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Seine Majestät musiziert zu Ehren Mariens

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Von Marco F. Gallina

Wer das finstere Mittelalter sucht, wird es im 13. Jahrhundert mit Sicherheit nicht finden. Das Abendland befindet sich auf einem Höhepunkt von Gelehrsamkeit, Kunst und Wohlstand. Es ist das Zeitalter deutscher Minnesänger und provenzalischer Troubadoure, italienischer Kaufleute und Bankiers, von Rittern und höfischem Leben. Es ist Abschluss und Höhepunkt des Hochmittelalters, in denen der Okzident den Schatten hinterlassen hat, den der Fall des Römischen Reiches auf dem Kontinent zurückließ. Lateinische Klassiker werden bereits seit einiger Zeit wiederentdeckt, in der Philosophie tritt mit Thomas von Aquin die Lichtgestalt der Scholastik hervor. Fürsten, Könige und Kaiser entdecken ihr Interesse für die Wissenschaft und die schönen Künste. Die berühmteste Gestalt dieser Tage ist Friedrich II. von Staufen, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und König von Sizilien, der in Palermo nicht nur die Gelehrten seiner Zeit versammelt, sondern selbst ein Handbuch über die Falknerei verfasst.

Den oft beschworenen Kontrast zwischen Glauben und Kunst (und nach altem Verständnis ist die Wissenschaft ebenfalls eine von vielen Künsten) kennt das Mittelalter nicht; dass beide sich ausschließen, gar Licht und Schatten seien, ist ein Irrtum der Aufklärung, die im blinden Glauben an die Kunstfreiheit übersah, dass die europäische Kunst besonders von der Kirche und in den Kirchen gepflegt wurde. Die Vorstellung, dass Friedrich II. schon deswegen ein „moderner“ Mensch sein musste, weil er sich der Kunst zuwandte, ist eines jener typischen Missverständnisse des Mittelalters. Der Kaiser hätte diese Zuschreibung auch kaum verstanden – das gutgemeinte Kompliment der Gegenwärtigen hätte der mächtigste Mann der damaligen Welt als Affront aufgefasst. Gottesferne war ein Vorwurf der Gegner, keine Auszeichnung am Hof.

Friedrich II. war jedoch nur eine dieser mäzenatischen Gestalten des späten Hochmittelalters. Wenige Jahre nach seinem Tod bestieg im Jahr 1252 – am Rande des christlichen Kulturraums – eine weitere prägende Persönlichkeit dieser Blütezeit Europas den Thron. Alfons X. übernahm in Kastilien das Zepter. Dort hatte die Reconquista bereits ihre wichtigsten Schlachten geschlagen: Cordoba, Sevilla und Cadiz hatten die Christen der Hand des Islams entrissen. Als Prinz kämpfte Alfons bei den Belagerungen von Alicante und Murcia, als König eroberte er 1261 Jerez, ein Jahr später Niebla. Von dem einst mächtigen Kalifat, das bis auf den Norden die gesamte iberische Halbinsel beherrschte, verblieb zu Alfons Zeiten nur noch ein kümmerlicher Rest in Andalusien. Die Ambitionen des Königs von Kastilien und León reichten jedoch über Spanien hinaus. Nach dem Tod Friedrichs II. erhob er Anspruch auf die Reichskrone, denn Alfons stammte mütterlicherseits direkt vom staufischen Kaisergeschlecht ab.* Die Kurfürsten krönten bei der Doppelwahl von 1257 sowohl Alfons als auch seinen Widersacher Richard von Cornwall zum König. Anders als Friedrich II., der als König von Sizilien die römisch-deutsche Kaiserkrone errungen hatte, sollte Alfons niemals deutschen Boden betreten und musste sich mit der Rolle eines Gegenkönigs begnügen. Nach dem Tod Richards wählten die Kurfürsten 1273 mit Rudolf I. einen Habsburger zum König. Auf päpstlichen Druck musste Alfons seine Niederlage anerkennen und seinen Anspruch aufgeben

