Die Rammstein-Welt: dunkle Romantik und unerlöste Sehnsucht

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Rammstein auf dem Wacken Open Air (2013) - Bild: Jonas Rogowski [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons
Rammstein auf dem Wacken Open Air (2013) - Bild: Jonas Rogowski [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons

Die Band „Rammstein“ besteht aus sechs Personen: Leadsänger und Dichter Till Lindemann, Leadgitarrist Richard Z. Kruspe, Rhythmusgitarrist Paul H. Landers, Elektrobassist Oliver Riedel, Drummer Christoph „Doom“ Schneider und Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz. Alle sechs Mitglieder kommen aus der ehemaligen DDR und haben dort ihre Jugend verbracht. Als die Mauer fiel, waren sie Anfang bis Mitte zwanzig und haben ihre bisherigen Band- und Musikerfahrungen 1994 in der Gründung der Band Rammstein zusammengeführt.

Sie wollten weder eine deutsche Band gründen, die einen Abklatsch der englischsprachigen Popmusik darstellt, noch Schlagersänger sein. Aus der Punk- und Vergangenheitserfahrung der Mitglieder ist schließlich eine Art Metal-Band, geworden wie es sie kein zweites Mal gibt: Gewalt wird zu dunkler Kunst. Aus Abgrund wird Lyrik, aus Vergewaltigung und Mord werden Lieder gemacht. Der Bandname leitet sich nicht von dem Rammstein eines Rammbocks ab, was wegen der Schreibweise naheläge, sondern, laut Paul Landers, von der Flugkatastrophe in der Stadt Ramstein, der Name wurde aus Unkenntnis mit zwei „m“ geschrieben.

Rammsteins Lieder

Rammstein taucht hinab in die dunklen Abgründe der Menschen. Das Lied „Mein Teil“ beschäftigt sich mit dem Kannibalen von Rotenburg, der sich in einem Internetforum dazu verabredete, einen anderen aus sexueller Lust lebendig zu verspeisen. In dem Lied ist der Menschenesser jemand, der sich aus Lust dem Kannibalismus hingibt: „Heute treff‘ ich einen Herrn, der hat mich zum Fressen gern“. In dem Video wird die Mutter des Kannibalen als strenge, empathielose und kalte Frau dargestellt, die wie ein dunkler Schatten ewig gruselt.

Ein weiteres Lied heißt „Wiener Blut“ und behandelt den Fall des Wieners Josef Fritzl, der seine Tochter jahrelang im eigenen Keller einsperrte, dort vergewaltigte und mit ihr Kinder zeugte. Rammstein verarbeitet das Ereignis sarkastisch, mit einer Verhöhnung von Psalm 23: „Ja das Paradies liegt unterm Haus, die Tür fällt zu, das Licht geht aus […] und wanderst du im tiefen Tal, seid ihr bereit, und sei dein Dasein ohne Licht, seid ihr so weit, fürchte kein Unglück keine Qual, macht euch bereit, Ich bin bei dir und halte dich.“ Die Glaubenshoffnung des Beters wird angesichts der lyrisch verarbeiteten Verbrechen Fritzls zur zynischen Illusion, zur bitteren Antirealität, die verlogen statt tröstlich wirkt. Das Thema Missbrauch/Pädophilie in der Kirche wird auch nicht ausgeklammert. Im  Lied „Halleluja“ wird sich in einem kaum noch erträglichen Maße aus der Sicht des Täters diesem Thema genähert.

Allerdings hat Rammstein ebenfalls eine romantische Seite, die vor allem in den Liedern  „Amour“„Ohne Dich“ und „Stirb nicht vor mir“ und  zum Ausdruck kommt. In diesen Liedern geht es um die Sehnsucht nach Liebe, Romantik und Zweisamkeit.

In „Stirb Nicht vor Mir“ ist die Einsamkeit ein zentrales Motiv, von der eine romantisch verklärte Erlösung durch Liebe ersehnt wird: 

Die Nacht öffnet ihren Schoß, das Kind heißt Einsamkeit / es ist kalt und regungslos, /

ich weine leise in die Zeit, / ich weiß nicht wie du heißt, /

doch ich weiß, dass es dich gibt, / ich weiß dass irgendwann /

irgendwer mich liebt, / ich warte hier, /

don’t die before I do, / ich warte hier, /

stirb nicht vor mir.

