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DE MAIZIÈRES VORSCHLAG

Das Kreuz mit dem Islamischen Feiertag

Ein Kommentar von Marco F. Gallina

Die Forderung ist nicht neu, hat aber seit dem Vorstoß des Innenministers an neuer Kraft gewonnen: Deutschland braucht einen Feiertag für die Muslime im Land. In diesem Kontext sorgte die Nachricht, dass auch „die Katholiken“ einen solchen wünschten, für zusätzliche Aufmerksamkeit. So zu lesen in der ZEIT, von vielen anderen ähnlich formuliert. Die Nachricht kursierte, die Reaktionen waren irritiert, dass sich offensichtlich die Katholische Kirche in Deutschland für diesen Vorschlag ausspreche.

Die Artikel waren verkürzt. Nicht etwa „die Katholiken“ oder Bischöfe hatten den Vorstoß gewagt, sondern das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Nun ist dies eine Laienorganisation, zwar eine nicht unwichtige, aber weder „die“ Vereinigung der deutschen Katholiken, noch das repräsentative Vermeldungs- oder Entscheidungsgremium. In der Blogozese wird über diese Organisation weitaus mehr geredet und – nicht gerade positiv. Man geht dort soweit, das „ZdK“ nur in Anführungszeichen zu setzen. Das ZdK sieht sich demokratisch legitimiert, in Wahrheit sitzen als sog. „Dazugewählte“ im Rat auch 45 Personalien aus Politik und Gesellschaft, die – meiner Meinung nach – weniger ein Aushängeschild des Katholizismus in Deutschland sind, sondern mehr eine Verwebung mit Landes- und Bundespolitik, sowie den tonangebenden Medien in Deutschland darstellen. Neben den Ministerpräsidenten Malu Dreyer, Annegret Kramp-Karrenbauer und Winfried Kretschmann ist auch Peter Frey, der Chefredakteur des ZDF, Mitglied der dortigen Vollversammlung. Abgesehen von solchen Details (die eher an die ideologische Ausrichtung und die Organisation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks denken lassen als an eine gewöhnliche katholische Laienorganisation) weicht das ZdK in manchen Fragen auch von der katholischen Lehre ab, so in Fragen des „Schwangerschaftsabbruchs“ (Stichwort Donum vitae) als auch beim Frauendiakonat oder der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.

Kurz: es handelt sich hier um eine „progressive“ katholische Vereinigung* mit Netzwerken in Politik und Medien, der man eine völlige Neutralität kaum attestieren kann. Es handelt sich demnach um eine bestimmte katholische Laienvereinigung, aber nicht die katholische Laienvereinigung Deutschlands. Dass das ZdK auf einer Höhe mit dem Zeitgeist in Medien und Politik ist, mag daher kaum verwundern. Ganz abgesehen davon, dass nach katholischer Lehre die katholische Vertretung durch ihre Bischöfe stattfindet. Das mag zwar nicht demokratisch sein, aber auch Jesus hat seine Apostel nun einmal nicht demokratisch gewählt. Harte Einsicht, aber der Heiland selbst hatte es nicht so mit Demokratie – was auch den Wert einer „demokratischen Legitimation“ im katholischen Raum eher lächerlich macht. Eingedenk der Tatsache, dass das ZdK auch keine allgemeinen katholischen Wahlen stattfinden lässt, sondern über Organisationen und Räte wählt (der Präsident also auch nur indirekt gewählt wird), kann das Zentralkomitee sowieso nicht auf eine irgendwie geartete Legitimation demokratischer Art rekurrieren, auch wenn das immer wieder behauptet wird.

Es ist jedoch offensichtlich, dass eine polit-mediale Agenda derzeit versucht, nach jedem Strohhalm zu greifen, den sie bekommen kann, um den Wunsch nach islamischer Kulturbereicherung durchzusetzen. Wo keine Fakten sind, da hilft Suggestion. Spannend ist dabei, dass der Wunsch nach einem Feiertag eben nicht aus der muslimischen Ecke kommt – der Zentralrat der Muslime ist ebenso legitimationsbedürftig wie das Zentralkomitee „demokratischer“ Katholiken – sondern aus Regierungskreisen, der Presse und ideologischer Gruppen, die im Grunde nichts mit dem Islam zu tun haben (welch Ironie, das mal unironisch zu verwenden). In einem Twitterstrang fragt ein katholischer Theologe und Priester, mit welchem Argument man denn Muslimen einen Feiertag absprechen könnte, wenn Katholiken hierzulande feierten. Den Tatbestand jahrhundertelanger christlicher Prägung Deutschlands und seiner Werte lässt der Herr nicht gelten – in der Tat bedeute das Fehlen eines islamischen Feiertags Diskriminierung, es mache Muslime zu Bürgern zweiter Klasse.**

Solche Diskursstrategien findet man heute häufig. Sie belegen zwei Dinge.

