Alles Walzer! Wien zur Ballsaison

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Eine Kolumne von John Galt

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Wenn am 23. Feber auch in diesem Jahr in den Räumlichkeiten der Wiener Staatsoper der Opernball stattfindet, ist die Wiener Ballsaison eigentlich schon fast vorbei. Diese bezieht sich nämlich mitnichten nur auf das Schaulaufen der A- bis Z-Prominenz im ersten Haus am Ring, wie man die Staatsoper auch gerne nennt. Vielmehr verbirgt sich dahinter die Wiener Variante der Fastnacht, gewissermaßen das Pendant zum Kölner, Brasilianischem und Venezianischem Karneval.

Wie denn das, mag sich der interessierte Leser fragen, von Maskierungen ist hier doch keine Spur. Wie so oft hat auch dieses in der Hauptstadt der Gegenreformation einen historischen Grund und dieser ist zufälligerweise auch noch Rheinländer. Es handelt sich um Klemens Wenzel Lothar von Metternich, geboren am 15. Mai 1773 im rheinische Koblenz, seit 1791 in österreichischen Diensten und durch seine Prägung des Wiener Kongresses, aber auch die Karlsbader Beschlüsse dann der bedeutendste Staatsmann der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert.

Auf dem Wiener Kongress wurde unter anderem auch die Zuteilung des Rheinlandes an Preußen beschlossen. Zwar bauten diese schließlich den zweiten Turm des Kölner Doms zu ende, nichtsdestotrotz waren sie auch in Köln aufgrund ihrer überzackigen Art und Weise außerordentlich unbeliebt. Diese Unbeliebtheit zeigt sich bis heute noch im so genannten „Stippeföttche“ – eine karnevalistische Karikatur auf den preußischen Militarismus: Jeweils zwei Gardisten einer kölner Karnevallsgesellschaft stützen sich – Rücken an Rücken – auf ihre Gewehre und reiben zu den Klängen des preußischen Defiliermarsches ihre Hinterteile aneinander. Die Durchführung einer solchen Persiflage war in Köln ein leichtes, da der Karneval bekanntlich mit Maskierungen einhergeht und selbst die Preußen es tolerieren mussten, daß die Tage vor dem Beginn der Fastenzeit traditionellerweise mit ausgiebigem Unfug verbunden waren und es noch immer sind.

Anders in Wien. Denn Köln war keine Residenzstadt mehr (der Kölner Erzbischof durfte bereits seit 1288 nicht mehr die Stadt betreten, nachdem er gegen die Kölner Bürger militärisch unterlag), Wien hingegen nach der Niederschlagung Napoleons das unangefochtene Zentrum Europas, Residenzstadt der Habsburger und des österreichischen Kaisers. Und eben diesem Kaiser Franz I. stand nun eben Fürst Metternich zur Seite, welcher aus den jüngst zurückliegenden Erfahrungen der französischen Revolution und Napoleons jedweder revolutionären Idee mehr als feindlich entgegenstand.

Eine Folge dessen war das Verbot jedweder Maskierung in der Öffentlichkeit; Vermummungsverbot wie wir es heute sagen würden. Aber auch jedweder andere Mummenschanz war nicht erlaubt. Dennoch wollten die Wiener als gute Katholiken den Karneval begehen und so zogen sie sich eben von der Öffentlichkeit in das innere ihrer Wohnstätten zurück. Beim „einfachen Volk“ entwickelte sich daraus der so genannte Faschingsgschnas, eine eher bodenständige Kostümveranstaltung. Die gute Gesellschaft hingegen zog sich in ihre Palais zurück und begann damit – passend zum Aufstieg des Wiener Walzers – Bälle zu feiern. In maskierter Variante resultierten hieraus die so genannten Redouten-Bälle: Bälle auf denen die Damen maskiert sind und bis zur mitternächtlichen stunde ausschließlich Damenwahl herrscht.

Aber auch sonst bestechen die Wiener Bälle durch ihre Festlichkeit, enden nie vor 4 Uhr morgens und haben alle einen eindeutigen Dresscode gemein: Für die Damen große Abendrobe, für die Herren Frack oder Uniform. Teilweise ist das Erscheinen im Smoking bereits erlaubt, das Tragen des Fracks jedoch ist genauso Bestandteil eines Wiener Balls wie die Eröffnung durch die Debüttanten, die Mitternachtsquadrille und das anschließende Katerfrühstück in der Früh.

Die Ballsaison beginnt in Wien zwar traditionell am 11.11. indem gemeinschaftlich um 11.11 Uhr Walzer auf dem Stephansplatz tanzt und endet mit dem Aschermittwoch. Dennoch ist die Wiener Ballkultur mit ihren über 400 Bällen in den verschiedensten Räumlichkeiten der Stadt so weit verbreitet, daß mittlerweile bereits im Sommer Bälle wie die Fête Imperiale in der spanischen Hofreitschule zelebriert werden.

Und so tanzt man bis heute in Wien kein Stippeföttche sondern Walzer zu großem Streicherorchester. Und das so lange, wie sich das Riesenrad ebenfalls noch dreht, was bekanntlich ewig der Fall sein wird.

Wer ist John Galt?

John Galt heisst natürlich nicht wirklich John Galt. Er greift mit diesem Synonym auf das Buch „Atlas Shrugged“ von Ayn Rand zurück. Von Wien – der Hauptstadt der Gegenreformation – aus, behandelt er Fragen im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und Religion, aber auch von Ästhetik, Kunst und Kultur oder einfach nur einem katholischen Alltag zwischen Messe, Punsch und Schnitzel.

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