Der Ort hinter dem sichtbaren Raum

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Giotto und Beato Angelico stellen das Mysterium der Himmelfahrt dar

Ascensione Angelico

Giotto wurde mit der Gestaltung der Fresken in der am Ort eines ehemaligen römischen Amphitheaters neu erbauten Kapelle beauftragt. Diese wurde von der Familie Scrovegni um das Jahr 1300 mit dem Ziel erworben, einen (heute nicht mehr erhaltenen) Familienpalast und die Palastkapelle zu errichten.

Die Malarbeiten Giottos wurden schätzungsweise zwischen 1303 und 1304 auf den direkten Auftrag von Enrico Scrovegni hin ausgeführt. Dabei handelt es sich um den Sohn des im 17. Gesang von Dantes „Inferno“ als Wucherer charakterisierten Reginaldo.

Dantes Beschreibung Reginaldos als Wucherer lässt einerseits Rückschlüsse auf die beträchtliche Bekanntheit des von diesem Mann angehäuften Reichtums zu und andererseits die wahrscheinlich nicht allzu große Beliebtheit der Familie Scrovegni erahnen, von der der Sohn Enrico vermutlich mit der Errichtung dieser Kapelle eine Loslösung beabsichtigte. Nach der zur Gänze durch Giotto durchgeführten Freskenbemalung des Bauwerks und den Empfang des Ablasses durch Papst Benedikt XI. am 1. März 1304 wurde die Kapelle den Bürgern zugänglich gemacht.

Die malerischen Ausführungen auf den Wänden erstrecken sich über vier übereinander gelagerte Bereiche. Sie sind gekennzeichnet durch den Einsatz eines komplexen und zugleich strengen ikonografischen Konzeptes, dessen Mittelpunkt von der „Legenda Aurea“ des Dominikaners Jacobus de Voragine inspirierte Subjekte bilden: Im ersten Bereich oben ist die Geschichte von Joachim und Anna und die Geschichte Mariens dargestellt; in den zentral gelegenen zweiten und dritten Bereichen die Geschichten Jesu; im unteren die von Spiegelungen aus echt gemaltem Marmor unterbrochenen allegorischen Darstellungen der Laster und Tugenden, während sich auf der Gegenfassade die Szene des Jüngsten Gerichts befindet.

Im Folgenden wird der vorletzte Teil des dritten Bildes von oben beginnend betrachtet. Beim Eintritt in die Kapelle erblickt der Betrachter links die Szene der Himmelfahrt Jesu. Zum Verständnis dieses Bildes verhilft uns der wertvolle, seiner Ausführung zugrundeliegende Text des Jakobus de Voragine.

ascensione Giotto

Im 72. Kapitel der „Legenda Aurea“ des Jacobus de Voragine sind folgende Worte festgehalten: „Die Himmelfahrt des Herrn ereignete sich vierzig Tage nach seiner Auferstehung. In Zusammenhang mit der Himmelfahrt sind der Reihe nach die folgenden sieben Überlegungen anzustellen: 1) Von wo aus stieg er in den Himmel auf? 2) Warum liegen so viele Tage zwischen seiner Auferstehung und der Auffahrt in den Himmel? 3) Auf welche Weise stieg er in den Himmel auf? 4) Mit wem stieg er in den Himmel auf? 5) Aus welchem Grund stieg er auf? 6) Wohin stieg  er auf? 7) Warum stieg er auf?“

Bereits am Anfang des Kapitels bietet Jacobus de Voragine dem Leser eine Reihe strukturierter Reflexionen – an dieser Stelle ist eine vollständige Analyse derselben selbstverständlich nicht möglich –, aus denen sich die Komplexität von Giottos Gemälde im Text der „Legenda Aurea“, die Aufmerksamkeit der Kultur der Kunst gegenüber sowie die Entsprechung zwischen Text und Bild erschließen, wobei Letztere derart ist, dass der Prediger daraus zweckmäßige Mittel der Redekunst und die sofortige Ansicht von Bildern für einen Leser erhält, der in die berühmte „Legenda Aurea“ eingetreten ist.

Giottos Anordnung des Freskos dieser Szene erscheint einfach, allerdings vollkommen im Einklang mit der tiefen, im literarischen Text vorgenommenen theologischen Analyse.

Im unteren Bereich sind die knienden und in zwei Gruppen geteilten Apostel gemeinsam mit Maria zu erkennen, die links etwas abseits von der Gruppe in voller Größe abgebildet ist. Ihr Gesicht strahlt und ist ebenso entzückt von der Botschaft eines Engels, der auf die Gestalt Jesu hinweist, der wie auf einer Wolke mit erhobenen Armen gleichsam aus dem Bild herauszutreten scheint.