So sehr Alfons in der deutschen Reichspolitik scheiterte, so sehr ähnelte er jedoch auf kulturellem Feld seinem sizilischen Cousin. Sein Beiname „el Sabio“ (der Weise) kündet bereits von seinen innenpolitischen und musischen Vorlieben. Mit den „Siete Partidas“ schuf er ein Gesetzeswerk, das die hispanische Welt auf beiden Seiten des Atlantiks bis ins 19. Jahrhundert hinein prägte; je eine Geschichte Spaniens und eine Weltgeschichte wurden von ihm in Auftrag gegeben; und zuletzt berief er jüdische Gelehrte, die astronomische Beobachtungen in den sog. Alfonsinischen Tafeln zusammenzufassen. Der König ließ sich dabei alle Werke zur Prüfung vorlegen und soll dabei selbst mitgewirkt haben.

Einen besonderen Aufschwung erlebten Poesie und Musik. Während sich in den Texten vermehrt das Kastilische gegen das Lateinische durchsetzte, blieb das mittelalterliche Galizisch – die Vorform des heutigen Galizischen und Portugiesischen – mit seinem melodiöseren Klang die Sprache der Lyrik. Nicht nur die Höflinge dichteten und komponierten, sondern auch Alfons selbst. Die kulturelle Atmosphäre am Hof des kastilischen Königs führte zu einer der größten Sammlungen mittelalterlicher Musik: den Cantigas de Santa Maria.

Die Gesänge zu Ehren der Madonna glimmen heute als letzter Rest einer einst lebendigen Welt, in denen Wunder, Glauben und mittelalterlicher Alltag in Melodien verwoben sind. Die Cantigas sind das kastilische Pendant zum katalanischen Llibre Vermell; das eine stammt aus dem Hochmittelalter, das andere aus dem Spätmittelalter; das eine entstand am kastilischen Hof, das andere im katalanischen Nationalheiligtum von Montserrat; beide besingen sie die Herrlichkeit der Gottesmutter. Beide Musiksammlungen sind Zeugen einer reichen musikalischen Tradition der iberischen Halbinsel, welche noch in der Renaissance eine Fortsetzung in zahlreichen Canciones findet.

420 Lieder sind bis heute in zumeist prunkvoll ausgestatteten Handschriften erhalten. Circa 350 erzählen dabei von den wundersamen Geschehnissen, die in Spanien und in anderen Teilen der damaligen christlichen Welt passiert sein sollen, viele davon bebildert mit Szenen oder Musikanten mit traditionellen Instrumenten. Bis heute sind nicht alle Rätsel der vier verschiedenen Manuskripte gelöst, die von den Cantigas überliefert sind. Die Autoren der Bände sind ebenso unbekannt wie die Musiker. Auch der Beitrag des Königs selbst wird von Musikwissenschaftlern und Historikern unterschiedlich bewertet: während traditionell die ganze Sammlung dem Weisen zugeschrieben wird, beschränken sich moderne Forscher auf einige dutzende oder nur wenige ausgewählte Lieder. Dass Alfons zumindest einige Stellen selbst dichtete, gilt als unbestritten. Weitaus kniffliger gestaltet sich bis heute die historische Rekonstruktion der Musik, da die Noten eine breite Möglichkeit an Interpretationen zulassen – die damalige Mensuralnotation lässt  Rhythmen zu.

Beispiele gibt es viele, die den Reichtum und die bis heute eingängigen Melodien der Marienlieder belegen könnten. Allesamt bezeugen sie den Ruhm Mariens, die, wenn man sie nur richtig ehrt, in die Geschicke der Menschen eingreift. Unter dem Gesichtspunkt, dass die Madonna zuletzt in Fatima erschien, vielleicht eine Wendung, die man ernst nehmen sollte.

