Ein Bayrischer Brief ans Christkind

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Die "Übersetzung" der Sütterlinschrift: "Liebes Christkind! Du schwebst bald auf die Erde hernieder. Du willst den Kindern Freude bereiten. Auch mir willst Du Freude bereiten. Ich wünsche mir den Volks-Schott, ein grünes Messkleid und ein Herz Jesu. Ich will immer brav sein. Schönen Gruß von Joseph Ratzinger."

Ein Wunschzettel aus Bayern und ne kölsche Jung. Zwei deutsche Laienmessbücher als Austragungsort eines liturgietheologischen Konflikts um das „Pascha-Mysterium“ nach Pater Odo Casel (1886-1848)

Von Christoph Matthias Hagen, Innsbruck

Geburtshaus Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., Marktl am Inn. Die „Übersetzung“ der Sütterlinschrift:
„Liebes Christkind!
Du schwebst bald auf die Erde hernieder.
Du willst den Kindern Freude bereiten.
Auch mir willst Du Freude bereiten.
Ich wünsche mir den Volks-Schott,
ein grünes Meßkleid und ein Herz Jesu.
Ich will immer brav sein.
Schönen Gruß von Joseph Ratzinger.“

„Dies Volksmeßbuch bedeutet einen großen Fortschritt über die bisherigen deutschen Meßbücher hinaus, und zwar in der Übersetzung wie in der Erklärung. (…) Der Fortschritt des Buches beruht vor allem darauf, daß es die im Missale vorliegenden Texte möglichst ausschöpft, wie sie in Wirklichkeit sind. Das zeigt sich schon in der Übersetzung, wenn es auch nie möglich sein wird, die Vollkraft der liturgischen Termini adäquat wiederzugeben. Mit Recht hat der verdienstvolle Herausgeber den liturgischen Terminus ‚Mysterium‘ meist unübersetzt gelassen; jedoch taucht zuweilen noch ‚Geheimnis‘ auf, das aber den Sinn der a l t liturgischen Gebete vollkommen mißdeutet. Mysterium ist ja gerade die göttliche T a t, die aus der göttlichen Verborgenheit sich o f f e n b a r t, und zwar nur den Gläubigen; zu jedem Mysterium gehört die manifestatio, nur den Ungläubigen bleibt das Mysterium ‚Geheimnis‘. Auch das a l t e sacramentum muß heute meist mit ‚Mysterium‘ übersetzt werden, da Sakrament seit dem 16. Jahrhundert einen viel engeren Sinn erhalten hat.“1 Der so schreibt, ist Pater Odo Casel OSB (1886-1948), und er bezieht sich in einer Buchbesprechung im Jahrbuch für Liturgiewissenschaft, dem Vorgängerorgan des noch heute erscheinenden Archivs, auf die damals – 1927 – gerade frisch herausgekommene Erstauflage des Volksmessbuches des Pater Urbanus Bomm OSB (1901-1982) von der Abtei Maria Laach. Dass Casel bei den „bisherigen deutschen“ Messbüchern vor allem an das im Verlag Herder erscheinende Schott-Messbuch gedacht haben muss, ergibt sich keineswegs nur aus dessen übermächtigem Verbreitungsgrad, sondern weit mehr noch aus der deutlich bis scharf artikulierten Kritik, die Odo Casel sowohl an den Übersetzungen als auch an den liturgischen Erläuterungen des Schott übt. So schreibt er, aus der Einführung ins Kirchenjahr im Schott von 1924 zitierend, jedoch mit entschiedenem Veto dagegen: „‚Nach der Auffassung der alten Kirche umschließt der Ostergedanke‘ n i c h t ‚zwei Geheimnisse: das Geheimnis des schmerzvollen Leidens des Erlösers und das Geheimnis seiner siegreichen Auferstehung‘, sondern das e i n e Paschamysterium, das heißt das Hindurchgehen des Heilands durch das Leiden zur Auferstehung und damit das Erlösungswerk in seiner Vollendung. Dagegen feiert der Weihnachts- (besser: Epiphanie-)Kreis die Epiphanie des Herrn in der Menschwerdung und damit das Erlösungswerk in seiner ersten Begründung. (…) Der Begriff der Mysterienfeier hätte die Einführung noch mehr durchdringen müssen, um die g a n z e Fülle des liturgischen Lebens wenigstens anzudeuten.(…) Es fällt auch in der Übersetzung auf, daß der Mysteriengedanke zu kurz kommt, der oft erst den eigentlichen Kern der Liturgie enthüllt.“2