Erstens: Die Teilnehmer haben das Konzept des Feiertages nicht begriffen (oder wollen es nicht begreifen). Feiertage hängen mit der Staatswerdung und Nationsbildung zusammen. Auch wenn morgen alle Deutschen atheistisch würden, so ist doch der Anteil der christlichen Kultur (und da ist die Religion nur ein Teil von) immer noch eines der formgebenden Prinzipien. Ob nun die katholischen Habsburger oder die protestantischen Hohenzollern – die Häupter Deutschlands sind christliche Häupter gewesen, so unchristlich ihre Politik auch sein konnte. Philosophie, Kunst, Musik: das Feld ist weit und sollte jedem einleuchten, der sich mit der deutschen Geschichte vor 1933 beschäftigt hat. Vielleicht sind christliche Feiertage für viele nur Restbestände einer untergegangenen Kultur – auch ein katholischer Zyniker würde dem wohl zustimmen – aber sie sind Fundamente dessen, auf dem, mit dem und neben dem wir tagtäglich leben. Man muss nicht nur entwurzelt, sondern auch ignorant sein, wenn man dies nicht anerkennt. Die christlichen Feiertage sind gewachsene Strukturen. Feiertage dienen dem Ritual und des Andenkens, sie bilden nicht das jetzige Sein eines Landes, sondern dessen Vergangenheit ab. Der Islam ist davon kein Teil.

Jüdische Feiertage wären dieser Argumentation nach weitaus logischer als muslimische. Juden haben aber dennoch niemals einen so bedeutenden Anteil der Gesamtgesellschaft gestellt, dass sie über den Minderheitenstatus hinausgelangten. Das gilt übrigens auch für Sorben oder die verschiedenen Gastarbeiternationen in Deutschland, von Sikhs, Buddhisten oder Hindus ganz zu schweigen. Trotzdem käme wohl keinem Vertreter dieser Gruppen (außer womöglich einem Lobbyisten) in den Sinn, dass alle diese Gruppen diskriminiert und Bürger 2. Klasse seien. Echte Zuwanderergesellschaften wie die USA haben bis heute keinen islamischen oder jüdischen Feiertag – und auch nicht für die jeweiligen Zuwanderergruppen. Chanukka oder Saint Patrick wird dort dennoch gefeiert, ohne Sanktionen, ohne Probleme. Auch werden Muslime nicht davon abgehalten, hierzulande das Zucker- oder Opferfest zu feiern. Die Bräuche spielen für die Staatwerdung und dessen Selbstverständnis einfach keine Rolle. Der Staat ist dazu da, seine Bürger gerecht zu behandeln, nicht um Sonderwünsche zu erfüllen.

Zweitens: Die Diskussion entlarvt. Einerseits wird betont, eine Islamisierung fände nicht statt, die Gruppe der Muslime sei klein und meistens eher säkular und demokratisch ausgerichtet, nicht religiös. Wäre dies der Fall, dann bräuchte es keinen muslimischen Feiertag, weil sich sowieso keiner darum kümmerte. Er wäre nur ein Symbol, dass der Islam zu Deutschland gehört, obwohl er das aus kultureller und historischer Sicht nie getan hat und es aus wertkonformer Sicht auch vermutlich nie tun wird. In Ländern mit historischen muslimischen Gemeinschaften mag das anders aussehen; bisher erschließt sich mir der Beitrag der muslimischen Gemeinschaften in Deutschland allerdings in keinem relevanten Feld (das sieht bei den Juden als historische Minderheit schon ganz anders aus). Wenn man nun jedoch wieder hervorbringt, die Muslime bräuchten so viel Zeit zum Beten, daher einen Feiertag, so ist doch die Frage zu stellen, ob es nicht dann doch zum größten Teil eher religiöse Kreise sind, die dieses Projekt vorantreiben wollen, es sich also doch um eine Islamisierung handelt? Auf das Paradoxon ist wohl bisher niemand gestoßen.

Beschwerden darüber, dass Muslime an christlichen Feiertagen frei hätten, aber sonst lieber arbeiten würden, oder gar aufs Weihnachtsgeld verzichteten – sind mir unbekannt. Wenn selbst Grünen-Frontmann Cem Özdemir die Diskussion abwürgt, indem er darauf verweist, dass Muslime an ihren Feiertagen freinehmen könnten – warum hört man dann so viel aus christdemokratischen Parteien und christlichen Komitees dazu?

