Neuerscheinung: „Take the Cross“

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Vom Regen klatschnass, völlig verweint und niedergeschlagen steht Sophie nach über einer Stunde des wortlosen Ausharrens von der Parkbank auf und geht wieder zurück. Ihre größte Trauer um die vermeintliche Liebe hat sie überwunden, aber dafür erfasst sie eine seltsame, geradezu rasende Wut, als sei die ganze Welt gegen sie. Verschwörungstheorien schießen ihr durch den Kopf. Alles macht für Sophie auf einmal Sinn: das seltsame Verhalten ihrer Freundinnen in der Disco, das beinahe schon ekelhafte Grinsen ihrer Mutter, als sie ihr am Samstagmittag von der anstehenden Party erzählte. „Gönn Dir den Spaß!“, hatte sie gesagt und nicht: „Sei bitte vorsichtig!“, oder: „Trink nicht zu viel!“ Alle hatten sie sehenden Auges in die Sache wie in ein offenes Messer hineinlaufen lassen. Und vor allem hatten wohl ihre sogenannten „Freundinnen“ die größte Freude daran, sie als leichte Beute eines solchen Mistkerls zu beobachten. „Kann ich diesen Menschen überhaupt noch trauen?“, fragt sie sich selbst mehr als nur einmal. Für die anderen Fußgänger hat sie jetzt keine Augen mehr, zu sehr ist sie damit beschäftigt, zu überlegen, warum sie ihr das angetan haben und wie sie sich möglicherweise an ihnen rächen kann. Es kommt, wie es kommen muss: Sie biegt gedankenversunken um die Straßenecke und knallt dabei derart heftig mit einem jungen Mann zusammen, dass sie schreiend zu Boden stürzt: „Au! Mensch, pass doch auf! Hast du keine Augen im Kopf!“, kreischt sie ihn an.

„Entschuldige bitte! Ist alles o. k. bei dir?“, fragt dieser besorgt bei ihr nach, eher er sich zu ihr hinunterbeugt, um ihr zu helfen. Zornig lehnt Sophie diese Hilfe ab und besteht darauf, allein wieder auf die Füße zu kommen. Sie will es zwar nicht wahrhaben, aber ihre Blicke kreuzen sich und der junge Mann erkennt, dass sie vorher schrecklich geweint haben muss. „Ist wirklich alles in Ordnung? Du siehst so traurig aus. Was ist denn los?“, erkundigt er sich milde lächelnd bei der nun wieder auf beiden Beinen stehenden Sophie, doch diese schreit ihn nur an: „Das geht dich überhaupt nichts an! Lass …, lass mich in Ruhe! Hau ab!“ Wortlos und mit traurigem Blick geht der junge Mann weiter seines Weges.
„So ein Vollidiot! Und meine schöne Jeans erst …“ Schäumend vor Wut klopft Sophie sich die Hose ab, da fällt ihr Blick plötzlich auf einen am Boden liegenden Talisman. Keine Frage, der junge Mann, mit dem sie zusammengeprallt war, muss ihn verloren haben. Sie hebt den Anhänger auf, es ist ein sehr edel gestaltetes Kreuz, aufgeprägt auf ein Medaillon an einer goldenen Kette. Auf der Vorderseite des Medaillons ist ein biblischer Leitspruch eingraviert:
„Wer mir folgen will, der nehme sein Kreuz auf sich!“
Auf der Rückseite ist der Name des Trägers dieser Kette zu lesen: „Für Peter Felsner – Katholische Pfarrei St. Marien“

Sophie blickt nach rechts und nach links, jedoch kann sie Peter nicht mehr sehen, da dieser schon längst einige Straßen weiter ist. Langsam geht nun auch Sophie wieder auf dem Bürgersteig dahin, jedoch starrt sie immer noch auf den Talisman in ihrer Hand und denkt dabei auch an den ihr noch unbekannten, jedoch im Grunde sympathischen Peter.

