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Replik auf Christian Schallauer

#Metoo: Die Wurzel des Übels

Für Franziska Holzfurtner geht der am Dienstag auf dem Cathwalk erschienene Artikel zur #metoo-Debatte von Christian Schallauer nicht weit genug. Wenn wir über Sexismus gegen Frauen sprechen, sollte ihrer Meinung nach deren Würde als Mensch im Vordergrund stehen.

Bild: Pixabay

Wird es wirklich alles schlimmer?

Es ist verständlich, dass #metoo das Gefühl hervorgerufen hat, dass sexuelle Gewalt in den letzten Jahren zugenommen habe. Beweisen lässt sich diese Annahme aber nicht.

#metoo zeigt vielmehr, dass es heute für Frauen einfacher ist solche Erlebnisse zu veröffentlichen und sich miteinander zu solidarisieren. Zeitzeuginnen von Vergewaltigungen während der „guten alten Zeit“ berichten tendenziell eher, über das Erlittene geschwiegen zu haben. Sie fürchteten sich vor Vorwürfen und schämten sich, außerdem fehlte der Zugang zu entsprechenden Publikationsmedien. Heute reicht ein gut vernetzter Twitter-Account, um einen Skandal zum Rollen zu bringen. Die Opfer sexueller Gewalt helfen sich online gegenseitig.

Auch die steigende Zahl der Anzeigen wegen sexueller Nötigung taugt nicht als Indikator. Das spürbar verständnisvollere Klima der letzten Jahrzehnte erleichtert nicht nur den Gang an die Öffentlichkeit, sondern führte eine Veränderung der gesetzlichen Lage herbei. Seit zwanzig Jahren gilt Vergewaltigung in der Ehe überhaupt als solche. Die Gesetzesänderung ließ nicht nur den Pool der strafrechtlich relevanten Taten sehr viel größer werden, sie änderte auch das Bewusstsein der betroffenen Frauen und Männer dafür, ab wann ein Vorfall als sexuelle Nötigung gilt. Das Bild des gestörten Einzeltäters verschwindet immer mehr zugunsten des statistisch viel häufigeren Beziehungstäters, des Bekannten, „Verehrers“ oder Verwandten. Mehr Opfer trauen sich, auch bei schlechter Beweislage und bestehendem freundschaftlichem oder verwandtschaftlichen Verhältnis zum Täter Anzeige zu erstatten.

Während also die Entwicklung der tatsächlichen Taten nicht belegen lässt, lässt sich dennoch sagen, dass sich für die Betroffenen die Lage eher gebessert hat, weil sie auf mehr juristische und gesellschaftliche Unterstützung hoffen können und weil durch die moderne Kriminaltechnik die Überführung eines Täters wahrscheinlicher geworden ist.

Männer als Opfer der Pornoindustrie?

Ich teile dennoch die Ansicht, dass der Ton, in dem Sexismus vorgebracht wird, aggressiver und offener geworden ist. Im öffentlich rechtlichen Fernsehen werden sexistische Witze erzählt, Frauen werden anhand ihrer Körper bewertet und schon Spielzeug für kleine Mädchen vermittelt den Lebenszweck körperliche Attraktivität. Sexisten tummeln sich besonders im Internet, wo sexuelle Kommentare und Drohungen zum täglichen Geschäft so mancher publizistisch tätigen Frau geworden sind.

Pornographie selbst wird immer brutaler und man müsste naiv sein, zu behaupten, das würde sich nicht auf die Sexualität und Rollenverständnis der Konsumenten und Konsumentinnen auswirken.

Diese Dynamik ist sicher ein Faktor, der für das verheerende Frauenbild einiger junger Männer verantwortlich gemacht werden muss. Für solche liebes- und bindungsunfähige Männer bedeutet das mitunter einen lebenslänglichen Leidensdruck, Einsamkeit und Zurückweisung. Diese führt aber in vielen Fällen nicht zu Selbstkritik oder Anpassung, sondern im Gegenteil zu Aggressionen, sexuellen Gewaltphantasien, bis hin zu deren Umsetzung oder sogar zum Femizid, siehe beispielsweise Elliot Rodgers. Diese Männer sind vielleicht nicht „böse“, aber sie tun böse Dinge, sie haben keinerlei Empathie für ihre eigenen, weiblichen Opfer und es fällt mir schwer, sie als die eigentlichen Opfer von Sexismus zu sehen.

Außerdem: Opfer von wem? Pornographie fällt nicht vom Himmel und wird unschuldigen Männern zwangsweise eingeflößt. Sie wird mehrheitlich von Männern produziert und konsumiert.Wenn nicht die Mehrheit der Kunden zu immer brutaleren Produktionen greifen würde, dann würden diese auch nicht gedreht. Sexistische Männer sind nicht die Opfer einer pornographischen Verschwörung, sexistische Männer halten diesen Trend der Pornoindustrie aktiv und freiwillig am Laufen. Sie sehen keinen Grund, ihr Frauenbild zu re-evaluieren und werden das umso weniger tun, wenn man ihnen erlaubt, sich als Opfer zu betrachten.

Wer nicht erschüttert davon ist, wenn er zum ersten Mal sieht, was Frauen in diesen härteren Pornofilmen angetan wird, der muss zuvor schon gelernt haben, dass ihnen zumindest in einem sexuellen Kontext nicht dieselbe Empathie zusteht wie jedem anderem menschlichen Wesen. Er muss bereits gelernt haben, dass das Behandeln von Frauen als reine Sexualobjekte akzeptabel ist.

