Uhr in der Frühe auf und fange an zu arbeiten und wenn ich müde bin, gehe ich schlafen. Immersion, das Eintauchen in den Arbeitsrhytmus ist für mich da die Hauptdevise und ich glaube, daß diese Vorstellung, man müße viel Freizeit oder ein regelmäßiges Divertissement haben von Menschen kommt, die eine Sache berufsmäßig ausführen, ohne wirklich selbst daran zu glauben. Aber ohne ein Pflichtbewußtsein kann ich mir nicht vorstellen, wie man sich glücklich fühlen kann – also, wenn man den Wert seiner täglichen Anstrengungen nicht in einem größeren Zusammenhang, in einer höheren Ordnung sehen kann.

The Cathwalk: Was sind die Hauptziele Ihres Schaffens?

Wir haben jetzt in Dänemark 2015 ein Opernfestival ins Leben gerufen, wo meine Oper „Der Sonnenkreis“ in einer neuen Fassung aufgeführt wurde. Es gab zahlreiche neukomponierte Stücke und Verbesserungen. Das Festspielhaus in der dänischen Stadt Skive wurde erst vor zehn Jahren gebaut und faßt über eintausend Personen. Dort gibt es ein enormes Potential, wirklichen einen Anlaufspunkt und einen sicheren Hafen für eine neue klassische Kunst zu schaffen. Wissen Sie, ich arbeite nun seit über zehn Jahre daran, ein solches Großprojekt zu verwirklichen. Aber in einer Zeit, wo es keine kunsttragende Gesellschaftsschicht wie zu Haydns Zeiten mehr gibt, die sich der Förderung einer klassischen Kunst verpflichtet sah, ist das eine fast unmögliche Aufgabe. Der Mensch will heute mit dem Geist seiner Epoche gehen und vor alle anderen Dinge sein persönliches Vergnügen setzen. Er ist eben nicht willig, irgendwelche Opfer für ein derartiges Projekt zu erbringen. Das heißt, daß die Kunst in der Gesellschaft heute eine immer geringere Priorität bekommt, es sei denn, mit ihr ist ein über die Maße hoher finanzieller Gewinn zu erwirtschaften. Meine Motivation aber bleibt wie Aristoteles sagt: „Der Zweck des Staates ist nicht das bloße und gute Zusammenleben, sondern gute und schöne Handlungen.“ Im heutigen Staate ist es unklar, wer denn genau für diese schönen Handlungen verantwortlich ist.

Der bloße Wille einiger weniger Künstler

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Der große Konzertsaal des Kulturzentrums in Skive, 2015. Auf der Bühne dirigiert Waku Nakazawa die Partitur der neukomponierten Ouvertüre zum zweiten Akt der Oper „Der Sonnenkreis“. Der Komponist lernte mit besonderer Dankbarkeit und Bewunderung die Arbeit des japanischen Dirigenten schätzen.

The Cathwalk: Wie beurteilen Sie da den Stand der Gegenwartskunst?

Nun ja, es werden Theater mit Subventionen aus dem Staatshaushalt bedacht, aber diese Theater werden dann allzu oft zu Inszenierungsplätzen für Regisseure und Intendanten, die hauptsächlich sich selbst inszenieren und nicht der Kunst dienen wollen. Das Problem kann gelöst werden, wenn man diesen korrumpierten öffentlichen Einrichtungen private Initiativen gegenüberstellt. Jemand wie ich ist dann also in der unmöglichen Situation, Künstler, Autor, Organisator, Publizist und „Fundraiser“ in einem sein zu müßen. Es ist klar, daß da das ein oder andere darunter zu leiden hat, wenn man alles gleichzeitig zu sein hat. Manchmal sind die privaten Verhältnisse dadurch ein Chaos, Projekte müßen auf Eis gelegt werden, bis andere Sachen geklärt sind. Es hängt alles zusammen, aber ein Projekt wie beispielsweise die neue Ilias-Edition beweist, daß mit viel Durchhaltevermögen ein anständiges Ergebnis geschaffen werden kann, auch wenn man zwischendurch am liebsten aufgeben würde. Wenn also ständig Menschen vielleicht mit aufrichtiger Begeisterung und mit wohlwollenden Versprechen sich engagieren wollen, dann aber, nicht liefern auf ihre Versprechen, weil ihnen die Sache dann doch nicht so wichtig erscheint, dann kann man sich vorstellen, wie das eine solche Arbeit erschweren kann. Dennoch habe ich selbst aber immer weitergemacht und dann etwa zu sehen, wie diese Bemühungen 2015 in Dänemark fruchteten, war für mich eine ganz besondere Freude. Wir haben damit bewiesen, daß es doch geht, ein solches Festival aus der Erde zu stampfen. Dafür ist hauptsächlich der bloße Wille einiger weniger Künstler, die völlig mittellos angefangen haben, verantwortlich. Ein weiteres Beispiel dafür ist auch das Opernfestival „Oper im Berg“ hier in Salzburg.2

