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von Dr. José Garcia

Die Entstehung eines Kunstwerkes scheint kaum zu einer Filmhandlung zu taugen. Das Tempo, in dem ein Kunstgegenstand geschaffen wird, ist kaum mit dem Tempo eines Spielfilmes in Einklang zu bringen, der neunzig Minuten lang Spannung schaffen soll. Deshalb zeigen Filmemacher lieber das Leben eines Künstlers, als dessen Schaffensprozess.

Selbst in „Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft“, der sich auf die Zusammenarbeit zwischen dem Verlagslektor Maxwell Perkins und dem Schriftsteller Thomas Wolfe bei der Entstehung von Wolfes Romanen konzentriert, beschränkt sich der Regisseur nicht darauf, sondern liefert eine Art auf eine Zeitspanne im Leben seiner Protagonisten verknappte Doppelbiografie. Das Leben des Bildhauers und Malers Alberto Giacometti (1901—1966), der zu den bedeutenden Künstlers des 20. Jahrhunderts zählt, hätte reichlich Stoff für einen Kinofilm liefern können. Denn Giacometti bewegte sich in den Literatur- und Künstlerkreisen von Paris, und unterhielt Bekanntschaften und Freundschaften mit Louis Aragon, Jean-Paul Sartre und Samuel Beckett, mit Joan Miró, Pablo Picasso, Max Ernst, Hans Arp und vielen anderen mehr. Der berühmte Schauspieler Stanley Tucci geht im Spielfilm „Final Portrait“, seiner fünften Regiearbeit, andere Wege: „Ich wüsste nicht, wie man das Leben eines Menschen in einen eineinhalb- oder zweistündigen Film packen soll. Da kann am Ende nur ein Film herauskommen, in dem vor allem die Ereignisse rund um eine Person und nicht die Person selbst im Fokus steht.“ Stanley Tucci folgt beim Verfassen des Drehbuches den Memoiren des New Yorker Schriftstellers und Kunstkritikers James Lord, die 1965 unter dem Titel „A Giacometti Portrait“ („Alberto Giacometti — Ein Portrait“) veröffentlicht wurden. Lord stand 1964 in Paris Giacometti für ein Porträt Modell.

Es sollte das letzte Porträt sein, das Alberto Giacometti malte. Daher auch der Filmtitel „Final Portrait“. Der Film beginnt mit einer Begegnung zwischen Giacometti (Geoffrey Rush) und dem befreundeten Kritiker James Lord (Armie Hammer), aus dessen Perspektive — einschließlich Off-Stimme in der Ich-Form — die Handlung erzählt wird. Der Künstler fragt Lord unvermittelt, ob er sich von ihm malen lassen würde. Natürlich fühlt er sich geschmeichelt, und sagt sofort zu, zumal der Maler ihm versichert, er müsse nur ein paar Stunden, höchstens einen Nachmittag, Modell stehen. Daraus wurden freilich 18 Sitzungen, an deren Ende der Künstler James Lord das Porträt als Geschenk überreichte. Die beiden sahen sich nie wieder, da Lord nach New York zurückkehrte, und Giacometti zwei Jahre später starb. Im Jahre 1990 wurde das Gemälde für 20 Millionen Dollar verkauft.

James Lord kann das natürlich nicht wissen, als er sich in das kleine Atelier in der rue Hippolyte-Maindron 46 begibt, das Alberto zusammen mit seinem Bruder Diego (Tony Shalhoub) vor Jahrzehnten bezogen hatte. Die Kamera zeigt zunächst den ärmlichen und unaufgeräumten Hinterhof. Später wird in mehreren Szenen verdeutlicht werden, dass Giacometti Geld nichts bedeutet, obwohl er zu diesem späten Zeitpunkt in seinem Leben bereits Millionen Francs verdient dank seines Galeristen Pierre Matisse (James Faulkner), der einst mit ihm an einer Kunstakademie zusammen studiert hatte, und im übrigen ein Bruder des berühmten Henri Matisse war. Kameramann Danny Cohen fährt genüsslich an den verschiedenen Objekten entlang, die im Studio stehen. Es sind sowohl sogenannte „Stecknadel“-Figuren auf hohen Sockeln und die später immer häufiger anzutreffenden überschlanken Figuren in Meterhöhe mit undeutlicher Anatomie, aber mit genauen Proportionen und nur angedeuteten Köpfen und Gesichtern. Das Atelier wurde von der Filmproduktion detailgenau; die Skulpturen von drei jungen Künstlern nachgestellt.

Gegenüber dem Atelier im selben Hinterhof befindet sich die kärgliche Wohnung, oder vielmehr das Schlafzimmer, das sich Alberto mit seiner Frau Annette Giacometti (Sylvie Testud) teilt, die bedeutend jünger als der Künstler ist. Annette stand zwar früher Modell für eine ganze Reihe Kunstwerke unterschiedlicher Art. In diesen späteren Jahren war sie jedoch von der jungen Prostituierten Caroline (Clémence Poésy) als Modell abgelöst worden. Dass dies vor allem für Annette eine große Belastung war, deutet „Final Portrait“ lediglich an. Sylvie Testud verkörpert eine resignierte Annette, die in Albertos Leben und Kunst längst nicht mehr die Hauptrolle spielt. Clémence Poésy gestaltet Caroline als leichtlebige, gut gelaunte, materiellen Vorteilen nicht abgeneigte Frau, die aber durchaus eine Schwäche für „ihren Grauen“ hegt.

Auch wenn der Film immer wieder Unterbrechungen in der Arbeit des Künstlers schildert — Café-Besuche, Spaziergänge durch den Friedhof oder auch eine Spritztour in dem von Caroline mit Giacomettis Geld gerade erworbenen Auto — konzentriert sich der Film auf den Schaffensprozess: Langsam bereitet der Maler Pinsel, die Palette und Farben vor, setzt Striche auf die Leinwand … oder, von Selbstzweifeln geplagt, übermalt große Partien des Porträts, um wieder von vorne anzufangen. Der Film lebt, wie es nicht anders sein konnte, von der Darstellung Giacomettis. Geoffrey Rush zeigt mit Hilfe der Maske eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Künstler. Frappierend ist jedoch die Anverwandlung des Künstlers durch den Darsteller, der in seiner Gestik und leicht gebeugter Haltung gerade diese Selbstzweifel ausdrückt.

Filmische Qualität:   4/5
Regie:Stanley Tucci
Darsteller:Geoffrey Rush, Armie Hammer, Tony Shalhoub, Sylvie Testud, Clémende Poésy, James Faulkner, Gaspard Caens
Land, Jahr:Großbritannien 2017
Laufzeit:90 Minuten
Genre:
Publikum:ab 16 Jahren
Einschränkungen:S
im Kino:8/2017
Quelle: textezumfilm.de
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