Dass der in Casels Augen im Schott mangelhaft beachtete Mysteriencharakter der heiligen Messe beziehungsweise der Eucharistie seine entscheidende Schwäche ist und daher im Paschamysterium der eigentliche inhaltliche, liturgische und theologische Konfliktpunkt liegt, verdeutlicht Casel sehr prägnant in der Rezension zum ersten Bomm, aus der bereits zitiert wurde, wenn er dort weiter schreibt: „Mysterium fidei ist ‚Mysterium des Glaubens‘; zu jedem Mysterium der katholischen Kirche gehört der Glaube, weil die res sacramenti zwar gegenwärtig ist, aber unter dem Schleier der Riten, der sich nur den Gläubigen lüftet; aber auch das nicht zur vollen Schau, sondern zu gläubiger Erkenntnis. Deshalb dürfen nur die fideles an der Mysterienhandlung teilnehmen. Mysterium und Glauben liegen also in derselben Linie, in dem Zwielicht zwischen Nichtglauben und heller Schau. Außerdem handelt es sich beim mysterium fidei des Meßkanons um heilige H a n d l u n g Christi. All das geht durch die Übersetzung ‚Geheimnis des Glaubens‘ verloren.“3

Nun ist freilich der erste Anlass für eine gewisse Entzweiung zwischen Beuron und Maria Laach über die Messbuchfrage nicht zuerst eine theologische Meinungsverschiedenheit, die sich auf Übersetzung und Deutung der liturgischen Texte und Riten gleichermaßen niederschlägt.

Vorgeschichte und Werden des Bomm-Messbuches

Am Anfang, strenggenommen sogar vor dem eigentlichen Beginn, steht das an sich ganz praktische Bestreben, eine für die Massenverbreitung der Messtexte geeignete Alternative zum Schott anbieten zu können, ähnlich wie man im Ersten Weltkrieg die Soldaten mit dem Neuen Testament ausgestattet hatte. Die altphilologisch-theologische Prägung ergab sich erst, nachdem der Schweizer Verlag Benziger mit Sitz in Einsiedeln bei den dortigen Benediktinern niemanden für das Messbuchprojekt gewinnen, vor allem den „liturgiebegeisterten“4 P. Leonhard Hugener OSB (1874-1938) nicht davon überzeugen konnte, die Arbeit daran zu übernehmen.

Benziger verfügte seit 1894 in Köln über eine Dependance, die seit dem Ersten Weltkrieg von Franz Bettschart (1881-1964) geleitet wurde, dem man nach der Quellenlage die erste Idee und Initiative zu einer Alternative zum Schott zuschreiben muss, deren Ausführung an sich nur durch den Krieg 1914-1918 verzögert worden war.

Dass dieses Messbuch zum „Bomm“ wurde und sein spezielles liturgietheologisches Profil Casel’scher Ausrichtung erhielt, ist zweifellos auf diesen Kölner Einfluss zurückzuführen. Im Jahre 1925 war es nämlich der selbst schriftstellerisch aktive Kölner Pfarrer Josef Könn (1876-1960)5 – er war mit Franz Bettschart befreundet, und bis auf eine einzige Ausnahme erschienen alle seine Publikationen im Verlag Benziger – der den Kontakt zu Maria Laach und seinem Abt Ildefons Herwegen (1874-1946, Abt seit 1913) aufnahm. Könn war selbst ein exponierter Vertreter der sogenannten Liturgischen Bewegung von weitreichender Ausstrahlung, ebenso Herwegen, die damit in Maria Laach ein wichtiges Zentrum besaß. Die Strömung, für die die Abtei damals innerhalb der Liturgischen Bewegung stand, war durch Casels Mysterientheologie und das damit einhergehende Liturgieverständnis geprägt.

