Die Moderne als Epoche geht mit neuen Ideen und Interpretationen an die Welt heran, bisher Geltendes wird dabei in Frage gestellt. Im ersten Teil ging es um die Problematisierung, hier geht es nun darum, wie moderne Religion, das heißt Religion, die die Moderne idealistisch akzeptiert, aussieht und welche Veränderungen und Spannungen damit verbunden sind.

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von Josef Jung

Die Trennung von Staat und Religion

Während die vormoderne Zeit – ideengeschichtlich verstanden als Zeit vor der Aufklärung, politisch als Zeit vor der Französischen Revolution – den Menschen in das System einer kosmisch-gottgewollten Ordnung eingebettet sah, deren politische Umsetzung auf der gottgefälligen Koalition von Thron und Altar bestand, ändert sich mit der Moderne der Ordnungsgedanke grundlegend. Politische Ordnung und Moral werden nicht mehr von Gott hergeleitet, sondern – je nachdem, welcher Schule der Aufklärung man folgt – von widerspruchsfreier Vernunft, Bedürfnissen, Nutzen oder dem Gemeinwillen.

Die Trennung von Staat und Kirche heißt aber auch: Die Politik braucht Gott nicht. Dieses „Nichtbrauchen“ ist ein Kernmerkmal der Moderne gegenüber der Religion. Während in der Vormoderne Gott als Allherrscher über alle Bereiche des Lebens, seien sie politisch oder privat, gesehen wurde, ist es nun eine Frage der persönlichen Anschauung und Meinung geworden. Die Skeptiker der Religionsfreiheit sehen nun diese als Entmachtung Gottes an, als Ungehorsam Gott gegenüber, während die Verteidiger der Religionsfreiheit diese als legitime Trennung zweier Reiche bzw. Bereiche sehen: Politik sei weltlich-säkular und habe damit nichts mit Religion zu tun. Gebetet werde in der Kirche bzw. der Moschee, Politik finde im Parlament statt.

Selbstbestimmung und Religion

Für die Ausübung der Religion sind vor allem die modernen Ideen über die Lebensführung des Menschen wirksam. Als Schlagworte dienen hier: „Selbstbestimmung“, „Selbstermächtigung“, „Souveränität“ und „Autonomie“. Dass man Gott und die Wahrheit erkennen könnte, wird stark bezweifelt, sodass der Blick immer mehr auf den konkreten Menschen und seine Bedürfnisse rückt, als etwas, das man fassen und empirisch messen kann im Gegensatz zu Gottesaussagen, die als Ansichtssache deklariert werden. Pilatus Frage: „Quid est veritas?“ – was ist Wahrheit – kann die Moderne nicht beantworten. Da in ihr auch keine praktische Relevanz und allenfalls Spekulation gesehen wird, sieht sie sie als überflüssig an. Gleichzeitig sagt aber die Behauptung, die Wahrheit zu kennen, wie es in traditionellen Religionsformen üblich ist, nicht aus, dass diese Behauptung auch stimmt. Angesichts der Komplexität des Lebens sehen viele die Behauptung, dass man Gott bzw. die Wahrheit erkennen könne, als Anmaßung an und bevorzugen stattdessen Konzepte wie das der „conditio humana“. Es wendet sich damit der Blickwinkel. Ausgangspunkt ist nun nicht ein angenommener Wille Gottes, sondern der Mensch, seine Bedürfnisse, Situation und Bedingungen.

Religion hat ihre moderne Bedeutung nicht in der „Herrschaft“ über das Individuum, das ja „selbstbestimmt“ sein will. Es geht nicht mehr um „Unterwerfung“ unter die Religion in ihren praktischen Ausführungen, wie man es noch in traditionellen Texten lesen kann, sondern um die Frage, welche Motivationsquellen Religion wachrufen kann. Religion in der Moderne ist mitunter vergleichbar mit Koffein: es geht um den belebenden Effekt.

Der Traditionsbruch und die moderne Religion

Moderne Religion ist in vielen Bereichen ein radikaler Bruch mit der Tradition. Dieser Bruch wird von der einen Seite gefeiert und von der anderen bejammert. Entscheidend bei diesem Bruch ist die Frage nach Souveränität und Abhängigkeit. In der traditionellen Sichtweise stand der Mensch in Abhängigkeit von Offenbarung und Tradition, in der Moderne ist der Mensch mit seiner Vernunft und seinen Bedürfnissen der Souverän, der bestimmt, wie Religion sein soll und sein darf. Es hat eine starke Ermächtigung des menschlichen Willens stattgefunden.

Wie moderne Religion stattfindet

Wenn man zwei Begriffe als zur Religion gehörig betrachtet, nämlich „Gott“ und „Glaube“ und fragt, wie diese von Menschen, die sich – vom ideellen Standpunkt aus gesehen – als modern bezeichen, gebraucht werden,  so wird man an den oben genannten Phänomenen kaum vorbeikommen: Motivation und Selbstbestimmung. Diese beiden Elemente lassen auch verstehen, wieso in Predigt und Religionsunterricht das betont wird, was ermutigt, bestärkt und gefällt.

Skeptiker der modernen Religion

Der modernen Religion wird sowohl von Atheisten, wie denen der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS), als auch von traditionellen Gruppen der Vorwurf gemacht, sie sei unecht, verfäscht und stehe im Widerspruch zu dem, was sie eigentlich sei. Dem entgegnen Vertreter der modernen Religion, dass dieser Vorwurf ungerecht sei, da die Skeptiker nur fundamentalistische Formen als authentisch ansehen würden. Wo man sich auch immer selbst positioniert, es wird eine Spannung zwischen Tradition und Moderne deutlich, die sich am augenscheinlichsten in dem Schlagwort „Selbstbestimmung“ entlädt. Während traditionelle Ansätze von einer erkennbaren objektiven Wahrheit ausgehen, der man sich gehorsam unterzuordnen habe, sehen moderne Ansätze diese konkreten Erkennbarkeit nicht und setzen stattdessen auf Autonomie und Selbstbestimmung.

Fortsetzung morgen.

Der Artikel erschien zuerst auf hinsehen.net.

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