Rammstein: Stirb Nicht vor Mir

Jedoch wird diese Liebessehnsucht in der melancholisch-sehnsüchtigen Ballade „Seemann“ zu keinem guten Ende geführt: „Am Ende bleib ich doch alleine, / die Zeit steht still, / und mir ist kalt“. Neben diesen Balladen gibt es aber auch politische und gesellschaftliche Vorwürfe gegen Rammstein.

Vorwürfe des Rechtsradikalismus und der „Gewaltverherrlichung“

Es gibt vor allem zwei Vorwürfe, die an Rammstein gerichtet wurden und teilweise auch noch werden: Rechtsradikalität und Gewaltverherrlichung. Der Vorwurf der Rechtsradikalität hat vor allem mit dem Video zum Lied „Stripped“ zu tun. Die Bilder zum Lied zeigen Ausschnitte aus den Olympischen Sommerspielen 1936, aufgenommen von Leni Riefenstahl. Das Lied selbst ist ein Cover des gleichnamigen Liedes von Depeche Mode. Auf der Textebene weist das Lied nichts Politisches und vor allem nichts Rechtsradikales auf, es geht um das Verlangen nach einer Frau. Rammstein bedauerte später diese „Grenzüberschreitung“ und sah das Video als falsche Provokation an. Später folgte dazu das Lied „Links 2-3-4″ mit folgendem Text: „Sie wollen mein Herz am rechten Fleck, / doch seh‘ ich dann nach unten weg, / dann schlägt es links. Links!“

Anders als Bands wie z. B. „Böhse Onkelz“, haftete Rammstein aber nie ein chronisches rechtsradikales Image an, sodass die Band relativ unbelastet davon, weiterhin erfolgreich sein kann. Auch Vorwürfe wie das rollende „r“ in den Liedern oder autoritäre Performance werden als Kunst interpretiert und nicht als politische Statements. Der zweite Vorwurf der Gewaltverherrlichung hat vor allem mit den Liedern zu tun, in denen ja Gewalt vorkommt und dargestellt wird, auf der Text- wie der Bildebene. Darüber hinaus waren die Attentäter des Schulmassakers von Littleton, Eric Harris und Dylan Klebold, Rammstein Fans. Rammstein selbst weist jede Verantwortung in Bezug auf das Attentat und ihre Musik von sich und spricht sich gegen Gewaltverherrlichung aus.

In der Kritik stehen vor allem Lieder wie „Mein Teil“ und „Ich tu dir weh“. Wird hier Gewalt verherrlicht? Zumindest wird sie dargestellt. Wird das Verbrechen dadurch verharmlost oder verschönt? Zumindest wird es in Worte gefasst, in Kunst gekleidet. Darf man das? Rammstein tut es jedenfalls und zwar finanziell recht erfolgreich. Es bleibt sicherlich eine Frage, inwieweit dies ein legitimer Umgang mit Gewalt ist. Andererseits kann es auch dazu dienen, dass die beschriebene Gewalt etwas von ihrer Anziehungskraft verliert. Oder wird hier schädlicher Einfluss durch das Zeigen von Verbrechen, von Bösem ausgeübt?

Was Rammstein mit Theologie zu tun hat

Man mag die Aussage „Was Rammstein mit Theologie zu tun hat“ angesichts der eben mitgeteilten Liedtexte für eine Zumutung halten. Doch alles, was sich mit den Fragen nach dem Menschen, seinen Sehnsüchten, seinem Leid und seiner Erlösung auseinandersetzt, hat mit Theologie zu tun. Besonders die Erlösungsfragen sind letztlich immer Fragen über einen selbst hinaus und tangieren so die Frage nach Gott.

