Giottos Tempelreinigung

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Von Marco F. Gallina

Es gibt einige Passagen innerhalb des Neuen Testaments, die in jüngerer Zeit gerne vernachlässigt werden. Da das Evangelium heute vornehmlich als Katalog sozialer Fragen und ethischen Zusammenlebens angesehen wird, in denen Jesus nur noch als besonders „guter Mann von Nazareth“ durch die Lande zieht, rücken einige Erzählungen in den Hintergrund. Womöglich sollte man besser sagen: sollen in den Hintergrund gerückt werden. Zeitgeistige Käßmann-Kirchen begreifen mittlerweile alles außerhalb der Bergpredigt nur noch als reinen Schmuck; Wunder haben keinen Platz oder werden als Metaphern erklärt. Dass Jesus die Ausgestoßenen der Gesellschaft aufnimmt – Kranke, Prostituierte, Zöllner – passt in diese durchsozialdemokratisierte Zeit wie das „Teilen“, ob nun Fische, Brot oder Wein. In nahezu gnostischer Verwandtschaft zu Katharern und anderen alten Sekten nimmt das Bibelbild manichäische Züge an: hier der liebe Jesus, dort der strafende Gott des Alten Testaments, der überwunden wird.

Ausschnitt aus Fresco in Padua von Giotto

Mit der Passionsgeschichte will man natürlich das Publikum weniger behelligen. Denk doch mal jemand an die Kinder! Und was sagen Tierschützer dazu, dass Jesus einen Dämon in eine Schweineherde fahren lässt, die dann jämmerlich ersäuft? Viele wissen zwar noch, dass der Gottessohn übers Wasser laufen konnte, aber die Erinnerung, dass Jesus auch ein „Strafwunder“ wirkte, ist heute augenscheinlich in Vergessenheit geraten. Ist es dabei Zufall, dass die Verfluchung des Feigenbaums und die Tempelreinigung – sowohl bei Matthäus, als auch bei Markus – im Zusammenhang stehen?

Womöglich ist die Tempelreinigung das politisch unkorrekteste Attentat auf all jene, die Christus einen guten Mann sein lassen. Schon allein deswegen geriet die Erzählung seit einigen Jahrzehnten in den Ruch, niemals stattgefunden zu haben. Verräterisch die Argumentation, dass sie dem Gewaltverzicht der Bergpredigt widerspreche – wieder einmal der Topos, dass dies der wichtigste Teil des Evangeliums sei. Von so einer Gewichtung ist das Neue Testament jedoch weit entfernt, und allein der Umstand, dass die Bergpredigt nur bei Matthäus (und teilweise bei Lukas), die Tempelreinigung dagegen in allen vier Evangelien (!) vorkommt, sollte zu denken geben, welches Ereignis das Gedächtnis der alten Christengemeinde am ehesten prägte. Während die Bergpredigt heute möglichst groß geredet wird, geschieht mit der Tempelreinigung (und den meisten Wundern) das genaue Gegenteil.

Diese explizite Gewichtung bleibt dem Mittelalter und der Renaissance fremd. Wie schon in Dura-Europos gezeigt, sind es vor allem die handfesten Ereignisse, welche das Christentum lange prägen – und was könnte schon handfester sein, als wenn der Messias selbst „Hand anlegt“? Schon allein vom künstlerischen Anspruch erscheint eine hastige Prügelei mit Händlern und Wechslern weitaus interessanter als das gemütliche Zusammensein auf einem Berg.

Giotto di Bondone, der vielen als Wegbereiter der italienischen Renaissancemalerei gilt, machte da keine Ausnahme. Seine „Vertreibung der Geldwechsler“ befindet sich als Teil eines großen Christus-Zyklus in der Scrovegni-Kapelle von Padua, unweit des alten römischen Amphitheaters gelegen. Im Jahr 1300 kaufte Enrico Scrovegni das Gebiet der alten Arena, um dort einen Familienpalast zu errichten, zusammen mit einer Privatkapelle, für deren Ausschmückung er die größten Künstler Italiens verpflichtete. Von 1304 bis 1306 malte Giotto in Padova nicht nur den Christus-Zyklus, sondern auch das Leben der Jungfrau Maria und ihrer Eltern Joachim und Anna. Viele der berühmtesten Fresken Giottos sind daher in dieser von außen unscheinbaren Kirche zu bewundern. Auch hier fällt die Kontinuität auf, welche Ereignisse im Leben Jesu am wichtigsten erscheinen: es sind vornehmlich die Wunder, angefangen von der Geburt (wobei einige Forscher den abgebildeten Stern als Halley’schen Kometen deuten, der 1301 am Himmel erschien) über die Hochzeit von Kana und die Auferweckung des Lazarus bis hin zur Passionsgeschichte und Auferstehung. Das mittelalterliche Programm zeigt nahezu das komplette Gegenteil dessen, was heute im wahrsten Sinne „gepredigt“ wird.