Die Wahl des Abtes, der sich von der Idee zu einem eigenen Messbuch des Verlages Benziger überzeugen ließ, fiel für die Ausarbeitung der Texte noch vor dessen Priesterweihe auf den knapp vierundzwanzigjährigen Frater Urbanus Bomm, der den Auftrag erhielt, bis Oktober 1926 (die Priesterweihe war am 22. August 1926) ein Manuskript zu erstellen, in dem neben Übersetzungen zu den Proprien der Sonn-, Fest- und Fasttage eine solche des Ordo Missae und Einführungen in die liturgischen Zeiten und Feste enthalten sein sollten. Bomm war zwar nicht in Köln geboren, wuchs dort aber seit seinem vierten Lebensjahr auf. „Der Schüler des Apostelgymnasiums, der Kirche, dem Konzert- und Theaterleben der Domstadt verbunden, fühlte sich seiner zweiten Heimat stets inniger verwandt als seinem niederrheinischen Geburtsort Lobberich.“6 Pfarrer Könn war es, so wird gesagt, der ihn anerkennend als „ne Kölsche Jung“ lobte.

Doch verweilen wir noch etwas bei der praktischen Seite des verlegerischen Unternehmens! Laut einer von Pater Angelus Häußling OSB in Bomms Nachlass aufgefundenen Korrespondenz gibt Franz Bettschart in einem Brief von 1951 seine Argumente wie folgt an: „1.) Monopole sind immer ungesund. Schott ist zu teuer. Herder kann sich seine hohen Preise erlauben, weil keine Konkurrenz da ist. 2.) Monopole geben weder dem Autor zu textlichen Verbesserungen noch dem Verlag zu schönerer typographischer Ausstattung Antrieb. Fortschritt erreicht man nur durch Konkurrenz. 3.) Der Verlag Benziger verlegte von altersher und länger als Herder Meßbücher und hat somit einen Anspruch auf ein modernes Meßbuch.“7 1951 beging Oskar Bettschart (1882-1960, Direktor des Verlages Benziger seit 1920) , der jüngere Bruder Franz Bettscharts, sein fünfzigstes Geschäftsjubiläum. Das gerade zitierte Schreiben seines Bruders Franz ist sozusagen eine Resonanz auf Pater Bomms Beitrag in einer aus diesem Anlass erschienenen „Festgabe“. Der in Form eines persönlichen Briefes gestaltete Text Bomms gibt interessanten Aufschluss über die Vor- und Entstehungsgeschichte seines Messbuchs, so illustriert er in einem Passus etwa die schönere typographische Ausstattung, indem er erwähnt, dass ab 1930 für den „schönen Missaledruck“ sogar „besondere Maschinen für Satz und Druck“ angeschafft wurden, der sich später, in den lateinisch-deutschen Ausgaben, als ein „Hauptanliegen“ (wohl in Abgrenzung und im Unterschied zum Schott) herauskristallisiert habe.8

