Gestern haben die Vereinigten Staaten von Amerika nicht nur Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels anerkannt, sondern auch bekannt gegeben, ihre Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen.

Bild: Pixabey

Ein Kommentar von Franziska Holzfurtner

Für Israel ist das ein historischer Moment. Zwar ist Jerusalem schon seit 1950 offiziell die Hauptstadt Israels, aber die Anerkennung durch andere Nationen gestaltet sich schwierig. Dass die USA nun einen Vorstoß gewagt haben bedeutet, dass viele Staaten den Status neu evaluieren könnten.

So groß dieses Ereignis für den modernen Staat Israel sein mag, so klein wirkt es im Vergleich wenn man es im Rahmen der langen Geschichte Jerusalems als Hauptstadt eines jüdischen Staates insgesamt betrachtet. Eine komplizierte Beziehung ist es und eine, die von so harten Rückschlägen geprägt ist, dass klar ist, wie sehr das Judentum und sein Jerusalem sich in wechselseitiger Liebe verbunden sein müssen. Lächerlich erscheint das sich-Zieren der internationalen „Gemeinschaft“ vor dem Hintergrund dieser mehr als 3000-jährigen Geschichte.

Tatsächlich gab es Israeliten, bevor diese Jerusalem bewohnten. Verstreute Dörfer in der Region Kanaan, die sich noch nicht so radikal vom Polytheismus der umgebenden Völker abhoben, wie das später der Fall war. Man teilte eine ähnliche Kultur und opferte auch kleineren Gottheiten an markanten Orten in der Natur.

Eben diese natur-religiösen Wurzeln sind es auch, die den Grundstein für die intensive Beziehung des Judentums zu seinem Land legen, eine Beziehung die beispielsweise auch der emischen Bevölkerung Süd- und Nordamerikas zugestanden wird und deren Vertreibung allgemein als Unrecht gilt. Aber das nur am Rande.

Denn das Judentum war alsbald dabei, sich von diesen Wurzeln fortzubewegen. Laut der Bibel war es David, der ca. 1000 v. Chr. Jerusalem von den Jebusiten eroberte, sie aber nicht vertrieb sondern in sein Reich eingliederte. Kurz darauf, ca. 950 v. Chr. begann sein Sohn Salomon mit dem Bau des ersten Tempels, der nun dem bisher mobilen Heiligtum der Israeliten, der Bundeslade, eine Heimat geben sollte. Die Quellen für die Existenz dieses Tempels sind lediglich in der Bibel zu finden, wobei gegenwärtig kaum Ausgrabungen vor Ort möglich sind. Die baldige Teilung in Israel und Juda (wobei Jerusalem die Hauptstadt von Juda wurde), führt dazu, dass der Tempel nicht mehr allein zur Verehrung des einen Gottes eingesetzt wurde. Möglicherweise schildert die Bibel diesen Verfall auch, um diese Zeit von der Restauration unter Hiskija und Joschija, in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts bzw. des siebten Jahrhunderts vor Christus abzuheben.

Zu diesem Zeitpunkt leben schon seit 300 Jahren Juden in Jerusalem.

Die von Hiskija zurückgehaltenen Assyrer, deren Bedrohung wahrscheinlich die Inspiration für den Beginn der Niederlegung der Torah war, fielen alsbald einer noch größeren Bedrohung anheim. Die Babylonier zerstörten den ersten Tempel und verschleppten besonders die intellektuelle Oberschicht Jerusalems und ganz Judas nach Babylon. Aus dieser Zeit stammt diejenige Literatur, ohne die das Judentum wahrscheinlich auch die Diaspora der vergangenen zweitausend Jahre nicht überlebt hätte.

Bild: Pixabey

Diese Erfahrung von Heimatlosigkeit und Trost im Vertrauen auf Gott ist bis heute der emotionale Kern nicht nur des Judentums, sondern auch seiner Tochterreligionen. Einerseits ein Trauma, das die Juden wieder und wieder erleiden müssen und vor dem es letztlich nur in Israel Schutz gibt, andererseits der Startschuss für eine beispiellose intellektuelle Entwicklung, die bis heute den Globus in Atem hält.

Unter dem Eindruck des babylonischen Exils entstanden die wichtigsten Texte der jüdischen und damit christlichen Tradition. Man könnte sagen: erst die Erfahrung in der Fremde ließ die Israeliten darüber nachdenken, dass sie Juden sind und worin dieses Jüdischsein besteht. Als 539 Babylon von den Persern eingenommen wurde und bald darauf die intellektuelle Führung Judas nach Jerusalem zurückkehrte, begann diese die Wiedererrichtung des alten Jerusalem auf dieser neuen Grundlage. 515 soll nun der zweite Tempel in Jerusalem fertig gestellt worden sein. Diesmal sogar archäologisch, in außerbiblischen Schriften und mit allem Pi-pa-po belegt.

