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Tischmanieren

Rettet das Dinner

Wie unsere Kultur am gedeckten Tisch verhungert

Ein Kommentar von Franziska Holzfurtner

Festlich gedeckter Tisch | bluefeeling / pixelio.de

An meinem dreizehnten Geburtstag feierte ich eine Spieleparty, zu der alle Mädchen aus meiner Klasse eingeladen waren. Darunter – Schwabinger Gymnasium für die Anwälte- und Ärztekinder – natürlich auch mehrere Vegetarierinnen. Es gab Gyros mit Griechischem Salat und für die Vegetarierinnen eine größere Portion Salat mit viel Schafskäse und Brot. Eine der Vegetarierinnen erklärte aber, sie äße kein Gemüse. Was sie denn dann überhaupt esse? „Pommes“, kam die prompte Antwort. Und, als meine Mutter reichlich entnervt erklärte, sie habe keine Pommes, forderte das Mädchen im Tonfall größter Selbstverständlichkeit, dann solle meine Mutter doch welche bestellen.

Die unerzogenen Bälger von damals haben sich keineswegs in Höflichkeit geübt. Kindische Essgewohnheiten, bei denen jeder heut dies, morgen jenes vom Speisezettel streicht, sind mittlerweile auch unter Erwachsenen verbreitet. Für solche Gäste zu kochen und in solcher Gesellschaft zu essen, macht keinen Spaß.

In meinem Freundeskreis gibt es nicht nur eine Handvoll liberale Juden und Personen, die aufgrund von Erkrankungen auf bestimmte Lebensmittel verzichten müssen – auf beides nehme ich selbstredend gerne Rücksicht – sondern auch noch jede Menge Leute, die einfach nur mäkelig sind.

Diese Bekannten essen keinen Fisch und/oder keine Innereien, keine Meeresfrüchte, keine Pilze, keine Tomaten, keine Desserts mit „knusprigen Anteilen“, kein Gluten, kein rotes Fleisch, keine Hülsenfrüchte, fettarm, kein Gemüse, keine Nüsse, kein Pökelsalz, keine Nudeln, keine Milchprodukte, keine Schokolade, keinen Knoblauch, kein Lamm, keine Zwiebeln, keinen Zucker und so weiter, teils weil sie irgendwelchem Gesundheitsunfug wie selbstdiagnostizierten Unverträglichkeiten oder schwachsinnigen Ernährungsphilosophien anhängen, teils weil sie auf dem verkümmerten Gaumen ihrer Kinderjahre festhängen und gelegentlich Ersteres zur Rechtfertigung des Letzteren einsetzen.

Aus dem, was die Leute in meiner Umgebung nicht essen, koch ich locker ein mehrgängiges Menü. Natürlich mag auch ich nicht alles. Natürlich darf jeder im stillen Kämmerlein jeden Tag Fischstäbchen mit Ketschup essen, solange er nicht verlangt, dass andere diesen Spleen bedienen. Doch genau das ist heute ganz selbstverständlich.

Viele Gäste verderben den Brei

In meiner Familie wurde die Ess- und Gastgeberkultur stets gepflegt und hochgehalten. Wir Kinder aßen ungelogen alles – aber auch alles, Artischocken, Austern, Kutteln – ohne mit der Wimper zu zucken.

Meine Eltern gaben gerne rauschende Feste mit ausgefuchsten Diners oder Buffets, zu denen sie ihre Freunde einluden. Man putzte sich heraus, machte sich Gedanken, servierte exotische Entdeckungen.

Wenn ich aber heute, aus meiner Generation, fünf Gäste einlade, muss ich vier verschiedene Gerichte kochen oder damit rechnen, dass ich Essen wegwerfen muss, weil meinen Zeitgenossen nicht nur die Esskultur abhandengekommen ist, sondern auch jedwede Höflichkeit, die man sich eigentlich als Gast angedeihen lassen sollte. Sie haben keinerlei Scham, nach der Vorspeise zu erklären, sie seien zu satt, um das Hauptgericht auch nur zu probieren, oder die Gemüsebeilage – bzw. liebevoll herausgepulte Teile davon – komplett liegen zu lassen. Die Wertschätzung für die kulinarischen Fähigkeiten eines Gastgebers ist keine Größe mehr, ebenso wenig der Wert der Zutaten.

Man reist zwar heute in aller Herren Länder mit exotischen Landesküchen, und die Kunst des Kochens erreicht neue Höhenflüge, aber die Kunst des Essens liegt darnieder.