„Sag mal, hast du denn gar nichts aus der Sache mit Dave gelernt?!“, schimpft sie sich für diese Überlegung selber, packt das Kreuz-Amulett in ihr Portemonnaie und geht schnellen Schrittes nach Hause; sie muss sich nämlich unbedingt noch für die bald anstehende Klassenarbeit vorbereiten. Also schafft sie es, ihre „privaten“ Gefühle auszublenden. Die Noten gehen einfach vor.

Anders als sonst geht Sophie am nächsten Tag in der Schule ihren Freundinnen aber eher aus dem Weg. Sie hat keine Lust, über das Wochenende großartig zu reden, und möchte die gesamte Angelegenheit am liebsten schnell wieder vergessen. Und da kommt es ihr nicht ungelegen, dass die Stundenpläne zurzeit recht voll und die Schularbeiten so häufig wie intensiv sind. So verstreichen über zwei ganze Wochen und ein gnädiger Gedächtnisnebel, bestehend aus auswendig gepauktem Schulstoff und Prüfungsstress legt sich über Sophies traurige Romanze, aber eben auch über das kleine Kreuz, das sie immer noch im Seitenfach ihrer Geldbörse hat.

Nach all dem Stress der vergangenen Schulwochen kann nun Mia die Gruppe überreden, das schöne Wetter am Freitagnachmittag zu nutzen, um sich am Sportplatz im äußersten Norden der Stadt zu treffen. Zwar kann Mia gar nicht oft genug betonen, wie wichtig es wäre, taugliche Schuhe und Sportsachen mitzunehmen, doch steht für die anderen wie auch für Sophie schon von vornherein fest, worum es der umtriebigen Mia wieder mal wirklich geht. Weil Sophie eine Wiederholung des letzten dramatisch gescheiterten Verkupplungsversuches aber unbedingt vermeiden will, lässt sie sich anfangs nur sehr schwer überzeugen, willigt dann aber dank der Fürsprache von Evi doch ein. Die Freundinnen beschließen also, sich um 16 Uhr beim kleinen Fußballstadion zu treffen. Da Sophie aber nach der Schule noch ihre Hausaufgaben erledigen will, beschließt sie aus Zeitgründen, den letzten Bus um 15.30 Uhr zu nehmen.

Nachdem sie nun ihre Arbeiten erledigt hat, packt sie ihre Sachen zusammen und geht zur Busstation, steigt ein, nennt die Straße, in die sie fahren möchte, und zahlt die Gebühr für die Fahrt. „Das macht dann genau zwo fuffzich“, brummt der übergewichtige Busfahrer in seinen nicht vorhandenen Bart und Sophie kramt in ihrer Geldbörse nach den passenden Münzen. Dabei rutscht auch das von ihr bereits völlig vergessene Kreuz aus der Falte des Kleingeldfaches hervor. Wie gebannt starrt sie es an und vergisst dabei nicht nur Raum und Zeit, sondern vor allem den grantigen Busfahrer, der sie jetzt deutlich verständlicher als vorher anspricht: „Ey, hast du was auf den Ohren Kleines?! Wenn du kein Geld mit hast, schmeiß ich dich auf der Stelle wieder raus, dann kannste zu Fuß laufen! Capisce?“
Sophie wird durch die direkte Art des Busfahrers aus ihrer Erinnerung an den ihr immer noch so unbekannten Peter unsanft herausgerissen. „Tschuldigung. Ich war grad mit den Gedanken woanders. Tut mir leid. Hier bitte: das Fahrgeld“, versucht sie sich zu rechtfertigen. Der Fahrer nimmt es an, kann sich dann aber doch nicht verkneifen, ihr zumindest verbal „herauszugeben“: „So? Mit den Gedanken woanders? Wenn ich das bin, dann gibt’s ’nen sauberen Unfall mit Toten und Schwerstverletzten. Jetzt setz dich hin!“