Alternative und Konkurrenz zum Verlag Herder und zum Schott-Messbuch

Natürlich war der Bomm auch eine kommerzielle Konkurrenz zum Schott. Nicht zufällig erschien ausgerechnet 1927, als gerade die erste Auflage des Laacher „Volksmeßbuches“ herausgekommen war, ein im wesentlichen rein deutscher Schott, von dem es in einer Kleinschrift, die der Verlag Herder zum 50-Jahr-Jubiläum der Erstauflage des Schott-Messbuches 1934 mit deutlicher Reklamefunktion 1935 herausgegeben hatte: „Ein anderes Objekt hingebender Sorgfalt sollte das für die weitesten Volkskreise berechnete ‚Kleine Meßbuch für Sonn- und Feiertage‘ werden, das zum ersten Mal 1927 mit zweckdienlichen Erklärungen und Einführungen erschien und seit seiner 4. Auflage den Obertitel ‚Volksschott‘ führt. Es will hinsichtlich des Umfangs und Preises, zumal in seiner leichteren Faßlichkeit, ein echtes Volksmeßbuch werden.“9 Der Führungsanspruch Herders auf dem deutschsprachigen Messbuchsektor wird in dieser Schrift auch vorher schon formuliert: „Gemäß dem wachsenden Bedürfnis und Verständnis weiter Kreise für das liturgische Beten der Kirche (…) wurde nun (in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, Anm. ChMH) der ‚Schott‘, trotz auftauchender Nebenunternehmen, das eigentliche Gebetbuch des katholischen Laien.“10 Ziemlich ungetarnt kann hier eigentlich nur die Konkurrenz des Verlages Benziger gemeint sein und erkennt man unschwer den Versuch, den Bomm herunterzuspielen, dessen Potential, das bis dahin faktisch unangefochtene, eigene Monopol in Frage zu stellen, der Herder-Verlag seinerzeit sehr wohl wahrgenommen hat.

Seit 1926 gab es den Schott als lateinisch-deutsches Vollmessbuch, das entsprechende Bomm-Pendant erstmals eine Dekade später, doch bereits in seiner Bomm-Besprechung von 1927 hatte Odo Casel das Desiderat ausgesprochen: „Das hochverdienstliche Werk wird sicher sich weiter vervollkommnen und hoffentlich auch sich einmal auf ein Vollmissale ausdehnen.“11

Nachdem wir sozusagen die Außenseite der Konkurrenz zwischen Bomm- und Schott-Messbuch betrachtet haben, wollen wir jetzt wenigstens grundsätzlich und konzentriert auch die inneren Differenzen und Unterschiede kennenlernen, die sich auf Odo Casel und dessen Liturgieverständnis zurückführen lassen, das gleichsam die Haustheologie der Abtei Maria Laach war und deshalb auch Pater Urbanus Bomm leitete. Sätze wie: „Das Opfer der Messe aber kann nicht in einem neuen, selbständigen Opfer bestehen, sondern nur in der repraesentatio des e i n e n Opfers des Neuen Bundes im Sinne der kirchlichen Tradition“12, führten schon zu seinen Lebzeiten zu dem Missverständnis oder der Unterstellung, sein Konzept von Pascha-Mysterium und Mysteriengegenwart stünden im Widerspruch zum Opfercharakter der heiligen Messe nach der Lehre des Konzils von Trient. Bis heute wiederholen bestimmte Kreise diese Bedenken, vielleicht gerade, nachdem das Zweite Vatikanische Konzil sich den Begriff des Pascha-Mysteriums angeeignet hat.

Pascha-Mysterium und Mysteriengegenwart im Widerspruch zum Konzil von Trient?

In SC 2 führt das Zweite Vaticanum aus: „In der Liturgie, besonders im heiligen Opfer der Eucharistie, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung, und so trägt sie in höchstem Maße dazu bei, dass das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird, der es eigen ist, zugleich göttlich und menschlich zu sein, sichtbar und mit unsichtbaren Gütern ausgestattet.“ Mit dieser Aussage nimmt Sacrosanctum Concilium ganz offensichtlich LG 1 vorweg, wo gesagt wird, dass die Kirche gleichsam Sakrament sei, vor allem aber von LG 3, wo die Kirche als eucharistische in den Horizont des Pascha-Mysteriums gestellt wird.