Unsere Generation besteht in der Hauptsache aus egoistischen Pottsäuen, die am liebsten immer noch am Kindertisch ihre Hipp-Mahlzeiten und Pinocchio-Teller fressen würden, wenn sie könnten. Sich-Zusammen-Reißen ist nicht nur komplett aus der Mode, es ist wenig lukrativ: der heikle Esser ist eine dankbare Rolle, denn ein höflicher Gastgeber hat sich dessen Unhöflichkeit anzupassen.

Der Heikle ist sich der Aufmerksamkeit und des Bedauerns der Anderen sicher. Je restriktiver die Diät, desto mehr Extrawürste lassen sich einfordern. Man macht sich interessant, denn die ganz besonderen Schneeflocken von heute können sich für nichts und niemanden selbst überwinden.

Im Schatten dieser sozialen Akzeptanz für restriktives Essverhalten passiert es auch, dass Personen ihre ernsthaften Essstörungen (z.B. die sogenannte „restrictive food intake disorder“) sozial unbeachtet pflegen können und ihren Leidensdruck über Jahrzehnte verstecken.

Unsere Kultur zerfällt am Esstisch

Dabei sind gemeinsame Mahlzeiten mehr oder weniger der Dreh- und Angelpunkt nicht nur abendländischer, sondern auch sehr vieler anderer Kulturen.

Die katholische Messe ist nichts anderes als eine stilisierte Mahlzeit, basierend auf der Sedertafel des Judentums – in dem notabene die Familienmahlzeit am Freitagabend bis heute der rituelle Höhepunkt der Woche ist. Der Ruf nach glutenfreien Hostien wirft ein rechtes Licht auf die Prioritäten, denen heute dieses Beisammensein selbst im religiösen Kontext unterworfen wird.

Auch unsere anderen abrahamitischen Geschwister, die Muslime, feierten kürzlich im Ramadan ein Fest, das nicht nur aus dem Fasten besteht, sondern mindestens ebenso sehr aus dem gemeinsamen Fastenbrechen nach Sonnenuntergang.

Von der japanischen Teezeremonie bis hin zum nordamerikanischen Potlatch – wo man auch hinsieht, ist das gemeinsame Essen ein Ereignis, das Bedeutung schafft, soziale Werte festigt, zu dem Netzwerke geschaffen, Ideen geschmiedet und Verträge abgeschlossen werden.

Wo wäre unsere politische, soziale, künstlerische Kultur ohne Diners, Banketts und Salons? Wir sind dabei, unsere Neigung zur narzisstischen Selbstdarstellung diesen wichtigen Aspekt unserer Kultur zerstören zu lassen. Unsere freiwillige kulinarische Vereinzelung zerschlägt die Tischgemeinschaften. Entweder werden die Gastgeber dazu übergehen, ihre Freunde und Bekannten nur noch in Kohorten einzuladen – die Veganer, Paläo-Anhänger und Spaghetti-mit-Tomatensaucisten eben jeweils nur zusammen, was die ohnehin sich ausbreitenden intellektuellen Filterblasen verstärkt – oder unsere Ess- und Gastfreundschaftskultur beißt eben ins Gras.

Mut zum Löffel

Als ich noch ein Kind war, pflegte mein Vater, wenn er eine neue kulinarische Errungenschaft entdeckt hatte oder es etwas besonders Gutes gab, mit voll gekleckerter Schürze aus der Küche zu uns Kindern zu kommen. Er verbarg den Leckerbissen in der Hand und sagte: „Mund auf, Augen zu.“

Unser Geschmackssinn ist ein Segen. Er ist der direkteste Zugang, den wir in andere Kulturen, Schichten oder auch nur soziale Gruppen haben. Natürlich erfordert das Vertrauen, die Sorte Vertrauen, welche die Voraussetzung für jeden gesellschaftlichen Austausch auf Augenhöhe ist. Es benötigt auch Demut, die Gelassenheit, die es verlangt, sich von jemandem einladen zu lassen, seine Zuwendungen als solche anzunehmen, seine Mühen wertzuschätzen und sich von ihm verwöhnen zu lassen, seine offensichtliche Gastfreundschaft über das eigene kleine Ego zu stellen, das ständig fragt, ob es nicht doch etwas anderes haben könne.

Wir leben in einer gesegneten Zeit, in der unsere Teller voller sind als je zuvor.

Wir leben in einer gesegneten Zeit, in der unsere Tischgesellschaften vielfältiger sind als je zuvor.

Wir können die ganze Welt, ihre Diversität, ihre Liebe auf einem Löffel haben.

Mund auf, Augen zu!

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  1. Blumen

    Ich gebe Dir Recht in allen Teilen.
    Eine Kollegin hat dreierlei Allergien, sorry die kann ich nicht zum Essen einladen, nicht mal zum Kaffe, da bleibt die Freundschaft auf der Strecke

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