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Mit der Feder gegen Hitler

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Biografie des Historikers, Publizisten und Märtyrers Fritz Michael Gerlich (1883-1934)

Fritz Michael Gerlich (1883-1934) war seit Anfang des 20. Jahrhunderts in München publizistisch tätig, in den 1920er Jahren als Chefredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten, Vorgängerin der „Süddeutschen Zeitung“, ab 1930 mit seinem eigenen Blatt „Illustrierter Sonntag“, später „Der gerade Weg“. Calvinistisch erzogen, konvertierte er 1931 zum Katholizismus. Gerlich wandte sich aus christlicher Überzeugung scharf gegen Adolf Hitler und dessen Partei – auch wenn ihm bewusst war, dass ihn dies das Leben kosten könnte, sollten die Nationalsozialisten an die Macht kommen. Ab März 1933 war Gerlich ohne Prozess in sogenannter Schutzhaft, in der Nacht auf den 1. Juli 1934 wurde er im Konzentrationslager Dachau erschossen.

Fritz Michael Gerlich | EOM/Maler unbekannt, Fotograf: Christian Schranner

Carl Albert Fritz Gerlich wurde am 15. Februar 1883 in der damals deutschen Stadt Stettin (Szczecin) geboren und calvinistisch erzogen. 1901 legte er am Königlichen Marienstifts-Gymnasium in Stettin das Abitur ab. Anschließend studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zunächst Naturwissenschaften, dann Geisteswissenschaften und Geschichte. Er war Vorsitzender des Zusammenschlusses der nichtkorporierten Studenten und Sekretär des liberalen Arbeitervereins München (bis 1909). Neben dem Studium arbeitete er als Werbetexter. 1907 wurde Gerlich zum Dr. phil. promoviert mit einer Arbeit über das Testament Heinrichs VI. Es schloss sich eine Ausbildung als Archivar an, zudem wurde Gerlich bayerischer Staatsbürger (zuvor war er preußischer Staatsbürger gewesen). Ab 1911 war er am Königlichen Geheimarchiv in der Alten Akademie in München tätig. Er arbeitete zudem wissenschaftlich unter anderem zu Geschichte und Theorie des Kapitalismus.

Als militäruntauglich eingestuft, blieb Gerlich auch während des Ersten Weltkriegs Archivar in München. Als Student sehr liberal eingestellt, rückte er nun politisch nach rechts und unterstützte die Annexionspolitik der alldeutschen Vaterlandspartei, unter anderem durch Veröffentlichungen in den „Freien deutschen Blättern“, den „Süddeutschen Monatsheften“, den „Historisch-politischen Blättern für das katholische Deutschland“ sowie der von ihm neugegründeten Wochenschrift „Die Wirklichkeit. Deutsche Zeitung für Ordnung und Recht“. Sie wurde bereits 1917 von der Zensur verboten, verschaffte Gerlich jedoch politische Bekanntschaften in national-konservativen Kreisen.

Nach dem Weltkrieg und dem Ende der Monarchie engagierte sich Gerlich unter anderem in der „Liga zur Bekämpfung des Bolschewismus“. Mit Beginn der Räterepublik in München Anfang April 1919 floh er zuerst nach Berlin und wenig später nach Bamberg, wo er Kämpfer für die Freikorps-Verbände anwarb, die die Räterepublik angriffen. Durch die Armee der Reichsregierung fiel Ende Mai die Räterepublik. Gerlich wurde nun verstärkt publizistisch tätig und schrieb gegen linke politische Konzepte, aber auch gegen Antisemitismus. In seinem Buch „Der Kommunismus als Lehre vom Tausendjährigen Reich“ (1920) rechnete Gerlich den Kommunismus wie später auch den Nationalsozialismus zu den diesseitigen Ersatzreligionen und verurteilte den verbreiteten Antisemitismus. Gerlich wurde nun Mitglied der neugegründeten Deutschen Demokratischen Partei und bemühte sich vergeblich um ein Parlamentsmandat.

1920 wurde Gerlich zum Hauptschriftleiter (Chefredakteur) der „Münchner Neuesten Nachrichten“ (MNN) berufen, Vorgängerin der „Süddeutschen Zeitung“. Gerlich brachte die bis dahin eher linksliberale und wirtschaftsfreundliche Zeitung auf die von den Besitzern gewünschte deutsch-nationale Linie. Zu dieser Zeit hielt Gerlich nur geringen Abstand zur nationalistischen Rechten in Bayern, in der die NSDAP bald dominierte. Im Jahr 1923 traf Gerlich insgesamt dreimal mit Adolf Hitler zusammen. Der gescheiterte Hitler-Ludendorff-Putsch vom 9. November 1923 aber machte Gerlich zum entschiedenen Gegner des Nationalsozialismus. Er trat aus der Deutschen Demokratischen Partei aus und unterstützte künftig den konservativ-föderalistischen Kurs der Bayerischen Volkspartei. Publizistisch setzte er sich, begründet mit dem Postulat der Religionsfreiheit, für den Abschluss des Bayerischen Konkordates mit dem Heiligen Stuhl ein.

