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In Erdmannsdorf bei Chemnitz ist der Turm der Trinitatiskirche saniert worden. Eine Hohlkugel auf dessen Spitze gab dabei eine sprechende Erinnerung an die einstige Unterdrückung von Gläubigen in der DDR preis.

Die Trinitatiskirche der ev.- luth. Kirchgemeinde
Erdmannsdorf | Bild: http://www.kirche-erdmannsdorf.de

Von Michael Kunze

Erdmannsdorf. Mitte Mai war es, als Dachdecker, Angehörige der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde und Pfarrer Uwe Winkler einen kleinen Schatz aus der Kapsel unter dem Kirchturmkreuz im sächsischen Erdmannsdorf bei Chemnitz zogen. „Eigentlich war ich zunächst ein bisschen enttäuscht über den Inhalt“, sagte Winkler im Nachgang. Denn die Kapsel barg auf den ersten Blick keine Kostbarkeiten. Es fanden sich lediglich eine bislang undatierte gedrechselte Holzkartusche, eine weitere glatte, schmalere aus Kupfer, dazu eine Glasflasche und ein größeres Papierstück, dessen Beschriftung durch Witterungseinflüsse weitgehend unkenntlich geworden ist. Als Winkler vor Jahren an einer Kirchensanierung im erzgebirgischen Städtchen Thum mitwirkte, habe ein ähnlicher Behälter etwa alte Münzen beinhaltet.

Derartige Stücke sind in Erdmannsdorf (Kreis Mittelsachsen) nicht aus der etwa 80 Zentimeter Durchmesser aufweisenden Kapsel gerollt; dafür befand sich aber in ebenjener, mit Zinn verlöteten Kupferkartusche ein sechsseitiger Bericht zur Instandsetzung des Turms der Trinitatiskirche vom Juni 1959. Dieser offenbart einen selten plastischen Eindruck von der Nachkriegszeit unter DDR-Bedingungen. Aus dem vom damaligen Pfarrer Werner Baltzer unterzeichneten Dokument spricht sehr offene Kritik an den politisch-wirtschaftlichen Verhältnissen und an der deutschen Teilung. „Gott bewahre uns vor dem Ärgsten!“, steht etwa darin. Oder – mit Blick auf die wachsende Bedeutung der Jugendweihe: „Er lasse diese Wellen der Gottlosigkeit der Kirche zur Bewährung werden.“ So klar wie das als „Baubericht“ überschriebene Dokument ausfällt, wäre es dessen Urhebern wohl schlecht ergangen, hätten offizielle Stellen davon Wind bekommen.

Der Staat trieb einen Keil zwischen Kirche und Jugend

Etliche Passagen aus dem Text schildern eine Art Kirchenkampf auf lokaler Ebene, der für Walter Ulbrichts erste Regierungsjahre seit 1949 DDR-weit nachweisbar ist: „Schiefer war und ist auch noch jetzt Mangelware, obwohl er in dem nahen Thüringen gebrochen wird“, schreibt Protokollant Johannes Irmscher. Dieser war seinerzeit laut Hobbyhistoriker Siegfried Kempe Mitglied im Kirchenvorstand der Gemeinde. Und weiter: „Durchweg wird der gute Schiefer ins Ausland exportiert (wozu gegenwärtig auch der westliche Teil Deutschlands gerechnet wird), beziehungsweise nur für von staatlichen Regierungsstellen wichtige Bauprojekte freigegeben.“ Da Zinkblech, Kupfernägel oder haltbare Farbe für die Turmuhrziffernblätter in der DDR nicht zu haben waren, sollten sie aus Westdeutschland eingeführt werden. „Die östlichen staatlichen Behörden waren aber zunächst nicht bereit, einem Einfuhrantrag stattzugeben. Politische und überhaupt Prestigegründe hinderten sie daran“, so Irmscher. „Rund zwei Jahre mussten wir als Kirche warten, bis die Unterschriften zur Zustellung der Baustoffe gegeben waren. Solche Einfuhr von 15 Zinkblechtafeln – die noch vor 15 Jahren jeder Klempnermeister am Lager hatte – bedurfte der Genehmigung durch die Stellen des Ministeriums der Regierung von Ostdeutschland.“