____________________________
*Wobei man sich berechtigterweise fragen kann, ob der Katholizismus nicht seinem Wesen nach bereits konservativ ist, und ihm im Grunde alles Progressive fremd. Etwas „Neues“ kann es dort per se nicht geben.
**Der angesprochene Bruno Hünerfeld hat sich inzwischen bei mir via einer – wie ich hervorheben will: sehr freundlichen – Email gemeldet. Er fühlt sich an dieser Stelle falsch verstanden, dass ich den Einwand christlicher Prägung nicht gelten lasse; er stehe durchaus dahinter. Allerdings sei ihm die Frage nach der Integration „heute“ wichtiger. Meine Ausführung ist hier ausdrücklich so zu verstehen, dass ihn meine Argumentation nicht befriedigt, nicht, dass ich ihm abspräche, er würde die christliche Prägung Europas oder Deutschland leugnen.

Marco Fausto Gallina studierte Politik- und Geschichtswissenschaften in Verona und Bonn. Geboren am Gardasee, sozialisiert im Rheinland, sucht der Historiker das Zeitlose im Zeitgeistigen und findet es nicht nur in der Malerei oder Musik, sondern auch in der traditionellen italienischen Küche. Katholische Identität und europäische Ästhetik hängen für ihn dabei unzertrennlich zusammen. Unter den Schwingen des venezianischen Markuslöwen betreibt er seit 2013 sein Diarium, den Löwenblog.
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  1. Brigitte Tabor

    Schade, dass der Begriff „Opfer“ in unserem Wortschatz viel zu wenig auftaucht, bei jungen Leuten sogar negativ besetzt ist („Du Opfer“ als Schimpfwort). Ich finde, man könnte ein „Opferfest“ sehr gut christlich feiern und interpretieren, indem man Gott Vater feiert, der sich selbst das auferlegt hat, wovor er Abraham verschonte. Die Geschichte passt auf jeden Fall in unseren christlichen Kontext, würde uns verbinden und die christliche Interpretation des Wortes Opfer als Opfer Christi verbreiten.

    • Denis Modin

      Wir feiern aber, allein, das Opfer Christi, in der heiligen Eucharistiefeier.

      • Brigitte Tabor

        In der Eucharistie wird das Opfer Christi gefeiert, hat aber Bedeutung und Auswirkung auf das ganze Leben. Wäre das nicht in einem christlichen Opferfest zu feiern?

    • Josef Broszeit

      Wenn sie so wollen, @Brigitte Tabor, ist der Karfreitag DAS christliche „Opferfest“, auch wenn dieser Tag, zumindest für Katholiken, als eher stiller Gedenk-, Fast- und Abstinenztag begangen wird.

      • Brigitte Tabor

        Da haben Sie natürlich recht. Mir geht es aber auch um den Begriff „Opfer“, den wir Christen doch auch betonen, aber vielleicht nicht deutlich genug in unserem Sprachgebrauch verankert haben. Wir waren doch immer gut darin, bestehende Feste aufzugreifen und sie christlich zu interpretieren. Wie wäre es, den 14. September-Fest Kreuzerhöhung einfach umzubenennen, wie gesagt, ich fände es gut, wenn wir Christen den Opfergedanken für unsere Religion besetzen. War nur so eine Idee.

      • Josef Broszeit

        Nun, ich denke, „Kreuzerhöhung“ ist als christl. Opferfest ungeeignet. Denn das ist das Gedenken an die Wiederauffindung des Kreuzes Jesu Christi in Jerusalem durch Kaiserin Helena. Nicht aber ein Fest des Kreuzesopfertodes des Herrn.
        Das islamische „Opferfest“ erinnert an die lt. Koran ! beinahe Opferung Ismaels – nicht Isaaks – durch Abraham. Total ungeeignet für Christen und Juden wg. der koranischen Geschichtsklitterung der Bibel.

  2. Denis modin

    Niemals darf es einen muslimischen Feiertag in Deutschland geben. Würde dies geschehen, würden wir Christus verleugnen und wir wären kein christliches Land mehr. Deutschland ist Teil des christlichen Abendlandes. Der Islam ist eine auf Eroberung angelegte Ideologie, keine echte Religion.

  3. Josef Broszeit

    In Deutschland gibt es neben bundeseinheitlichen Feiertagen (Karfreitag, Neujahr, 3.Okt., …) auch zahlreiche nur in bestimmten Gegenden/Bundesländern per Gesetz bestimmte religiöse Feiertage (Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt, Refornationstag,…).
    Letzteres führt wg. der Ungleichbehandlung immer wieder zu Ärger und Neid bei den Zukurzgekommenen.
    Wie wäre es, einen solchen Tag zur Disposition zu stellen, d.h. formal abzuschaffen und zugleich allen arbeitenden Bürgern bundesweit dafür einen freien Tag Urlaub mehr zu geben?
    Jeder Arbeitnehmer könnte ihn dann nach seinem Gusto verwenden – also z.B. an einem ihm wichtigen religiösen Festtag Urlaub nehmen. Ich wüsste nur nicht recht, wie das in Schulen und Universitäten etc. geregelt werden könnte.

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