Der Begriff Pascha-Mysterium kommt in Lumen Gentium so zwar nicht vor, aber das Motiv des Neuen Pascha, das, auch das tridentinische Eucharistiedekret enthält13, wiederholt sich in LG 7, speziell bemerkenswert ist es indes, wenn in SC 5 der Begriff des Pascha-Mysteriums wörtlich fällt, wobei es sich in dieser Form ja gewissermaßen direkt um eine Begriffsprägung Odo Casels handelt und normalerweise solch individuelle Begriffsschöpfungen einzelner Theologen in Texten des Lehramts nicht unbedingt übernommen werden: „Gott, der ‚will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen’ (1Tim 2,4), ‚hat in früheren Zeiten vielfach und auf vielerlei Weise durch die Propheten zu den Vätern gesprochen’ (Hebr 1,1). Als aber die Fülle der Zeiten kam, sandte er seinen Sohn, das Wort, das Fleisch angenommen hat und mit dem Heiligen Geist gesalbt worden ist, den Armen das Evangelium zu predigen und zu heilen, die zerschlagenen Herzens sind, den Arzt für Leib und Seele, den Mittler zwischen Gott und den Menschen. Denn seine Menschheit war in der Einheit mit der Person des Wortes Werkzeug unseres Heils. So ist in Christus hervorgetreten unsere vollendete Versöhnung in Gnaden, und in ihm ist uns geschenkt die Fülle des göttlichen Dienstes. Dieses Werk der Erlösung der Menschen und der vollendeten Verherrlichung Gottes, dessen Vorspiel die göttlichen Machterweise am Volk des Alten Bundes waren, hat Christus, der Herr, erfüllt, besonders durch das Pascha-Mysterium: sein seliges Leiden, seine Auferstehung von den Toten und seine glorreiche Himmelfahrt. In diesem Mysterium hat er durch sein Sterben unseren Tod vernichtet und durch sein Auferstehen das Leben neugeschaffen. Denn aus der Seite des am Kreuz entschlafenen Christus ist das wunderbare Geheimnis der ganzen Kirche hervorgegangen.“ SC 47 lautet entsprechend: „Unser Erlöser hat beim Letzten Abendmahl in der Nacht, da er überliefert wurde, das eucharistische Opfer seines Leibes und Blutes eingesetzt, um dadurch das Opfer des Kreuzes durch die Zeiten hindurch bis zu seiner Wiederkunft fortdauern zu lassen und so der Kirche, seiner geliebten Braut, eine Gedächtnisfeier seines Todes und seiner Auferstehung anzuvertrauen: das Sakrament huldvollen Erbarmens, das Zeichen der Einheit, das Band der Liebe, das Ostermahl, in dem Christus genossen, das Herz mit Gnade erfüllt und uns das Unterpfand der künftigen Herrlichkeit gegeben wird.“

Das Pascha-Mysterium und insbesondere die Mysteriengegenwart wird von Theologen, die sich um besondere Traditionstreue bemühen, meistens deshalb kritisiert, weil sie Gefahr fürchten, die Gegenwärtigsetzung des Kreuzesopfers in der Messe könne in der Fülle der Heilsmysterien gleichsam untergehen.

Doch dann müsste dieser Vorwurf dem Konzil von Trient gemacht werden, das in DH 1741 lehrt, dass Christus in der Eucharistie sich selbst (!) als das Neue Pascha eingesetzt hat, das in der heiligen Messe (1) von der Kirche, (2) durch die Priester, (3) unter sichtbaren Zeichen geopfert wird.

