Albert Camus: „Die Pest“- Es gibt am Menschen mehr zu bewundern als zu verachten

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Die Stadt Oran - Bild: Imad007 in der Wikipedia auf Englisch [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
Die Stadt Oran - Bild: Imad007 in der Wikipedia auf Englisch [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

„Eine praktische Art, eine Stadt kennenzulernen, besteht darin, sich anzusehen, wie in ihr gearbeitet, wie in ihr geliebt und wie in ihr gestorben wird. In unserer kleinen Stadt – womöglich liegt es am Klima – macht man alles gleichzeitig, auf ein und dieselbe hektische und abwesende Weise.“ So beschreibt Camus die algerische Stadt Oran vor dem Ausbruch der Pest. Es gibt Langeweile und Gewohnheiten, Betriebsamkeit und Handel. Alles geht seinen gewohnten Gang. Es käme wohl niemand auf die Idee, dass es sich auf einmal schlagartig ändert.

Die toten Ratten

Alles beginnt mit einer toten Ratte. Die Sonne glüht über Oran und etwas ändert sich. Eine tote Ratte wird schnell vergessen, auch zwei oder drei. Aber dabei bleibt es nicht. Der Untergang der Stadt ist eingeleitet und schreitet sicher voran. Eines Tages dann „spien die Fabriken und Lagerhäuser tatsächlich Hunderte von Rattenkadavern aus“. Die toten Ratten bestimmen das Stadtbild. Bald wird es den ersten toten Menschen geben. Es ist der Concierge. 40 Grad Fieber, angeschwollene Lymphknoten und ein gemartertes Gesicht. „‚Er ist tot‘, sagte Rieux“, der Arzt.

Pest in Marseille 1720

„Eine Niederlage ohne Ende“

Oran wird abgeriegelt, die Epidemie ist da. In der ganzen Stadt sterben Menschen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Junge und Alte. Die Pest kennt keine Grenzen, kein Alter, kein Pardon, sie kommt und tötet.

Bald schon entwickelt sich ein Konflikt zwischen dem Jesuitenpater Paneloux und dem Arzt Rieux. Paneloux steht paradigmatisch für eine Ausprägung von Religion, die Camus vehement ablehnt. Paneloux versucht die Pest als Strafe Gottes zu sehen, doch Rieux sieht darin eine ungerechte und unmenschliche Anklage, die er nicht gelten lassen kann. Besonders als ein Kind, der Sohn eines Richters, an der Pest stirbt, schreit Rieux Paneloux an: „Ah! Der wenigstens war unschuldig, das wissen Sie wohl!“

An anderer Stelle entgegnet Paneloux auf die Leidfrage, dass man vielleicht lieben müsse, was man nicht verstehen könne. Diese Antwort will Rieux aber nicht gelten lassen und reagiert empört: „Nein, Pater“, sagte er. „Ich habe eine andere Vorstellung von der Liebe. Und ich werde mich bis zum Tod weigern, diese Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.“

Rieux glaubt an keinen Gott und an keine Heilsgeschichte, aber er hilft. Die Pest ist für ihn – wie er im Dialog mit Tarrou offenbart -, „eine Niederlage ohne Ende“. Warum aber macht der Arzt weiter, warum hilft er obwohl er nicht an einen wirklichen Sieg glaubt? Weil da noch was anderes ist, das leise und ohne Empörung daherkommt, etwas, das einfach nur aus Menschlichkeit Motivation zieht: „Nach einem Schweigen richtete sich der Arzt etwas auf und fragte, ob Tarrou eine Vorstellung von dem Weg habe, den man einschlagen müsse, um zum Frieden zu kommen. ‚Ja, Mitgefühl.‘“.

Es geht darum Zeugnis abzulegen

Irgendwann geht auch die schlimmste Epidemie vorüber. Nach zahllosen Toten und unendlichem Leid, ist die Seuche irgendwann so schnell weg, wie sie auftauchte. Der Jesuitenpater ist gestorben, genauso wie Tarrou und andere. Der Arzt Rieux hat überlebt. Camus zeigt durch ihn den Weg zum „Säkularhumanismus“ auf. Zum einen durch die Betonung des Mitgefühls, zum anderen durch das Ende des Romans.

Es heißt dort, dass der Arzt einen Bericht anfertigte, „um für diese Pestkranken Zeugnis abzulegen, damit wenigstens eine Erinnerung an die Ungerechtigkeit und Gewalt blieb, die ihnen angetan worden war, und um einfach zu sagen, was man in Plagen lernt, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“ Der Säkularhumanismus ist sich darüber im Klaren, dass die letzte Tragik des Lebens nicht besiegt werden, aber, dass man – wie der Arzt in Camus‘ „Die Pest“ – dafür sorgen kann, dass es wenigstens etwas menschlicher wird.

Gibt es keine Gnade in der Ohnmacht?

Der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker hat einige Sätze gesagt, die sehr gut auf die Situation in der „Pest“ passen, aber letztlich auch darüber hinaus weisen. Den ersten Satz wird Camus noch mitgehen, die letzten nicht:

„Die tiefste Erfahrung von sich selbst, zu der der Mensch in seiner Natur und in der Gesellschaft vordringt, lautet nicht Freiheit, sondern Ohnmacht. Die tiefste Erfahrung vom Gelingen menschlichen Lebens ist nicht eine Erfahrung von eigener Macht, sondern von Gnade. Die tiefste Erfahrung des Menschen ist nicht der Mensch, sondern Gott.“ – Carl Friedrich von Weizsäcker

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