So erzählt eine Cantiga von einer Frau aus Siguenza, die regelmäßig eine alte Kirche besuchte, die der Madonna geweiht war. Sie begibt sich auf eine Pilgerreise ins Heilige Land, um zusammen mit ihrer Tochter die Heiligen Stätten zu besuchen, an denen Christus gewirkt und gelebt hat. Auf der Rückreise geschieht jedoch ein Unglück: in Akkon fällt die Frau von der Planke, als sie das Schiff besteigen will. Flehentlich ruft sie nach der Madonna von Siguenza und wird danach auf wundersame Weise gerettet – als die Bewohner von Akkon das Wunder sehen, fallen diese augenblicklich auf die Knie und danken der Jungfrau. Zurück in ihrer Heimat geht die Frau sofort wieder in die alte Kirche um aus Dank für das Wunder einige Novenen zu beten.

Die Faszination des Stücks rührt nicht zuletzt aus der interessanten Melodie und dem Rhythmus, der im Refrain („O ffondo do mar“, etwa: auf dem Grund des Meeres) an Wellenbewegungen des Wassers denken lässt. Der Reiz der Version besteht darin, dass die verschiedenen Strophen in verschiedenen Geschwindigkeiten gespielt werden, da diese Variationen allesamt aufgrund der Notation möglich sein könnten. Savall formt aus diesen verschiedenen Interpretationen zuerst eine meditative Atmosphäre, die später in ein lebendiges Crescendo übergeht und mitreißende Kraft entfaltet.

Aber die Madonna greift nicht nur auf Fürbitten ein, sondern auch, um von Zweifeln zu befreien. So lautet jedenfalls der Refrain der Legende von den Seidenraupen:

Por nos de dulta tirar,

praz a Santa Maria

de seus miragres mostrar

fremosos cada dia.

Um uns von Zweifeln zu befreien,

gefällt es der heiligen Maria,

um jeden Tag ihre herrlichen

Wunder vorzuführen.

In Segovia lebte eine Frau, die in ihrem Haus Seidenraupen züchtete. Da die Frau jedoch viele von diesen verloren hatte und nur noch sehr wenig Seide besaß, versprach sie, einen Teil zu Ehren Mariens zu stiften: ein Seidentuch sollte zukünftig ein Bildnis von ihr in der Kirche von Segovia bedecken. Nach dem Gelöbnis wuchsen die Raupen und vermehrten sich, aber die Frau löste ihr Versprechen nicht ein, weil sie dieses immer wieder vergaß. Als Mariä Himmelfahrt kam, kniete sie vor dem Bildnis der Gottesmutter nieder, entsann sich ihres gebrochenen Versprechens und rannte weinend nach Hause, weil sie glaubte, Maria untreu gewesen zu sein. Dort erblickte sie jedoch ein Wunder: die Seidenraupen arbeiteten bereits selbst an einer Haube! Schnell verbreitete sich die Nachricht von den spinnenden Seidenraupen, und ganz Segovia war auf den Straßen, während die Frau vor Freude weinte und die Haube der Madonna von Segovia stiftete. Die Raupen webten darauf eine zweite Seidenhaube, welche König Alfons in seine Kapelle brachte und diese allen Ungläubigen zeigte, wenn diese an der Jungfrau zweifelten.

Die Wunder Mariens sind jedoch nicht immer positiv; sie dienen auch zur Buße und Läuterung. Ein Würfelspieler aus Huesca verlor beim Glücksspiel seinen ganzen Besitz und verleugnete die Gottesmutter. Gott nimmt dem Mann daraufhin die Fähigkeit zu sprechen. Tagelang bleibt der Würfelspieler stumm, bis er sich dazu entschließt, eine Bußwallfahrt nach Salas zu unternehmen. Kaum in der dortigen Marienkirche angekommen, kann er unter Tränen wieder sprechen und bittet um Vergebung; sollte er jemals wieder dem Glücksspiel verfallen, so solle die Gottesmutter auf ewig seine Zunge behalten und nie wieder hergeben. Von da an war der Mann geheilt, kehrte nach Huesca zurück und lebte von da an als aufrechter Christ. Die Lehre wird im Refrain deutlich:

Pode por Santa Maria

O mao perde la fala

E ar, se se ben repente

Per ela poder cobra-la.