Die ganze elektrisch aufgeladene Atmosphäre

The Cathwalk: Worum geht es bei „Oper im Berg“ genau?

Dieses Festival hat sich von einer Idee, einmalig das Lebenswerk des großen und sehr beliebten Tenors Luciano Pavarotti zu ehren, zu etwas viel Weiterreichendem entwickelt, nämlich nicht nur zu einem hochwertigen Opernfestival, sondern auch zu einer Schulungsstätte für junge Talente aus der ganzen Welt. Herr Ingo Kolonerics aus Salzburg hat da etwas sehr Wertvolles geschaffen. Er hat de facto eine Akademie für junge Gesangsstimmen gegründet, in der oft gänzlich mittellose Künstler die Möglichkeit erhalten, ihre extraordinären Talente, ihr künstlerisches Potential tatsächlich zu verwirklichen. Da hat immer nur die Fähigkeit eines Einzelnen die Rolle gespielt und darauf kommt es schließlich in der Kunst auch an. Denn was nützt es, wenn jemand hübsch aussieht und gut schauspielern kann, wenn am Ende das Ergebnis auf der Bühne den besten Intentionen der Komponisten und Autoren nicht entspricht? Die Stimmqualität ist das Alpha und Omega in der Oper und in aller gesungenen Musik. Damit steht und fällt die ganze elektrisch aufgeladene Atmosphäre, die bei wirklich hochwertigen musikalischen Aufführungen im Saal entstehen sollte.

The Cathwalk: Was sind Ihre damit verbundenen weiteren Pläne?

Das Ziel ist es, diese Arbeit in den kommenden Jahren in Dänemark, Deutschland und Österreich fortzusetzen. Es wird dabei zur Entstehung zehn neuer Opern und Oratorien kommen. Ich habe eine kolossale Sammlung an vollgeschriebenen Notenbögen im letzten Jahrzehnt angehäuft mit Musik für Opern, deren Textbücher nie fertig wurden. Gerade das Volk der „Dichter und Denker“ scheint da nicht mehr sehr viele Dichter und vielleicht auch nicht so viele Denker hervorzubringen. Für mich als Skandinavier, der achtzehnjährig nach Salzburg gekommen ist, um genau diese Tradition des Dichtens und Denkens ausfindig zu machen, ist es nicht ganz klar, wohin diese verschwunden ist. Cicero erklärt uns sehr richtig, daß Ehre die Künste nährt, und alle durch Ruhm zu Anstrengungen angespornt werden. Das hingegen liegt immer brach, was von den Nationen nicht gebilligt wird. Demnach entsteht in unserer Epoche kaum hochwertige Kunst, weil Dilettanterie gebilligt wird. Streben nach dem Edlen wird in unserer Epoche als hochtrabend angesehen, und Kunst degradiert folglich zu etwas, das unedel und ruhmlos ist, und in erster Linie unterhalten oder schockieren muß. Das Edle wird durch den Dreck gezogen, das Streben wird ausgelacht. Die gesamte westliche Zivilisation beruht aber auf solchem Streben, anfangend mit der Ilias. Für mich ist Deutschland ohne Dichter nicht der Rede wert. Wenn es also noch irgendwo einen Dichter gibt, der eine klassische Oper tatsächlich vollenden kann, und zu einer neubelebten klassischen Tradition mit Poesie beitragen kann, dann würden wir uns natürlich sehr freuen, wenn er sich bei uns melden würde. Bis dahin machen wir weiter, wie bisher.

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Jeppe Nörgaard Jacobsen in Delphi am Fuße des Parnassos, in Verbindung mit seinem Ilias-Projekt, 2016.

The Cathwalk: Herr Jacobsen, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und wünsche Ihnen für die Suche und darüber hinaus viel Erfolg und Gottes Segen!

Mit Jeppe Nörgaard Jacobsen sprach Hannes Kirmse  für The Cathwalk 

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