Sie kommt der ruppigen Aufforderung zwar nach, aber da ihr der Busfahrer jetzt nicht gerade allzu sympathisch ist, nimmt sie absichtlich auf der letzten freien Bank Platz. Geschafft von der Woche, die hinter ihr liegt, und nicht großartig motiviert zu dem aufgezwungenen Treffen, das nun am Ende der Fahrt bevorsteht, lässt sie sich in den weichen Polstersessel des Busses fallen. Dann holt sie wieder den Talisman hervor und schaut sich dessen Inschrift nochmals an:
„Peter Felsner“, denkt sie laut, „für Peter Felsner, nicht von!“, analysiert sie die Widmung auf der Rückseite des Medaillons. „Ich muss ihm dieses Kreuz zurückbringen!“, schlussfolgert sie plötzlich so felsenfest überzeugt.

Nach einer Weile kommt der Bus zum Stehen, aber nicht wegen einer Haltestelle, sondern aufgrund eines Verkehrsstaus. Die Sonne, die durch die gekrümmten Seitenscheiben wie durch ein leichtes Brennglas hereinscheint, heizt den Sitzplatz von Sophie recht schnell, aber nicht unangenehm auf. Durch die Wärme und das gleichmäßige Ruckeln des schweren Dieselmotors schläft sie träumend auf ihrem Platz ein. In ihrem Traum sieht sie Peter wieder vor sich, wie er sich besorgt nach ihr erkundigt, ob denn alles in Ordnung sei. Und sie hört auch sich selbst wieder, wie sie ihn lauthals anschreit und auffordert, gefälligst Leine zu ziehen. Anders als in der komplizierten Wirklichkeit will sie in ihrem Traum den Talisman aber sofort nehmen und Peter auf der Stelle folgen, doch da wird sie ein weiteres Mal vom „real life“ bzw. vom Busfahrer zurückgeholt: „Aufwachen! Endstation! Das gilt auch für dich, junge Frau!“

Verschlafen reibt sie sich die Augen: „Was? Das kann ja gar nicht sein! Fährt der Bus denn nicht weiter?“

Zynisch lachend schleudert ihr der Busfahrer entgegen: „Natürlich fährt er weiter, aber nur ins Depot zu den anderen Fahrzeugen. Passagiere müssen jetzt alle raus.“
Langsam steht Sophie auf, geht nach vorne zur Eingangstüre und will eigentlich noch die Strecke nachbezahlen, die sie schlafend zu viel mitgefahren ist, doch der Fahrer winkt ab: „Komm, lass gut sein, das geht aufs Haus und laut geschnarcht hast du ja nicht.“

Sophie bedankt sich bei ihm und ist schon fast durch die Schiebetüre hindurchgegangen, da dreht sie sich nochmals um: „Können Sie mir vielleicht noch kurz weiterhelfen?“

Eigentlich hätte der Busfahrer auch seinen Zeitplan einzuhalten, doch irgendwie tut ihm das verträumte Mädchen fast schon leid: „Ja, sicher. Wo brennt’s denn?“
Sophie zeigt ihm die Rückseite des Talismans: „Ich muss zur Pfarrei St. Marien. Wissen Sie vielleicht, wo das ist?“

Breit grinsend klopft er auf sein Armaturenbrett: „Na, Donnerwetter! Dich hab ich aber ganz anders eingeschätzt. Aber wenn’s weiter nichts ist. Also, wir sind jetzt an der letzten Haltestelle bzw. wieder am Stadtplatz. Nun gehst Du einfach noch die Straße da drüben lang, über den Hauptplatz und schließlich die Glöcknergasse ganz hoch, dann kommst du hin.“