Giottos Jesus ist eben kein netter Sandalenträger, sondern der Retter der Welt, der faustballend den Händlern im Tempel entgegentritt. Die Geißel in seiner Hand ist aus der Ferne kaum erkennbar; man mag meinen, der Heiland steht kurz davor, zuzuschlagen. Heiliger, gerechter Zorn ist dem Mittelalter nicht fremd und eben kein Widerspruch in sich selbst. Gerechtigkeit bedeutet immer auch Strafe. Die Pose machte auch in der Internetkultur die Runde und führte zu diesem Meme:

Es entbehrt dabei nicht der Ironie, dass der Vater von Enrico Scrovegni jener Rinaldo Scrovegni war, der als Bankier die Familie erst so vermögend gemacht hat, dass sich der Sohn einen Künstler vom Kaliber Giottos leisten konnte. Die Scrovegni gehörten zu den Patrizierfamilien Paduas und trugen ein blaues Schwein auf weißem Grund als Wappentier. Rinaldo Scrovegni war als notorischer Geizhals und Wucherer berüchtigt, sodass ihm Dante in der Göttlichen Komödie ein eher unrühmliches Denkmal setzte:

Ein blaues Schwein auf weißem Sacke bot
Sich dann dem Blick, und seine Stimm’ erheben
Hört’ ich den Träger: „Du hier vor dem Tod?
Fort! fort! doch wisse, weil du noch am Leben,
Bald findet mir mein Nachbar Vitalian,
Zur Linken seinen Sitz, hier gleich daneben.
Oft schrein mich diese Florentiner an,
Mich Paduaner, mir zum größten Schrecken:
Möcht aller Ritter Ausbund endlich nahn!
Wo mag doch die Drei-Schnabel-Tasche stecken?“ –
Hier zerrt’ er’s Maul schief und die Zunge zog
Er vor, gleich Ochsen, so die Nase lecken.

Dante setzt Enricos Vater in den siebten Höllenkreis: eine Wüste, auf die es Feuer regnet. Hier fristen die Gewalttäter ihr Schicksal – für Dante gilt Wucher als Gewalt gegen die Kunst, welche als Gotteskind gilt. Rinaldo muss sich daher „wie ein Ochse“ lecken, da sich ihm das Feuer ähnlich einem Schwarm Schmeißfliegen immer wieder auf die Haut setzt. Anscheinend konnte das Mäzenatentum Enricos den Vater nicht vor diesem Schicksal retten.

Verglichen mit dieser Dante’schen Höllenstrafe erscheint dagegen eine kleine Prügelei mit dem Heiland geradezu barmherzig.

1 Kommentare

  1. >>Dass Jesus die Ausgestoßenen der Gesellschaft aufnimmt – Kranke, Prostituierte, Zöllner – passt in diese durchsozialdemokratisierte Zeit…

    Stimmt das denn überhaupt, von den Kranken einmal abgesehen?

    Zur heutigen Sozialdemokratie wie auch zum strengen Marxismus (ich erwähne diese beiden, weil ich bei ihnen weiß, daß es so ist, bei anderen Bewegungen der Richtung aber nicht) gehört doch ganz im wesentlichen die Abgrenzung der Arbeiterklasse (oder dessen, was jeweils ihre Stelle einnimmt) nach unten. Bei Marx heißt das dann Lumpenproletariat. Kanzlerkandidat Schulz sieht die von ihm konstatierte Gerechtigkeitslücke ausdrücklich nicht in zu wenig Geld für die (*wirklich*) Armen und allenfalls sekundär in zu viel Geld für die Reichen, primär aber darin, daß „anständige Bürger Gefahr laufen, zu Hartz-IV-Empfängern abgestuft zu werden“ (kein wörtliches Zitat).

    Die Sozialdemokratie wendet sich also nicht den (gewissermaßen) Ausgestoßenen (sie sind heute nicht mehr *wirklich* ausgestoßen, mögen das aber eventuell so empfinden, ich gebrauche das Wort im übertragenen Sinn), sondern der nächsthöheren Klasse zu.

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