Im Februar 1928 verließ Gerlich nach einem Streit mit der Verlagsleitung die „Münchener Neuesten Nachrichten“. Als Journalist reiste Gerlich ins oberpfälzische Konnersreuth in der Absicht, die Berichte über die Stigmatisierungen der Therese Neumann als Schwindel zu entlarven. Stattdessen aber wurde Gerlich ein überzeugter Anhänger Neumanns. 1929 veröffentlichte er ein zweibändiges Werk über Neumann, in dem er mit wissenschaftlicher Akribie deren Glaubwürdigkeit zu belegen suchte. Geschäftliche wie private Entscheidungen traf Gerlich nun nach Ratschlägen von Therese Neumann.

1930 übernahm Gerlich mit finanzieller Unterstützung eines Freundes das Münchner Blatt „Illustrierter Sonntag“ und baute es zu einer Meinungspublikation um. Mit einem Artikel unter der Überschrift „Hitler und Wilhelm II.“, in dem er beide als größenwahnsinnige Männer beschrieb, startete er einen frontalen Angriff gegen den aufstrebenden Nationalsozialismus. Er erntete scharfe Kritik und reagierte darauf mit einem persönlichen Bekenntnis: Derzeit „Katechumene der katholischen Kirche“, sei er durch „viele Irrtümer“ hindurch gegangen, habe bei der Leidenschaft seines Temperaments „sicher mehr gefehlt als die meisten meiner Zeitgenossen und allerlei wieder gutzumachen“. Im September 1931 wurde Gerlich im Beisein Neumanns offiziell in die katholische Kirche aufgenommen, wobei er den zusätzlichen Namen Michael annahm, und seine Ehe wurde kirchlich anerkannt. Kardinal Faulhaber spendete ihm kurz darauf die Firmung.

In seiner Zeitung, die ab 1932 als „Der gerade Weg“ erschien, griff Gerlich den Nationalsozialismus immer stärker an und schrieb selbst, dass er davon ausgehe, „dass wir zu den ersten gehören werden, die gehängt werden, wenn der Tag der ‚Freiheit‘ für das deutsche Volk anfängt“. Er warnte vor der „geistigen Pest“ des Nationalsozialismus, der für ihn „Lüge, Hass, Brudermord und grenzenlose Not“ bedeutete. Gerlich spottete über die Rassenideologie der Nationalsozialisten und schrieb über die NSDAP-Parteileitung, dort sei „eine Mischung aus Kriminellem und Pathologischem stark vertreten“. Gerlich sah in Hitler „die Unbedingtheit des Bösen“ zum Ausdruck gekommen.

Am 30. Januar 1933 sah Fritz Michael Gerlich den Beginn von „Deutschlands Leidensweg“, am 18. Februar trat er der Bayerischen Volkspartei bei, um seine Verbundenheit mit den katholischen Parteien zu bekunden. Fünf Tage später schrieb er einem Freund in der Schweiz: „Die Zustände bei uns sind trostlos … wir wissen von heute auf morgen nicht, ob wir landesflüchtig oder erschlagen werden.“ Das Drängen seiner Mitarbeiter, ins Exil zu gehen, lehnte er ab: „Ich bin bereit, für das, was ich geschrieben habe, mit meinem Leben einzustehen.“ Am 9. März 1933 stürmte und verwüstete die SA seine Redaktionsräume in der Münchner Hofstatt, misshandelte und verhaftete Gerlich, der keinen Widerstand leistete. In der sogenannten Schutzhaft im Münchner Polizeipräsidium Ettstraße wurde er weiter misshandelt und aufgefordert, sich selbst das Leben zu nehmen. In der Nacht zum 1. Juli 1934 wurde er in das Konzentrationslager Dachau gebracht und dort kurz nach seinem Eintreffen erschossen. (glx)

Quelle: E R Z B I S C H Ö F L I C H E S  O R D I N A R I A T  M Ü N C H E N

2 Kommentare

  1. Hier ist eine Präzisierung notwendig,weil er ohne ein irgendwie geartetes Verfahren hinterrücks über den Haufen geschossen wurde, ist ermordet der richtige Ausdruck.

    Erschossen gilt für Hinrichtung!

    Beim Vernichtungsprogramm gegen die Juden, was als Völkermord bezeichnet werden kann, neige ich allerdings zum Begriff töten. Es war staatlich organisiert. In Ruanda waren die Täter die aufgehetzten eigenen Nachbarn. Ethnisch begründeter Völkermord.

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