Es mag ein Busfahrer sein, aber so viel Ortskenntnis hat Sophie dann doch nicht erwartet. Freudig bedankt sie sich ein weiteres Mal und verlässt das Gefährt dann endgültig in Richtung Straße, um gleich dem ihr gerade beschriebenen Weg zu folgen. Zwar hat sie sich die genaue Beschreibung jetzt nicht schnell notiert, doch die auffälligen Straßenschilder zu der ihr genannten Glöcknergasse erinnern sie dann doch an die Route. Aber auch das schon einsetzende Abendrot erinnert sie an etwas, nämlich an die Uhrzeit. Verblüfft stellt sie fest, dass sie ihr „Meeting“ mit den Freundinnen längst verpasst hat, doch außer der Tatsache, so lange im Bus geschlafen zu haben, stört sie nichts an der schon fortgeschrittenen Tageszeit – am wenigsten aber der Umstand, das Treffen versäumt zu haben: „Es war ja sowieso eine schlechte Idee, überhaupt und nur unter Zwang zugesagt zu haben. Und außerdem verhieß das blöde Gegrinse von Mia wieder nichts Gutes. Die kann mich mal! Und zwar gerne haben!“, spricht sich Sophie selbst zu, ehe sie wieder nach dem Weg zur Pfarrei St. Marien schaut.

Nach einigen Minuten Fußmarsch über den massiv gepflasterten Platz und durch die schön verzierte Glöcknergasse, hat sie deren Ende nun endlich erreicht. Doch zu ihrer großen Überraschung findet sie dort keine Kirche vor, sondern nur einen großen Torbogen mit einer schweren und sehr alten Eichenholztür. Das daran angebrachte Metallschild ist schon dermaßen verwittert, dass sie sich einfach keinen Reim darauf machen kann, wohin der Weg hinter dem Tor denn führen soll. Auch ist die gesamte Umgebung etwas eigenartig: Zwar stehen gewöhnliche Wohnhäuser neben dem Tor, doch mit einigen Metern Abstand kann man leicht erkennen, dass diese Türe nur der Zugang zu einer gewaltigen, überdachten Treppe ist, die sich wie ein Alpenpass den Berg hinaufschlängelt. Mit einer Mischung aus Zweifel und Sich-wundern steht Sophie mit verschränkten Armen vor der Türe. Da kommt ihr ein älteres Ehepaar, welches gerade das scheinbare Treppenhaus betreten will, sehr gelegen. Sie kommt sich zwar wie ein unwissender Tourist vor, trotzdem stellt sie den beiden alten Leuten die gleiche Frage wie dem Busfahrer zuvor: „Entschuldigung, aber wo finde ich die St.-Marien-Kirche?“
Freundlich und wie aus einem Mund antworten die zwei: „Na, das ist einfach! Sie ist oben auf dem Hügel. Die Wallfahrtsstiege führt direkt zu ihr hinauf.“
Jetzt begreift Sophie auch, was es mit dem Schild an der Türe auf sich hat. Die auskunftsfreudigen Rentner lassen beim Betreten der Treppe die Türe einen weiten Spalt offen, da sie ja ohnehin annehmen, dass Sophie gleich hinterhergeht. Eigentlich hätte sie ihr Ziel jetzt erreicht: Sie hat die Kirche gefunden, das Tor steht offen und sie müsste nun nur noch hinaufgehen und das Kreuz dem Priester oder irgendjemandem aus der Pfarrei zurückgeben, aber irgendwie scheint es, als ob sich ihre Füße nicht mehr bewegen ließen. Auch ihre Augen sind gebannt und blicken weit offen die scheinbar endlos lange Wallfahrtsstiege hinauf, die wunderschön ist und zugleich seltsam mystisch anmutet.