Durch die heilige Maria,

Kann der Böse die Sprache verlieren,

und sie, wenn er gut bereut,

dieser wieder zurückerlangen.

Die Cantiga 353 wirkt vermutlich auf heutige Zeiten befremdlich, da sie ganz die mittelalterliche Mentalität widergibt. Sie handelt von einem Jungen aus Venedig, der als einziges von seinen Geschwistern die Pest überlebt. Von seinem Vater wird er an den Abt eines Klosters übergeben, der diesen fortan wie einen Sohn behandelt. Als der Junge im Kreuzgang spielt, entdeckt er eine Marienstatue mit dem Jesuskind. Der Junge ist von dem Kind fasziniert und bringt ihm täglich etwas von seinem eigenen Brot mit, das er diesem spendet. Nach fünfzehn Tagen spricht das Jesuskind mit dem Jungen und lädt ihn ein, morgen am Tisch seines Vaters zu essen. Der Abt erfährt davon, als er den Jungen darauf anspricht, dass er dünner geworden sei. Er fragt, ob er ebenfalls eingeladen wäre; der Junge bejaht. Daraufhin versammelt der Abt seine Mönche, bestimmt einen Nachfolger und verabschiedet sich. Noch am selben Tag sterben Abt und Junge nach einer kurzen, schweren Krankheit.

Die Geschichte zirkuliert in einigen Teilen Europas. Der direkte Zugang zum Reich Gottes ist wichtiger als ein langes Leben. Heute würde die Geschichte eines verhungernden Jungen, der, ohne den Umweg des irdischen Jammertals, direkt ins Himmelreich kommt, für reichliches Stirnrunzeln sorgen; damals bedeutete dies hingegen einen besonderen Beweis der Heiligkeit.

Ein im christlichen Sinne eher weniger glorreiches Ende sollte auch König Alfons, der Auftraggeber der Cantigas, erwarten: sein Reich fiel einem Bürgerkrieg anheim, sein eigener Sohn entmachtete ihn, zuletzt wollte er sich gar mit den Muslimen gegen den Usurpator verbünden. Der einst prächtigste Herrscher des Abendlandes, der beinahe Friedrich II. beerbt hätte, starb besiegt und erniedrigt in Sevilla. Sein Gesetzeskodex verlor nach den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts an Bedeutung, sein astronomisches Werk galt bereits in der Renaissance überholt. Recht und Wissenschaft sind relativ und ändern sich in Jahrzehnten – Musik lebt dagegen und entfaltet ihre Kraft und Schönheit über Jahrtausende. Die Religion ist deswegen aufs Engste mit der Kunst verwoben: beide beanspruchen sie Ewigkeit. Die Cantigas de Santa Maria verlieren niemals an Bedeutung, solange nur ein Christ an die Madonna und ihren Sohn glaubt.
_____________________
* Alfons‘ Mutter Beatrix war eine Tochter des römisch-deutschen Königs Philipp von Schwaben, Friedrich II. somit ein Cousin.

Marco Fausto Gallina studierte Politik- und Geschichtswissenschaften in Verona und Bonn. Geboren am Gardasee, sozialisiert im Rheinland, sucht der Historiker das Zeitlose im Zeitgeistigen und findet es nicht nur in der Malerei oder Musik, sondern auch in der traditionellen italienischen Küche. Katholische Identität und europäische Ästhetik hängen für ihn dabei unzertrennlich zusammen. Unter den Schwingen des venezianischen Markuslöwen betreibt er seit 2013 sein Diarium, den Löwenblog.

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