Liest man die Stelle nach, die in Kardinal Girolamo Seripandos (1493-1563) Entwurf dem entspricht, was wir heute in DH 1741 finden, ist darin das Pascha-Motiv sogar noch weitaus stärker ausgeprägt, und man meint regelrecht, Casel sei in Lateinische übersetzt oder hunderte Jahre vorweggenomen worden: „Nam celebrato veteri Pascha, quod in memoriam exitus de Aegypto multitudo filiorum Israel immolabat, novum instituit Pascha, se ipsum, ab ecclesia per sacerdote sub signis visibilibus immolandum in memoriam transitus sui ex hoc mundo ad Patrem, quando per sui sanguinis effusionem nos redemit eripuitque de potestate tenebrarum et in regnum suum transtulit.“14 Meine eigene deutsche Übersetzung dazu lautet: „Denn als das Alte Pascha gefeiert war, das die Schar der Kinder Israels zum Gedächtnis an den Auszug aus Ägypten als Schlachtopfer dargebracht hatte, da setzte Er (nämlich Christus, ChMH) sich selbst (!) zum Neuen Pascha ein, damit es von der Kirche, durch den Priester, unter sichtbaren Zeichen zum Gedächtnis an Seinen Hinübergang aus dieser Welt zum Vater geopfert werde, als (oder wohl auch: bei dem/durch den, ChMH) Er uns durch das Vergießen Seines Blutes erlöst, der Gewalt der Finsternisse entrissen und uns in Sein Reich überführt (oder: versetzt) hat.“15

Der oft wiederholte Einwand, die Gegenwart aller Heilsgeheimnisse in der Eucharistie überlagere ungebührlich die Gegenwärtigsetzung des Kreuzesopfers und damit den Opfercharakter der Messe, stünde übrigens auch in Konflikt mit Thomas von Aquin, der, wir zitieren ihn zunächst bewusst lateinisch, um schon die sprachliche Nähe zu Pascha-Mysterium und Mysteriengegenwart zu unterstreichen, sagt: „In hoc sacramento totum (!) mysterium nostrae salutis (!) comprehenditur.“16 In deutscher Übersetzung: „In diesem Sakrament ist das gesamte Mysterium unseres Heiles enthalten.“

Aus allem, was hier von Casel zitiert wurde, wird deutlich: Ihm wäre es als letztes eingefallen, die bestehenden Riten und Texte der Liturgie durch neue und andere zu ersetzen, sein Bestreben und das der Liturgischen Bewegung seiner Prägung in jener Zeit war es, die bestehende Liturgie in ihrem ursprünglichen Sinn zu erklären und entsprechend zu feiern. Im Widerspruch zum Opfercharakter der heiligen Messe steht sein Ansatz nicht, betont nur sehr deutlich, dass das Messopfer ein relatives Opfer ist, ein auf das eine Kreuzesopfer bezügliches Opfer und von diesem abhängig.

2017 sah zwei, nicht sonderlich beachtete Jubiläen: 90 Jahre Bomm, 10 Jahre Summorum Pontificum und ein neues Volksmissale

1934 schickte ein damals Siebenjähriger in Bayern an das Christkind seinen Wunschzettel. Das Brieflein lautete: „Liebes Christkind! Du schwebst bald auf die Erde hernieder. Du willst den Kindern Freude bereiten. Auch mir willst Du Freude bereiten. Ich wünsche mir den Volks-Schott, ein grünes Meßkleid und ein Herz Jesu. Ich will immer brav sein. Schönen Gruß von Joseph Ratzinger.“ In Marktl am Inn sieht man heute im Geburtshaus des späteren Papstes Benedikts XVI. dieses Exponat ausgestellt. Damals hätte er sich an sich auch gleich die Jubiläumsausgabe des Schott von 1934 wünschen können, doch war der Volksschott dem Bedürfnis und Verständnis des Buben sicher angemessener. Hätte er ihn gekannt, hätte er sich aber vielleicht doch das Volksmessbuch des Pater Urbanus Bomm gewünscht, das erstmals in Joseph Ratzingers Geburtsjahr 1927 erschienen war.