Nach einigen Momenten gefesselten Staunens will sie sich einen Ruck geben, doch da geschieht, was sie eigentlich lieber vermeiden wollte und womit sie auch nicht mehr unbedingt gerechnet hatte: Schon von Weitem sichtbar eilt Mia mit schnellen Schritten auf Sophie zu. Zwar will sie sich noch mit einem Satz in die Stiege hinein vor der unangenehmen Begegnung retten, doch zu spät! Mia hat sie schon erkannt und gerade noch lautstark an ihrer „Flucht“ gehindert: „Mensch, Sophie! Wo zum Teufel warst du denn? Ich such dich schon die ganze Zeit! Auf meine Nachrichten hast du auch nicht reagiert! Was ist denn bloß los mit dir?“

Doch anstatt ihr eine Antwort zu geben, blickt Sophie nur wortlos die Treppe hinauf, als kenne oder verstehe sie Mia plötzlich nicht mehr. Aber das ist es eigentlich nicht, sondern in diesem Moment fasziniert sie die geheimnisvolle Welt hinter dem schweren Tor wirklich mehr als die ihr gut bekannten ekelhaft-schleimigen Versprechungen ihrer sogenannten „Freundin“ Mia. Diese legt nun ihre Hand auf Sophies Schulter und spielt die einfühlsame Gefährtin: „Du denkst immer noch an diesen Dave, nicht wahr? Schau mal, die meisten Männer sind Egoisten und wollen uns Frauen nur ausnutzen. Und die wirklich guten Jungs sind sowieso schon längst vergeben oder haben kein Interesse.“

Auch wenn sich Mia alle erdenkliche Mühe gibt, Sophie zum Reden oder zumindest zum Schmunzeln zu bringen, so steht diese immer noch wie versteinert da. Doch noch hat Mia nicht alle Register gezogen und versucht es auf die humorvolle Tour: „Weißt du, was Lisa über diesen Dave gesagt hat? ‚Auf die Männer, die wir lieben, und die Mistkerle, die wir kriegen.‘ Also mach dir nichts draus. Single zu sein ist ja auch ganz schön. Da brauchst du nicht auf diesen lästigen Beziehungskram Rücksicht nehmen, sondern kannst auch endlich mal dein Leben so richtig relaxt genießen. Und wenn du dann mal wieder Abwechslung brauchst, dann angelst du dir einfach einen vom Sportverein für eine Nacht.“

Doch anders als von Mia erhofft, bricht auch diese in ihren Augen gut gemeinte Aufheiterung nicht das eiserne Schweigen von Sophie, weshalb der umtriebigen Cliquenchefin der ohnehin nicht allzu starke Geduldsfaden reißt: „Hey, du Ziege! Hörst Du mir überhaupt zu? Sophie, ich rede mit dir!“

Ohne Mia anzublicken, beginnt Sophie diese jetzt auf einmal doch zu fragen: „Mia? Siehst du diesen eigenartigen Ort da drin? Warst du schon jemals dort oben?“ Genervt und verwundert zugleich schüttelt Mia den Kopf: „Meinst du in der Kirche da oben? Nee, warum sollte ich?! Und was willst du denn bitteschön dort? Ist jemand gestorben oder was?“ Sophie blickt auf das Kreuz-Amulett, das sie seit der Busfahrt immer noch in den Händen hält: „Nein, es ist niemand gestorben. Aber ich muss unbedingt was zurückgeben.“

„Was zurückgeben? In der Kirche? What the hell is wrong with you?!“ Mia scheint es, als hätte Sophie jetzt endgültig den Verstand verloren, und erwartet auf ihre entsetzte Frage auch schon keine Antwort mehr, weshalb sie geschickt das Thema zu wechseln versucht: „Ach, übrigens Sophie, bevor ich’s vergesse: Die Mädels und ich gehen morgen wieder ins White Night. Du bist doch auch dabei, oder? Vielleicht finden wir ja einen Ersatz für Dave. Dann geht’s dir bestimmt wieder besser.“
„Ich hab keine Zeit!“, schmettert Sophie ihr trotzig entgegen, doch Mia kann nicht begreifen, was ihr da eben gesagt wurde, oder dass es überhaupt jemand wagt, ihr zu widersprechen: „Keine Zeit?! Du bist doch nicht ganz sauber! Eintritt und Drinks sind bis 23 Uhr um die Hälfte reduziert und du hast keine Zeit??!“
Doch Sophie klingt jetzt noch entschlossener: „Nein! Ich habe keine Zeit und ich will auch keine haben! Und jetzt lass mich endlich in Ruhe!“

