The Cathwalk

Das Onlinemagazin für katholische Lebensart

Kompendium des Übermenschen

Es kann nur einen geben

Vor 500 Jahren empfahl Niccolò Machiavelli dem Fürsten, unmoralisch und allein nach Staatsräson zu handeln. Ein Beispiel ist sein Rat, alle Grausamkeiten am Anfang und auf einmal zu begehen, die Wohltaten dann aber nach und nach wohldosiert auszuteilen.

Eine Buchbesprechung von Harald Stollmeier

 

Gibt es eine Antwort auf die Wirren in dieser Welt? Friedrich Nietzsche sah als Auftrag des Menschen, einen Überwinder-Typus hervorzubringen. Was aber soll dieser überwinden? In ihrem Essay zeigt Beile Ratut, dass der Übermensch zwar nach Überwindung strebt – doch es ist nicht die Überwindung hin zum Leben – es ist die Unterjochung des Lebendigen. (www.ruhland-verlag.de)

Machiavelli gilt als unmoralisch, aber in Wirklichkeit spricht vieles dafür, dass er die Menschen einfach nur nahm, wie sie sind. Die Finnin Beile Ratut wurde mit ihrem kontroversen Roman „Das schwarze Buch der Gier“ 2013 Kandidat für die Hotlist, und dieser Debütromen, in dem sie das Böse mit unerhörter Eindringlichkeit beschreibt, brachte ihr auch massive Drohungen ein – nun hat Beile Ratut so etwas wie den Machiavelli für das 21. Jahrhundert vorgelegt. Für ihren 106-Seiten-Essay „Kompendium des Übermenschen“ wird man sie hassen. Warum?

Die Einen werden Beile Ratut hassen, weil sie ihre Beschreibung des Übermenschen und seiner Methoden als Anleitung zum Ausnutzen begreifen. Die Anderen werden sie noch mehr hassen, weil sie sich ertappt fühlen. Und einige wenige aus der zweiten Gruppe werden das tun, was ihnen Beile Ratut am meisten wünscht: umkehren.

Hat Sie schon einmal jemand wie eine heiße Kartoffel fallen lassen? Oder aus heiterem Himmel gedemütigt? Jemand, den Sie für einen Freund hielten? Dem Sie vertrauten? Dann spricht vieles dafür, dass es ein Übermensch war.

Nietzsche sieht im Übermenschen die einzige Chance des Menschen, wenn es keinen Gott gibt. Beile Ratut sieht darin eine Degeneration. Übermenschen, sagt Beile Ratut, beurteilen Menschen und Dinge allein nach ihrer Nützlichkeit. Ein Mensch, der sie beruflich oder gesellschaftlich weiterbringen kann, wird mit allem Zauber umworben. Ist es mit der Nützlichkeit aber vorbei, kann der Mohr gehen.

„Der Übermensch kann durchaus charmant sein, er kann eine Atmosphäre des Einvernehmens erzeugen, die geschwängert ist vom prallen Aroma der Lebenslust, überstrahlt vom bevorstehenden Erfolg. In seinen Augen glüht ein Eifer, der sein Objekt entflammen kann“ ( Ratut).

Bei diesen Worten denke ich an stundenlange Telefongespräche, bei denen man gar nicht merkt, wie die Zeit verfliegt, an durchwachte Nächte, an schnell gewachsenes Vertrauen – und an das böse Erwachen, denn irgendwann ist die Harmonie vorbei.

Beile Ratut hat es erlebt, Beile Ratut hat es beobachtet, nicht zuletzt in den sozialen Medien. Wer einem Übermenschen in die Quere kommt, wer einen Übermenschen enttäuscht, der darf nicht einfach gehen, der wird oft auch nach allen Regeln der Kunst abgestraft.

Die Lektüre des Essays ist ein Drahtseilakt, denn Übermenschen sind überall. Sie sind die Erfolgreichen, die Angesehenen, die Hofierten, sie sind die Menschen, die es nie versäumen, sich zu rächen, wenn man ihnen einmal im Weg gestanden hat, und sei es aus Versehen. Jeder von uns ist ihnen schon einmal begegnet, jeder von uns hat ihren kalten Bick auf seinem Herzen gespürt. Unsere Aufmerksamkeitsökonomie ist für sie ein ideales Biotop. Und deshalb sind wir alle in Gefahr.

Auch in Gefahr, unsere eigene Haltung zu beschönigen. Dieser Essay ist ein Lackmustest für jeden Erwachsenen und erst recht für jeden Christen: Wer nach der Lektüre mit sich im Reinen ist, sollte noch einmal von vorn anfangen. Das Buch ist knapp im Format, doch umfassend in seinem Anspruch. Wer es liest, dem wird abwechselnd heiß und kalt. Das Buch kann seine Leser und damit die Welt verbessern. Aber zuallererst hilft es redlichen Menschen, sich besser gegen Übermenschen zu schützen.

Beile Ratuts „Kompendium des Übermenschen“ beschreibt in intensiver und doch flüssiger, leicht lesbarer Sprache die Techniken, mit denen Übermenschen Erfolg haben, und die Haltung, die einen Übermenschen ausmacht. Jeder, der das Bändchen liest, wird darin einen anderen wiedererkennen. Manch einer, der es liest, erkennt vielleicht sogar sich selbst.

Beile Ratut,
Kompendium des Übermenschen
gebunden, 106 Seiten,

ISBN 978-3-88509-130-1
EUR 18,80 (D), sFr 30,40, EUR 19,50 (A)
Dieser Artikel wurde bereits 31 mal geteilt. Nun bist Du gefragt:

Teile diesen Artikel jetzt!

Vorheriger Beitrag

Gut besetzter Spielfilm zum Völkermord an den Armeniern

Nächster Beitrag

Albert Camus‘ Roman „Der Fremde“: „Dieses Buch hat mein Leben verändert“

  1. Nepomuk

    >>Wer nach der Lektüre mit sich im Reinen ist, sollte noch einmal von vorn anfangen.

    Ein „Übermensch“ ist also nichts anderes als ein Allerweltssünder, wie wir es alle sind?

  2. Ich habe das Buch gestern in einem durch gelesen und ja, es geht ans Mark. Selten hat mich etwas so brachial umgehauen. Ja, die Autorin hat ziemlich scharf analysiert, und bestimmt werden sich viele über sie ärgern. Und man selbst ärgert sich irgendwie auch, denn man ertappt sich ja nun leider auch selbst immer wieder. Ich finde, für eine Welt, die oft nur noch mit Samthandschuhen zupackt, wenn überhaupt, und die A nicht A und Z nicht Z nennen kann und oft auch nicht will, ist das ein erholsam direktes Buch. Und es bietet sogar einen Lösungsansatz, der eigentlich nahe liegt, aber mich dennoch irgendwie überrascht hat. Danke für die Empfehlung!

Schreibe einen Kommentar

The Cathwalk ist eine Marke der Cathwalk-Mediengruppe