Ein Kommentar von Franziska Holzfurtner

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Heute ist ein Tag, an dem viele deutsche Intellektuelle über ihren Schatten springern werden. BILD publiziert – und zwar NUR heute – die in den letzten Tagen intensiv diskutierte Dokumentation zum Thema „neuer Antisemitismus“, die von den deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern arte und WDR nicht gezeigt wurde: „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“.

Die reichlich dünne Begründung war zum einen die Einseitigkeit der Doku (im Gegensatz zu anderen ÖR-Produkten, z.B. über Kindesmissbrauch in der Kirche oder Verbrauchermagazinen zu Fastfood-Ketten), zum anderen aber auch, dass die Doku nicht liefere, was man zuerst bestellt habe – nämlich Antisemitismus in Norwegen, Großbritannien, Ungarn und Griechenland, also vermutlich Antisemitismus in der neuen Rechten, bei der Fremskrittpartei, UKIP, im Dunstkreis Viktor Orbans, im Zusammenhang mit der griechischen Sündenbock-Suche im Finanzjudentum. Guter alter Nazi-Antisemitismus, der das deutsche Seelchen beruhigt.

Stattdessen folgt der Film den Wurzeln ebendieses Antisemitismus aus dem rechtspopulistischen Milieu, sie folgt ihm bis nach Israel und von dort wieder zurück in die linke, die anti-imperialistische, die muslimische pro-palästinensische Szene Europas. Das gelieferte Ergebnis ist also tatsächlich anders, als das, was gefordert wurde. Es ist viel differenzierter, als es ursprünglich in Auftrag gegeben wurde und auch schockierender.

Für jeden Deutschen, der sich mit dem Problem des antisemitischen Antizionismus noch nie auseinandergesetzt hat, ist der Film zutiefst beunruhigend und daher sehenswert.

Für mich persönlich ist es jedenfalls relevanter als das altbekannte Treiben niederländischer Glatzen, dass auf dem evangelischen Kirchentag NGOs und Bundestagsabgeordnete fröhlich die Brunnenvergiftungslegende (aka „Israel vergiftet das Mittelmeer“) verbreiten dürfen oder dass 2014 das französische Militär im Städtchen Sarcelles gerade noch so verhindern konnte, dass eine propalästinensische Demonstration sich zum Progrom auswuchs – wenn Sie von letzterem nie gehört haben, geht es Ihnen wie mir.

Was ich hingegen sehr wohl wusste, und was vermutlich zugunsten eines in dieser Sache unbeleckten Publikums mit etwas zu viel Verve ausgewalzt wurde, ist die Korruption und die schwierige politische Situation in Palästina selbst, die aber nicht viel zu Sache tut, auch wenn dies nötig war, um die sich von der europäischen Antizionistischen Hassfront durch ihre Differenziertheit erstaunlich abhebenden Statements der interviewten Palästinenser zu verstehen.

Die Dokumentation zeigt hervorragend die Verwobenheit, die explosive Mixtur antisemitischer Ansichten verschiedenster Couleur, die sich dank des Nahostkonflikts gegenseitig befruchten und kennenlernen durften. Islamisten, Rechtsextreme und Linksextreme beispielsweise sind sich in der Frage einig, dass und wie das (selbstverständlich jüdische) amerikanische imperialistische Finanzwesen Israel künstlich am Leben erhält. In diesem Statement vereint sich linker und rechter antikapitalistisch/anti-amerikanisch motivierter Antisemitismus mit klassischen vormodernen Antisemitismus-Tropen und islamistischen Anti-Amerika- sowie Anti-Israel-Propagandastories. Wer hier wen inspiriert, was hier antisemitisch und was antizionistisch sein soll, ist unmöglich zu sagen. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse die aus der Dokumentation mitzunehmen ist.

Der Film zeigt auch, wie unglaublich dummdreist viele wohlmeinende Deutsche durch die Fettnäpfchen hoppeln, sich von Menschen aufhetzen lassen, deren Motive sie nicht einmal zu hinterfragen versuchen, in der verzweifelten Hoffnung, endlich mal auf der Seite der Armen und Gescholtenen zu stehen. Schmerzhaft wird das gerade für die christlichen Zuschauer die erkennen müssen, welche Organisationen sich an dieser Sache beteiligen, dass es am Ende gut möglich ist, dass nicht nur gewöhnliche Steuern, sondern auch Kirchensteuern und Geld aus dem Klingelbeuteln in den Taschen der Hamas landen, die wiederum die gezielte Ermordung von Juden organisiert. Weltweit.

Gerade deshalb ist es nicht der Makel – wie es das Statement von arte darstellt – sondern die große Stärke des Filmes, dass er den Nahostkonflikt einbezieht. Die Antisemiten unterscheiden nicht zwischen Juden und Israel. Oft bewusst, weil sie wissen, dass „Israelkritik“ geduldet ist und oft unbewusst, weil ihre Besessenheit mit Israel von ihrer uneingestandenen Besessenheit mit den Juden herrührt.

Wenn wir diese Strategie nicht aufgehen lassen wollen, dann dürfen wir auch keine Unterscheidung zwischen antizionistischem Antisemitismus und dem restlichen Antisemitismus aufmachen, sondern deren gegenseitige Bedingtheit offenlegen. Dies trifft auf die ganze europäische Landschaft zu, inklusive der Niederlande, Griechenlands, Ungarns und Großbritanniens. Übrigens auch manchmal auf Sendungen im Programm der Öffentlich-Rechtlichen.

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