Nachdem sie das gesagt hat, geht Sophie allein durch das schwere Tor hindurch und hinein in die Wallfahrtsstiege. Als sie nun den ersten Schritt vor die gewaltige Treppe gesetzt und die massive Türe hinter sich verschlossen hat, blickt sie den schier endlos langen Stufengang hinauf. Für einen Moment scheint sie Furcht vor ihrer eigenen Courage zu haben, doch dann blickt sie noch einmal auf den immer noch in ihrer Hand befindlichen Talisman und erinnert sich an ihren festen Vorsatz, diesen seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Also fasst sie ihren ganzen Mut zusammen und geht die schon von den Füßen unzähliger Pilger glatt geschliffenen, steinernen Treppenstufen hinauf.

An den massiven Wänden der Einhausung, die die Treppe umfasst und eher an eine unzerstörbare Burg erinnert, sind aufwendig gestaltete Kreuzwegstationen angebracht. Daneben hängen auch kleine Gemälde, die von dankbaren Gläubigen gestiftet wurden. Neben etlichen Heiligendarstellungen finden sich unter diesen Kunstwerken auch gezeichnete Lebenszeugnisse bzw. Bildergeschichten von einst schwer kranken Menschen, die nach einem Besuch dieser Wallfahrtsstiege wieder gesund geworden sind. Zwischen den Gemälden sind auch immer wieder mit wackliger Handschrift geschriebene Bleistiftkritzeleien zu lesen, die oft nur aus einem Wort bestehen:

„DANKE! „

Langsam und andächtig zieht Sophie an diesen Lebenszeugnissen vorbei und mit jeder Geschichte, die sie aus diesen Bildern erfährt, fragt sie sich jedes Mal lauter: „Was ist das hier nur für ein Ort?“ Auf etwa halber Strecke zwischen Eingangspforte und dem eigentlichen Kirchenportal am oberen Ende der Stiege erregt ein ganz besonders kunstvoll ausgestaltetes Schmuckstück ihre Aufmerksamkeit. Es ist ein in der Wand eingemeißeltes Kreuz. Rund um dieses sind die Porträts verdienter Gemeindemitglieder in goldverzierten Rahmen angebracht. Über dieser Ehrengalerie steht der in die steinerne Wand gehauene Spruch: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Erschrocken bleibt Sophie vor diesen Porträts stehen, denn neben dem Geistlichen, Pfarrer Richard, und anderen verdienten Persönlichkeiten befindet sich dort auch ein Bild eines jungen Mannes mit dem Namen Peter Felsner. Obwohl noch etliche Treppenstufen vor ihr liegen, bewegt sich Sophie nicht mehr von der Stelle, und so bemerkt sie auch nicht, dass hinter ihr jemand ebenfalls die Wallfahrtsstiege hinaufgeht. Doch da spiegelt sich in einem Bilderrahmen das Gesicht des Vorbeigehenden wieder, es ist Peter. Auch er ist mit seinen Gedanken scheinbar so beschäftigt, dass er Sophie gar nicht recht bemerkt. Sophie hingegen erkennt die Spiegelung sofort und ergreift die Gelegenheit beim Schopf oder besser gesagt am Jackenärmel: „Halt! Warte bitte mal!“
Peter dreht sich überrascht um: „Ja??!“
„Du …, du musst Peter sein!“, ist alles, was sie im Moment stotternd und mit hochrotem Kopf hervorbringt.
„Ach, du schon wieder! Sag mal, was willst du denn hier?!“, möchte der recht skeptisch dreinschauende Peter wissen. Er hat ihre erste unfreundliche Begegnung auch nach zwei Wochen nicht vergessen. Wie denn auch? Er wollte ihr eigentlich ja nur helfen und konnte sich zum „Dank“ dafür von ihr wüst anschreien lassen. Mit kleinlauter Stimme und zitternden Händen nennt Sophie nun den wahren Grund ihres Kirchenbesuches: „Ich wollte dir deinen Talisman zurückbringen. Du hast ihn verloren, als wir zusammengekracht sind.“
Da lächelt Peter freundlich und nimmt sein schon sehr vermisstes Kreuz wieder an sich: „Oh, vielen Dank, das ist wirklich sehr nett von dir!“ Jetzt, wo er vor ihr steht, möchte Sophie aber noch eine weitere Sache klären: „Ich wollte mich auch bei dir entschuldigen, für das, was ich gesagt habe. Es war natürlich meine Schuld, nicht deine!“
„Ach, komm, ist ja halb so wild!“, winkt Peter milde lächelnd ab, „Hauptsache ist doch, dass dir nichts passiert ist.“
Sophie weiß nicht warum, aber sie hält ihm die Hand entgegen und sagt: „Ich heiße übrigens Sophie …, Sophie Tenner.“
„Sophie also …, schön, dich kennenzulernen. Ich bin Peter, aber das ist ja mittlerweile nichts Neues mehr.“
Jetzt fällt wohl nicht nur ihr ein ganzer Steinbruch vom Herzen, sondern auch Peter ist sichtlich erleichtert, und anders lässt es sich auch nicht erklären, weshalb die zwei nun so laut schallend zu lachen beginnen, dass man es wohl in der gesamten Wallfahrtsstätte hören kann.
„Sag mal Sophie, woher hast du eigentlich gewusst, dass ich heute hier bin?“
„Ich hab deinen Namen und die Pfarrei auf der Rückseite des Medaillons gelesen. Da dachte ich mir: Jetzt probierst du es halt mal!“, versucht sie sich mit zuckenden Schultern zu erklären, doch Peter ist mit seiner Fragerunde noch nicht ganz fertig: „Warst du denn schon einmal hier?“
Nach all dem, was sie bisher über Peter erfahren und gesehen hat, schämt sie sich schon fast ein bisschen, ihm sagen zu müssen, dass sie schon sehr, sehr lange in keiner Kirche mehr gewesen ist, doch anders als von ihr erwartet, setzt er nicht zur einer Moralpredigt mit erhobenem Zeigefinger an. Den Finger hebt er zwar trotzdem, aber nur um sich etwas schüchtern am Kinn zu kratzen: „Sophie, hast du heute noch ein wenig Zeit?“
Kaum hat er die Frage ausgesprochen, laden schon die Glockenschläge der Kirche zum Gottesdienst ein.
„Ja, klar habe ich heute noch Zeit!“, erwidert Sophie begeistert, „aber wofür denn? Was hättest du denn so vor?“
„Na ja …“, holt Peter leicht verlegen aus, „unsere Pfarrkirche ist ja oben am Ende der Treppe und ich bin ohnehin auf dem Weg zur Messe. Es würde mich wirklich freuen, wenn ich dich als Begleitung haben dürfte.“
„Echt jetzt? Zum Gottesdienst? … Ja …, warum nicht!“, antwortet sie ihm zu seiner großen Freude, auch wenn er an ihren Redepausen sofort erkennt, dass sie sich der Sache doch nicht allzu sicher ist.
„Großartig!“ Peter strahlt übers ganze Gesicht, nimmt sie bestimmt bei der Hand und die beiden steigen die restliche Treppe zur Kirche hinauf.

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Tibor Oroszlany, „TAKE THE CROSS! - Ein unglaublich wahrer Roman“
Hardcover DIN-A5, 230 Seiten | ISBN 978 - 3 - 9819326 - 0 - 7
Für je 12,99 €

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