Mit Alexander dem Großen musste sich Juda und damit Jerusalem glücklicherweise nicht anlegen, dieser war eher auf Ägypten aus. Von ihm erhielten die Israeliten das Recht, nach eigenen Gesetzen in Juda zu leben.

Zu diesem Zeitpunkt lebten seit 700 Jahren Juden in Jerusalem.

Während der Diadochenkämpfe wechselte Jerusalem anschließend sechsmal die Herrschaft und entging nur knapp den Versuchen, seine Bewohner notfalls mit Gewalt zu griechischen Polytheisten zu machen.

168 v. Chr. wird seit dem babylonischen Exil Jerusalem zum ersten Mal wieder die Hauptstadt eines unabhängigen Juda. Der blutige Aufstand der Makkabäer entrissen die Stadt dem Würgegriff der Seleukiden. Im Zusammenhang mit dieser Auseinandersetzung soll sich im Übrigen auch das Chanukka-Wunder ereignet haben und zu diesem Zeitpunkt lebten in Jerusalem seit 800 Jahren Juden.

Dieses kurze Intermezzo hielt jedoch leider nicht lange. Schon hundert Jahre später eroberten die Römer das, was sie als Provinz „Judäa“ bezeichneten. Sie sollten nicht viel Freude an dieser Eroberung haben, denn die lokale Bevölkerung erwies sich als geradezu notorisch aufmüpfig. Kein Wunder angesichts der fast tausend Jahre der Bedrohung, Verschleppung und Fremdbestimmung.

Die Römer hatten von den Zeloten und Sikariern und Anhängern eines Propheten namens „Jesus von Nazareth“ beim Bar-Kochba-Aufstand schließlich die Nase voll und entschlossen sich zu ihrer erprobten Maßnahme für solche Fälle: Jerusalem inklusive des Tempels und eines großen Teils seiner Bewohner wurde dem Erdboden gleich gemacht und durch eine römische Planstadt mit Pools, einem Jupitertempel anstelle des jüdischen Tempels und City-Quartieren in bester Lage ersetzt.

Halten wir Inne. Denn alles, was ich ihnen erzählt habe bis gerade eben, ist nach der Ansicht verschiedener zeitgenössischer Palästinenseraufhetzer nie geschehen.

Der jüdische Tempel, die Bibel, sämtliche antike Quellen sind eine elaborierte Fälschung unmenschlich hinterlistiger Zecken namens Juden. Menschen, die sich offensichtlich aus reiner Bösartigkeit entschieden haben, über die ganze Welt verstreut zu leben, hunderte Pogrome und den Holocaust zu fälschen. Alles nur, um den Palästinensern 1948 ihr Geburtsrecht Jerusalem unter der Nase wegzuschnappen.

Ja aber, werden Sie sagen, wer glaubt denn so einen Unfug? Leider muss man eine Verschwörugstheorie nicht glauben, um sie aus falscher Sympathie mit ihren Trägern selbst zu verbreiten.

Die UNESCO veröffentlichte 2016 eine Resolution wonach Jerusalem eine heilige Stätte der Muslime sei, von Christen und Juden war hingegen nicht die Rede. Auch Bedford-Strom und Kardinal Marx setzten ein Zeichen in diese Richtung, als sie letztes Jahr ihre Kreuze ablegten und damit symbolisch den christlichen Anspruch auf die heilige Städte abgaben, der sich über den jüdischen Anspruch legitimiert. Vielleicht unwissentlich – das macht es eigentlich nur noch schlimmer.

Die Auslöschung des Tempels durch die Babylonier und die durch die Römer, sie machen Israel bis heute das Leben schwer. Sie leben fort in den Argumenten jener, die nur den muslimischen Anspruch auf Jerusalem gelten lassen.

Sie leugnen alles, was ich gerade gesagt habe und die zweitausend Jahre Leid und Sehnsucht der Juden seit der Zerstörung des zweiten Tempels.

Doch trotz alledem, obwohl die Juden Jerusalem im Laufe der Geschichte wieder und wieder verloren haben, obwohl sie in seinen Mauern durch die Hände der Babylonier, der Makedonier, der Römer, der Kreuzfahrer, verschiedener osmanischer und arabischer Machthaber ermordert und verfolgt wurden, obwohl sie jedes Jahr an Pessach hofften, es nächstes Jahr in Jerusalem zu feiern, hätten sie 1948 dem Teilungsplan der UN zugestimmt, gemäß dessen Jerusalem nicht Teil Israels gewesen wäre, sondern unter internationaler Verwaltung. Weil sie es wie die echte Mutter beim Urteil Salomons lieber in den Armen einer Fremden gesehen hätten, gesund und frei, als es der Zerstörung zu überlassen.

Wie, frage ich, kann diese Stadt jemals nicht das Herz Israels sein?

 

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