Rammstein stellt also die Gottesfrage, wenngleich die Band nicht zu einer christlichen Antwort kommt. Rammstein singt keinen Kitsch, Rammstein besingt keine leeren Hoffnungen oder ein neues romantisches, bzw. geistliches Wohlfühlprogramm, sondern eben die wirklichen Horror- und Sehnsuchtsmomente der Menschen. Rammstein ist thematisiert den Abgrund und das Sehnen. Das macht, denke ich, auch die Faszination der Band aus. Nicht unterschätzt werden darf sicherlich auch das Kokettieren mit einem maskulinen Gestus und die damit verbundene Inszenierung von Stärke.

Rammstein zum Herbst: Das Dunkle, vor dem man sich eigentlich fürchtet, wird besungen und dargestellt. Das Verbotene wird verführerisch und anmutend verkauft, es nähert sich wie der Erlkönig in Goethes Ballade. Schrecken und Romantik werden zur mystisch-dunklen Kunst. Rammstein ist der Spiegel des Grauens. Er sagt nicht, wie in „Schneewittchen“, wer die Schönste im ganzen Land ist, sondern wie finster und bitterkalt es ist – mitten im zivilisierten Westen.

Aus dieser Kälte schreit der Wunsch nach Erlösung, der hoffnungslos erfriert. Künstlerisch dargestellt im Lied „Alter Mann“:

Das Wasser soll dein Spiegel sein / erst wenn es glatt ist, wirst du sehen /

wie viel Märchen dir noch bleibt / und um Erlösung wirst du flehen.

Rammstein: Alter Mann

Rammstein ist nihilistisch. Statt himmlischer Theologie gibt es nur radikale Menschenphysik. Es wird kein Weg der Gnade gezeigt. Es geht nicht darum, was der Mensch sein soll, sondern darum, wie er sich im Schatten zeigt, das ist Rammsteins anthropologische Annäherung. Daraus kann die Band kreativ schöpfen.

Neben er Erfahrung des Bösen zeigt sich, dass auch das Leid bei Rammstein eine zentrale Rolle spielt. Es wird zu einer Anfrage an Gott, so wie Georg Büchner sie Thomas Payne in “Dantons Tod“ den Mund legt:

„Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz; nur der Verstand kann Gott beweisen, das Gefühl empört sich dagegen. Merke dir es, Anaxagoras: warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riß in der Schöpfung von oben bis unten“ – Georg Büchner, Dantons Tod.

Rammstein stellt diesen Riss dar. Die unversöhnte, unerlöste Welt wird lyrisch verarbeitet. Damit aber macht die Band auf ein theologisches Kernthema aufmerksam: die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen. Der Mensch ist sich nicht selbst genug und nicht im Stande, sich selbst aus dem Elend zu erlösen. Entweder erstickt er an sich selbst, wie es Rammstein zeigt oder es findet sich ein Ausweg. Der Weg der Lösung wird von Rammstein nicht gezeigt. Die Band gibt keine Antwort auf den Abgrund.

Auch wenn die Antwort stumm bleibt, das Menschlich, Allzumenschliche schreit aus ganzem Herzen seine Sehnsucht nach dem Göttlichen hinaus.

Literatur:

Georg Büchner, Dantons Tod. Ein Drama, Paderborn 2008.

2 Kommentare

  1. eine der erfolgreichsten *deutschen* Bands. Nein, kein Rückfall in die 90er, sonst wären das die Scorpions 😉

    Zum Artikel:

    Bei der Interpretation von „Links 2-3-4“ fehlt mir oben ein wenig der Hinweis auf die Selbstverständlichkeit, daß „links 2-3-4“ allerdings dann auch wieder unübersehbar die Assoziation „deutsches Militär beim Marschieren“ hervorruft. Es ist eine Rock- und Metalband; auch wenn sie mit diesem Lied zweifelsohne ihrer Etikettierung als rechts(-extremistisch) widersprechen wollten, haben sie es doch anscheinend als unter ihrem Niveau gefunden, das ganze als banales politisches Bekenntnis abzuliefern, ohne ein bißchen subtil-subversive Vieldeutigkeit hineinzumischen.

    (Just my two cents: das sollte dann auch nicht so präsentiert werden.)

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