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Die Zukunft der christlichen Kunst

Eine Gegenüberstellung von Philosophie und Politik (2/2)

Die Anwendung der Analyse Del Noces zur Erklärung der nach seinem Tod im Jahre 1989 eingetretenen und nach wie vor aktuellen geschichtlichen Ereignisse lässt uns begreifen, dass „diese Substanz zuletzt im Marxismus materialisierte, dessen historische Verwirklichung zu seinem Gegenteil – die Wohlstandsgesellschaft – geführt hat, die nicht auf dem Weg der Revolution überwunden werden kann, sondern auf jenem der Wiederherstellung der Dimensionen Religion und Werteautorität“ [1].

Dieser Behauptung zufolge erscheint eine Wiederherstellung der religiösen und wertbezogenen Dimension als einfach und politisch durchführbar. Massimo Borghesi selbst liefert jedoch eine klarere Darlegung von Del Noces Standpunkt: „Es handelte sich um eine bewusst antitraditionalistische Behauptung, die sich gegen ‚die verschiedenen katholischen Restaurationsbewegungen des 19. Jahrhunderts richteten, deren gemeinsame Unzulänglichkeit in der Heranziehung der Politik als Ausgangspunkt bestand. Von der politischen Restauration zur Religion findet sich kein Übergang und die Unmöglichkeit eines Überganges zu Letzterer führt zum Scheitern Ersterer‘“ [2].

Meines Erachtens besteht darin der wahre Kern der religiösen Frage und folglich der künstlerischen. Tatsächlich stellt die politische Dimension einer vollkommenen Eroberung in der revolutionären Untergrabung der Werte keinen religiösen Widerstand entgegen; wenn diese erfolgte, war die moralische Erhaltung der Verhaltensweisen nicht erfolgreich. Erreicht wurde lediglich ein trivialer konventioneller und nicht überzeugend etikettierter Beitritt. Der totalitäre Atheismus manifestiert sich in all seinen möglichen politischen Formen und begegnet in alternativen politischen Positionen keinen Hindernissen, da „sich die Alternative gleichsam als das doppelte Gesicht der Moderne darstellt: das rationalistisch-totalitaristische und das liberal-religiöse“. Atheismus und Totalitarismus bilden eine untrennbare Einheit […]. Daraus ergibt sich der heutige Zusammenhang zwischen der religiösen und der liberalen Wiedererstarkung“ [3]. Gewissermaßen zeigt die zu Beginn dieser Überlegungen thematisierte Interpretation Todorovs, dass die „liberale Wiedererstarkung“ selbst zur Trägerin der vom Marxismus erarbeiteten Elemente geworden ist, sodass sie Gefahr läuft, die Demokratie in eine ‚Diktatur des Relativismus‘ zu verwandeln, wie Benedikt XVI. betonte.

Borghesi legt anschließend dar, dass „die religiöse Position die Demokratie nicht zu einer Evangelisierung führt – dabei handelt es sich um den Fundamentalismus der Moderne – sondern zu ihrer Öffnung für die authentische Liberalität. Dennoch lässt sich diese Gegenwart des Religiösen nicht ableiten. Die Philosophie vermag es lediglich, ihre mögliche Rückkehr in jenem Augenblick festzustellen, in dem sich die Ära der Revolution als prometheische Zeit des Städtebaus der Atheisten dem Ende zuneigt“ [4].

Folglich ist es – auch in Zusammenhang mit der Kunst –nötig, nicht dem Irrglauben des „modernistischen Fundamentalismus“ zu verfallen, der der Religion liberal ein kleines Plätzchen zuerkennt, sie jedoch überwinden und nach Möglichkeit letztendlich vernichten will. Wenn die Dimension der Kunst nicht unter Verwendung von nicht durch den liberalen Modernismus kontrollierten Teilen und Bestandteilen vom Schreibtisch aus konstruiert werden kann und Formen annimmt, die nicht durch die Entwicklung des Systems der christlichen Kunst, sondern aufgrund dessen Vernichtung entstehen, wird de facto eine „politische“ Operation begangen. Wie Augusto Del Noce warnend äußerte, wird Letztere lediglich die gleichen Ergebnisse wie der Traditionalismus des 19. Jahrhunderts hervorbringen.