Dass die Einschüchterung von Gläubigen selbst in kleinen Ortschaften weit über die Erschwerung derartiger Sanierungsmaßnahmen hinausging, belegt der Bericht anhand dessen, wie der Staat einen Keil zwischen Kirche und Jugend zu treiben suchte. „Von direkter Hetze des Staates gegen die Allmacht Gottes ist weniger der Gottesdienst, als vielmehr der Unterricht unserer Christenlehrekinder und ganz besonders der Konfirmanden bedroht“, notiert Irmscher. „Die Kinder sollen durch sogenannte wissenschaftliche Aufklärung dem Evangelium entfremdet werden und statt der heiligen Taufe der weltlichen Namensgebung und statt der jahrhundertealten Konfirmation der sozialistisch-materialistischen Jugendweihe zugeführt werden, was den Atheismus zur Folge haben dürfte.“ Sonntags, berichten Pfarrer Baltzer und Protokollant Irmscher, erscheinen – Stand: Sommer 1959 – durchschnittlich 100 Gemeindeglieder in der Kirche. Mittlerweile ist es ein Bruchteil, auch wenn zur nunmehrigen Wiedereinsetzung des Dokuments auf der sanierten Turmspitze viele Dutzend Gläubige dankbar den Baufortschritt nach einer Andacht neben der Kirche in Augenschein nahmen. 1959 aber drängte die Sanierung so wie in diesem Jahr, da sie seinerzeit zwanzig Jahre verspätet in Angriff genommen worden war, nachdem Krieg und Pfarrerwechsel sie verhindert hatten. Trotzdem hätten staatliche Stellen über drei Jahre hinweg „kein Stück Material“ gebilligt, ist im Baubericht zu lesen. Möglich wurde die Instandsetzung nur, da Handwerker aus eigenen Beständen aushalfen. Ständig fehlte Geld. Um die finanziellen Belastungen „verkraften zu können, gingen neun Gemeindeglieder … unter Leitung des Ortspfarrers mit Verkündigungsspielen auf Fahrt durch die Umgegend und erbaten sich Kollektengelder …“. Selbst arme Gemeindeglieder hätten „oft auch nur … Pfennigbeträge“ monatlich gespendet in einer Zeit, in der einstige wichtige Förderer der Kirche wie die letzten hier lebenden Verwandten der Industriellen-Dynastie Meister „ihre Heimat Erdmannsdorf schweren Herzens verlassen“, um in den Westen zu gehen. Die Nachteile, mit denen die Kirche von amtlicher Seite aus zu kämpfen hatte, gingen laut Protokoll so weit, dass die Verputzung des Kirchturms verboten wurde – „obwohl bekannt war, dass das Gerüst für cirka 9 000 DM bereits stand und ausgenutzt werden musste“.

Unter dem Einsatz vieler Ehrenamtlicher, die in Feierabendarbeit mithalfen, konnte die Sanierung schließlich umgesetzt werden. Dabei lesen sich die Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat, die der Bericht wiedergibt, ein wenig wie jene, von denen die Don-Camillo-Reihe berichtet, die nicht zufällig zur gleichen Zeit gedreht wurde. Die Realität jener Jahre, folgt man dem Erdmannsdorfer Dokument, bot dabei weit seltener Gelegenheit zu Kompromissen, als sie die Streifen aus Nachkriegsitalien trotz der spielfilmischen Behandlung des Themas nahelegen: So schließen Johannes Irmscher und Pfarrer Baltzer mit „der inständigen Bitte und mit heißem Flehen, dass Gott uns bald ein wiedervereinigtes, friedliches Deutschland gebe“.

Während jüngst die Turmkapsel in 53 Metern Höhe abermals installiert worden ist, wurde der Inhalt nach Vorgaben der Landeskirche um einige Stücke ergänzt, berichtet Pfarrer Uwe Winkler. Dazu zählten ein Gemeindebrief, um die Aktivitäten der Pfarrei zu dokumentieren, eine aktuelle Ausgabe der lokalen Tageszeitung, Münzen und Dokumente der Baufirmen. Selbst Papierart und Stifte, die für die Ausfertigung der Unterlagen verwendet werden durften, waren vorgeschrieben – aus einem naheliegenden Grund: „Dass ein Schriftstück in hundert Jahren nicht mehr lesbar ist, wie wir es nun ja erlebt haben, soll sich nicht wiederholen“, sagt er. Es durfte daher nur besonders witterungsbeständiges Material zum Einsatz kommen.

Ihren Bericht beschlossen Johannes Irmscher und Werner Baltzer, der mit „pastor loci“ unterzeichnete, vor 58 Jahren mit einem Aufruf aus dem zehnten Kapitel des Hebräerbriefes: „Lasset uns halten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken, denn ER ist treu, der sich verheißen hat … Und lasset uns nicht verlassen unsere Versammlung, wie etliche pflegen, sondern einander ermahnen und das umso mehr, je mehr ihr sehet, dass sich der Tag naht … Wir aber sind nicht von denen, die da weichen und verdammt werden, sondern von denen, die da glauben und die Seele erretten.“ Bekennermut, DDR 1959.

Dr. Michael Kunze (*1982) ist freier Journalist, Autor, Blogger, Zeitzeuge. Beiträge für Hörfunk und Zeitung (u.a. FAZ, FAS sowie Die Tagespost) zu Politik, Kultur/Feuilleton, Wirtschafts- und Wissenschaftsthemen, Lokalem. Interesse an Kunst, Literatur und Mode, klassischer Gitarrenmusik von Hans Neusidler bis John Dowland, Politik, Sakralarchitektur und (katholischer) Theologie. Zuletzt erschien: "Sigmund Neumann – Demokratielehrer im Zeitalter des internationalen Bürgerkriegs", Berlin 2015. Homepage: www.michael-kunze.net
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