Entgegen der Erwartungen entspricht Giottos Konstruktion der himmlischen Sphären keiner gotischen Komposition, sondern will lediglich andeuten, dass der aufsteigende Jesus auf einen außerhalb des Gemäldes liegenden Ort zustrebt. In diesem Zusammenhang lesen wir bei Jacobus de Voragine: „Mit seinem Aufstieg transzendierte Christus all diese Himmel und erreichte den übersubstanziellen Himmel. Dass er über alle materiellen Himmel hinausgelangte lässt sich aus folgender Passage des Psalmes schließen: ‚über den Himmel breitest du deine Hoheit aus‘ (Psalm 8,2)“.

Giotto bildete Jesus während seiner Himmelfahrt  zwischen zwei Reihen von Engeln zu seiner Rechten und seiner Linken ab. Diese Engel erweisen sich als sorgenvoll und in einer geordneten Bewegung befindlich; zugleich schwingen sie jedoch und dies ist erneut den Worten des Jacobus de Voragine zu entnehmen: „Er stieg mit Freude in den Himmel auf; unter dem Jubel der Engel; aus diesem Grund heißt es im Psalm: Gott ist in ihrer Mitte, darum wird sie niemals wanken; Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht“ (Psalm 46,6).

Oberhalb der beiden ersten Engelsreihen sind weitere Gestalten zu sehen: Um wen handelt es sich dabei? Jacobus de Voragine beantwortet den vierten Punkt, „Mit wem stieg er auf?“, mit den folgenden Worten: „Man erkennt, dass er mit einer großen Schar von Menschen und einer Vielzahl von Engeln in den Himmel emporstieg“.

Es bleibt jedoch die Frage, wo und aus welchem Grund er aufstieg? Der außerhalb des sichtbaren Bildes befindliche Ort ist das Zentrum des Gemäldes; der Ort der Kunst des Giotto; das Herz unseres Glaubens. An dieser Stelle seien erneut die Worte von Jacobus de Voragine zitiert: „Wie der erste Adam die Pforten der Hölle öffnete, öffnete der zweite jene des Paradieses […]. Die Himmelfahrt Christi ist das Pfand unserer Himmelfahrt; denn dort, wo das Haupt emporgestiegen ist, ist auch ein Aufstieg des Leibes zu erhoffen […]. ‚Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten‘ (Joh 14,2)“.

Die gleichen Überlegungen zum Raum begegnen uns eineinhalb Jahrhunderte später bei Beato Angelico, der 1451-1453 die Tafeln des „Armadio degli Argenti“ für die florentinische Basilika „Santissima Annunziata“ anfertigte, die heute im Kloster San Marco untergebracht sind. Auf der die Himmelfahrt zeigenden Tafel sind zwei Sätze aus dem Evangelium zu lesen, die mit dem gemalten Bild eine Beziehung eingehen und so eine ikono-theologische Betrachtung über dieses „Mysterium“ anregen. Das Bild beginnt mit zwei einleitenden Zitaten aus der Heiligen Schrift. So ist oben zu lesen: „Ascendit super celos et volavit super pennas ventorum“ (Er fuhr in den Himmel auf und flog mit den Flügeln der Winde; vgl. Ps 17,11); unten steht: „Dominus Iesus postquam locutus est assumpxus est in celum“ (Der Herr Jesus wurde in den Himmel aufgenommen, nachdem er gesprochen hat; vgl. Mk 16,19). Die zwei Schriftzüge führen von der Prophezeiung des Alten Testamentes zu deren Verwirklichung im Neuen Testament und zeigen jene Szene, in der Beato Angelico den Austritt des auferstandenen Christus aus dem Raum und aus der Zeit malerisch umsetzt (der sichtbare Ort der Menschwerdung), bevor dieser den Platz zur Rechten des Vaters einnimmt und in Ewigkeit regiert.

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Armadio degli Argenti
Rodolfo Papa ist Dozent für Geschichte der Ästhetik an der päpstlichen Universität Urbaniana, Künstler und päpstlicher akademischer Ordinarius. Er zählte zu den Experten der 13. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode.

Website: www.rodolfopapa.it  Blog: http://rodolfopapa.blogspot.com  e.mail: rodolfo_papa@infinito.it

Quelle: Rodolfo Papa. Dieser Artikel erschien auf dem Nachrichtenportal Zenit.org und darf hier weiterverbreitet werden. The Cathwalk empfiehlt seinen Lesern das Abonnieren des zenit.org-Newsletters.

 

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