Enthüllungs- vs. Verhüllungs-Sexismus

Der Nährboden dafür ist der diffuse Sexismus, wie wir ihn heute vorfinden. Er nötigt Frauen, sich der Öffentlichkeit als sexuelles Objekt zu präsentieren. Sexuelle Verfügbarkeit und Promiskuität werden zum Wert der Frau. Ich nenne das gerne „Enthüllungssexismus“ – die Form von Sexismus, die versucht, Frauen dazu zu zwingen, sich auszuziehen. Ihr Wert liegt in ihrer sexuellen Attraktivität und Verfügbarkeit, allein deren Fehlen macht die Person schon zum wandelnden Witz, wie sich beispielsweise in 9 von 10 Witzen über Angela Merkel zeigt. Die sexuelle Befreiung hat diese Entwicklung mit Sicherheit – teils freiwillig, teils versehentlich befeuert. Wer seine neugewonnene sexuelle Selbstbestimmung nicht in sexuelle Aktivität umsetzt, weil er/sie beispielsweise asexuell ist oder aus anderen Gründen kein Interesse an Sex hat, ist verklemmt, prüde, frigide, eine konterrevolutionäre Spaßbremse.

Die Form von Sexismus, die in Europa zwischen dem 19. und frühen 20. Jahrhundert vorherrschte und in bestimmten Biotopen bis heute floriert war hingegen ein Verhüllungssexismus. Weibliche Körper und besonders deren sexuelle Dimension werden marginalisiert, verhängt, dämonisiert und tabuisiert. Wer dieses Frauenbild internalisiert hat ist aber ebenfalls nicht zu partnerschaftlicher Liebe fähig, weil auch er das Gegenüber nicht als ebenbürtig und als volle, würdige Person ansieht

Objektifizierung bedeutet, dass man einen Menschen auf seine Funktion für das eigene Begehren reduziert. Wünsche, Bedürfnisse und Eigenschaften einer Person über diese Funkion hinaus sind irrelevant, so wie die Wünsche und der Wille eines Kaffeeautomaten irrelevant, ja unerwünscht sind. Für die Objektifizierung an sich ist es aber gleichgültig, ob diese Funktion nun die der Mutter, der Hure, der Dekoration oder der Putzfrau ist. Es ist und bleibt ein Nicht-Anerkennen des Menschseins des Gegenübers.

Im Gegensatz zum heutigen Zustand in den säkularen Staaten aber, in denen Sexismus eher eine Meinung geworden ist, die man ignorieren kann, oder eine gesellschaftliche Struktur, gegen die man ankämpfen kann, waren die Hürden für Frauen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein wesentlich höher, wenn sie ein Leben führen wollten, das nicht nur dem Erfüllen ihrer Funktion diente. Wenn man es Frauen sogar mit gesetzlichen Mitteln schwer machte, überhaupt anders in Erscheinung zu treten, als als Hausfrau und Mutter, bezog sich dann der angebliche Respekt vor und die Verehrung ihrer Fruchtbarkeit auf die jeweilige Person als Ganzes und mit all ihren Aspekten, oder vielleicht doch lediglich auf ihre Funktion in der Familie?

Die Pille als Symptom statt als Ursache

Muss ich mich jetzt entscheiden, ob es mir lieber ist, zum aus- oder anziehen gezwungen zu werden?

Ich denke, es gibt einen dritten Weg. Männer sind nicht die Spielbälle ihrer sexistischen Erziehung, unfähig zur Reflexion oder Selbstkontrolle und ich halte es nicht für natürlich, dass für diese Männer die Fruchtbarkeit von Frauen oder deren Mangel bestimmt, wie sie sich Frauen gegenüber verhalten.

Die weibliche Fruchtbarkeit und Sexualität sind für mich als Katholikin Geschenke Gottes, die in enger Beziehung zueinander stehen. Unberührt von diesen hat jede Frau immer noch ihren absoluten, unveräußerlichen Wert als Mensch, als gewolltes Geschöpf, das man nicht vergewaltigen, beleidigen und benutzen darf. Er muss für alle Männer und Frauen verbindlich sein, egal wie viele Pornos sie gucken oder wie viele Hormone sie nehmen. Es gibt keine Entschuldigung.

Die Blindheit für die Würde der Frau als Mensch, ist in meinen Augen Ursache für die weiter bestehende sexuelle und strukturelle Gewalt gegen Frauen, nicht die Pille. Würde sie morgen verboten, dann würde sich nichts ändern. Weil es Männern, die Frauen benutzen vollkommen gleichgültig ist, ob sie schwanger werden oder nicht. Auf der Basis dieser Verachtung werden jeden Tag in Ländern wie im Iran, in den vom IS besetzten Gebieten, in Saudi-Arabien, in Indien, Pakistan und Afghanistan, in vielen Ländern Afrikas und Südostasiens Frauen behandelt wie Tiere. Frauen, deren eigene Fruchtbarkeit ständig als Waffe gegen sie gerichtet wird und die keinen Zugang zu irgendeiner Form von Verhütung haben, nicht mal Abstinenz, geschweige denn der Pille.

Wer wirklich etwas gegen die Ursachen von #metoo unternehmen möchte sollte zuerst und zuvorderst den Wert der Frau als Mensch propagieren. Alles andere, da bin ich zuversichtlich, ergäbe sich von selbst.

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