Die Lösung liegt in der von dem Wirken des Heiligen Geistes begründeten charismatischen Wiedergeburt des Glaubens in der Bevölkerung, die fähig ist, dann eine politische und folglich systemische Dimension der Kunst zu erzeugen. Uns kommt die alleinige Aufgabe einer Kontrolle, Überwachung und Untersuchung dieser Bewegungen zu; in der Erwartung auf ein Wiederaufleben der Kunst von unten, d.h., ausgehend von einer religiösen Wiedergeburt. Die Aufgabe der christlichen Gemeinde in dieser Übergangszeit besteht in der Annahme und Pflege der da und dort von selbst aufkommenden zahlreichen kleinen Pflanzen und diese nach Möglichkeit durch vom Glauben und nicht vom „politischen“ Projekt erleuchteten Auftraggeber zur Reife zu bringen. So wird die Kunst mehr vom Glauben genährt als von den dem Glauben folgenden Formen. Zu einer Wiedergeburt der christlichen Kunst  führt nicht die fundamentalistische Option der Heranziehung atheistischer Künstler und deren modischer Formen. Nicht die Wahl umsichtiger modischer Künstler im Rahmen strategischer konstruierter und widernatürlicher Pläne führt zur Wiedergeburt der christlichen und daraus der sakralen Kunst. Diesbezüglich betont Papst Franziskus stets: „Es gibt einen dem Weg Christi entgegengesetzten Weg: die Weltlichkeit. Diese weist uns den Weg der Eitelkeit, des Stolzes, des Erfolges… Sie ist der andere Weg. Der Widersacher zeigte diesen Weg auch Jesus während seines 40-tägigen Aufenthaltes in der Wüste. Jesus hat ihn jedoch ohne Zögern zurückgewiesen. Allein mit seiner Gnade und seiner Hilfe können auch wir diese Versuchung zur Eitelkeit der Weltlichkeit überwinden; nicht nur bei den großen Gelegenheiten, sondern in den allgemeinen Umständen des Lebens“ [5].

Um wieder aufzuleben muss die Kunst demütig und geduldig sein, alles für die Liebe Christi ertragen. Je mehr sie gedemütigt und beschnitten wird, umso mehr wunderbare Blumen und Früchte wird sie tragen, wenn der Bau der neuen Stadt Gottes wieder aufgenommen wird und wir die Trümmer der Stadt der Atheisten hinter uns gelassen haben. Alles wird aus dem Glauben wieder emporsteigen.

FUSSNOTEN

[1] Augusto Del Noce, Appunti per una filosofia dei giovani, Vita e Pensiero, Milano  1968, S. 36.[2] Massimo Borghesi, Augusto Del Noce, Zitat; S. 343.[3] Ebd. S. 347.[4] Ebd.[5] Papst Franziskus, Predigt zum Palmsonntag und zur Passion des Herrn, 29. März 2015.

Rodolfo Papa ist Dozent für Geschichte der Ästhetik an der päpstlichen Universität Urbaniana, Künstler und päpstlicher akademischer Ordinarius. Er zählte zu den Experten der 13. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode. Website:www.rodolfopapa.it Blog:http://rodolfopapa.blogspot.com e.mail: rodolfo_papa@infinito.it

Quelle: Rhodolfo Papa: Dieser Artikel erschien auf dem Nachrichtenportal  Zenit.org und darf hier weiterverbreitet werden. The Cathwalk empfiehlt seinen Lesern das Abonnieren des zenit.org-Newsletters.

Siehe auch Teil 1:

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