90 Jahre danach und 10 Jahre nach Veröffentlichung und Inkrafttreten von Summorum Pontificum, ist es erfreulich, dass bereits die zweite und sogar dritte Auflage (als Großdruckausgabe) eines neuen Laienmessbuches erscheinen kann, das Volksmissale von Pater Martin Ramm FSSP, das nicht nur im Titel an das Bomm’sche Volksmessbuch angelehnt erscheint, sondern auch im Anspruch an die Gründlichkeit der Übersetzung ähnelt. So lässt Ramm beispielsweise ebenfalls das Wort Mysterium grundsätzlich unübersetzt, eine Konsequenz, die er leider ausgerechnet in den Wandlungsworten des Kelches nicht durchhält, was Casel schon bei Bomm bedauert hatte. Auch in den liturgischen Erklärungen Ramms zeigen sich viele, vielleicht sogar unbewusste Anklänge an Bomm. Dieser hätte sicher Freude am neuen Volksmissale der Petrusbruderschaft. Wenn wir den Ramm benutzen, wollen wir auch Altabt Urbanus Bomm OSB gedenken, der am 2. Oktober 1982, vor genau 35 Jahren, zur himmlischen Liturgie hinübergegangen ist.

Demnächst folgt hier eine ausführliche Besprechung der dritten Auflage des Ramm.

 

1 Casel, O., JLw 7 (1927), S. 173, sämtliche Varianten zur Hervorhebung im Original, jedoch wurden die gehäuft verwendeten Abkürzungen ausnahmslos ausgeschrieben. Entsprechend wird bei künftigen Zitaten aus Casels Literaturbericht im JLw stillschweigend verfahren.

2 Casel, O., JLw 4 (1924), S. 210.

3 Ders., JLw 7 (1927), S. 173.

4 Häußling, A. A., Aus der Geschichte des Volksmeßbuches von Urbanus Bomm. Eine Initiative des Verlagsbuchhändlers Franz Bettschart, in: ALw 26 (1984), S. 174-179, hier S. 176.

5 Vgl. zu diesem Kolping, A., Josef Könn (1876-1960), Pfarrer an St. Aposteln in Köln, Münster 1970.

6 Totenchronik Altabt Urbanus Johannes Bomm, gest. am 2. Oktober 1982, in: Totenchronik aus Maria Laach 1982-1984, S. 7-10, hier S. 7. Pater Petrus Nowack OSB/Maria Laach sei herzlich dafür gedankt, mir diese Totenchronik zugänglich gemacht zu haben.

7 Häußling, Aus der Geschichte, S. 176, Häußling erläutert dazu den dritten Punkt mit folgender Fußnote: „Benziger verlegte erstmals 1838 eine deutsche Missale-Bearbeitung, und zwar die zweite Auflage der von Alexander Schmid OFMCap herausgebrachten Bearbeitung der zuerst 1788 in Mainz anonym durch Johann Caspar Müller besorgten (Auswahl-)Übersetzung des Missale.“

8 Vgl. Bomm, U., Aus der Geschichte des Volksmeßbuches, in: Festgabe zum fünfzigsten Geschäftsjubiläum von Oskar Bettschart, Einsiedeln 1951, S. 23-29, hier S. 26.

9 Anonym, Weg zum liturgischen Gebet. Die Geschichte des Laien-Messbuchs von P. Anselm Schott, Freiburg i. Br. 1935, S. 17. Die Nennung des Begriffs „Volksmessbuch“, der als Bezeichnung dem Bomm vorbehalten und sogar rechtlich geschützt war und auch die Anlehnung im Titel ab der vierten Auflage, zeigt hier überdeutlich die kommerzielle Motivation des Herder-Verlags bei diesem Kleinen Meßbuch für die Sonn- und Feiertage.

10 Ebd., S. 14.

11 Casel, O., JLw 7 (1927), S. 174.

12 Ebd., S. 173.

13Vgl. DH 1741.

14Casel, O., JLw 7 (1927), S. 174.

15 Vgl. Jedin, H., Girolamo Seripando. Sein Leben und Denken im Geisteskampf des 16. Jahrhunderts, Würzburg, 2. Aufl. 1984, Bd. II, S. 168-195, hier S. 174.

16Vgl. STh IIIa q. 83 a. resp.

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